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Waffenhandel: Die Wiktor-But-Story

Foto: © Damir Sagolj / Reuters/ REUTERS

Waffenhandel Der sanfte Schlächter

Sie nannten ihn "Lord des Krieges" und "Händler des Todes" - es gab viele blutige Konflikte, bei denen Wiktor But die Hände im Spiel hatte. Seit 2008 sitzt der russische Waffenhändler in einem Thai-Gefängnis. Jetzt wird er wohl in die USA ausgeliefert. Nennt But Hintermänner?

Wer in Moskau einen Waffenhändler trifft, der rechnet auf Anhieb damit, in eine dunkle Vorstadtkneipe gebeten zu werden. Oder zum Spaziergang in einen dichtbewaldeten Park. Oder vielleicht in eine Tiefgarage. Aber in den "Starlite Diner"? In die Schnellgaststätte am Majakowski-Platz, populär bei einheimischen Jugendlichen wie ausländischen Touristen, sichtblendenlos grell, von Burger-Duft gesättigt, mit Elvis-Plakaten gepflastert?

Und doch haben Sergej But und Richard Chichakli, mutmaßlich in Geschäfte dieser Art verwickelt, ausgerechnet dieses Lokal ausgesucht. Und nicht nur, weil sie "öfter mit IHM hier waren", wie sie flüsternd erzählen. Im Schutz der Veranda, mit dem Blick zur Tür - die Herren haben sich diese Plätze ausbedungen -, hat man einen guten Überblick. Das "Starlite" mit seinen roten Plastiksesseln ist ein Allerweltsrestaurant, in dem keiner auffällt, ob mit Jeans oder im Anzug, jugendlich oder angegraut. Einfach zu observieren, schwer zu kontrollieren. Vielleicht hätte John le Carré diesem Ort für einen Geschäftstermin in Sachen Killer-Raketen und Kalaschnikows ja seinen Segen gegeben.

Sergej But, 49, ist russischer Staatsbürger, seine ausländischen Konten sind eingefroren, bei Reisen in den Westen droht ihm die Verhaftung. Richard Chichakli, 51, ist ein in Syrien geborener amerikanischer Staatsbürger, der aus Texas geflohen ist und mit seiner russischen Frau in Moskau lebt; auch seine Bankverbindungen sind gesperrt, er steht auf einer Uno-Liste von Embargo-Brechern.

Hinter Bin Laden auf der Most-wanted-Liste der US-Geheimdienste

Den beiden Herren wird eine besonders enge Verbindung zum langjährigen "Händler des Todes" nachgesagt. Zu IHM. Zu Wiktor But, 43, der Hunderte Millionen Dollar im internationalen Waffenschwarzhandel umgesetzt haben soll. Angeblich fand kaum eine gewaltsame Auseinandersetzung in den vergangenen Jahrzehnten statt ohne Waffenlieferungen über sein Firmengeflecht. Wiktor But hat nach Ansicht mancher westlicher Experten mehr Terror verbreitet, mehr Menschenleben auf dem Gewissen als Osama Bin Laden und stand darum auf der internen Most-wanted-Liste der US-Geheimdienste direkt hinter dem Qaida-Chef auf Nummer zwei.

Thailand

Sergej, der Korpulente, Hemdsärmlige, Fluchende - Typ Bud Spencer -, ist der Bruder des Todeshändlers. Richard, der Sportliche, Distinguierte, geschliffen Argumentierende - Typ George Clooney -, ist der langjährige Geschäftspartner und beste Freund Wiktor Buts. Der "Lord of War" selbst sitzt seit 2008 in einem Bangkoker Gefängnis. Nach langem juristischem Tauziehen soll er von an die USA ausgeliefert werden.

Waffenhandels

Das Verfahren dürfte einen einmaligen Blick in die Schattenwelt des ermöglichen. Politiker und Generäle in Afrika, Asien und Lateinamerika müssen zittern. Und wohl nicht nur sie. Buts geheimnisvolle Verbindungen reichen bis in die Führungsetagen von Moskau und Washington. Sollte er auspacken, könnte es zu erheblichen Verstimmungen zwischen den beiden Mächten kommen, zu einer "neuen Eiszeit", wie das US-Nachrichtenmagazin "Time" schreibt.

Alles nur ein von der CIA ausgehecktes Komplott?

