Der SPIEGEL

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04. Oktober 2010, 00:00 Uhr

Wettskandale

Geständnis eines Zockers

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In Bochum kommt es zum ersten Prozess gegen eine Bande mutmaßlicher Manipulateure. Einer der Angeklagten diente den Ermittlern als eine Art Kronzeuge.

Der Brief an den Häftling Marijo C., den Beamte der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede Anfang Juni abfingen, sollte dem Gefangenen Mut machen. Er sei für seine Kumpel draußen "ein Held, der sich super verhalten hat", hieß es in dem Schreiben.

Seit 19. November vorigen Jahres sitzt der 35-jährige Marijo C. als einer der Hauptbeschuldigten einer Bande mutmaßlicher Fußball-Wettbetrüger in Untersuchungshaft - doch eine Aussage hatte der Kroate trotz des umfangreichen Beweismaterials gegen ihn bis vor wenigen Wochen nicht gemacht.

Fast alle anderen der derzeit noch inhaftierten Zocker, denen die Bochumer Staatsanwaltschaft vorwirft, rund 270 Fußballspiele in ganz Europa verschoben zu haben, sind mittlerweile vernommen worden. Einige sind geständig.

Kronzeuge Günay packt komplett aus

Und einer packte sogar komplett aus, "weit über seinen Tatbeitrag hinaus", wie die Beamten anerkennend festhielten: der 35-jährige Nürettin Günay, ein im Essener Gefängnis einsitzender Türke aus dem niedersächsischen Lohne. Für die Ermittler erwies sich der Zocker bei seinen 37 Vernehmungen zwischen Januar und Juli als eine Art Kronzeuge. "Ohne Günays Aussagen", hielt die Bochumer Kripo in einem "Auswertungsbericht" Mitte Juli fest, "wären die polizeilichen Ermittlungen in dieser Form nicht möglich gewesen."

Vor seiner Verhaftung besaß Günay mehrere Wettlokale in Niedersachsen und Bremen, er war Patron des Spielclubs Emperyal in Osnabrück, wo auch Spieler des ortsansässigen Zweitligisten VfL ein und aus gegangen sein sollen. Zuweilen lud er dort zum 24-Stunden-Poker, dann wanderten Hunderttausende Euro über die Tische.

Von diesem Mittwoch an muss sich der Türke wie drei andere Angeschuldigte vor dem Bochumer Landgericht wegen des Vorwurfs des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs verantworten. Der Prozess ist Auftakt einer ganzen Reihe von Gerichtsverfahren im bislang größten Manipulationsskandal des europäischen Fußballs.

Umfangreiche Aussagen zu 158 Bestechungsfällen

Günay, den die Staatsanwaltschaft wegen Manipulation in 16 Fällen anklagt, kann wohl mit einem vergleichsweise milden Strafmaß rechnen. Sein Anwalt Jens Meggers wollte sich "vor Prozessbeginn nicht öffentlich zu den Vorwürfen gegen meinen Mandanten äußern".

Bei Günays Kompagnons hatte seine Redebereitschaft für erhebliche Nervosität gesorgt. In dem Brief an den Mitbeschuldigten Marijo C., den die Bochumer Staatsanwaltschaft beschlagnahmte, hieß es warnend: "Der Türke ist am Singen."

Insgesamt äußerte sich Günay zu 158 Spielen. Dabei habe er die Mittäter sehr umfangreich charakterisiert und identifiziert, komplette Ablaufbeschreibungen manipulierter Spiele geliefert, bei der Auswertung beschlagnahmter Unterlagen mitgeholfen, Geldflüsse aus gekauften Partien erläutert - und Aussagen zu Straftaten gemacht, die nicht im Zusammenhang mit verschobenen Fußballbegegnungen stehen. So steht es in den Akten der Bochumer Staatsanwaltschaft.

Vor allem zu den Bestechungsfällen in der Türkei habe Günay "umfangreiche, sachdienliche Aussagen" gemacht. Dort stehen 67 Partien unter Korruptionsverdacht, mehr als in jedem anderen Land und bis hinauf in die höchste Profiliga, die Süper Lig.

Diese Protokolle leiteten die deutschen Behörden an die türkische Justiz weiter. Bei einer landesweiten Razzia im Frühjahr nahm die Staatsanwaltschaft Sariyer Istanbul daraufhin 70 Personen fest.

Ist der türkische Profifußball von Wettbetrügern unterwandert?

Günays Aussagen erwecken den Eindruck, dass der Profifußball in der Türkei von Wettbetrügern unterwandert ist. So beschreibt er ein Treffen vor zweieinhalb Jahren im Istanbuler Swissôtel mit einem Spielervermittler und einem wohlhabenden Türken, mit denen sich Günay beim Essen auf den Kauf eines Erstligaspiels und zweier Zweitligaspiele geeinigt haben will. Der Preis: 100.000 Euro für die korrupten Kicker. Günay schildert, wie der Trainer einer Mannschaft, die zur Halbzeit 3:1 führte, die Anweisung gegeben haben soll, die Partie dürfte keinesfalls gewonnen werden - was dann auch geschah.

Der Zocker berichtet von der Begegnung mit einem türkischen Schiedsrichter, der auch internationale Spiele pfeife und ihm mitgeteilt habe, für 50.000 Dollar "würde er jedes Spiel manipulieren". Und er gibt detailliert zu Protokoll, wie einem Profi in der Türkei, dessen Manipulationsversuch offenbar misslang, mit brutaler Gewalt gedroht wurde.

Besonders betroffen von den Manipulationen soll demnach der Erstligist Kasimpasa sein, Lieblingsclub des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, nach dem auch das Stadion benannt ist. Ein türkischer Spielerberater habe Profis der Mannschaft zum Betrug angestiftet und dafür gesorgt, dass allein in der Saison 2007/08 drei Partien von Kasimpasa verschoben worden seien.

Dieser Mann sei ihm besonders in Erinnerung geblieben, sagte Nürettin Günay den Bochumer Beamten - wegen seiner "Gorillas, die hatten immer eine Pistole unter der Jacke dabei".

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