AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2011

Legenden "Es juckt immer noch"

Der Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann über die Licht- und Schattenseiten des Koch-Booms im Fernsehen, den Griff nach den Sternen und seine eigene Rückkehr an den Herd.

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SPIEGEL: Herr Witzigmann, Sie gelten als einer der weltbesten Köche. Würden Sie Ihren Beruf als einfach bezeichnen?

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Heft 1/2011
Was will die neue Supermacht?

Witzigmann: Definitiv nein. Er ist oft genug eine Rund-um-die-Uhr-Qual unter extremem Druck.

SPIEGEL: Wie kommt es dann, dass selbst viele Ihrer einstigen Schüler wie Johann Lafer oder Alfons Schuhbeck so viel Zeit haben, dauernd im Fernsehen zu kochen?

Witzigmann: Letztlich muss jeder für sich entscheiden, was ihm wichtig ist. Die Fernsehpräsenz ist heute ja fast unbezahlbar für die Kollegen. Manche Köche machen sich dafür selbst zu Marken. Ehrlich gesagt war ich früher vielleicht auch ein Idiot, dass ich manche Werbeverträge abgelehnt habe. Andererseits akzeptieren es nur wenige Gäste, wenn der Starkoch im eigenen Restaurant dann kaum noch selbst am Herd steht.

SPIEGEL: Führt der TV-Koch-Boom zu einem Glaubwürdigkeitsproblem?

Witzigmann: Ich sag's mal ganz nüchtern für mich persönlich: Der Gast, der mich besucht, hat den Anspruch und das Recht, dass ich präsent bin. Er zahlt für meine Ideen. Ich find's ja auch schade, wenn ich zum Essen irgendwohin fahre, und der Patron ist nicht da.

SPIEGEL: Wenn Sie noch mal anfangen könnten, würden Sie auch auf Show setzen?

Witzigmann: Man muss dafür auch geeignet sein. Ich fühlte mich vor Kameras immer ziemlich unwohl. Und die Zusatzbelastung wäre mir zu viel. Mir ging es halt immer vor allem ums Produkt, das Gericht, das Menü.

SPIEGEL: Mit Fernsehen, Werbeverträgen und Kochbüchern kann man aber leichter reich werden als mit dem Kochen an sich.

Witzigmann: Da geb ich Ihnen recht. Wobei es natürlich auch schon eine Bücherschwemme gibt. Der Kapitalfehler war früher: Man hat so ein Buch noch für sich selbst geschrieben ...

SPIEGEL: ...wie Sie letztlich auch für sich selbst gekocht haben, oder?

Witzigmann: Für den Gast und für mich, stimmt schon.

SPIEGEL: Kochen in einem Restaurant bedeutet: unglaublicher Aufwand für ein winziges Publikum. Kochen im Fernsehen ist dagegen billig und schnell gemacht, erreicht aber Millionen...

Witzigmann: …und sorgt dann auch für die Werbeverträge. Im Restaurant stehe ich zudem unter dem permanenten Risiko: Schmeckt's dem Gast? Es muss bis zum Service und Ambiente alles perfekt sein. Das gesamte Personal ist sehr teuer. Das Fernsehen braucht das alles nicht. Da muss auch nix schmecken. Merkt ja keiner.

SPIEGEL: Was hat der ganze Koch-Boom eigentlich gebracht, denn immerhin steigen die Umsätze mit Tiefkühlkost weiter, und die Kinder werden immer dicker?

Witzigmann: Mein Kollege Anthony Bourdain hat das TV-Kochen mit Pornografie verglichen. Ich füge hinzu: Die Leut schauen zu und machen daheim dann immer dieselbe Stellung. Aber im Ernst: Die Einschaltquoten stimmen ja, sonst würden die Sender nicht drauf schwören. Nur: Vom Zuschauen allein lernt niemand kochen.

SPIEGEL: Manche Fernsehköche konzentrieren sich bereits ganz auf ihre Starkarriere. Die Hamburger Cornelia Poletto und Christian Rach schließen sogar ihre Restaurants.

Witzigmann: Rach als RTL-"Restauranttester" ist ja sehr erfolgreich. Aber eigentlich müsste man in die Gaststätten, die er besucht, vorher eher das Gewerbeaufsichtsamt schicken. Die verdreckten Buden, die er oft zeigt, sind wirklich keine Werbung.

SPIEGEL: Er geht immerhin in die triste Realität. Gaukeln die Fernsehshows nur vor, dass Koch ein Traumberuf ist?

Witzigmann: Das Fernsehen zeigt ein verzerrtes und lückenhaftes Bild. Es sind eher Talkshows mit Herd- und Wasseranschluss. Dort gilt heute jeder, der einen Ofen korrekt einschalten kann, schon als kommender Spitzenkoch. In der Wirklichkeit werden viele Illusionen schnell zerstört. Zwar ist die Ausbildung mittlerweile sehr beliebt, andererseits ist die Quote der Abbrecher enorm gestiegen.

SPIEGEL: Woran liegt's?

Witzigmann: Plötzlich merken die Jungen, dass sie nachts und an den Wochenenden arbeiten müssen. Zu meiner Zeit wussten junge Köche noch gar nicht, dass man an Weihnachten was anderes machen konnte als arbeiten. Es ist ein Job, der einem wahnsinnig viel abverlangt.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Politikum 08.01.2011
1. ...
Und mal wieder wird ein legendärer Berufszweig entzaubert. Es scheint in der Moderne nichts mehr zu geben, was nicht durch die Fernsehlandschaft zu einem Massenspektakel geworden ist.
Peter Sonntag 08.01.2011
2. Kochen mit Verstand
Zitat von PolitikumUnd mal wieder wird ein legendärer Berufszweig entzaubert. Es scheint in der Moderne nichts mehr zu geben, was nicht durch die Fernsehlandschaft zu einem Massenspektakel geworden ist.
Eines hat die Kochwelle doch gebracht: dass sich so viele Menschen damit beschäftigen, vor allem Männer. Und - sie können auch das besser !
teein 08.01.2011
3. Bravo
Gelungenes Interview. So macht das Lesen von SPON Spaß.
semipermeabel 08.01.2011
4.
Zitat von sysopDer Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann über die Licht- und Schattenseiten des Koch-Booms im Fernsehen, den Griff nach den Sternen und seine eigene Rückkehr an den Herd. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,737857,00.html
Kochen ist "in" geworden.In der Vorweihnachtszeit stellte ich beim Schlendern durch Buchläden fest: Kochbücher waren einer der Renner. Vielleicht lernt man vom Zuschaun allein nicht das Kochen, aber es macht im wahrsten Sinne den Mund wässrig.
freesprit 08.01.2011
5. Zustimmung
Zitat von teeinGelungenes Interview. So macht das Lesen von SPON Spaß.
Nur in einem hat Witzigmann meiner Meinung nach Unrecht: Ich habe durch zuschauen schon eine ganze Menge gelernt. Vorraussetzung ist allerdings, daß der Koch erklärt: :warum und wieso!
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