Chichakli sieht ein Komplott gegen seinen Freund, ausgeheckt von der CIA, ausgeweitet auf ihn selbst. "Vor 15 Jahren haben wir Deals gemacht, ganz legale Frachtgeschäfte." Nach 2004 will Chichakli keine Geschäftsverbindungen mehr mit But unterhalten haben. Ein Uno-Bericht legt allerdings anderes nahe: finanzielle Unterstützung bei Waffendeals. US-Behörden beschlagnahmten sein texanisches Anwesen im Wert von 1,5 Millionen Dollar und seine beiden Mercedes-Coupés. Die Schmach treibt ihn bis heute um: "Ich habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen - und es ist ausgeschlossen, dass mein sanfter Freund Wiktor, der keiner Katze etwas zuleide tun kann, Waffen in großem Stil geschmuggelt haben soll."

Für den Flugzeugmechaniker Sergej But ist sein Bruder ein Humanist, ein Familienmensch, ein Vegetarier, interessiert an der Rettung des Regenwalds - und eben ein cleverer Geschäftsmann. Dass er zum richtigen Zeitpunkt Flugzeuge erworben oder geleast und überall zum Einsatz gebracht habe, sei eine ebenso gesetzeskonforme wie geniale Business-Idee gewesen.

Welche Güter hat Wiktor But denn transportiert? "Alles, von Wasserfiltern über gefrorene Hähnchen, von Kühlschränken bis zu Stereoanlagen."

Und keine Waffen?

Sergej But seufzt und erklärt: "Wenn die Frachtpapiere stimmen, schaut gerade in Afrika keiner so genau hin. Der Eigentümer und der Pilot sind doch nicht dafür verantwortlich, was geladen ist. Warum klagen Sie einen Taxifahrer nicht an, wenn sein Passagier in einem Koffer möglicherweise unerfreuliche Dinge versteckt hat, warum nicht den Postboten, der unbewusst schlimme Päckchen transportiert?"

Es waren allerdings, glaubt man den Ermittlern, ziemlich viele "unerfreuliche Dinge" und "schlimme Päckchen". Wiktor But mag mit seinen Dutzenden Antonows, Iljuschins und Jakowlews Blumen und Lebensmittel und Elektrogeräte geliefert haben; er flog nachweislich auch mal Hilfsgüter in Katastrophenzonen und Uno-Blauhelme in Krisengebiete. Aber einen Großteil seiner Gewinne brachte ihm wohl die andere, die tödliche Fracht.

Die Geschichte merkwürdiger Allianzen

Der SPIEGEL hat neben dem Bruder und dem Geschäftspartner auch zahlreiche andere Zeugen befragt: die Ehefrau und den thailändischen Anwalt Wiktor Buts; seinen journalistischen Begleiter im Chaos afrikanischer Kriege; den professionellen But-Jäger beim amerikanischen Sicherheitsrat und den idealistischen But-Verfolger, der in einem ehemaligen belgischen Kloster auf die Spur stieß. Informationen lieferten auch Militärexperten und Geheimdienstler.

Die Saga vom Händler des Todes, von Blutdiamanten und Ladungen von Coltan und Gold spielt in den großen Städten der Welt: in Moskau und Washington, in Bangkok und Brüssel. Aber eine wichtige Rolle nehmen auch Nebenkriegsschauplätze ein: kaum bewachte Waffendepots in den ehemaligen Sowjetrepubliken; eine Urwaldpiste im Nordosten des Kongo; die amerikanische Balad Airbase im Irak; die afghanische Terroristenhochburg Kandahar; eine von Bodyguards bewachte Villa im kriegsverwüsteten Monrovia, Liberia.

Die Wiktor-But-Story ist die Geschichte eines skrupellosen Unternehmers und smarten Globalisierungsgewinnlers, der - von der Heilsarmee einmal abgesehen - so ziemlich alle Armeen der Welt beliefert zu haben scheint. Die Amerikaner ebenso wie die Taliban und deren Feinde von der Nordallianz, marxistische Guerilleros in Kolumbien wie Kindersoldaten in Sierra Leone. Eines kann man But jedenfalls nicht vorwerfen: dass er jemanden wegen seiner Hautfarbe oder Weltanschauung diskriminiert hätte. Wer bezahlen konnte, wurde beliefert. Mit todbringendem Material jeder Art. Unauffällig, zuverlässig.

