AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2010

Computer Der Körper als Bildschirm

Viele Touchscreen-Geräte sind zu klein für die Finger der Anwender. Deshalb versuchen Entwickler, Gesten und Geräusche zur Bedienung von Handys zu nutzen.

Touchscreen-Handschuhe: Mit den "Agloves" sollen Menschen ihre Telefone streicheln

Touchscreen-Handschuhe: Mit den "Agloves" sollen Menschen ihre Telefone streicheln

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Beim Tippen einer SMS kommt es oft zur Frontalkollision von Wurstfinger und Bonsai-Bildschirm. Viele Handy-Nutzer kennen die orthografischen Folgen: Zu winzig sind viele Geräte geworden, um auf dem Touchscreen herumfingern zu können.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 50/2010
Vom Streit um die Meinungsfreiheit zum Cyber-Krieg

"Das Problem ist banal und liegt auf der Hand", sagt Patrick Baudisch, Professor für die sogenannte Human Computer Interaction am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam: "Je kleiner die Bildschirme werden, desto häufiger verdecken sich die Nutzer bei der Eingabe selbst die Sicht." So einfach ist das. Und so unfassbar schwierig.

Selbst Apple machte mit seinem neuesten iPod nano diesen Fehler: Das Kult-Unternehmen schrumpfte den Musikspieler auf Miniformat und stattete ihn gleichzeitig mit einem Berührungsbildschirm aus. Der Effekt: Das Gerät sieht großartig aus, bis man versucht, es zu bedienen.

Baudisch liebt derlei Beispiele des Scheiterns auf höchstem technischem Niveau, denn sie erlauben es ihm, von einfacher zu bedienenden Maschinen der Zukunft zu träumen. Jahrelang hat er im Silicon Valley gearbeitet, dann für Microsoft bei Seattle. Heute tüftelt er mit Studenten am Tastaturersatz der Zukunft.

Um das sogenannte Fat-Finger-Problem zu lösen, experimentiert Baudisch unter anderem mit sogenannten Back-of-Device-Interfaces: Nicht der Bildschirm ist dabei berührungsempfindlich, sondern die Rückseite des Geräts. Das Display wird also von hinten bedient, der eigene Finger nur als halbtransparentes Symbol eingeblendet. "Wir nutzen die einzige Fläche des Geräts, die noch frei ist", erklärt Baudisch. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig: Wer eine Zahl schreibt, muss das seitenverkehrt tun. Aber trotzdem nutzen bereits die ersten Handys diese Technik.

Der verhasste Stylus wird als Handschuh wiedergeboren

Eine Schwäche der Touchscreens wird allerdings auch durch den empfindsamen Rücken nicht gelöst: Die Geräte sind nur bedingt wintertauglich. Wer Handschuhe trägt, kann bei Geräten wie dem iPhone kein Gespräch entgegennehmen, denn dessen Bildschirm reagiert auf die elektrische Leitfähigkeit der stets leicht feuchten Finger. Ein Handschuh aber ist oft trocken; er isoliert dadurch Mensch und Maschine.

Entweder man spuckt also zum Telefonieren auf die Handschuhe. Oder man kauft sich, und das ist kein Witz, spezielle Exemplare für Touchscreens mit Namen wie "Agloves" oder "E-Tip", die dank einer Silberschicht zum Tatschen taugen.

Handschuhe zur Gerätebenutzung? Das ist nicht ohne Ironie, hatte doch Apple-Chef Steve Jobs 2007 aufgetrumpft: "Nobody wants a Stylus"- kein Mensch wolle einen Stift, um ein Smartphone zu bedienen! Nun holt ihn die Technikgeschichte ein: Der verhasste Stylus wird als Handschuh wiedergeboren.

Andere Entwickler experimentieren deshalb damit, Handys mit Hilfe von Gesten zu steuern. Baudisch kann schon vorführen, wie seine Studenten Menüpunkte auswählen, indem sie mit Zeigefinger und Daumen ein O formen. Eine kleine Kamera beobachtet ihre Hände und wertet die Bedeutung der Gesten aus. Jetzt gilt es nur noch, die Kamera zu schrumpfen, bis sie ins Gerät passt.

Genau das versucht eine Gruppe am MIT Media Lab in Cambridge bei Boston: Die Forscher entwickeln einen bidirektionalen Bildschirm ("BiDi"), der neben der Schicht für Bildpunkte auch Sensoren besitzt: ein Bildschirm, der gleichzeitig anzeigt und blickt.

Als das Telefon das Lauschen lernte

Sogar herkömmliche Telefone könnten bald zu Touchscreen-Geräten aufgerüstet werden - indem sie lernen zu lauschen: Über das eingebaute Mikrofon werden die unterschiedlichen Klänge analysiert, die zum Beispiel entstehen, wenn man oben links oder unten rechts auf das Gehäuse tickt. "Jahrelang hat man sich an der Spracherkennung abgearbeitet", sagt Mike Bradley von der Firma Input Dynamics aus dem englischen Cambridge: "Wir haben es einfacher, weil wir keine Sprache, sondern nur ein paar Geräusche analysieren müssen." Das sei stromsparend, elegant und billig.

