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Betrug im Internet: Warum so viele Menschen auf Betrüger-Mails hereinfallen

Foto: Corbis

Psychologie Labor des Leichtsinns

Millionen fallen alljährlich auf Betrüger-Mails herein. Forscher studieren die Tricks der Gauner, um Einblicke ins Wesen der Leichtgläubigkeit zu gewinnen.

Kurz vor Weihnachten ging der Alptraum los: Sanda Weigl, 59, ist Sängerin, abends zuvor war sie mit ihrer "Zigeunermusik" in Berlin aufgetreten. Am folgenden Morgen kam sie nicht mehr an ihre E-Mails heran, das Passwort war geändert. Dafür klingelte das Handy: Freunde boten ihr Geld an. Was war los?

Hacker

Kriminelle hatten sich Zugang zu ihrem Account verschafft und von dort aus Notruf-Mails an alle gut 600 Kontakte in ihrem Online-Adressbuch verschickt, mit der dringenden Bitte, Geld an eine Filiale von Western Union im britischen Newcastle zu überweisen: "Please I need some help."

Eigentlich hätte alles an der gefälschten E-Mail misstrauisch machen müssen: das holprige Englisch, die schwammige Erklärung ("some certain problems"), die Bitte, nicht anzurufen ("I'd prefer we discuss this issue only through email").

Doch der Trick funktionierte: "Unglaublich, wie viele Leute mir helfen wollten", staunt Weigl. Eine Freundin hatte bereits 500 Euro überwiesen, konnte den Auftrag aber gerade noch annullieren.

(www.vz-nrw.de)

Die meisten anderen haben weniger Glück. Angesichts einer Betrugsflut im Netz veröffentlicht Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) Warnungen auf einer Website . Das britische Verbraucherschutzamt schätzt, dass jedes Jahr über drei Millionen Mitbürger auf betrügerische Botschaften hereinfallen, der Schaden: mehr als vier Milliarden Euro.

Individuell zugeschnittener Spam-Betrug

Internet

Doch wie kann es sein, dass Menschen, die nie auf die Idee kämen, einem Unbekannten auf der Straße Geld zu leihen, im jedes Misstrauen vergessen? Dieses Rätsel wächst sich mittlerweile zu einem eigenen Forschungsfeld aus.

"Die Angriffe werden immer gezielter und individueller", sagt Norbert Pohlmann, Leiter des Instituts für Internetsicherheit in Gelsenkirchen. Etwa jeder 20. Rechner sei mit Schadprogrammen infiziert, welche die Passwörter von E-Mail-Zugängen ausspähen können.

Phishing

Mit diesen Zugangsdaten wiederum betreiben Kriminelle das sogenannte Spear , also den individuell zugeschnittenen Spam-Betrug, so Pohlmann: "Wenn ich einen Bettelbrief bekomme, der sich nicht wie üblich um das Geld irgendeines afrikanischen Diktators dreht, sondern um einen Freund, dann bin ich viel eher bereit, zu helfen."

"Viele Betrüger sind gewiefte Psychologen", sagt Stephen Greenspan: "Sie sprechen die stärksten Motivationen an: Gier, Angst, Lust, Mitleid." In einem Buch hat er das Phänomen der Leichtgläubigkeit untersucht. "Ein kaum erforschtes Gebiet", sagt er: "Überraschend ist, dass leichtgläubige Menschen keineswegs immer dumm sind." Bestes Beispiel ist er selbst: Der Psychologe aus Colorado verlor viel Geld durch die Tricks des New Yorker Börsengauners Bernard Madoff, der seine Kunden mit angeblich enormen Gewinnchancen verführte.

Hat ein Opfer einmal zurückgeschrieben, fühlt es sich emotional verpflichtet

Sogar Sir Isaac Newton, einer der klügsten Männer seiner Zeit, fiel auf Anlagebetrüger herein, als 1720 die sogenannte Südseeblase platzte. Der Gründervater der modernen Physik verlor 20.000 Pfund, das 400fache Jahreseinkommen eines Handwerkers. Verwundert stellte er fest: "Ich kann zwar die Bewegungen von Himmelskörpern berechnen, aber nicht die menschlichen Verrücktheiten."

Genau das jedoch schwebt Stephen Lea von der University of Exeter im Südwesten von England vor. Den Psychologen faszinieren Betrügerbriefe, sogenannte Scams, weil er sie als präzise Sonden betrachtet, mit denen er die Grauzone zwischen Intelligenz und Intuition erkunden kann.

Lea analysierte Betrüger-Mails und stieß stets auf ähnliche Muster: Den Empfängern wird ein großer Gewinn in Aussicht gestellt, meist in Form von Geld oder Zuneigung; die Gauner setzen ihre Opfer zeitlich unter Druck; gaukeln ihnen Vertrauenswürdigkeit vor; drängen sie zu Verschwiegenheit; verleiten sie zu kleinen Interaktionen - hat ein Opfer einmal zurückgeschrieben, fühlt es sich bereits emotional verpflichtet.

Lea schuf sich eine Art Labor des Leichtsinns: 10.000 trügerische Lockangebote verschickte der Professor, um Leichtgläubige zu ködern. Danach befragte er seine Opfer. Leas Erkenntnisse:

  • Aufmerksamkeit schützt vor Schaden nicht: Je genauer die Opfer ein Angebot studieren, desto wahrscheinlicher greifen sie zu.
  • Wissen allein hilft wenig: Die Opfer hatten oft gute Fachkenntnisse in dem Geschäftsbereich, um den sich der Betrug drehte.
  • Ignorieren ist der beste Selbstschutz: Wer schon beim ersten Satz Verdacht schöpft und den Rest gar nicht erst liest, tappt nicht in die Falle.

Mindestens jeder Zehnte leidet unter Leichtgläubigkeit. Erstaunlicherweise kommen viele der "chronischen Opfer", wie Lea sie nennt, ansonsten gut im Leben zurecht. "Offenbar hat eine gewisse Risikofreude auch ihre Vorteile", so Lea.

Um sich zu schützen, raten Experten dazu, starke Passwörter zu verwenden und Virenschutzsoftware zu installieren. "Vor allem aber: Verlassen Sie sich auf Ihre Intuition", rät Lea, "wenn Sie auch nur den leisesten Zweifel an der Seriosität haben, liegen Sie fast immer richtig."

Sein nächstes Projekt: Er will einen Persönlichkeitstest entwickeln, der Leichtgläubige entlarvt - einen Seelen-Algorithmus also, um Newtons Traum wahr zu machen: den menschlichen Irrsinn zu berechnen.

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