Es ist auch die Geschichte eines jahrelangen Wegschauens, Verdrängens. Und merkwürdiger Allianzen: Russlands Außenminister Sergej Lawrow will seinen Landsmann vor der Abschiebung bewahren, hat sich öffentlich für ihn eingesetzt und ihm einen Quasi-Persilschein ausgestellt - höchst ungewöhnlich. Das offizielle Washington schweigt sich aus. Kann es da gelingen, dem Waffenhändler Straftaten nachzuweisen? Wird er büßen müssen - und stellt womöglich andere, politisch Einflussreiche, an den Pranger?

Wer ist Wiktor Anatoljewitsch But wirklich?

2005 machte der Film "Lord of War" weltweit Furore: Nicolas Cage spielt einen stark an Wiktor But erinnernden Waffenhändler. "Auf der Welt gibt es über 550 Millionen Schusswaffen. Das ist eine Waffe für jeden zwölften Menschen. Die einzige Frage ist deshalb: Wie bewaffnen wir die anderen elf?", heißt es in der Hollywood-Produktion. But zeigte für solche Sprüche kein Verständnis: "Zynisch. Schade um Cage, er hätte ein besseres Drehbuch verdient."

Wer ist dieser Wiktor Anatoljewitsch But wirklich?

Geboren wird er am 13. Januar 1967 in Duschanbe, der Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Tadschikistan - und macht selbst aus diesem Fakt ein Geheimnis, spricht von einem turkmenischen Heimatort. Sogar Bruder Sergej kann sich das nicht erklären. Jedenfalls wachsen die beiden in einer behüteten Umgebung auf, der Vater Automechaniker, die Mutter Buchhalterin. Russische Atheisten inmitten einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung am Südrand der UdSSR.

Der Abenteuerliche, der Genialische, der Clevere

Wiktor ist der Abenteuerliche, der Genialische, der Clevere. Kopiert verbotene Popsongs, um das Taschengeld aufzubessern. Lernt mal so nebenbei Esperanto, weil er denkt, das werde ihm später weiterhelfen. Tritt in den Komsomol ein, weil es nur innerhalb der KP Karrierechancen zu geben scheint. Und macht beim Militärgeheimdienst eine Sonderausbildung (was er bis heute bestreitet). Seine nächste Station: das militärische Fremdspracheninstitut in Moskau.

Portugiesisch wird zu seinem Lieblingsfach. Ende der achtziger Jahre schickt ihn die Armee nach Mosambik und Angola, er soll sich als Dolmetscher nützlich machen. Es ist noch die Zeit der Stellvertreterkriege zwischen Ost und West, Moskaus Repräsentanten haben bei den afrikanischen Antikolonialisten Gewicht.

But schlägt nie über die Stränge, er ist der immer Beherrschte, kühl Kalkulierende. Macht einem russischen Diplomaten dessen Frau Alla abspenstig, erobert, heiratet sie. Ihm fliegt alles zu. Vor allem seine Sprachbegabung ist legendär. Er soll damals in Afrika auch Igor Setschin näher kennengelernt haben, gleichfalls Dolmetscher und politisch später höchst erfolgreich: Einige halten Russlands derzeitigen Vize-Premier und Putin-Vertrauten für seinen Schutzpatron. Beide dementieren bis heute jede Beziehung.

But begreift das ausbrechende Chaos in der Sowjetunion als Chance

Zurück in Moskau, wird But 1991 als Oberleutnant entlassen. Als kurz darauf die Sowjetunion zusammenbricht, stürzt für viele Militärs eine Welt ein - der clevere Mittzwanziger aber begreift das ausbrechende Chaos als Chance. Auf den Rollfeldern der Supermacht stehen ungenutzte Flugzeuge, in den Fabriken der Rüstungsindustrie stapeln sich die nicht abgenommenen Waffen. Der umtriebige But erwirbt - manche behaupten, unter Mithilfe des Militärgeheimdienstes - drei alte Antonow-Frachtmaschinen zum Spottpreis von je 40.000 Dollar. Auch an Piloten herrscht kein Mangel, viele sind in diesen Monaten des Umbruchs ohne Arbeit.

Vielleicht ist er selbst so clever, seine Flugzeuge - bald sind es vier Dutzend - in obskuren Staaten anzumelden und die Endabnehmer seiner Lieferungen kreativ zu verschleiern, vielleicht hilft ihm Moskau. Jedenfalls wählt But die Registrierung in Äquatorialguinea oder der Zentralafrikanischen Republik und profitiert von deren laxen Kontrollen.

1993 verlegt Wiktor But seine Flotte dann nach Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sergej begleitet ihn. Dort treffen die beiden Chichakli, der wie sie ein Flugzeug-Freak ist und von sich selbst sagt: "Gebt mir ein paar Stücke Stahl, und ich bastle euch eine Airline." Und den ebenso wenig wie die Buts interessiert, was die Maschinen transportieren, solange sie nicht leer fliegen und der Empfänger pünktlich bezahlt.

