Fotostrecke

Katholische Kirche: Schwulenfeindlichkeit und Rechsruck

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Kirche "Verweiblichtes Verhalten"

Der homosexuelle Theologe und Buchautor David Berger über die Homophobie und den Rechtsruck der katholischen Kirche

katholische Kirche

SPIEGEL: Herr Berger, Sie bezeichnen die als eine schwulenfeindliche Organisation. Warum sind Sie dann als homosexueller Theologe erst nach Jahren ausgestiegen?

Berger: Weil so ein Ausstieg keine Sache von Tagen ist. Schon als Kind wollte ich Pfarrer werden, doch spätestens nach dem Abitur wurde mir klar, dass ich die sexuelle Enthaltsamkeit, die das Zölibat verlangt, nicht würde leben können.

SPIEGEL: Und Sie sind trotzdem Theologe geworden?

Berger: Ja, weil die Kirche nie ihre Anziehungskraft für mich verloren hat. Meine Einstiegsdroge war die alte Messe, das tridentinische Hochamt. Mit 17 Jahren war ich bei den Piusbrüdern in Niederbayern. Was ich dort erlebte, war ein faszinierend ästhetischer barocker Traum mit Blattgold und Brüsseler Klöppelspitze. Ich konnte mich lange nicht davon lösen. Erst später wurde mir klar, womit ich da zu tun hatte, und der Traum wurde mehr und mehr zum Alptraum.

SPIEGEL: Weshalb?

Homosexualität

Berger: Weil mein eigenes Leben, mein Zusammenleben mit einem Partner, immer mehr in Widerspruch zu dem stand, was in meiner kirchlichen Umgebung geredet und gefordert wurde. Durch die Begeisterung für die alte Messe und die konservative Theologie geriet ich in konservative katholische Netzwerke von Adelssprösslingen, Industriellen und angesehenen Akademikern. Dort war absolut verpönt.

SPIEGEL: Wie hat sich das gezeigt?

Berger: Ich musste mir immer mehr menschenverachtende Positionen anhören. So wurde Hitler dafür gelobt, dass er Homosexuelle in Konzentrationslagern internieren und ermorden ließ. Irgendwann konnte ich dazu nicht mehr schweigen...

SPIEGEL: ... nachdem Sie und Ihre Karriere vorher von den Kontakten zu diesen rechten Kreisen lange profitiert hatten.

Berger: Wer in der katholischen Kirche Karriere machen will, muss spätestens seit dem Antritt von Papst Benedikt XVI. antimodern sein. Ich habe die eher progressive Theologie und linke Kirchenpolitik Karl Rahners kritisiert. So wurde man auf mich aufmerksam. Als Experte für den mittelalterlichen Denker Thomas von Aquin bin ich dann von fast allen rechtskonservativen Gruppen als Vortragsgast eingeladen worden. Ich hatte Kontakt mit den Sedisvakantisten, den Petrusbrüdern, der Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum, Una Voce, dem Opus Dei und den Dienern Jesu und Mariens.

SPIEGEL: Wie ging es bei den Treffen zu?

Berger: Diese Gruppen achten genau darauf, wer eingeladen wird. Sie haben sehr noble Tagungshäuser, manchmal stehen ehemalige Adelssitze zur Verfügung, oder man trifft sich in edlen Hotels. Alte Herren rauchen dann dicke Zigarren, trinken teure Rotweine und speisen gut. Es ist eine Parallelwelt, in der man der Moderne trotzen will.

SPIEGEL: Und worüber wird diskutiert?

Berger: Man redet über eine angebliche jüdische Weltverschwörung oder über die Frage, wie man die Kirche von Emanzen, Freimaurern und Homos freihalten kann. In Düsseldorf gab es viele Jahre "Herrenabende", die ein Steuerprüfer organisierte. Sie wurden zunehmend zum Lebenszentrum eines rechtskatholischen Netzwerks. Bei einem der Treffen, zu denen auch regelmäßig hohe Kleriker kamen, regte sich mein Tischnachbar, ein emeritierter Universitätsprofessor, über die Schwulenparaden zum Christopher Street Day auf: "Statt sich in eine Ecke zu stellen, sich zu schämen und ganz einfach die Fresse zu halten, gebärden sie sich wie wild gewordene Schweine."

SPIEGEL: Warum haben Sie nicht da schon der Kirche den Rücken zugekehrt?

Berger: Viele Schwule finden sich in den klaren Hierarchien der Männerwelten katholischer Riten wieder. Ich habe bei Klerikern ein extrem verweiblichtes Verhalten kennengelernt, das ich von bestimmten Schwulenszenen sehr gut kannte. Da gibt man sich gegenseitig Frauennamen, legt größten Wert auf klerikale Gewandungen in allen Farben. Man denke nur an die Kosenamen, die sich Bischof Walter Mixa und sein befreundeter Heimleiter gaben: "Hasi" und "Monsi".

SPIEGEL: Hatten Sie den Eindruck, dass Ihre Homosexualität vielleicht sogar karrierefördernd war?

