AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2010

Essay Wir Westalgiker

Wie die Westdeutschen der inneren Einheit Deutschlands im Wege stehen

Berliner am Brandenburger Tor 1989: "Die DDR kam mir vor wie das Herz der Finsternis"
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Berliner am Brandenburger Tor 1989: "Die DDR kam mir vor wie das Herz der Finsternis"

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Ich war kein Freund der Wiedervereinigung. Das mal vorweg. Von mir aus hätte es damals keine Revolution geben müssen. Ich war damals 14 Jahre alt und versprach mir persönlich nichts davon. Es ging uns doch bestens. Damals im Westen.

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Heft 40/2010
Marilyn Monroe - Aus den Aufzeichnungen einer Unsterblichen

Ich weiß noch genau, was ich an jenem Abend empfand, als die Mauer fiel. Ich saß allein vor dem Fernseher und musste lachen, ohne mich freuen zu können. Die Kamera zeigte feiernde Menschen, die mir fremd waren, sie trugen Baumfällerhemden, Jeansjacken und - egal, ob Frau oder Mann - eine Einheitsfrisur: extrem gelockt und hinten etwas länger. Einen Pudellook. So sah ich es damals. Ihre Augen glänzten, manche brachten es fertig, zeitgleich zu lachen und zu weinen.

Ich verstand die Euphorie dieser Menschen nicht, der Funke wollte nicht überspringen. Ihre Freude berührte mich peinlich, es fühlte sich unangenehm an. Ich ahnte, dass es korrekt gewesen wäre, sich mitzufreuen, dass es eine Aufgabe von nationaler Bedeutung sein könnte. Aber es gelang mir nicht, es war nicht meine Party. Die Pudel feierten, und ich ging ins Bett.

Zu wenig voneinander wissen, zu wenig füreinander interessieren

Eigentlich hätte dies die Stunde meiner Generation sein müssen. Jede Generation hat das Verlangen nach dem einen großen historischen Moment, der Erzählstoff liefert für den langen Rest des Lebens. Unsere Großeltern hatten ihren Weltkrieg gehabt, ihre schaurigen Geschichten aus Luftschutzbunkern und Schützengräben, von Kameradschaft und vom Töten. Unsere Eltern und Lehrer hatten ihre kleine Revolution gehabt, ihr 68, nun konnten sie den Rest ihres bürgerlichen Lebens erzählen, wie rebellisch sie einst gewesen waren und - ganz nebenbei - wie leicht man damals Sex haben konnte. Nur meine Generation hatte bislang weder einen Krieg noch großen Sex vorzuweisen. Jetzt aber schien die Stunde einer neuen Generation gekommen, Großes leuchtete am Horizont des Weltgeschehens. Nur leider berührten mich die Ereignisse nicht, so allein vor meinem Fernseher im tiefen Westen.

Jetzt, da sich die Wiedervereinigung zum 20. Mal jährt und die Klagen wieder anschwellen, dass wir bis heute ein geteiltes Land sind, dass wir zu wenig voneinander wissen, uns nicht füreinander interessieren, jetzt also ist es Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Ich bekenne mich schuldig der Ignoranz: in wiederholter und schwerwiegender Form.

Dass wir Deutsche noch immer nicht richtig vereint sind, liegt nicht allein an den nie zufriedenzustellenden, ständig rumnörgelnden Ostdeutschen. An denen liegt es natürlich auch, aber mindestens so fatal war unsere westdeutsche Ignoranz. Ich wusste damals, als die Mauer fiel, nichts über die Menschen im Osten, und sie interessierten mich auch nicht. Ich fand auch nicht, dass wir zusammengehörten. Mit Leuten wie mir war es schwer zusammenzuwachsen.

Natürlich gibt es Gründe für unser Desinteresse, mildernde Umstände sozusagen. Man muss sich einfach vergegenwärtigen, wie wir, wie die meisten Westdeutschen groß wurden.

Ein Kind der Bonner Republik

Ich bin ein Kind der Bonner Republik, aufgewachsen im Bergischen Land, im fernen Westen der Republik. Ich hatte eine Jugend mit Rheinischem Kapitalismus und Rheinischem Sauerbraten. Unsere Aufmerksamkeit war damals, in den Achtzigern, ganz gen Westen gerichtet. Wir trugen die Jeans aus dem Westen, hörten die Lieder des Westens, sahen die Filme des Westens, träumten die Träume des Westens. Die Deutsche Demokratische Republik hingegen kam mir vor wie das Herz der Finsternis, emotional rangierte sie bei mir auf der gleichen Stufe wie die Demokratische Republik Kongo.

