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Bildung Naher Osten

Mit aufwendigen Kampagnen werben ostdeutsche Hochschulen um Abiturienten aus den alten Ländern. Die machen neuerdings scharenweise rüber - weniger aus Neugier denn aus Not.
Von Felix Helbig, Maximilian Popp und Markus Verbeet

Nach einem Monat in der Fremde war Anastasia Klink, 19, klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Unterhielten sich ihre Mitbewohner im Studentenwohnheim, stand sie staunend daneben. In der Kneipe wusste sie nicht, was genau der Kellner wollte, und selbst beim Bäcker fühlte sie sich schon bei der Begrüßung unwohl.

Anastasia Klink studiert Religionswissenschaft in Leipzig. Die Stadt und die Uni gefielen ihr, sagt sie, und auch die Kommilitonen seien eigentlich nett. Wäre da nur nicht das Sprachproblem: "Sächsisch, das geht gar nicht", sagt die Studienanfängerin, geboren und aufgewachsen 270 Kilometer weiter westlich, in Gießen.

Deshalb sitzt sie nun in einem Seminarraum ihrer Universität und paukt den Landesdialekt. "Nischt so schüchdorn!", ruft die Sprachtrainerin und winkt mit Schildern: "Gonsonanden", "Wogahle". Klink sitzt in der letzten Reihe und lächelt ratlos, als die Sprachtrainerin dann Goethes "Zauberlehrling" in schönstem Sächsisch vorträgt. "Ich versteh kein Wort", klagt eine Austauschstudentin aus Amerika. "Ich auch nicht", sagt Klink.

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Hochschulen: Die Studenten entdecken die Ost-Unis

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Ob der Sprachkurs, angeboten für Westdeutsche und andere Fremde, nun wirklich Überlebenshilfe für Studenten oder doch eher ein Marketing-Gag der Universität ist: Eine Trendwende bezeugt er allemal. Zwanzig Jahre nach der Einheit haben westdeutsche Schulabgänger gemerkt, dass die Mauer gefallen ist.

Rekordansturm aus Westdeutschland im Wintersemester

Nach neuesten, teils unveröffentlichten Zahlen gibt es in diesem Wintersemester überall in Ostdeutschland einen Rekordansturm aus Westdeutschland. Heute kommt in Thüringen und Sachsen-Anhalt mehr als jeder vierte Anfänger aus dem Westen, in Mecklenburg-Vorpommern ist es gar mehr als jeder dritte. Der Anstieg ist auch dann gewaltig, wenn man Berliner Abiturienten nicht mitrechnet; lediglich in Brandenburg machen sie einen großen Anteil aus.

Dass es so lange gedauert hat, bis nicht nur Exoten oder Opfer der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in den Osten rübermachen, hat vielerlei Gründe. Zumindest einer hat nichts mit einer Ostphobie zu tun: Deutsche Erstsemester sind vielfach Stubenhocker. Bei der Wahl der Hochschule spielt für viele die Nähe zu Familie und Freunden die entscheidende Rolle, wie erst kürzlich die große Studentenspiegel-Umfrage von SPIEGEL, McKinsey und studiVZ bestätigt hat.

Das allein aber kann nicht erklären, warum die allermeisten Westabiturienten den Osten mieden. Vermutlich waren es auch Imageprobleme, wie sie Peer Pasternack wahrgenommen hat, Direktor am Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg - frei nach dem Motto: Das ist doch eigentlich Osteuropa. Zudem sei die Qualität von Forschung und Lehre in der Ex-DDR nach der Wende schwer einzuschätzen gewesen.

Einzelne neue Länder haben schon vor vielen Jahren versucht, westdeutsche Schulabgänger anzulocken, meist ohne großen Erfolg. Dabei ist für viele Osthochschulen ihre Attraktivität im Westen eine Überlebensfrage. Denn der Geburtenknick nach dem Mauerfall lässt die Zahl der Abiturienten in ihrer Nähe sinken, ohne Westimporte werden die Hochschulen schrumpfen oder schließen müssen.

Mecklenburg-Vorpommern schaltete in den neunziger Jahren große Anzeigen in Zeitungen. Sachsen schickt seit 2008 einen Truck auf PR-Tour, unter anderem nach Bayern: "Pack dein Studium". Und neuerdings haben sich die Ostländer zusammengetan, um unter dem Motto "Studieren in Fernost" gemeinsam zu trommeln. Die Uni Leipzig holte schon Erstsemester im Trabi an deren Wohnort ab, die Uni Rostock ließ Interessierte mit Robben schwimmen. Sogenannte Campus-Spezialisten sollen im Netzwerk schülerVZ anderen Westkindern erzählen: So schlimm ist's gar nicht im Osten.

