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Geldanlage: Allgemeine Verunsicherung

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Geldanlage Allgemeine Verunsicherung

Das Geschäftsmodell der Lebensversicherer wackelt. Ihre Kunden werden im Alter weit weniger Geld bekommen, als ihnen einst in Aussicht gestellt wurde.

Neun Lebensversicherungen haben Maximilian Zimmerer und seine Frau abgeschlossen. Der Chef der Allianz Leben ist überzeugt, dass sich das nicht nur für sein Unternehmen, sondern auch für ihn persönlich lohnt.

Die Performance der deutschen Lebensversicherer sei in den letzten Jahren sehr viel besser gewesen als die von Aktien- und Rentenfonds, sagt Zimmerer, 52. "Wir haben uns sehr gut geschlagen." Viele Anleger, die in diesen Tagen Post von ihrem Versicherer bekommen, dürften das anders sehen. 44 von 69 Anbietern wollen 2011 die laufende Verzinsung bei ihren Lebens- und Rentenversicherungen erneut senken. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Zinsen damit fast halbiert.

Lebensversicherung

Zudem will die Bundesregierung ab Juli für Neuverträge den garantierten Mindestzins von 2,25 auf 1,75 Prozent reduzieren. Er soll auch in turbulenten Zeiten unter allen Umständen bezahlt werden. Für künftige Kunden bedeutet das: weniger Sicherheit. Sie müssen damit rechnen, im Alter im schlimmsten Fall inflationsbereinigt sogar weniger Geld zu bekommen, als sie in ihre einbezahlt haben.

Schon jetzt ist die Enttäuschung vieler Versicherter groß. Als sie vor Jahren ihre Verträge unterzeichneten, wurden ihnen für das Alter Auszahlungsbeträge in Aussicht gestellt, die jetzt als unrealistisch gelten.

Kaum einem Versicherten ist klar, dass der Betrag, den er am Ende der Vertragslaufzeit tatsächlich erhält, eine Summe aus vielen Unbekannten ist. Verzinst wird nur der Sparbeitrag, der nach Abzug aller Kosten übrig bleibt. Diese können je nach Versicherer stark schwanken.

Die Auszahlungen hängen außerdem vom Zeitpunkt des Vertragsabschlusses ab, vom laufenden Geschäft, von den Kosten, den Gewinnen und stillen Reserven der Versicherungen.

Diese Faktoren können im Zeitablauf ebenfalls stark schwanken - und in Zeiten wie diesen führt das dazu, dass der voraussichtliche Auszahlungsbetrag immer mehr schrumpft.

Der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein hat für den SPIEGEL ein Fallbeispiel eines 50-Jährigen berechnet, der seit dem Jahr 2000 für 20 Jahre bei einem Durchschnittsversicherer monatlich 100 Euro einbezahlt. Als er seinen Vertrag unterschrieb, konnte er im Alter mit einer Auszahlung in Höhe von 48 391 Euro rechnen. Heute, elf Jahre später, sind es nur noch 33.031 Euro.

Altersvorsorge

Die düsteren Aussichten betreffen, statistisch gesehen, jeden Deutschen. Jeder, vom Baby bis zum Greis, hat im Schnitt mehr als eine kapitalbildende Lebens- oder Rentenversicherung, 91,5 Millionen sind es nach Angaben des Branchenverbands GDV insgesamt. Sie gilt als der Klassiker unter den Geldanlagen, verspricht sie doch eine bequeme und sichere Art der .

Kritiker bemängelten schon immer, dass die Renditen dürftig seien, weil zu viel Geld in die Verwaltung und in die Provisionen für die Vermittler fließt. Zudem kommen die Erträge nicht nur den Versicherten, sondern auch den Aktionären der Versicherungen zugute.

Doch jetzt wackelt das ganze Geschäftsmodell der Branche. Denn die Versicherer erwirtschaften mit den Kundengeldern an den Kapitalmärkten immer weniger. Gleichzeitig lasten hohe Zinsversprechen aus der Vergangenheit auf den Konzernen. Und der Finanzbedarf wächst: Ab 2013 sollen sie nach den Plänen der EU ihr Eigenkapital kräftig aufstocken, die Branche rechnet mit Mehrbelastungen in zweistelliger Milliardenhöhe.

"Relativ wenig passende Angebote"

Finanzkrise

Es sind die Spätfolgen der , die den Versicherungen nun zu schaffen machen - obwohl sie selbst die Krise bisher relativ unbeschadet und ohne große Skandale überstanden haben. Sie haben sich weder im großen Stil mit hochriskanten Finanzinstrumenten verspekuliert, noch sitzen sie auf großen Mengen unsicherer Staatsanleihen strauchelnder Euro-Staaten.

Die Unternehmen stecken vielmehr in einer Art Sicherheitsdilemma.

Fast 90 Prozent der Kundengelder haben Versicherer in festverzinsliche Papiere angelegt: Kredite und Schuldverschreibungen von zumeist soliden Unternehmen und Staaten. Weil die Notenbanken in aller Welt das Zinsniveau an den Kapitalmärkten aber niedrig halten, werfen diese Anlagen nur geringe Erträge ab.

Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen etwa sackte 2010 zwischenzeitlich auf ein historisches Tief von 2,09 Prozent. Anfang 2008 lag sie noch bei mehr als 4 Prozent. Jeder Prozentpunkt weniger bedeutet für die Versicherer, die jährlich 140 Milliarden Euro an Geldern neu anlegen müssen, gigantische Einbußen.

Kreativeren Anlagestrategien aber sind schon gesetzlich enge Grenzen gesetzt. Von exzessiven Börsenexperimenten haben viele Anbieter überdies genug. Der Zusammenbruch des Neuen Marktes zu Beginn des Jahrtausends hatte tiefe Löcher in die Bilanzen gerissen, auch infolge der Finanzkrise musste einiges abgeschrieben werden.

Société Générale

In den vergangenen Jahren haben die Unternehmen deshalb ihre Aktienquote drastisch reduziert - im Branchenschnitt auf rund drei Prozent. Erlaubt wäre ein Vielfaches. Die Folgen der Vorsicht: "Der Aufschwung am Aktienmarkt im vergangenen Jahr ist an den Versicherern fast vollständig vorbeigegangen", sagt Carsten Zielke, Versicherungsexperte bei der .

Zimmerers Allianz Leben, die immerhin rund acht Prozent der Gelder in Aktien investiert hat, gilt da schon als vergleichsweise wagemutig. Er kann sich dank milliardenschwerer Kapitalpolster Experimente in begrenztem Umfang leisten. So ging die Allianz Leben indirekte Beteiligungen an Windenergieanlagen ein und will wieder mehr Geld in Immobilien stecken. Sogar in Parkuhren in Chicago hat der Versicherer schon investiert: Die Stadt hat ihm die künftigen Gebühreneinnahmen verkauft.

Zimmerer spricht darüber nicht gern, die Begeisterung der Bürger Chicagos über den deutschen Parkgeldempfänger hält sich wohl in Grenzen. Aber er findet die Idee charmant, dass Staaten und Städte erwartete Steuer- und Gebühreneinnahmen verbriefen - und an die Allianz verkaufen. Selbst Autobahnkonzessionen würde er sich anschauen. "Aber bislang gibt es relativ wenig passende Angebote."

Das Grundproblem der Branche werden solche Ideen ohnehin nicht lösen. "Niedrigzinszeiten sind schlechte Zeiten für Versicherer, das liegt in der Natur der Sache", sagt Johannes Lörper, Vorstand bei der Ergo Lebensversicherung. Dadurch werde es auch zunehmend schwierig, Kunden von langlaufenden Verträgen zu überzeugen. "Es fehlt die Magie der großen Zahlen."

Allianz-Chef Zimmerer ist überzeugt, dass das Leiden begrenzt ist und die Zinsen bald wieder steigen werden. "Der Ankauf von EU-Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank im großen Stil war der Sündenfall", sagt er. Diese Strategie müsse "so bald wie möglich gestoppt werden".

Eine Branchenkrise will er nicht sehen. Dabei leben viele Unternehmen kaum noch vom Kerngeschäft. Fast acht von zwölf Milliarden Euro Überschuss erwirtschaftete die Branche 2009 nur durch Kosteneinsparungen und sogenannte Risikogewinne. Sie entstehen etwa, wenn Rentenversicherte früher sterben als kalkuliert.

Versicherungsgruppe

Die Anbieter verlieren langsam das Interesse an ihrem margenschwachen Produktklassiker. Es gibt lukrativere Geschäfte, zum Beispiel den Verkauf fondsgebundener Versicherungen, bei denen der Anleger das Risiko trägt. Aus Sicht der Aktionäre seien Lebensversicherungen mit Garantie "problematisch", sagt Nikolaus von Bomhard, Chef der Munich Re, zu der auch der Versicherer Ergo gehört.

Erste Anbieter, etwa die Delta Lloyd, haben schon aufgegeben und ihr Neugeschäft in Deutschland beendet. "Wenn die Zinsen dauerhaft niedrig bleiben, könnten weitere Anbieter folgen", sagt Société-Générale-Chef Zielke.

Der Leidtragende ist am Ende der Versicherte. Der Ehrgeiz solcher Unternehmen, ihren übrig gebliebenen Kunden noch über Jahrzehnte hinweg attraktive Zinsen zu bieten, dürfte begrenzt sein. Bei der Delta Lloyd sackte die laufende Verzinsung schon 2010 von 4 auf 3,25 Prozent ab.

Weitermachen werden wohl Branchengrößen wie die Allianz Leben. Deren Chef Zimmerer rechnet oft vor, dass die Lebensversicherung ihren Ruf als wenig lukrative und intransparente Geldanlage seiner Ansicht nach zu Unrecht trägt.

4,1 Prozent Rendite habe die Branche bei Laufzeiten von zwölf Jahren für die Kunden erwirtschaftet. Inflationsbereinigt, wie er betont. Das sei angesichts der schwierigen Zeiten ein gutes Geschäft. "Da brauchen wir auch ein Stück neue Bescheidenheit."