AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2010

Talkshows "Das war unschön"

TV-Moderatorin Anne Will, 44, über ihren Abschied vom Sonntagabend, den Umgang mit ihr in der ARD, Anfangsfehler und die Folgen der allgemeinen Politikerverdrossenheit

Journalistin Will: "Monatelange Hängepartie"
Dirk von Nayhauß / DER SPIEGEL

Journalistin Will: "Monatelange Hängepartie"


SPIEGEL: Frau Will, wann haben Sie persönlich davon erfahren, dass Sie Ihren Sendeplatz am Sonntagabend verlieren?

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Heft 51/2010
Die Schicksals-Stadt des Islam

Will: Als es auch die Öffentlichkeit erfuhr. Ich hatte vermutet, dass die ARD mit Günther Jauch verhandelt. Der Zeitpunkt, an dem die ARD bekanntgab, man sei sich handelseinig, hat mich allerdings überrascht.

SPIEGEL: Hat Sie niemand vorher angerufen?

Will: Ich war gerade in den USA angekommen. Der NDR-Intendant Lutz Marmor hat versucht, mich zu erreichen. Da war es wegen der Zeitverschiebung allerdings nachtschlafende Zeit, und mein Handy war ausgeschaltet. Als ich es wieder anmachte, lief die Meldung schon überall. Es war sicher keine Absicht, dass das so unglücklich gelaufen ist. Lutz Marmor hat sich hierfür bei mir entschuldigt, die Entschuldigung habe ich angenommen.

SPIEGEL: Sie hatten nicht die Chance, um Ihren Sendeplatz zu kämpfen?

Will: Nein, da war die Entscheidung schon gefallen. Ich konnte nicht mehr tun, als ich schon getan hatte. Also meine Arbeit gut machen und mich auf jede einzelne Sendung konzentrieren.

SPIEGEL: Ihre Quoten sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Warum hat die ARD Ihren Erfolg nicht belohnt?

Will: Ich sehe das nüchtern und warte nicht auf irgendwelche Belohnungen. Wenn ein Auftraggeber sagt, ich vergebe den Auftrag neu, kann ich in der Sache überhaupt nichts dagegen sagen. An der Form freilich habe ich mich gerieben. Aber unser Erfolg wurde ja insoweit belohnt, als dass wir am Mittwochabend weitersenden werden.

SPIEGEL: Auf einer Skala von 1 bis 6. Wie stilvoll war der Umgang mit Ihnen?

Will: Schulnoten möchte ich nicht vergeben. Aber das hätte durchaus eleganter laufen können.

SPIEGEL: Man hatte den Eindruck, die ARD war so froh, der Öffentlichkeit endlich Jauch präsentieren zu können, dass ihr alle anderen fast schon egal waren.

Will: Den Eindruck konnte man gewinnen. Es wäre hilfreich gewesen, wenn die ARD zeitgleich mit der Verkündung von Jauchs Verpflichtung ein fertiges Konzept für den Rest der Woche gehabt hätte. Nach der Ankündigung im Juni blieb es ja quasi dem Kampfeswillen der Moderatoren überlassen, sich möglichst gut im Rennen zu halten. Das war unschön. Das kann man besser machen. Dann hätte man sich diese monatelange Hängepartie gespart, die wir jetzt hatten und die für alle Beteiligten, auch für die ARD, nun wirklich nicht positiv war.

SPIEGEL: Wie schwer fällt Ihnen der Abschied vom so begehrten Sonntagabend?

Will: Der Abschied fällt mir nicht schwer. Nächstes Jahr werde ich "Anne Will" vier Jahre gemacht haben. Ein guter Zeitpunkt, etwas Neues anzufangen. Ich freue mich auf den Mittwoch.

SPIEGEL: Frank Plasberg hat ja viele Intendanten abgeklappert, um sie davon zu überzeugen, welcher Sendeplatz für ihn der beste sei. Haben Sie auch auf solche Weise für sich geworben?

Will: Selbstverständlich habe ich auch Gespräche geführt. Ich finde den Mittwochabend eine sehr gute Lösung, und ich gehöre auch nicht zu denen, die vorher ihren Sendeplatz künstlich zur schwierigen Großherausforderung stilisieren, um hinterher sagen zu können, hui, das war echt eine schwierige Großherausforderung.

