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Eiszeit bei der Bahn: Betrieb ohne Reserve

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Bahn Ausfall mit Ansage

Vereiste Weichen, kälteempfindliche Züge - schon im Herbst wusste die Bahn, dass sie bei einem plötzlichen Wintereinbruch Probleme haben würde.

Ein kleines Winterwunder: Der ICE 804 von Berlin nach Hamburg fährt pünktlich los. Es ist Freitagnachmittag vor einer Woche, die Stimmung an Bord ist gut, es gibt Gratiskaffee, alles scheint planmäßig zu sein.

Da stoppt der Express, und der Lautsprecher geht an. Störungen auf dem Streckenabschnitt, die Weiterfahrt werde sich leicht verzögern. Wenig später die nächste Nachricht: Der Zug müsse "evakuiert" werden. Triebwagenprobleme.

Die Fahrt des Hightech-Gefährts endet auf Gleis 2 des verschneiten Bahnhofs von Boizenburg an der Elbe, 60 Kilometer vor Hamburg. Während Hunderte Bahnkunden in der Mecklenburger Provinz warten, wärmt man sich mit Erinnerungen an alte Ostzeiten. Die Bahn, merkt ein gestrandeter Passagier sarkastisch an, habe wie die Landwirtschaft der DDR vier Hauptfeinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Es ist ein Ausfall mit Ansage: Bereits im Herbst war den Managern der Deutschen Bahn klar, dass man bei Eis und Schnee Probleme haben würde. Strecken, wo sonst nur halbvolle Züge fahren, müssten deshalb ausgedünnt und Züge verkürzt werden, um dann im Ausnahmefall entsprechende Reserven zu haben. Die für extreme Witterungen besonders anfälligen ICE dürften nur noch mit verringerter Geschwindigkeit fahren. Nur so sei ein einigermaßen reibungsloser Fahrplanablauf im Winter zu gewährleisten.

Ein ganzes Paket zur "Prävention Winter 2010/2011" legte die Bahn deswegen Ende Oktober dem Verkehrsausschuss des Bundestags vor. Auf den Strecken zwischen Köln und Berlin, Köln und Hamburg müsse auf je einen Entlastungszug am Wochenende verzichtet, zwischen Köln und Basel müssten fünf ICE-Direktverbindungen gestrichen werden. Zwischen Dortmund und München sollen drei von 31 ICE nur mit halber Passagierkapazität fahren.

Für "normale Bedingungen" sei der DB-Fernverkehr "gerüstet", aber für "außergewöhnliche Ereignisse", so das ernüchternde Fazit, seien "keine weiteren Reserven" vorhanden. Der Bahn fehlt es schon seit längerem an neuen Zügen. Selbst an guten Tagen gibt es kaum eine Reserve. Müssen die Züge bei Eis und Schnee häufiger gewartet werden, ist der Engpass unvermeidlich.

Als Tief "Petra" im Dezember Deutschland flächendeckend einschneite, war jenes "außergewöhnliche Ereignis" eingetreten. Wer konnte und reisen musste, nahm die Bahn. Rund 50.000 Passagiere täglich beförderte das Unternehmen mehr als sonst, weil die Flieger am Boden blieben.

Doch am Sonntag vor Weihnachten kapitulierten Bahn-Chef Rüdiger Grube und seine Manager. Das Unternehmen, das gerade sein 175-jähriges Bestehen gefeiert hatte, empfahl, auf eine Bahnreise zu verzichten oder zumindest die Hauptverkehrszeiten zu meiden. Schon erworbene Tickets könnten zurückgegeben werden, ohne die sonst üblichen Stornogebühren.

Die ICE-Hochgeschwindigkeitsflotte, das Rückgrat der modernen Bahn, ist nur bedingt wintertauglich. Sinken die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt, sind Geschwindigkeiten von 250 oder 300 Stundenkilometern nur noch auf betonierten Neubaustrecken möglich. Das sind gerade einmal fünf Prozent des Streckennetzes.

Die meisten Gleise verlaufen auf einem Schotterbett. Fallen Eisklumpen vom Zug, werden Steine aufgewirbelt und können den empfindlichen Unterboden der ICE beschädigen; daran hatten Industrie und Bahn bei der Entwicklung nicht gedacht. Zwar hat die Bahn nach dem vergangenen Winter mit der Nachrüstung begonnen, dennoch drosselte sie sicherheitshalber das Tempo für die ICE auf 200.

Immerhin gab es keine Pannenserie wie im vergangenen Winter, als Waggontüren festfroren und ICE im Depot bleiben mussten. "Wir haben 95 Prozent unseres Fahrplanangebots aufrechterhalten können", sagt Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg.

Allerdings bereiten nicht nur die Züge im Winter Probleme. "Es rächt sich nun, dass jahrelang das Netz auf Verschleiß gefahren, die Instandhaltung vernachlässigt wurde", sagt Anton Hofreiter, Verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.

Aus dem vertraulichen Instandhaltungsbericht der DB Netz vom April geht hervor, dass allein 2009 bei der Wartung von Weichen 3,8 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr eingespart wurden. Immerhin wurden in diesem Jahr mehrere hundert Weichenheizungen nachgerüstet.

Die Weichen sind der neuralgische Punkt im Winter. In Berlin waren bereits beim ersten Schnee 50 Weichen festgefroren, 37 S-Bahn-Wagen mussten im Depot bleiben, 25 weitere landeten auf dem Abstellgleis. Personal zum Enteisen fehlte. 5900 Züge fielen seit dem 2. Dezember, dem Tag des ersten Schneefalls, ganz aus.

Die Bundesländer, die Jahr für Jahr Milliarden an die Bahn für einen reibungslosen Betrieb zahlen, wollen derartige Einbrüche nicht mehr hinnehmen. Harry Voigtsberger, Verkehrsminister von Nordrhein-Westfalen, will nun detailliert wissen, wie "sie erheblich mehr in Wartung, Reparaturen und Gleis- und Weichenanlagen investieren kann".