Waffen für Afrikas Freiheitsbewegungen

Oft schickt der Unternehmer seine Fracht über Burgas in Bulgarien Richtung Afrika. Geheimnisvolle Routen, bedient von verwegenen Piloten in uralten, aber robusten Maschinen, die überall landen können.

Afrikas Eliten brauchen vieles. Immer aber auch: Waffen. In Nigeria wie in Angola kämpfen sogenannte Freiheitsbewegungen gegen sogenannte reguläre Armeen. Mit den mächtigen Politikern in Ost und West als interessierten Zuschauern - und häufig auch heimlichen Teilnehmern. Es geht um den Zugriff auf milliardenschwere Bodenschätze.

Eine besonders unrühmliche Rolle spielt der russische Todeshändler mit seinen fliegenden Kisten nach Recherchen der US-Reporter Douglas Farah und Stephen Braun in Liberia. Dort soll But den grausamen Warlord Charles Taylor nach dessen Machtergreifung in großem Stil mit Waffen versorgt haben. Die häufig mit Drogen vollgepumpten Kindersoldaten metzelten alles nieder, was ihnen in den Weg kam.

In Monrovia in der Nähe der Taylor-Residenz erwirbt But demnach eine eigene Villa, geht bei dem Kriegsverbrecher ein und aus. "Mister Wik" nennen ihn respektvoll dessen Untergebene. Angeblich bezahlt der Diktator, der Rebelleneinheiten auch ins rohstoffreiche Nachbarland Sierra Leone auf Beutezüge schickt, mit eroberten Blutdiamanten. But soll zu seinem Treffen mit Taylor eigene Edelsteinexperten mitgenommen haben - Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Weil But bewusst gewesen sein muss, dass er mit Lieferungen an Liberia und Angola rechtswidrig handelte - die Uno hatte gegen beide Staaten ein Waffenembargo ausgesprochen -, gab er seinen Piloten immer auch Spraymaterial mit: Sie sollten die Kennzeichen der Flugzeuge umspritzen können, um Spuren zu verwischen.

Ein Businessman vom Scheitel bis zur Sohle

Um die Jahrtausendwende ist Buts Imperium auf dem Höhepunkt. Der belgische Reporter Dick Draulans kann ihn damals ins kongolesische "Herz der Finsternis" begleiten. Der Russe umwirbt Jean-Pierre Bemba, den berüchtigten Rebellenchef (und späteren Vizepräsidenten). But hat ihm Kampfhubschrauber besorgt. Aber dennoch herrscht damals dicke Luft im Hauptquartier der Guerillatruppe: Bei der Fracht fehlen die Alkoholbestände. But spürt, dass die Situation außer Kontrolle zu geraten droht. "Kein Problem", sagt er - und schickt einen seiner Piloten nachts über die feindlichen Linien. Wenige Stunden später kommt der Mann schweißüberströmt mit einigen Kästen Bier wieder eingeflogen.

"Typisch But", sagt Draulans. "Clever, kundenorientiert, jovial." Bei den gemeinsamen Reisen hat der Reporter nie etwas anderes erlebt. But rührt keinen Tropfen an, lässt sich nach seiner Heirat auf keine Frauengeschichte ein, verliert nie die Fassung: ein Businessman vom Scheitel bis zur Sohle. Drei russische Leibwächter schirmen ihn ab, "Typen wie aus einem 'Rambo'-Film, immer eine Machete zur Hand".

Nur einmal erlebt der Belgier den Dealer in einer sentimentalen Stimmung. Da entwirft er eine Art Marshall-Plan für Afrika. Man müsse Investoren anlocken, die jungfräulichen Urwälder vor Rodung schützen, die Elefanten vor Wilderern. Er, Wiktor But, sei bereit zu helfen und habe schon potentielle Geldgeber von Dubai nach Zentralafrika geflogen, "in die himmlische Landschaft, in der ich mit Frau und Tochter gern leben würde". Überzeugt hat er den Belgier nicht, dafür sind die Geschäftspartner Buts dann doch zu sehr des Teufels: Taylor und Bemba galten damals schon als schlimme Kriegsverbrecher. Sie befinden sich inzwischen in Haft und müssen sich vor internationalen Gerichten verantworten.

