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Vamipre: Handzahmer Schönling

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Geschichte Handzahmer Schönling

Ein Brite erforscht den Vampir-Mythos: Einst erschaffen aus Angst vor Seuchen, wurde der Blutsauger zum Sexidol. Heute ist er nur ein Schatten seiner selbst.

Die Eigenschaften eines Vampirs sind klar umrissen: Er beißt und saugt. Er schläft im Sarg. Er meidet das Tageslicht. So will es die Tradition - doch Edward Cullen ist anders.

Der Vampir aus der populären "Bis(s)"-Buchserie der US-Autorin Stephenie Meyer lebt in einem lichtdurchfluteten Designerhaus. Särge hat er nicht im Keller. Und Menschenblut ist ihm zuwider. "Wir haben gelernt, unseren Durst zu kontrollieren", sagt der blasse Beau über seine Sippe. "Wir bezeichnen uns als Vegetarier."

Ist aus dem Schrecken der Nacht plötzlich ein handzahmer Schönling geworden? Die Autorin Meyer präsentiert ihn so. Und diese Verweichlichung des einstigen Gruselwesens sei kein Zufall, glaubt der Literaturwissenschaftler Richard Sugg von der britischen Durham University.

Der Forscher hat die Geschichte des Vampirs vom finsteren Wiedergänger des Mittelalters bis zum literarischen Bösewicht der Neuzeit aufgearbeitet. Die Figur des Edward sieht er als vorläufigen Höhepunkt einer kulturhistorischen Verwandlung. Suggs Fazit: "Der Vampir ist in einer Identitätskrise." Im 21. Jahrhundert habe der Blutsauger seine bösesten Eigenschaften eingebüßt. Sogar "mitfühlend" sei er nun, so Sugg: "Er ist nicht mehr offensichtlich teuflisch." Wie wahr: In Meyers "Bis(s)"-Romanen spielen die Vampire Baseball und kochen italienisch.

Der Vampir als Inbegriff des Schreckens

Was für ein Abstieg! Jahrhundertelang war der Vampir Inbegriff des Schreckens. Bis zurück ins zwölfte Jahrhundert reichen die Berichte über den Untoten. Damals wurde er noch für ein reales Wesen gehalten und beispielsweise für Epidemien wie Cholera oder Pest verantwortlich gemacht. Das erste Seuchenopfer im Ort sei zum Vampir gestempelt worden, erläutert Sugg. Nächtens kehrte es angeblich zurück und trug den Tod erst in die eigene Familie, dann ins ganze Dorf - ein "magischer, religiöser Weg, um mit der Furcht und dem Grauen umzugehen".

Der Ur-Vampir war dabei keineswegs bleich, dünn und blutleer wie sein moderner Vetter. Stattdessen kam er lumpig, von Faulgasen aufgebläht und mit roten Gliedern voller Blut daher. Genau dieser Anblick bot sich häufig, wenn die Gräber Verdächtiger eröffnet wurden - was durchaus üblich war: Um den Horror zu besiegen und die ruhelose Seele endgültig zu befreien, so glaubten die Menschen, müsse der verdammte Körper zerstört werden, sagt Sugg: "Und dabei konnte man nicht gründlich genug vorgehen."

Bis in jüngste Zeit sind solche Fälle dokumentiert. Einwohner des rumänischen Dorfs Marotinu de Sus etwa exhumierten 2004 den Körper eines Mannes, der verdächtigt wurde, nächtens als "Strigoi" Unheil zu bringen. Die Einheimischen spalteten den Brustkorb des Toten mit einer Heugabel und schnitten sein Herz heraus. Sie spickten die Leiche mit Pfählen und bestreuten sie mit Knoblauch. "Sie verbrannten sein Herz, lösten die Asche in Wasser und tranken davon", erinnert sich Dorfbewohnerin Elisabeta Marinescu.

