Finanzinvestoren Unter die Gürtellinie

Zum Ärger vieler Autofahrer erhöht Tank & Rast die Toilettengebühren. Die Aktion ist der Höhepunkt eines internen Machtkampfs mit den Pächtern.
Von Katharina Fuhrin, Peter Müller und Janko Tietz

Groß oder klein? Wenn's ums Geschäft geht, machen deutsche Autobahnraststätten wie die im Zweidorfer Holz an der A 2 bei Braunschweig noch einen weiteren Unterschied: Bedürftige Erwachsene müssen WC-Gebühren zahlen, Kinder dürfen gratis unter einer Schranke durchhuschen. Neuerdings spielen sich aber an den Drehkreuzen bisweilen unwürdige Szenen ab.

Tank & Rast

Immer öfter drücken sich auch reifere Semester unter der Absperrung durch. An vielen Raststätten erhebt die Betreiberfirma statt der bislang üblichen 50 Cent nun 20 Cent mehr. Der Coupon, den man anschließend an der Kasse einlösen kann, um damit zum Beispiel ein Getränk mitzufinanzieren, ist aber nach wie vor nur 50 Cent wert.

"Total unverschämt" findet das eine Berliner Studentin und quetscht sich illegal unter der Schranke durch. Was auf den ersten Blick wie eine harmlose Preiserhöhung aussieht, die das Gros der Deutschen nicht in den Ruin treiben wird, ist indes die vorerst letzte Eskalationsstufe in einem Streit zwischen den Raststättenpächtern und -besitzern. Da tobt ein Machtkampf, der sich auf die schlichte Formel bringen lässt: Auch Pinkeln ist ein Profit-Center.

"4,50 Euro für einen Liter Cola"

Aber vor sechs Jahren wurde Tank & Rast für 1,1 Milliarden an den britischen Finanzinvestor Guy Hands und dessen Terra Firma weitergereicht - seither werden die Objekte mit allen Mitteln auf Profit getrimmt. "Der Rahmenvertrag ist von Seiten des Bundes viel zu weich formuliert", kritisiert der Grünen-Verkehrsexperte Anton Hofreiter. Das sieht auch Tank & Rast so: "Das neue Konzept verstößt eindeutig nicht gegen den Rahmenvertrag", so ein Firmensprecher. Dieser sehe lediglich eine "unverbindliche Bemühensklausel im Rahmen der unternehmerischen Freiheit von Tank & Rast vor, jedoch keine rechtliche Verpflichtung".

Die Pacht für manche Anlagen wurde mittlerweile mehr als verdoppelt, vielen Partnern gekündigt. Die Betriebsgewinne fließen zu einem großen Teil an Tank & Rast ab, den Betreibern wird lediglich ein maximaler Jahresgewinn zugestanden. Wird der überschritten, erhöht der Konzern gern mal die Abgaben.

Viele Pächter beklagen zudem, dass sie keinerlei unternehmerische Freiheiten mehr hätten. Tank & Rast schreibe vor, wo man seine Waren einzukaufen habe. Um in den Genuss des zentralen Einkaufs zu kommen, wird eine "Einstiegsgebühr" von 10.000 Euro fällig - für Tankstelle und Gastronomie getrennt. "Der zentrale Wareneinkauf ist ein Gesamtsystem mit vielen Vorteilen für die Pächter", argumentiert dagegen das Unternehmen. Der Konzern mischt sich bis in die Preisgestaltung ein: "Ich muss einen Liter Cola für 4,50 Euro verkaufen, nur damit der Renditehunger von Terra Firma gestillt wird", beklagt ein Gastwirt an der A 2.

Immer weniger Pächter, immer höhere Rendite

Immer weniger Pächter sollen für immer höhere Rendite sorgen. Und obwohl der Bund dem Unternehmen mit dem Ausbau von Lkw-Parkplätzen an den Rasthöfen 440 Millionen Euro für die Jahre 2011 bis 2014 zur Verfügung stellt - Tank & Rast steht von zwei Seiten unter Druck. Einerseits fordert der Bund auch jedes Jahr Konzessionsabgaben in Höhe von rund 15 Millionen Euro. Andererseits verlangt Terra Firma Profite. Die Dummen seien die Betreiber, ärgert sich Willy Habermeyer, Sprecher der Tankstellenpächter und selbst Betreiber von vier Raststätten in Bayern.

Nun reichen die Methoden zur Profitmaximierung eben bis unter die Gürtellinie. Tank & Rast begründet die jüngste WC-Preiserhöhung mit einem "deutlich verbesserten Leistungsumfang". So hingen im Eingangsbereich nun moderne Defibrillatoren. Eltern fänden liebevoll eingerichtete Wickelräume mit Wärmestrahlern und Kindertoiletten vor. Tatsächlich sind die heutigen Anlagen der Tochterfirma Sanifair nicht mit den muffigen Sickergruben aus den alten Tagen zu vergleichen.

Aber Tank & Rast verschweigt gern, dass es für die heutige Hygiene nicht nur die Autofahrer, sondern vor allem die Pächter schröpft: 10.000 Euro werden von ihnen allein an Einstiegsgebühren für die Schulung an Sanifair-Anlagen verlangt. Ein WC-Mindestumsatz ist festgeschrieben.

Bei einer durchschnittlichen Raststätte wird mit rund 500.000 Toilettengästen jährlich kalkuliert. Das machte schon bei 50 Cent Gebühr 250.000 Euro, die ein Pächter an das Bonner Unternehmen zu zahlen hatte. Tank & Rast dagegen erklärt, es bekomme nur neun Cent pro Eintritt "als Investitionskostenzuschuss und Systembetriebsentgelt".

Vielleicht geht der Schuss aber ohnehin nach hinten los. Schon heute ist die Außenbepflanzung an einigen Raststätten mit Zäunen geschützt. Wolfgang Klages von der Braunschweiger Polizei befürchtet ein ganz neues Problem: "Wenn die Toiletten nicht kostenfrei sind, weichen die Leute eben aus."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.