SPIEGEL: Da meinen Sie jetzt Frank Plasberg, der darüber geklagt hat, wie schwer er es am Montagabend haben wird.

Will: Ich meinte das ganz allgemein.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt: Ich wollte nie die Talkshow-Erlöserin sein. Ist der Abschied vom Sonntag am Ende gar eine Befreiung?

Will: Eine Befreiung ist für mich, dass ich nicht mehr am Wochenende arbeiten muss. Wenn ich gesagt habe, ich will nicht die Erlöserin sein, meinte ich damit, dass ich das Fernsehen weder zu wichtig nehmen noch neu erfinden will. Wir sprechen von Fernsehen. Zack, aus, Ende. Mehr ist es nicht.

SPIEGEL: Nun hat Jauch die Erlöserrolle, die Sie schon nicht haben wollten.

Will: Es ist doch so: Jeder, der eine solche Sendung macht, arbeitet mit den üblichen Methoden. Er stellt Fragen, und die anderen antworten. Er baut eine gute Runde, und es gibt vielleicht Filme, die die Diskussion anheizen. Viel mehr ist nicht drin. Jeder, der das macht, ist gut beraten, im Vorfeld nicht allzu große Erwartungen aufzubauen. Denn die bringt der Sonntagabend ganz von allein mit sich.

SPIEGEL: Den Druck sind Sie jetzt los.

Will: Richtig.

SPIEGEL: Am Anfang wollten Sie es den Talkshow-Kritikern recht machen. Sie haben etwa versucht, am Ende wirklich ein Fazit der Diskussion zu ziehen. Das wirkte damals ziemlich angestrengt. Wie sehen Sie das heute?

Will: Vielleicht bin ich da am Anfang ein bisschen überehrgeizig rangegangen. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass eine Talkshow so nicht funktioniert. Dass am Ende ein Ergebnis stehen muss, ist vielleicht für ein Proseminar der richtige Ansatz, aber nicht für eine Talkshow.

SPIEGEL: Sondern?

Will: Eine Talkshow ist eine große Einordnungs- und Selbstvergewisserungsplattform für ein mitdenkendes Fernsehpublikum.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: Jeder Zuschauer bekommt die Vorurteile bestätigt, die er vorher schon hatte.

Will: Das hängt davon ab, mit welcher Haltung Sie unsere Sendung gucken. Wenn Sie vorurteilsgeplagt sind und nach Bestätigung suchen, habe ich nichts dagegen. Und wenn Sie sich überraschen lassen wollen, werden Sie bei uns bestimmt fündig.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Talkshows politische Bildung betreiben?

Will: Sie sind doch nicht nur Spektakel. Das wäre zu kurz gesprungen. Sie sind ein Forum, in dem kluge Argumente ausgetauscht werden. Da darf ruhig auch zugespitzt werden, und es darf auch unterhaltend sein. Kurios ist, dass alle immer auf die Talkshows eindreschen, dass sie aber immer mehr gesehen werden.

SPIEGEL: Kaum ein TV-Format wird in der Presse so oft kritisiert.

Will: Das stimmt, und das finde ich übertrieben.

SPIEGEL: Persönlich haben Sie auch einiges abbekommen. Harald Schmidt zog Sie lange auf mit dem Gag: "Die Sendung Sabine Christiansen, moderiert von Anne Will." War der Vergleich ungerecht?

Will: Natürlich bin ich anders als Sabine Christiansen und umgekehrt. Ich muss für mich schauen, aus welcher Kritik ich etwas lernen kann und aus welcher nicht. Ich habe in fast zwei Jahrzehnten Fernsehen sehr viele unterschiedliche Formate moderiert, aber dies ist sicherlich das schwierigste.

SPIEGEL: Leiden die Talkshows auch unter der allgemeinen Politikerverdrossenheit?

Will: Offensichtlich nicht, denn sie werden ja weiterhin gern geguckt. Und es gibt ja auch kaum noch reine Politikerrunden bei uns. Wir haben in einigen Sendungen im vergangenen Jahr deutlich gemacht, dass es eine wachsende Kluft gibt zwischen den Bürgern und den Politikern. Die politische Kultur verändert sich gerade.

