AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2010

Weltwirtschaft Rückschläge auf breiter Front

Handelshürden, Währungskrieg, Kapitalkontrollen: Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise mehren sich die Spannungen zwischen den Industrienationen, der freie Welthandel gerät unter Druck. Die protektionistischen Maßnahmen treffen besonders Export-Vizeweltmeister Deutschland.

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Der Berliner Politikbetrieb kennt eine eherne Regel: Je größer die Sorge, desto verkrampfter die Rhetorik.

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Heft 45/2010
Warum Männer immer noch zu viel von Frauen erwarten

Gemessen daran werden Mitglieder der Bundesregierung in jüngster Zeit von regelrechten Angstattacken heimgesucht, wenn der freie Welthandel zur Sprache kommt. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) etwa hält die Berichte über Währungs- und Handelskriege, Devisenschlachten und Abwertungswettläufe für ein "Wetterleuchten".

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat das "Gespenst des Protektionismus" ausgemacht, das sich hinterhältig zu tarnen weiß. "Es gibt viele Verkleidungsstücke für Protektionismus", warnt der Liberale. Angesichts der drohenden Gefahr fühle er sich als "Missionar" für Freihandel und Globalisierung, bekannte Brüderle jüngst.

Das politische Berlin erregt sich nicht ohne Grund. Nach Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren war es der internationalen Staatengemeinschaft zunächst gelungen, den drohenden Absturz der Weltökonomie mit gemeinsamen Aktionen zu Bankenrettung und Konjunkturförderung zu verhindern. Davon profitierte nicht zuletzt Deutschland, dessen Wirtschaft in diesem Jahr so stark zulegen wird wie seit 1991 nicht mehr.

Doch nun zeichnen sich in der globalen Nachkrisenökonomie neue dramatische Verwerfungen ab. Gleich an mehreren Stellen droht die bisherige Welthandelsordnung in Unordnung zu geraten:

  • Im Gefolge der Wirtschafts- und Finanzkrise haben viele Länder begonnen, ihre Märkte für ausländische Produkte abzuschotten, weil sie ihre Unternehmen schützen wollen.
  • Zwei der größten Wirtschaftsblöcke, China und die USA, sind dabei, einen Abwertungswettlauf ihrer Währungen in Gang zu setzen.
  • Wichtige Schwellenländer, allen voran Brasilien und Indonesien, schränken den Kapitalverkehr ein, was den globalen Geldkreislauf aus dem Takt bringen könnte.
  • Aus Verzweiflung über die trostlose Wirtschaftslage treibt die Regierung von US-Präsident Barack Obama eine diplomatische Offensive voran, die Länder mit chronischen Überschüssen in der Leistungsbilanz international an den Pranger stellen soll. Im Fadenkreuz: China, Japan und Deutschland.

Jede einzelne Entwicklung für sich ist bedenklich, zusammen stellen sie eine ernste Bedrohung für die Weltwirtschaft dar. Besonders gefährdet ist das Geschäftsmodell Deutschlands, das auf den Erfolg seiner Exportwirtschaft baut.

Jahrzehntelang war der Welthandel geprägt von Liberalisierung. Zölle wurden gesenkt oder abgeschafft, Handelshemmnisse beseitigt. Das setzte Wachstumskräfte frei und mehrte den Wohlstand weltweit. Über Jahre hinweg wuchs der Welthandel stärker als die Wirtschaftsleistung. Ein deutliches Indiz für jene produktiven Effekte von Arbeitsteilung und Handelsfreiheit, von denen schon der schottische Ökonom Adam Smith zu berichten wusste: Alle profitieren, wenn jeder das herstellt, was er am besten kann.

Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs drohen nun Rückschläge auf breiter Front - wenn es den Staats- und Regierungschefs aus den großen Industrie- und Schwellenländern, den G20, nicht gelingt, sich auf eine gemeinsame Lösung der Probleme zu einigen. In dieser Woche treffen sie sich in Südkoreas Hauptstadt Seoul, um wieder einmal über den Zustand der Weltwirtschaft zu beraten. Ganz oben auf der Tagesordnung stehen Währungskrieg und Ungleichgewichte im Handel.

Für Export-Vizeweltmeister Deutschland steht viel auf dem Spiel. Das Land erlebt gerade ein unerwartetes Job- und Wachstumswunder, vor allem dank der großen Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen auf den Weltmärkten. In diesem Jahr wird die Wirtschaft voraussichtlich um rund 3,5 Prozent wachsen, vielleicht sogar mehr.

Erfolg weckt Missgunst

Der Erfolg weckt Missgunst, besonders unter den Staaten, die sich nur schleppend aus der Krise befreien können, allen voran die USA. Den Erfolg der anderen sieht Amerikas Regierung als Ursache für die eigene Misere. Chinas und Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse verhinderten, dass diese Länder selbst genug Nachfrage entfalten, um schwächeren Staaten zu helfen, mäkelt US-Finanzminister Timothy Geithner seit langem.