Mit dem Fußballverein fuhren wir nach England, mit der Schulklasse nach Frankreich, in den Urlaub nach Österreich und in den fetten Jahren auch mal nach Spanien. Ich fühlte mich diesen Ländern und ihren Einwohnern verbunden, Spaniern, Italienern, Franzosen und - trotz ihres schlechten Rufs - sogar den Holländern. Zumindest wusste ich einiges über sie, man kam in Kontakt. Holland lag gleich in der Nachbarschaft und hatte neben gepflegten Minigolfanlagen auch schöne Strände zu bieten. Zudem wimmelte es selbst bei uns im Bergischen von Niederländern, weil sie die Eigenschaft hatten, an jeder Erdvertiefung, die mit Wasser gefüllt war, ihre Zelte und Wohnwagen abzustellen.

Mit den Einwohnern der DDR hingegen stand ich nicht in Kontakt. Meine Familie hatte weder Verwandte noch entfernte Bekannte im Osten. Es gab niemanden, dem wir einen Besuch hätten abstatten oder wenigstens Schokolade schicken können.

Immerhin hatte ein Jahr vor dem Fall der Mauer ein gewisser Rico im Elektrogeschäft meines Onkels eine Lehre begonnen. Der Junge komme aus der Zone, sagten die Alten, er habe mit seinen Eltern ausreisen dürfen. Leider war Rico nicht sehr gesprächig, und wenn er mal sprach, verstand ich ihn schwer. Er kam aus Sachsen. Das genügte nicht, um mich im Herbst '89 gleich für Ricos ganzes Volk zu freuen.

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Seite 1
iosono3 08.10.2010
1. Bayern
das schönste ,wirtschaftlich erfolgreichste Bundesland und auch das stärkste...............und als erster beim Jammern......siehe Pendlerpauschale. Jammerbajuwaren-sie müssten eigentlich die letzten sein wenn es um's jammern geht,oder?
pathfinder78 08.10.2010
2. Endlich sagts mal einer...
Sehr schöner Artikel, es ist doch so im Westen wie im Osten: Die, die am meisten meckern, wissen doch am wenigsten über den anderen.
sikasuu 08.10.2010
3. Da steht niemand jemand im Weg!
Zitat von sysopWie die Westdeutschen der inneren Einheit Deutschlands im Wege stehen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,721781,00.html
.... Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt... . hat nie jemanden wirklich interessiert, war immer aufgesetzte Phrase. Politiker, für die nicht, da ging es um Macht, Geschäft... Aber der kleine Mann/Frau...? . Ob in China, Ostpreussen oder Sachsen ein Sack Reis umfiel war egal. Im Eigenen Dorf, Stadt, Stadtteil, das war und ist auch heute noch wichtig. . Mauer, Weihnachten ne Kerze ins Fenster, Päckchen in die Zone.... Fensterreden, wie Sonntags in die Kirche und dann 6 Tage wieder Steuern hinterziehen, oder die Frau/ die Angestellten betrügen... :-) . Was soll dieses Einheitsgerede? Sind wir wieder wer? . Zum Vereinigungsbonus hier ein netter Link: http://www.generationenprojekt.de/1990/Deinert-1990.html . Dann werd ich jetzt mal nach drüben machen, aber ich glaube ich werde es nicht finden. . Gruss Sikasuu
glubschi 08.10.2010
4. Jammern unter diesen Voraussetzungen kein Wunder?
---Zitat--- Ich war kein Freund der Wiedervereinigung. Das mal vorweg. Von mir aus hätte es damals keine Revolution geben müssen. Ich war damals 14 Jahre alt und versprach mir persönlich nichts davon. Es ging uns doch bestens. Damals im Westen. ---Zitatende--- Stopped reading there. Ich war beim Mauerfall fast gleich alt (13) und wusste als Wessi ebenfalls herzlich wenig über die Lebenswirklichkeit im Osten, aber das war es wohl an Gemeinsamkeiten. Für mich traf nämlich viel eher die Aussage "jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" zu. Insofern kann ich mich mit einem "Jammerwessi" nicht identifizieren und deshalb habe ich mir dann den Rest des Artikels konsequenterweise auch gleich ganz geschenkt. :-)
wowo1963, 08.10.2010
5. Jammerwessis
Ein wirklich interessanter Ausdruck " Jammerwessis". Ich kannte Ihn bisher nur unter " Jammerossis", die sich auf Kosten der Westdeutschen ein schönes Leben machen und dennoch ständig mit allem unzufrieden sind. Dies liegt vermutlich an der sozialistischen Erziehung im Arbeiter und Bauernstaat. Der Artikel ist als Provokation gedacht und sollte auch als solche gesehen werden. Seid 20 Jahren schleifen wir Wessis die Ossis mit durch und ein Ende ist leider nicht in Sicht. LEIDER.....
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