2001: Das Wendejahr in Buts Karriere

2001 wird dann zum Wendejahr in Buts Karriere. Das liegt an zwei Herren, die sich unabhängig voneinander zu seiner Verfolgung aufgemacht haben. Und an einer Charter-Mission. Ausgerechnet einer humanitären Mission - als But für die Uno fliegt, wird sein Flugzeug als das identifiziert, das man Wochen zuvor beim Ausladen von Waffen gefilmt hat.

But-Jäger Johan Peleman ist ein Autodidakt, was den Waffenhandel angeht. Der Spezialist für mittelalterliche Literatur arbeitet Mitte der neunziger Jahre für eine karitative Friedensorganisation, Sitz in einem Franziskanerkloster von Antwerpen. In seiner ehemaligen Mönchsklause stößt der Idealist auf But und seine Airlines, die regelmäßig dort auftauchen, wo Krieg ist. "Ich war geschockt, dass Politik, Ideologie oder auch moralische Erwägungen nicht die geringste Rolle bei Buts Operationen spielten. Er belieferte kongolesische Rebellen und hielt gleichzeitig dem amtierenden Staatschef Mobutu mit Waffen die Treue, flog den dann schließlich sogar ins Exil aus."

Pelemans Hartnäckigkeit überzeugt schließlich auch Uno-Experten, denen er seine detaillierten Berichte über Flugbewegungen und dubiose Endabnehmer-Zertifikate zuschickt. 1999 heuert ihn die Weltorganisation als Rechercheur an. Peleman hat nun auch Zugang zu Satellitenfotos, kann Bankkonten einsehen. In seinem Angola-Bericht für den Uno-Sicherheitsrat Ende 2000 wird der Russe dann erstmals in Verbindung mit illegalem Waffenhandel genannt.

"Dem müssen wir das Handwerk legen"

Der amerikanische But-Jäger Lee Wolosky ist das Gegenprogramm zum kettenrauchenden Außenseiter Peleman: ein Mann des Systems, ein politischer Aufsteiger. Wo der andere emotional herangeht und sich empört, arbeitet Jurist Wolosky kühl bis ans Herz, mit der messerscharfen Intelligenz des Harvard-Absolventen und Russland-Kenners. Er soll im Auftrag des Weißen Hauses Strategien gegen "transnationale Bedrohungen" ausarbeiten. Im Jahr 2000 landet die Akte But, nur einige Seiten dick und fragmentarisch, auf seinem Schreibtisch. Der Fall lässt ihn nicht mehr los. Wolosky erkennt schnell: "Das ist die klassische multinationale Bedrohung in der Ära nach dem Kalten Krieg, das ist der gefährlichste Waffenhändler der Welt - dem müssen wir das Handwerk legen."

Der Amerikaner konzentriert sich bei seinen Recherchen für die Clinton-Regierung neben Afrika vor allem auf Afghanistan. "Er belieferte die Taliban und begann so auch in dieser Weltgegend einen Tanz auf dem Rasiermesser", sagt Wolosky. "Seine Fingerabdrücke waren überall." Immerhin: Mitte 2001 kann But nicht mehr beliebig reisen, viele seiner Flieger und Firmen sind erfasst, sein Aktionsradius scheint eingeschränkt. Der US-Ermittler hofft, einen internationalen Haftbefehl gegen But erwirken zu können. Doch nur die Belgier unterstützen ihn, beschränken allerdings ihre Anklage auf "Geldwäsche"; Russland, wohin sich But zurückgezogen hat, liefert in einem solchen Fall nicht aus.

Nach den schrecklichen Terroranschlägen gegen das World Trade Center von New York verändern sich die Prioritäten. Mit der neuen Regierungsmannschaft um George W. Bush kommt der Demokrat Wolosky nicht zurecht, seine Spezialeinheit wird aufgelöst. In einem Zeitungsbeitrag beklagt sich der But-Jäger im Juli 2002 bitter über die Inaktivität Washingtons in Sachen But. Ebenso über Moskaus Behörden, die But "offiziellen Schutz" gewähren würden. Wolosky beschließt, künftig als Anwalt zu arbeiten. Lieber großes Geld als großer Frust.

Beginn der Zusammenarbeit mit der US-Regierung

Was dann passiert, hätte er sich nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen können: Die US-Regierung beginnt mit dem Todbringer gemeinsame Sache zu machen. Sie heuert ihn für den Irak-Krieg an.