Berger: In Klerikerkreisen hat man mir immer wieder durch eindeutige Blicke, Umarmungen, Streicheln über die Oberarme und übermäßig langes Festhalten der Hände gezeigt, dass man nicht nur meine Arbeit sehr schätzte. Dass viele Prälaten homosexuell veranlagt waren, hat sicher ihre Bereitschaft erhöht, mir zu Ämtern zu verhelfen.

SPIEGEL: Und diese Herren waren nicht homophob?

Berger: Der Widerspruch zwischen teilweise offensichtlicher homosexueller Veranlagung und homophoben Äußerungen ist eine Form des Umgangs in der Kirche mit der eigenen, meist unterdrückten Neigung.

SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären.

Berger: Offensichtlich werden diejenigen, die ihren Trieben nachgeben, besonders heftig abgelehnt, wenn man die Veranlagung bei sich selbst so schmerzhaft unterdrückt. Mir ist im Laufe meiner engen Zusammenarbeit mit Klerikern immer deutlicher geworden, was ich lange nicht wahrhaben wollte: Die größte Schwulenfeindlichkeit geht in der katholischen Kirche von homophilen Geistlichen aus, die ihre Sexualität krampfhaft verdrängen.

SPIEGEL: Haben Sie diesen Druck selbst erlebt?

Berger: Ich war Herausgeber der Zeitschrift "Theologisches" und wurde bei jeder etwas liberaleren Meinungsäußerung vom Förderkreis zum ernsten Gespräch einbestellt. Opus-Dei-Leute waren stets zur Überwachung dabei. Ich dürfe nicht "Lebensgefährte" schreiben, das müsse "Unzuchtspartner" heißen. "Homosexualität" sei zu neutral. Man müsse von "widernatürlicher Unzucht" sprechen.

SPIEGEL: Was war am Ende der Auslöser für Ihren Ausstieg?

Berger: Der Auftritt des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck bei Anne Will, als er im Frühjahr während der Debatte um sexuellen Missbrauch Homosexualität als widernatürlich und Sünde bezeichnete.

SPIEGEL: War Ihnen nicht da spätestens klar, dass Sie schon zu lange mitgespielt hatten?

Berger: Statt für meine Rechte und die meines Lebensgefährten einzutreten, habe ich antidemokratische und antiliberale Gruppen unterstützt, die diese Rechte bekämpfen und in denen manche von einem fundamentalistischen katholischen Gottesstaat träumen oder allen Ernstes zu einem katholischen Dschihad aufrufen. Ich habe dabei selber mitgezündelt und war dann naiverweise erschrocken, als das ganze Haus brannte. Das bereue ich.

SPIEGEL: Klingt so, als ob Ihr Buch nun eine Beichte wäre. Doch Ihre früheren Kollegen sind nicht bereit, Ihnen Absolution zu erteilen.

Berger: Ein angesehener papsttreuer Theologe hat es auf den Punkt gebracht: Man hätte mir doch ermöglicht, diskret vom "Milieu" Abstand zu nehmen. Man bot mir also an, weiter scheinheilig Karriere machen zu können. Weil ich dieses kirchliche "Krisenmanagement" nicht mitmachen wollte, hieß es, ich hätte "unverfroren das Licht der Öffentlichkeit gesucht".

SPIEGEL: Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihrem Buch?

Berger: Ich will, dass die Kirche endlich ihre Homophobie thematisiert. Es muss anerkannt werden, dass ein großer Teil der katholischen Kleriker und Priesteranwärter in Europa und den Vereinigten Staaten homosexuell veranlagt ist.

SPIEGEL: Kann man Ihre Erfahrungen mit rechten Randgruppen wirklich auf die ganze Kirche übertragen?

Berger: Spätestens seit der Rehabilitierung der Piusbrüder mit einem Holocaust-Leugner an der Spitze ist klar, welchen Einfluss extrem konservative Kreise in der Kirche innerhalb weniger Jahre gewonnen haben. Was im engen Kreis der Herrenabende oder der Redaktionsrunden der Zeitungen und Zeitschriften, für die ich gearbeitet habe, anfangs noch diskret ausgetauscht wurde, ist nun von leitenden Klerikern zur offiziellen Doktrin der katholischen Kirche erklärt worden.

SPIEGEL: Wo sehen Sie das Ende dieser Entwicklung?

Berger: Die Angst vor der Welt, vor einer verdorbenen, gottlosen Zivilgesellschaft, von der man sich in der katholischen Kirche wie in einer Wagenburg abgrenzen will, führt in die Isolation. Vom weltoffenen Geist, der Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils ist kaum noch etwas zu spüren. Um sich zu verteidigen, setzt der Vatikan stattdessen zunehmend auf reaktionäre Truppen. Es kommt zum engen Schulterschluss mit Evangelikalen, Bibelfundamentalisten und extrem reaktionären Kräften. Eine fundamentalistische Parallelwelt ist aber der Weg von der Volkskirche zur Sekte.

Das Interview führten Anna Loll und Peter Wensierski