Womit ostdeutsche Universitäten überzeugen

Ob die neuen Rekordzahlen auf diese Aktionen zurückzuführen sind, kann niemand sicher sagen. Franz Häuser, langjähriger Rektor der Universität Leipzig, glaubt nicht daran. Die Werbung sei albern und unnötig, "wir brauchen diesen Klamauk nicht", sagt er. Ostdeutsche Universitäten könnten auch anders überzeugen. Leipzig etwa habe gerade erst einen neuen Campus in der Innenstadt eröffnet, mit einer neuen Mensa und einer neuen Bibliothek, die rund um die Uhr geöffnet hat, sieben Tage die Woche.

Und Leipzig ist kein Einzelfall. Als Sabine Stoffner, 26, vor fünf Jahren aus Baden-Württemberg nach Halle zog, um Prähistorische Archäologie zu studieren, lernte sie schnell die im Vergleich zum Westen modernere Ausstattung schätzen, die kleinen Kurse, die engagierten Dozenten. Ihr Bruder erzählte ihr von Professoren in München, die Mitarbeiter zu Vorlesungen schickten, statt selbst zu unterrichten. In Halle hingegen antworteten Professoren auf E-Mails fast immer am selben Tag.

Exzellente Studienbedingungen

"Ich habe meine Entscheidung, in Halle zu studieren, nie bereut", sagt Stoffner. Nur zu Hause müsse sie sich rechtfertigen. "Meine Freunde kommen nicht mal zu Besuch."

Tatsächlich bieten viele ostdeutsche Hochschulen exzellente Studienbedingungen. "In die Ausstattung ist nach der Wende viel investiert worden, was sich immer noch positiv auswirkt", sagt Cort-Denis Hachmeister vom Centrum für Hochschulentwicklung. Vor wenigen Wochen haben die Hochschulberater aus Gütersloh eine Sonderauswertung ihres bekannten Rankings veröffentlicht. Die Studierenden bewerteten die Ausstattung ihrer Hochschulen. Die fünf neuen Länder belegen die Plätze eins bis fünf.

Im Westen dagegen sind die Hochschulen schon jetzt überfüllt, am vergangenen Mittwoch erst hat das Statistische Bundesamt einen neuen Studentenrekord verkündet: 2,2 Millionen. Dabei dürfte die Not noch größer werden. Die doppelten Abiturjahrgänge aus den großen Bundesländern kommen erst noch. Vom Wegfall des Wehr- und Zivildiensts ganz zu schweigen, der zusätzlich Zehntausende früher als gedacht an die Hochschulen führen wird.

"Günstiger geht's nirgends in der Bi-Ba-Bundesrepublik"

Wenn immer mehr Wessis nun in den Osten ziehen, dann treibt sie also wohl nicht nur die Neugier. Das Studium in den neuen Ländern ist zudem finanziell höchst attraktiv. Studiengebühren gab es nie, niedrige Lebenshaltungskosten schon immer. "Ein Leben wie hier könnte ich mir in Bayern niemals leisten", sagt David Gilch, 21, der vor wenigen Wochen aus Amberg in der Oberpfalz nach Halle zog, um dort Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Seine Freunde hatten ihn vor Ostdeutschland gewarnt: Mach es nicht, dort ist es dreckig, dort sind nur Nazis. Gilch weiß es heute besser: "Die Bedingungen sind einfach gut."

Zu den Westimporten zählen freilich auch einige, die nicht aus hehren Motiven kommen. So hat sich ein 26-Jähriger, der seinen Namen aus gutem Grund nicht nennen will, nach seinem Politikabschluss in München nun für ein Mathematikstudium in Greifswald eingeschrieben. Er studiert damit ein Fach, an dem er kein Interesse hat, und er studiert in einer Stadt, die er noch nie gesehen hat.

"Aber ich wahre für 50 Euro im Semester den Studentenstatus, kann mich günstig versichern und muss in meinem Job weniger Steuern bezahlen", sagt der Dauerstudent. Zur Einschreibung habe er nicht einmal persönlich erscheinen müssen. "Das ging ganz einfach per Post."

In studentischen Internetforen wird der Trick schon seit einiger Zeit diskutiert. "Schreib dich in Greifswald ein", erläutert ein angehender Lehrer in einem Forum, "günstiger geht's nirgends in der Bi-Ba-Bundesrepublik."

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