Aus Griechenland ist der Fall eines komatösen Mädchens überliefert, das lebendig begraben wurde, weil die Eltern fürchteten, die Tochter könne andernfalls als "vrikolakas" wiederkehren. Und auf der Insel Euböa prüften die Einheimischen bis in die zwanziger Jahre viele Gräber auf verdächtige Löcher: Jene, "die es ertragen konnten", spähten hinein und sahen die "glühenden Augen des Vampirs in der Tiefe", berichtet die Anthropologin Juliet du Boulay. Um den Zauber zu beenden, kippten die Dorfbewohner "eine Mixtur aus kochendem Öl und Essig in das Grab".

Wandlung vom grobschlächtigen Vampir zum blutleeren Schurken

Noch immer lebe der Glaube an Vampire in einigen Regionen Osteuropas fort, berichtet Sugg. In anderen Teilen Europas jedoch habe der Untote Anfang des 19. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Transformation durchgemacht. Der grobschlächtige Vampir des Volkes verwandelte sich in den blutleeren Schurken der Literatur, der fortan hochwohlgeborenen Jungfrauen die Halsschlagader punktierte.

Dieses Zeitalter des "Vampotainment" (Sugg) läutete 1819 der Brite William Polidori mit seiner Novelle "The Vampyre" ein. In dem Buch mimt ein gewisser Lord Ruthven den Wiedergänger - aristokratisch, bleich und gefährlich charmant. Er verführt junge Frauen und besiegelt den Liebespakt mit seinem Biss. "Der Vampir ramponiert die Reputation der Damen - in viktorianischer Zeit fast schlimmer als der Verlust der Seele", sagt Sugg. "Der Untote entdeckte den Sex."

Besonders offensichtlich werde die fleischliche Lust in Bram Stokers Klassiker "Dracula" von 1897. Der Rechtsanwalt Jonathan Harker reist in dem Roman nach Transsylvanien, um Graf Dracula ein Haus in London zu verkaufen. Der indes interessiert sich mehr für Harkers Verlobte Mina. Bald reist er nach London und verführt die Schöne. In einer Art animalischem Orgasmus saugt sie Blut aus seiner Brust. Harker seinerseits wird in Transsylvanien fast von drei Gespielinnen des Grafen vernascht. Die spitzzähnigen Nymphomaninnen versuchen, den Jüngling zu verführen. Nur knapp gelingt ihm schließlich die Flucht.

Sugg nennt die Episode "eine der erotischsten Szenen der viktorianischen Literatur". Die "Imitation des Kusses" durch den lüsternen Biss, die "Intimität des Nackens, der Kehle und der Brust" - all das strotze vor Symbolik.

"Die Tabus waren damals vor allem sexueller Art", sagt er. Das Religiöse und Magische des Ur-Vampirs werde in verbotene "sexuelle Energie" umgewandelt.

Kampf der Wissenschaft gegen den Aberglauben

Gleichzeitig steht die Vampirsaga der Moderne auch für den Kampf der Wissenschaft gegen den Aberglauben. Abraham van Helsing, der Dracula-Jäger, arbeitet mit den Werkzeugen der Neuzeit. Er ist Arzt, nicht Priester. Bluttransfusionen und das Winchester-Gewehr kommen gegen das Böse zum Einsatz.

"Der Vampir eignet sich hervorragend als Metapher", sagt Sugg. Auch die "Bis(s)"-Saga von Stephenie Meyer versteht der Gelehrte vor allem als Abbild der Gegenwart. Die Geschichte feiere sexuelle Enthaltsamkeit und bediene die postmoderne Sehnsucht nach traditionellen Geschlechterrollen. "Viele Teenager wünschen sich eine romantischere Welt zurück, in der Sex wieder mehr tabuisiert ist", analysiert der Philologe.

Ein zögerlicher Vampir kommt da gerade recht. Tatsächlich säuselt "Bis(s)"-Schönling Edward seiner Geliebten Bella über weite Strecken der Geschichte endlose Liebesschwüre ins Ohr. Beißen jedoch mag er sie fast bis zum Schluss nicht.

Als es dann endlich doch geschieht, sind die beiden natürlich längst verheiratet.

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