SPIEGEL: Hat sich der Aufstieg von der "Tagesthemen"-Moderatorin zur TalkshowModeratorin für Sie gelohnt?

Will: Jobst Plog, der damalige Intendant des NDR, hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, den Sonntagabend zu moderieren. Das ist keine Frage, auf die man mit Nein antwortet, eher eine Art Versetzung.

SPIEGEL: Eine Beförderung.

Will: Erst mal habe ich das für mich als etwas Neues gesehen. Rückblickend muss ich sagen, ich konnte mir mitnichten vorstellen, was das bedeutet. Die vergangenen Jahre waren schon auch anstrengend und nicht so, dass ich jeden Morgen gesagt hätte: Was für ein grandioser Aufstieg.

SPIEGEL: Erschien Ihnen der Preis manchmal zu hoch?

Will: Nein, das wäre Luxusdenken. Ich habe einen richtig tollen Job. Und ich habe im Laufe meiner Karriere eine Menge Langmut erfahren. Dafür steht die ARD auch: Man hat mich machen lassen.

SPIEGEL: In einem Papier des ARD-Programmbeirats wurde gleich an Ihren ersten Sendungen herumgemäkelt. Das sah nicht nach Langmut aus.

Will: (lacht) Das stimmt.

SPIEGEL: Sind Sie misstrauisch geworden?

Will: Nein. Meine Lebensgefährtin hat mir im Vorfeld zu dieser ganzen Sache gesagt: Leg dir ein dickes Fell zu. Und in manchen Phasen hätte ich es gut gebrauchen können. Nur: Wie legt man sich so etwas zu? Und es würde mich auch verändern. Ich habe mich eigentlich dünnfellig immer ganz gern gemocht. Genau das gibt mir zum Beispiel im Umgang mit ungeübten Gästen das Einfühlungsvermögen, das ich brauche, um ihnen die Scheu vor der Kamera zu nehmen.

INTERVIEW: MARKUS BRAUCK



insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
Medienkritiker 20.12.2010
1. Sehr schade
Damit ist das Thema Sonntagabend-Talkshow für mich erledigt...Herr Jauch, grimassenziehender Oberlangweiler des deutschen Pseudo-Intellekts NEIN DANKE!
bmehrens 20.12.2010
2. Talkshow-Clique
Zitat von MedienkritikerDamit ist das Thema Sonntagabend-Talkshow für mich erledigt...Herr Jauch, grimassenziehender Oberlangweiler des deutschen Pseudo-Intellekts NEIN DANKE!
Den deutschen Intellekt habe ich bisher noch in keiner Talkshow gesehen - die haben für sowas keine Zeit; da sitzt doch immer nur dieselbe Talkshow-Clique.
unente, 20.12.2010
3. autsch
Zitat von bmehrensDen deutschen Intellekt habe ich bisher noch in keiner Talkshow gesehen - die haben für sowas keine Zeit; da sitzt doch immer nur dieselbe Talkshow-Clique.
Jetzt bei Jauch bestimmt öfter der Von-und-zu - da können die beiden im Duo Schwiegermütter zur Zielgruppe grinsen.
gsm900, 20.12.2010
4. Typ antiautoräter Kinderladen
Zitat von bmehrensDen deutschen Intellekt habe ich bisher noch in keiner Talkshow gesehen - die haben für sowas keine Zeit; da sitzt doch immer nur dieselbe Talkshow-Clique.
die meinen wer am lautestem krakeelt habe Recht.
Foul Breitner 20.12.2010
5. Es gibt ja auch gute
Zitat von MedienkritikerDamit ist das Thema Sonntagabend-Talkshow für mich erledigt...Herr Jauch, grimassenziehender Oberlangweiler des deutschen Pseudo-Intellekts NEIN DANKE!
Talkshows, leider gehört Will nicht dazu. Ich habe das auch mal eine Weile gesehen, mich aber ausgeklinkt, weil auf eine gelungene Sendung 10 x trash talk stattfindet und mir der Zeitaufwand da etwas zu hoch ist.
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