Bis heute ist ungeklärt, ob für die Zusammenarbeit Schlamperei der US-Behörden verantwortlich war oder ob Washington über den Besitzer der Airline Irbis - in Kasachstan registriert - Bescheid wusste. Jedenfalls lässt sich nicht bestreiten, dass Buts Flugzeuge als Subunternehmer für das U. S. Air Mobility Command fliegen. Auch für den Militärdienstleister KBR, eine der Firmen im Besitz des Halliburton-Konglomerats, dessen Chef bis 2000 US-Vizepräsident Dick Cheney war. Sie landen in Bagdad. Und häufig sogar auf der Balad Air Base, für die jeder Pilot eine Spezialerlaubnis der US-Militärs benötigt.

Die Reporter Farah und Braun ermitteln später, dass Irbis in den Jahren 2003 und 2004 gut tausend Flüge in den Irak absolvierte: "Die amerikanischen Steuerzahler haben etwa 60 Millionen an die Wiktor-But-Organisation gespendet." In einer Zeit, in der George W. Bush sagt, man könne nur entweder für oder gegen die USA sein, schafft ein Russe den Spagat: Er ist Mister Sowohl-als-auch. Ein Gejagter und ein Geheuerter gleichzeitig.

Geschäfte vom Moskauer Luxusappartement aus

2005 setzt das amerikanische Finanzministerium But auf die schwarze Liste. Er wird dann nur noch in Moskaus teuren Sushi-Restaurants, in Bars von Fünfsternehotels gesehen. Und regelmäßig besucht er die halbstaatliche Außenhandelsfirma Isotrex, die mit russischen Waffenfabrikanten zu tun hat. Die Partei des Ultranationalisten Wladimir Schirinowski bietet ihm einen sicheren Listenplatz im Parlament an. "Was soll ich da? Ich kann auch so alle meine Probleme lösen", antwortet But. 2008 ist es ruhig um den Mann geworden, der mit Frau und Tochter ein Luxusappartement bewohnt. But soll laut US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" Waffen für die Hisbollah im Libanon mitorganisiert haben - wenn das wirklich so war, zog er die Fäden aus der Distanz. Der Vorsichtige verlässt Russland nicht mehr, bis auf zwei kurze, rätselhafte Trips nach China.

2008 ist etwa auch der Zeitpunkt, an dem die vom SPIEGEL befragten Zeugen die Vorstellung aufgegeben haben, But könne zur Rechenschaft gezogen werden. Der Journalist Draulans berichtet immer noch aus Afrika, meidet jetzt Bürgerkriege und Waffenhändler, verdrängt But. Der Ermittler Peleman sieht sich weiter seinem Idealismus verpflichtet und koordiniert im Kongo die Uno-Friedenstruppen. Der Jäger Wolosky ist bei der Anwaltskanzlei Boies, Schiller und Flexner in New York Partner geworden, zu seinen Kunden gehört das Versicherungsunternehmen AIG, dessen Broker die Weltwirtschaft fast in den Abgrund getrieben haben - Kriegsfürsten der anderen Art.

Jetzt kann nur noch einer Wiktor But überführen, ruinieren, vor den Kadi bringen: Wiktor But selbst. Durch Größenwahn oder Leichtsinn. Oder beides.

Die ultime Falle der USA in Bangkok

Irgendwann im November 2007 muss in den USA der Plan gereift sein, ihm eine Falle zu stellen. Eine Spezialeinheit der Drug Enforcement Agency (DEA) nimmt über einen britischen Verbindungsmann namens Andrew Smulian, den der Russe gut kennt, Kontakt auf. Smulian schlägt But ein lukratives Geschäft vor: Die kolumbianische Guerilla-Organisation Farc wolle für 20 Millionen Dollar Waffen erwerben: 700 Boden-Luft-Raketen, 5000 Gewehre vom Typ AK-47, mehrere Millionen Schuss Munition, eine unbestimmte Anzahl Landminen.

But ist misstrauisch. Versucht die angeblichen Farc-Leute per Foto zu identifizieren, die in das Geschäft involviert sind - er hat mit der Farc ein Jahrzehnt zuvor schon ein Geschäft gemacht, über dem Dschungel Südamerikas Waffen abgeworfen. Im letzten Moment sagt But dann ein Treffen in Bukarest ab - die frustrierten DEA-Fahnder, die auf dem rumänischen Flughafen gewartet haben, verfluchen die Vorsicht des Profis.

Ein letzter Versuch: Wie wär's mit Bangkok statt Bukarest?

