AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2010

Humor "Es geht um Respekt"

Die Komikerin Ilka Bessin, 38, alias Cindy aus Marzahn, über das Witz-Potential der deutschen Unterschicht, ihre eigene Arbeitslosen-Vergangenheit und Ursula von der Leyen.

DPA

SPIEGEL: Frau Bessin, noch vor wenigen Jahren waren Sie arbeitslos, heute füllen Sie als Unterschichts-Ikone Cindy aus Marzahn große Hallen, wurden beim Deutschen Comedypreis gerade wieder zur besten Komikerin des Landes gekürt und bescheren RTL Traumquoten. Macht Ihnen der Luxus, den Sie sich nun leisten können, mitunter ein schlechtes Gewissen?

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Heft 42/2010
Paarlauf ins Kanzleramt

Bessin: Ich weiß sehr zu schätzen, wie gut es mir geht. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, denn ich arbeite oft 15, 16 Stunden am Tag. Dafür werde ich mehr als großzügig bezahlt.

SPIEGEL: Sie selbst haben, bevor Sie als Cindy berühmt wurden, längere Zeit von Arbeitslosengeld gelebt.

Bessin: Umso krasser kommt es mir vor, dass ich mir jetzt nicht mehr überlegen muss, ob ich mit meinem Geld auskomme. Ich kaufe zwar immer noch bei H & M, aber nur, weil ich mit meiner Statur in die meisten Klamotten aus anderen Läden nicht hineinpasse. Es mag sich doof anhören, aber der Grund, weshalb ich so viel arbeite, ist: Ich habe Angst davor, wieder arm zu sein.

SPIEGEL: Der Hartz-IV-Satz soll nach der Erhöhung bei 364 Euro liegen. Reicht das zum Leben?

Bessin: Deine Miete wird bezahlt, du bekommst einen Zuschuss beim Kauf einer Waschmaschine. So weit in Ordnung. Aber dann wird es heikel: Für Bekleidung und Schuhe hat ein Hartz-IV-Empfänger monatlich höchstens 40 Euro zur Verfügung - dafür kriegst du ein Paar Treter in einer Billigklitsche, die halten kein Jahr, dann brauchst du neue. Für Gaststättenbesuche sind sieben Euro pro Monat vorgesehen, damit wirst du auch nicht froh. Hartz IV reicht, um zu überleben. Aber es reicht nicht, um etwas zu erleben. Wer keinen Job hat, möchte trotzdem mal ins Kino oder zum Billardspielen.

SPIEGEL: Die Regierung will das Geld für Zigaretten und Alkohol ganz streichen.

Bessin: Wer das entschieden hat, weiß nicht, wie gut nach einem Tag voller Absagen ein Glas Bier tut, bei dem man sich sagt: Das wird schon, morgen hast du mehr Erfolg mit deinen Bewerbungen. Und er denkt nicht daran, dass diese Menschen vielleicht 20, 30 Jahre im Beruf waren, bevor sie arbeitslos wurden. Die haben immer geraucht - sollen sie jetzt zum Aufhören gezwungen werden? Vor längerer Zeit war ich zu Gast bei "Anne Will", es ging um soziale Gerechtigkeit in Deutschland. Eingeladen war auch Thilo Sarrazin, damals Finanzsenator von Berlin. Er hatte gerade einen Selbstversuch hinter sich, nach dessen Ende er zu dem Schluss gekommen war, man könne sich von knapp vier Euro am Tag gut und gesund ernähren; so viel steht einem Hartz-IV-Empfänger für Verpflegung zu. Sarrazin erklärte mir allen Ernstes, man könne ja ausschließlich Leitungswasser trinken. Hallo? Vielleicht darf auch ein Arbeitsloser sich mal ein Luxusgetränk gönnen wie Apfelschorle oder Kaffee?

SPIEGEL: Als Cindy vereinen Sie jetzt so ziemlich alle Unterschichtsklischees, die Leute wie Sarrazin attackieren.

Bessin: Für mich gibt es das gar nicht, Unter- und Oberschicht.

SPIEGEL: Cindy ist dick, grell geschminkt und trägt einen rosa Jogginganzug. Sie berlinert, pöbelt rum und sagt gern "Fotze" oder "kotzen".

Bessin: Gut, sie ist vielleicht ein bisschen laut. Cindy ist ein Mädchen mit Angst vor der Zukunft, aber auch mit Träumen. Wenn sie hinfällt, steht sie wieder auf. Sie denkt pragmatisch, sie sagt: "Warum jeht det janze Jeld nach Griechenland? Wenn wir die Hälfte hierlassen würden, ginge es uns besser, dann könnte Hartz IV um zehn Euro steigen statt um fünf!"

SPIEGEL: Ist Cindy nicht eine Einladung, sich von oben herab über Hartz-IV-Empfänger zu amüsieren?

Bessin: Ich fände es schlimm, wenn Leute auf einem so hohen Ross säßen, dass sie auf Cindy herabblickten. Die Figur Cindy gibt Hartz-IV-Empfängern eine Stimme. Ihr hört man zu. Das war bei mir damals auf dem Arbeitsamt nicht der Fall.

SPIEGEL: Auch andere Comedians haben mit Unterschichtfiguren große Erfolge: Prolls wie Atze Schröder, aber auch Olli Dittrich als Imbiss-Philosoph Dittsche.

Bessin: Die Zuschauer finden es gut, wenn einer aus dem Volk auf der Bühne steht. Ein Dittsche hat vielleicht nicht studiert, aber er ist ungeheuer lebensklug. Cindy übrigens auch.



insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
aristophanis, 21.10.2010
1. komikerin?
Zitat von sysopDie Komikerin Ilka Bessin, 38, alias Cindy aus Marzahn, über das Witz-Potential der deutschen Unterschicht, ihre eigene Arbeitslosen-Vergangenheit und Ursula von der Leyen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,723720,00.html
die frau ist nicht komisch.sie ist dick und das wars.
archie, 21.10.2010
2. Nee
Der weibliche Mario Barth, oder was?
sprechweise, 21.10.2010
3. Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist das Berücksichtigen aller Aspekte. Wenn nur aus der Perspektive von Hartz 4 Empfänger geschaut wird, aber nicht auch aus der Perspektive von denen, die Hartz 4 finanzieren, dann ist das ein Fall der Ungerechtigkeit.
stesoell 21.10.2010
4. Oo
Es gibt keinen Zuschuss mehr für eine Waschmaschine. Zinsloses Darlehen - zurückzuzahlen mit einer mtl. Rate von 10% des Regelsatzes - ist nach Einzelfallentscheidung möglich. BTW: Warum lese ich noch nix von NadA und Herrn Barwasser. Die Sendung war am Dienstag. Tagesspiegel hats auch schon geschafft - und SpOn?
germanexpat 21.10.2010
5. Endlich
Mit der Dicken gehts wohl endlich bergab weil sie seit zwei Wochen ueberall Interviews gibt. Sie spielt sich nur selbst als Asoziale und ist voellig intelektlos und unlustig.Aber da sind noch ein paar mehr sogenannte "Comedians" auf dem gleichen Niveau. Armes Deutschland eure ganze Unterhaltungsindustrie ist unterirdisch, nachmahmend und grottenschlecht, nur gut das jeder von euch auch dafuer bezahlen muss. Es lebe die GEZ und die billigen Privaten. Respekt muss man sich verdienen oder reicht es schon wenn man ueber Jahre Hart4 bezieht, im Jammern sind die deutschen so oder so Weltmeister.
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