Der Nachteil allerdings: Jeder Nutzer tickt anders, daher muss man das Gerät erst minutenlang auf das eigene Klangprofil trainieren.

"Skinput" nennt der Informatiker Chris Harrison von der Carnegie Mellon University ein anderes, fast magisch anmutendes System: Der Körper selbst wird dabei zur Dateneingabe als Bildschirm genutzt.

Harrisons Probanden tippen sich einfach, padam-padam, auf den Unterarm - und schon reagiert ihr Gerät. Der Trick ist einfach: Harrison macht es wie Westernhelden, die ihr Ohr auf Eisenbahnschienen legen, um eine ferne Lok zu hören. Ein Spezialmikrofon belauscht die Schallwellen, die sich bei jeder Berührung durch Knochen und Gewebe fortpflanzen. "Wir haben ungefähr zwei Quadratmeter Körperoberfläche zur Verfügung", erklärt Harrison - 500-mal mehr als ein Smartphone-Bildschirm.

Die Präzision, beteuert der Forscher, liege teils bei über 89 Prozent - höher als bei manchem Minibildschirm. Der größte Nachteil der Methode liegt im Speck der Nutzer, der die Signale dämpft: Übergewichtige Nutzer erzielen die schlechtesten Ergebnisse.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
jocurt1 14.12.2010
1. Menschen mit dicken Fingern
Zitat von sysopViele Touchscreen-Geräte sind zu klein für die Finger der Anwender. Deshalb versuchen Entwickler, Gesten und Geräusche zur Bedienung von Handys zu nutzen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,734620,00.html
dass ich nicht lache. Vielleicht sollte sich, wenn die Industrie zu blöd ist, sich Durchschnittsmaße von Menschen beiderlei Geschlechts zu besorgen, einfach die Kollegen fragen. Fast jedes Gerät mit QWERTZ Tastatur ist ein Witz. Haben die Asiaten schon mal gehört, dass es im durchaus noch großen Rest der Welt Menschen anderer Größe gibt. Mit Gesten steuern, vielleicht in der U-Bahn in Tokio. LOL
Leser161 14.12.2010
2. -
Ich weiss sowieso nicht, wieso alle Handys jetzt Touchscreens haben müssen. Vom Ästhetischen her, sind Touchscreens zwar weit vorne, aber von der Bedienbarkeit? Touchscreen beienung ist definitiv intuitiv, aber Zuverlässigkeit und Feedback der tastenbedienung werden noch nicht erreicht. Zweifler sollen zur Probe mal eine SMS oder andere Notiz erst auf einem Handy mit physischer QWERTZ-Tastatur und dann auf einen Touchscreenhandy schreiben.
Parzival v. d. Dräuen 14.12.2010
3. ,
Das Problem der Wurstfinger-Menschen ist doch relativ einfach zu lösen und der Ansatz schon vorhanden. Auf der Rückseite des Gerätes liegt ein Bedienungsfeld nach Art des Touchscreen. Vorne werden die ca. 40 Zeichen die beim Texten benutzt werden in drei Felder aufgesplittet angezeigt, welche über die Rückseite gewählt werden. Der Rest ist Übungssache von wenigen Minuten.
macfan 14.12.2010
4. Bedienbarkeit
Zitat von Leser161Ich weiss sowieso nicht, wieso alle Handys jetzt Touchscreens haben müssen. Vom Ästhetischen her, sind Touchscreens zwar weit vorne, aber von der Bedienbarkeit? Touchscreen beienung ist definitiv intuitiv, aber Zuverlässigkeit und Feedback der tastenbedienung werden noch nicht erreicht. Zweifler sollen zur Probe mal eine SMS oder andere Notiz erst auf einem Handy mit physischer QWERTZ-Tastatur und dann auf einen Touchscreenhandy schreiben.
Einmal benötigt man eine Vielzahl von Eingabearten, dabei ist die QWERTZ-Tastatur nur ein Sonderfall, da ist der Touchscreen flexibler. Der Feedback ist bei einer richtigen Tastatur schöner, klar. Aber diese Fummeltasten an den Handys sind für Wurstfinger doch noch schlechter zu treffen als die größeren Tasten auf dem Touchscreen. Gruß, Horst
dev0 14.12.2010
5. Touchscreens sind primitiv
Ich denke der Touchscreen-Boom ebbt wieder ab. Genau genommen ist Touch primitiver und rückschrittlicher als jede Art von physischer Tastatur. Der Mensch kann nun mal 3-dimensional fühlen, ein Screen ist nur 2-dimensional. Es gibt keinen Touchscreen auf dem irgendwer annähernd so schnell fehlerfrei tippen kann wie ich auf einem konventionellen Handy. Echte Tastaturen sind Touchscreens eigentlich um längen voraus: - Man hat einen echten Druckpunkt - Sie sind 100% treffsicher - Man kann das komplette Gerät einhändig bedienen - Man kann mit der Hand immer auf der Oberfläche bleiben und muss nicht ständig abheben - Man kann zur Not sogar blind tippen Der einzige Vorteil von Touch: - das Handy ist etwas schmaler, naja Touchscreen ist einfach nur ein Mode-Gadget das schick aussieht.
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