Mit ähnlichen Argumenten nahm Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde vor Monaten Deutschland ins Visier. Vor zwei Wochen ließ Geithner dem Genörgel Taten folgen. Er schlug einen Mechanismus vor, der Überschussländer dazu verpflichtet, ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik so zu ändern, dass die Inlandsnachfrage stimuliert werde. Dann könnten diese Länder auch mehr importieren, meint Geithner. Im Klartext: Die Überschussländer sollen zugunsten der USA freiwillig auf Wettbewerbsvorteile verzichten.

Auf dem G-20-Finanzministertreffen konnte sich der Amerikaner vor zwei Wochen noch nicht durchsetzen. Jetzt hat US-Präsident Barack Obama die Angelegenheit zur Chefsache erklärt. Er gibt sich wild entschlossen, das Thema beim Gipfel in dieser Woche voranzubringen.

In Memoranden und Kommuniqué-Entwürfen bombardieren Weißes Haus und US-Finanzministerium die Partnerländer mit ihren Vorstellungen. Danach sollen Staaten unter verschärfte Beobachtung geraten oder ihre Politik ändern müssen, wenn ihre Leistungsbilanz einen Überschuss oder ein Defizit von mehr als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufweist. An dieser quantitativen Vorgabe halten die Amerikaner verbissen fest.

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Seite 1
alpha0711 09.11.2010
1. ...
Die anderen Staaten können auch nichts dafür das wir in D einen miserablen Binnenkonsumlevel haben. Sinnvolle Investitionen wie Förderung des Wohnungsbaus wurden gestrichen.Das wäre eine Möglichkeit langfristig für Wohlstand zu sorgen (Aber das ist auch nicht gewünscht) Die Wirtschaft benötigt billige Lohnsklaven. Sollte jedem Vollid... klar sein das wir nur vom Export allein bald nicht mehr leben können. Ein System das Probleme bekommt wenn mal nicht 3% Wachstum zu verzeichnen ist , ist ein kaputtes System.
_a_sozial 09.11.2010
2. Usa
Eine Nation deren Ex-Präsident sich mit Folter brüstet sollte mal ganz schnell ein STOP gesetzt weden. Wenn Angie das nicht kann dann soll es der Chef der KP Hu Jintao machen und beginnen die Ami-Anleihen auf den Markt zu werfen. Mal sehen wie schnell der Ami dann ruhig ist. Wenn die Chinesen das machen sollten dann ist Klopapier bald mehr wert als der Dollar. Ganz zu schweigen von der zweiten Immobilienblase bai den Amis nicht bei den privaten Immobilien sondern bei den gewerblichen da wird doch Ende diesen Jahres bis Mitte nächsten Jahres noch mal fast ein Billionen Dollar an Krediten fällig. Wacht auf Leute da stirbt ein Riese und versucht alle mit ins Grab zu ziehen! Ahmadinedschad ist ein Diktator und schlechter Mensch keine Frage aber hoffentlich fängt er bald an und handelt sein Öl in Euro. Schlimmer könnte er seinem Erzfeind Amerika gar nicht treffen und wir wären auch ein paar Sorgen los!
vHayekFan 09.11.2010
3. der Musterschüler
Aber klar doch, Deutschlands Exportüberschüsse haben nur mit dem Fleiss und der Findigkeit der Menschen zu tun und nichts mit jahrelangem Lohn und Sozialdumping, dass sich unter anderem darin gezeigt hat, dass selbst im Aufschwung vor der letzten Krise die Realeinkommen gesunken sind, der Binnenkonsum schon lange rückläufig ist (auch wenn die GfK in schöner Regelmässigkeit beste Kauflaune festzustellen meint) und entsprechend die Importe schwächeln. Zeigt sich auch an der Lohnquote, der Vermögensverteilung... Na dann sollten das natürlich alles so machen und so findig sein wie die Deutschen, beständig sinkende Löhne zu erzwingen (und ja: die wurden durch politische Entscheidungen wie die Ausweitung der Zeitarbeit und den Druck auf die Arbeitslosen zu jedem Lohn zu arbeiten erzwungen). Ist zwar auch reiner Protektionismus, aber wen störts. Interessant auch dies: "Ohnehin empfinden die Deutschen den Zielkorridor von vier bis minus vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts als Akt reiner Willkür." In der Tat? und nun zum Fetischismus um die ebenfalls rein willkürliche 3%-Maastricht-Grenze, dem welches Land gerade wieder besonders huldigt?
Müssen 09.11.2010
4. Hach
Das arme Deutschland,immer sind es die anderen.
Kenaj_1 09.11.2010
5. nuja
Zitat von sysopHandelshürden, Währungskrieg, Kapitalkontrollen: Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise mehren sich die Spannungen zwischen den Industrienationen, der freie Welthandel gerät unter Druck. Die protektionistischen Maßnahmen treffen besonders Export-Vizeweltmeister Deutschland. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,727903,00.html
also ich glaube nicht, dass es so gefährlich ist und erst recht nicht, dass es ein zweites 1930 gibt - dazu ist die Welt zu multipolar - wenn die amis ihr währung abwerten, dann verkaufen wir unsere waren halt nach china, brazilien oder indien... und kaufen mit dem schönen starken euro auch ncoh die letzten reste der amerikanischen industrie... oder ihr häuser... oder sonstewas halt, was da drüben noch wert hat :) aber dennoch, handelshemmnisse sind einfach irrational (langfristig)
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