Sieg der Gier über Instinkte

Da siegt offensichtlich die Gier über Instinkte. In Thailand, glaubt er, könne ihm nichts passieren. Und so entschließt sich Wiktor But, am 5. März 2008 einen fernöstlichen "Urlaub" anzutreten. Nach einem Nachtflug checkt er im Fünfsternehotel Sofitel Silom im Bangkoker Geschäftsviertel in der bestellten Suite des 14. Stockwerks ein. Noch bevor But das "Bitte nicht stören"-Schild anbringt, bucht er den Sofitel-Konferenzraum für 15 Uhr. Alles okay. Er legt sich aufs Ohr.

Zwei Stunden lang verhandelt But dann mit den vermeintlichen Farc-Vertretern. Diskutiert das Waffenprogramm und erklärt sich bereit, alles Gewünschte zu liefern. Als seine Gesprächspartner ihm erläutern, die Raketen müssten auch zum Abschuss amerikanischer Flugzeuge taugen, ermutigt er sie in ihren Aktionen. Er sei immer dafür, Amerikaner ins Fadenkreuz zu nehmen. Da geben die Männer sich zu erkennen. But lässt sich widerstandslos abführen.

Sie bringen ihn anfangs in ein berüchtigtes Gefängnis für schwere Fälle. Sie führen ihn den Fotografen vor: orangefarbene Anstaltskleidung, Fuß- und Handfesseln, Gitterstäbe. Zuerst wird But in Gemeinschaftszellen mit Attentätern, Frauenmördern, Kinderschändern geworfen. Unter den Mitgefangenen dürfte auch der ein oder andere Provokateur gewesen sein, der But zum Plaudern bringen sollte. Aber der schweigt eisern. Später wird der Häftling umquartiert - er bekommt nun eine Einzelzelle. "Zweimal zwei Meter ist mein Karzer", erzählt er seiner Frau, die ihn nur durch eine Glaswand sehen und sprechen darf. Miserables Essen, Hitze, Kakerlaken: brutale Haftbedingungen.

Allas Löwenkampf für ihren Mann

Er hat sein Übergewicht verloren. Er nutzt die täglichen 40 Minuten Ausgang auf dem Gefängnishof, er lernt bei den Treffen mit den anderen Gefangenen neue Sprachen - "Urdu, Farsi, Türkisch, bitte bringt mir Wörterbücher mit", bittet er seine Frau. Einer seiner Lieblingsautoren ist der Brasilianer Paulo Coelho ("Handbuch des Kriegers des Lichts"): Der Amoralische begeistert sich für den esoterischen Schmuse-Autor, der Toleranz und ziviles Engagement predigt.

Über zwei Jahre lang sitzt But nun schon in Untersuchungshaft. Seine Frau ist in dieser Zeit nach Bangkok gezogen. Alla ist so gar nicht der Typ Vorzeigefrau, wie er an der Seite russischer Bisnesmeni häufiger auftaucht. Die zierliche Rothaarige, die in Russland ein Modegeschäft geführt hat, kämpft wie eine Löwin für ihren Mann, übernachtet öfter im Taxi vor den Gefängnistoren - sie will verhindern, dass die Amerikaner ihn heimlich holen. "Sie haben ihn zum Monster gemacht."

Lak Nitiwatanavichan, der thailändische Anwalt Buts, sagt: "Sie haben nichts gegen meinen Mandanten in der Hand. Unter falschem Vorwand gemachte Tonbandaufzeichnungen sind nicht beweiskräftig, reine Absichtserklärungen kaum strafbar." Der 74-Jährige mit dem schütteren, schlohweißen Haar und den Plastiksandalen ist empört.

Der angebliche Deal Thailands mit But

Ähnlich wie er denken auch höchste russische Stellen über die Causa But. Außenminister Lawrow spricht von einem "politisch motivierten" Fall und sagt zu, alles zu tun, um den Staatsbürger heimzuholen. Die Duma hat eine Unterstützungserklärung verabschiedet. Und Moskaus regierungsnahe Presse macht But zum Märtyrer, den es aus den Klauen der CIA zu befreien gelte.

Dass in Bangkok tatsächlich höchst merkwürdige Dinge geschehen sind, lässt sich nicht leugnen. An einem Sonntag im April besuchte Sirichoke Sopha, ein Parlamentsabgeordneter und enger Berater des thailändischen Premiers Abhisit, den Gefangenen.

