AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2010

Autoren "Wo ist unser Held?"

Der amerikanische Bestseller-Autor John Grisham über Präsident Obama, die Tea Party und seine Vergangenheit als demokratischer Politiker im Parlament von Mississippi

Grisham: "Ich gehöre nicht ins literarische Establishment, ich will es auch nicht"
bernhardhuber.com/DER SPIEGEL

Grisham: "Ich gehöre nicht ins literarische Establishment, ich will es auch nicht"


SPIEGEL: Mr. Grisham , bisher haben Sie nur Thriller veröffentlicht. Jetzt haben Sie "Das Gesetz" geschrieben, ein Buch mit sieben Kurzgeschichten. Die Menschen, die Sie dort beschreiben, sind törichte, vernagelte Figuren, die nichts auf die Reihe bekommen. Warum verzichten Sie diesmal auf Ihre üblichen Helden?

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Heft 44/2010
Eine Nation verliert ihren Optimismus

Grisham: Als ich mit diesen Geschichten anfing, manche beschäftigen mich seit 20 Jahren, da glaubte ich noch, jede sei gut für einen Roman. Dann habe ich daran herumgebastelt und herumgespielt, wobei mir klarwurde, dass die Stoffe nicht reichen für einen langen Roman. Es hat sich so entwickelt.

SPIEGEL: Ihre bisherigen Bücher handeln vom Kampf zwischen Helden und Schurken, wobei das Gute siegt - das ist der ewige amerikanische Traum. Fällt es Ihnen heute schwerer als vor 20 Jahren, Helden zu konstruieren?

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John Grisham: "Wo ist unser Held?"
Grisham: Wir Amerikaner glauben noch immer, dass jedem, der arbeiten will und Opfer bringt, das Glück winkt, so dass er Großes leisten kann. Es gibt immer noch genug Helden im Kampf um Recht und Gerechtigkeit, die kleine Leute vertreten, denen BP auf die Füße getreten ist oder denen fälschlich Verbrechen zur Last gelegt werden, die ins Gefängnis kommen oder zum Tod verurteilt werden. Noch gibt es genügend Anwälte in den Schützengräben, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. Daran glaube ich nach wie vor. Natürlich gibt es auch Anwälte, die ich nicht mag, weil es ihnen ums Geld geht und sonst um nichts: die BP verteidigen und andere Großkonzerne. Noch immer lassen sich wunderbare Geschichten über diesen Kampf erzählen, obwohl ich einräumen muss, bei meinem neuen Roman "The Confession", der in dieser Woche in den USA und Großbritannien herausgekommen ist, habe ich mich beim Schreiben gefragt: Wer ist der Held? Wo ist unser Held?

SPIEGEL: Sie erzählen in diesem Roman die Geschichte eines Footballspielers, der zu Unrecht zum Tod verurteilt wird wegen eines Mordes an einer Cheerleaderin. Sind Sie heute noch genauso zuversichtlich wie vor 25 Jahren, als Sie mit dem Schreiben anfingen, dass Amerika auf gutem Wege ist?

Grisham: Das ist wirklich schwer zu sagen. Als Obama vor zwei Jahren die Wahl gewann, hat das großen Optimismus ausgelöst - wir konnten gar nicht glauben, dass wir jemanden wie Obama zum Präsidenten gemacht hatten. Seine Inauguration war ein stolzer Moment. Das ist nicht lange her. Aber die Politik in Washington, der Kongress, ist so schlimm, wie sie immer schon war. Die Wirtschaft erholt sich nicht. Aus diesen beiden Kriegen kommen wir nicht heraus. Den amerikanischen Traum gibt es schon noch, aber es ist schwierig, Leute davon zu überzeugen, die ihr Haus und den Job verloren haben.

SPIEGEL: Sind Sie von Obama enttäuscht?

Grisham: Nein, ich bin immer noch sein Anhänger. Ich glaube, er wird wiedergewählt werden, und hoffentlich kann er dann in seiner zweiten Amtszeit tun, was er tun will, und für Fortschritt sorgen, für Change. Heute hat Obama jeden Tag eine neue Krise: BP, die Moschee in New York, den verrückten Pastor, der den Koran verbrennen wollte. Sie machen Obama für die Moschee, für BP verantwortlich - so ist die Politik nun einmal.

SPIEGEL: In Ihren Storys wimmelt es von Menschen, die Verschwörungstheorien und Gerüchte lieben. Alles potentielle Anhänger der fundamentalistischen Tea Party.

Grisham: Ja, sie denken ganz ähnlich. Im ländlichen Süden sind die Weißen extrem konservativ. In dieser Kultur, in dieser Umgebung bin ich aufgewachsen. Jetzt fällt es mir schwer, dort zu sein, weil die Politik so sehr spaltet.

SPIEGEL: Selbst gemäßigte Republikaner sind verblüfft über die Wut der Tea Party auf den Präsidenten. Ist Rassismus der Kern dieser Graswurzelbewegung?

Grisham: Ich verstehe die Frustration über die Regierung, aber das ist nichts Neues. Die Regierung ist schon seit Jahren zu groß und zu teuer. Rassismus ist sicher ein wichtiger Faktor, denn diese Leute möchten nicht, dass Obama Erfolg hat.

SPIEGEL: Sie akzeptieren nicht, dass er im Weißen Haus sitzt.

Grisham: 25 Prozent dieser Leute glauben, dass er nicht in den USA geboren wurde oder Muslim ist. Wie argumentiert man mit solchen Leuten? Darunter sind viele Fanatiker. Ich verstehe ihre Frustration über Washington, der Senat ist so dysfunktional wie kein anderes gewähltes politisches Gremium in diesem Land. Sie verabschieden nichts, sie reden nicht miteinander. Der Graben zwischen beiden Parteien ist so tief, da herrscht Krieg.