Angeblich hat der Thailänder dem Russen einen Deal angeboten. Er solle etwas über das von den Bangkoker Behörden im Dezember 2009 mit 35 Tonnen Waffen an Bord beschlagnahmte Flugzeug aussagen, das von Nordkorea Richtung Iran unterwegs war und von einem mit But bekannten Piloten geflogen wurde. Glaubt man der thailändischen Opposition, ging es auch um eine mögliche Auslieferung des früheren Premiers Thaksin, dem Amtsmissbrauch und Anstiftung zum Terror vorgeworfen werden: But sollte belastendes Material liefern und der Kreml dann den Politiker, der sich derzeit öfter in Montenegro und in Moskau aufhält, nach Bangkok überstellen. Dann, und nur dann, dürfe But im Gegenzug in die Heimat.

Die Anklageschrift der USA

Die amerikanische Anklageschrift - "08 CRIM. 365, Southern District of New York gegen Wiktor But alias Wiktor Bulakin alias Wadim Markowitsch Aminow" - stützt sich ausschließlich auf die Vorgänge in Bangkok. Hauptanklagepunkte sind eine "Verschwörung mit dem Ziel, amerikanische Staatsbürger umzubringen" und die "Unterstützung einer ausländischen Terrororganisation". Nach Ansicht von Kennern des US-Justizsystems könnte der Beschuldigte dafür 20 bis 30 Jahre hinter Gitter wandern - wenn er nicht durch Kooperation mildernde Umstände erwirbt.

Haben sich die amerikanischen Ankläger auf den Fall Farc beschränkt, weil nur dieser zu beweisen ist? Will Washington mögliche russische Hintermänner - vorübergehend - schonen? Oder verhindern US-Geheimdienste und Pentagon eine Ausweitung der Vorwürfe, um ihre peinliche Kooperation mit dem Händler des Todes vergessen zu machen?

But scheint sich jedenfalls nach Moskau zurückzusehnen, "nur da fühle ich mich sicher", sagt er zu seiner Frau. Ein Indiz, das für beste Beziehungen zu hochrangigen Stellen spricht.

Denn Waffenhändler und Rechercheure in deren Umfeld leben in dieser Weltregion höchst gefährlich: Der Journalist Iwan Safronow, der über schmutzige Deals schrieb, stürzte 2007 aus einem Moskauer Fenster; es sollte wie ein Suizid aussehen, aber viele Hinweise sprechen für einen Auftragsmord. Der russische Kriegshändler Oleg Orlow wurde nach seiner Festnahme in Kiew im Gefängnis ermordet - die Tat hat angeblich ein Mithäftling begangen.

"Wenn ich im Gefängnis sterben sollte: Ein natürlicher Tod wird es nicht sein"

Ein letztes Treffen mit Sergej But. Diesmal nicht im "Starlite", sondern in einer Kneipe namens "Mönche und Nonnen" in der Moskauer Innenstadt.

Es ist der Tag, an dem die Medien über bemerkenswerte legale Waffendeals schreiben: Washington hat das größte Geschäft aller Zeiten mit Saudi-Arabien abgeschlossen. Nach Berechnungen des Stockholmer Instituts für Friedensforschung haben die 100 größten Waffenkonzerne der Welt 2008 weltweit Kriegsmaterial im Wert von 385 Milliarden Dollar verkauft, eine Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr von elf Prozent; auf Platz drei hinter den USA und Russland hat sich Deutschland etabliert. Die Entwicklungshilfe der OECD lag im vergleichbaren Zeitraum bei 122 Milliarden.

Sergej denkt nach, ganz abstrakt natürlich: Wenn man den Job nicht selbst macht, gibt es nicht Dutzende andere, die nachrücken würden? Und handeln denn die Staatschefs anders, wenn sie einander gegenseitig Mordwerkzeuge zuschanzen? "Ich weiß nicht, warum die Amerikaner gerade Wiktor so besessen verfolgen." Wer immer denke, der Bruder werde seine Heimat verraten, der täusche sich. Der halte vieles aus und bleibe Optimist.

Aber da ist auch der neue Brief Wiktor Buts aus dem Gefängnis von Bangkok, Aussagen, die eher pessimistisch klingen. "Die Amerikaner haben Mittel, jeden zum Reden zu bringen. Vielleicht foltern sie mich mit chemischen Substanzen, vielleicht stecken sie mich in ein Lager à la Guantanamo. Einen fairen Prozess in den USA wird es für mich jedenfalls nicht geben." Der Schluss klingt wie ein Vermächtnis: "Wenn ich im Gefängnis sterben sollte: Ein natürlicher Tod wird es nicht sein."

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