SPIEGEL: Und was stört Sie am meisten an der Tea Party?

Grisham: Ich verstehe nicht, wo diese Leute vor zwei Jahren waren. Sie sind dieselben Leute, die Bush zweimal gewählt haben, und dennoch behaupten sie, sie seien eingefleischte Konservative, denen das Haushaltsdefizit missfällt. Niemand hat tiefere Löcher gerissen als Bush, aber diese Leute gingen damals keineswegs auf die Straße.

SPIEGEL: Bush war ihr Präsident.

Grisham: Ja.

SPIEGEL: Und nun ist Obama der Präsident.

Grisham: Genau. Und so ist eine äußerst rechtslastige konservative Bewegung mit einem Schuss Rassismus entstanden.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
unkultur 02.11.2010
1. Tittel
Zitat von sysopDer amerikanische Bestseller-Autor John Grisham über Präsident Obama, die Tea Party und seine Vergangenheit als demokratischer Politiker im Parlament von Mississippi http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,726154,00.html
Vorsicht, freilaufende Praktikanten bei SPON: Bilderreihe zum Artikel, Bild 3von7, da wird das Tea-Party-Poster, das Obama als "Joker" geschminkt zeigt, als "rassistisches Poster" bezeichnet. Leute... ein wenig mehr Augenmaß, positive Diskriminierung bleibt Diskriminierung, und einen "schwarzen" Präsidenten gegen JEDE Art von Kritik mit der Rassismuskeule verteidigen zu wollen tut einer guten Sache einen schlechten Dienst.
CHANGE-WECHSEL 02.11.2010
2. logisch und nüchtern betrachtet
Zitat von sysopDer amerikanische Bestseller-Autor John Grisham über Präsident Obama, die Tea Party und seine Vergangenheit als demokratischer Politiker im Parlament von Mississippi http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,726154,00.html
Was Grisham so erfolgreich macht, ist die Tatsache, dass er ein Fast-Food-Schreiber ist. Und Fast-Food kommt in den USA und anderen Ländern halt gut an. Weil die meisten Menschen die Eigenschaft des Denkens nicht beherrschen. Eine Fast-Food Gesellschaft ist konsumorientiert und nicht selbständig denkend. Was den Amerikanischen Traum betrifft, so gibt es diesen nicht. Dies ist ein Ammenmärchen um die Masse der Bevölkerung bei der Gier zu halten und die Besitzstandwahrer bei ihrem Besitz. Außerdem ist der Traum nichts anderes wie der Traum von Reichtum. Dies ist nicht besonders eine außerordentliche Eigenart eines intellektuellen Menschen. Scheinbar hat aber Grisham ein Problem mit intellektueller Literatur, deshalb tut er sich so schwer diese zu lesen. Grisham ist nur ein Fast-Food-Schriftsteller im amerikanischen Traum der Gier und Ausbeutung. Er hätte wohl eher Republikaner werden sollen und nicht Demokrat. Der Wunsch nur ein Demokrat zu sein, macht noch lange keinen Demokraten. Doch dies fällt unter anspruchsvolle, intellektuelle Literatur.
specchio, 02.11.2010
3. Wahrheit
Dan Brown hat mal gesagt, es sei für ihn schon beeindruckend, dass man morgens um vier im Pyjama aufschreibt, was weltweit Beachtung findet. So ungefähr hat er das gesagt. Das ist doch ein toller Gedanke. Da sitzt er, denkt nach, et voilà eine tolle Geschichte, die fremde Leute lesen wollen, obwohl die Geschichte gar nicht wahr ist.
distributer 02.11.2010
4. jo
Zitat von unkulturVorsicht, freilaufende Praktikanten bei SPON: Bilderreihe zum Artikel, Bild 3von7, da wird das Tea-Party-Poster, das Obama als "Joker" geschminkt zeigt, als "rassistisches Poster" bezeichnet. Leute... ein wenig mehr Augenmaß, positive Diskriminierung bleibt Diskriminierung, und einen "schwarzen" Präsidenten gegen JEDE Art von Kritik mit der Rassismuskeule verteidigen zu wollen tut einer guten Sache einen schlechten Dienst.
Hatte mich auch gewundert :) Wobei, nun zu seinen Aussagen im Interview. Eigentlich ein recht logisch denkender Mensch. Bis auf den Part: "War Busch ihr Praesident?", "Jawohl!" und "Ist nun Obama ihr Praesident?", "Jawohl!" hihi
sponner_hoch2 02.11.2010
5. Titel
Zitat von specchioDan Brown hat mal gesagt, es sei für ihn schon beeindruckend, dass man morgens um vier im Pyjama aufschreibt, was weltweit Beachtung findet. So ungefähr hat er das gesagt. Das ist doch ein toller Gedanke. Da sitzt er, denkt nach, et voilà eine tolle Geschichte, die fremde Leute lesen wollen, obwohl die Geschichte gar nicht wahr ist.
Naja, damit hat Dan Brown dann doch nur das Prinzip verbalisiert, mit dem sich die Blaupause[1] für globale Konzerne schlechthin schon seit Jahrzehnten, ach was sag ich, Jahrhunderten, ach, Jahrtausenden ganz gut im Markt hält. Und das nicht nur, ohne nach Teil 2 eine einzige Fortsetzung geschrieben zu haben, sondern dahingehende Versuche strikt zu unterbinden. Also alles wie immer auf Muttern Erde. [1] Die Kath. Kirche :-)
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