AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2011

Archäologie Onkel aus dem Märchenland

Er speiste mit US-Millionären, feierte Partys wie aus Tausendundeiner Nacht und arbeitete für Kaiser Wilhelm II. und Hermann Göring im Orient: Eine Ausstellung in Berlin zeigt erstmals die - für immer zerstört geglaubten - Funde des Ausgräbers und Bankierssohns Max von Oppenheim.

Max Freiherr von Oppenheim-Stiftung, Köln

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Samuel Beckett und der irakische König Faisal I. reisten an, um die neue Sensation an der Spree zu bestaunen. Im Juli 1930 hatte der Diplomat, Geheimagent und Orientreisende Max von Oppenheim in Charlottenburg ein Privatmuseum gegründet.

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Heft 4/2011
Das überforderte Ich

Tonnenschwere Greife waren dort zu sehen, Sphinxe aus Basalt und seltsame "Skorpionenvogelmänner". Die knapp 3000 Jahre alten Fabelwesen stammten aus einer verschütteten Festung am Rand der syrischen Wüste. In der Bibel heißt der geheimnisvolle Ort "Gozan".

In 13 Bahnwaggons hatte der Entdecker die riesigen Steinfiguren nach Aleppo gebracht und von dort mit Lastwagen und Schiffen nach Deutschland geholt - ein Kulturgüter-Coup der Sonderklasse. Das auffälligste Fundstück, eine weibliche Grabfigur mit Zöpfen und spitzer Nase, nannte Oppenheim im Beisein der Krimi-Autorin Agatha Christie "meine Venus".

Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus. 1943 krachten alliierte Phosphorbomben auf die Statuen aus dem Morgenland und entfachten 900 Grad heiße Glut. Beim Löschen des Brandes zersprangen die Bildwerke. Übrig blieben 27.000 Basaltbrocken, teils nur daumengroß, die zu DDR-Zeiten in einem Keller lagerten.

Die Bruchstücke galten als unrestaurierbar.

Nun jedoch sind die Denkmäler wiederauferstanden. Das Berliner Pergamonmuseum eröffnet an diesen Freitag eine Ausstellung ("Die geretteten Götter"), die eigenem Bekunden nach auf einem "beispiellosen Restaurierungsprojekt" beruht.

Restauratoren am Rande des Nervenzusammenbruchs

Bereits im Oktober 2001 begann ein vierköpfiges Sortierteam damit, das Puzzle zusammenzusetzen. Zuerst breitete es die Trümmer in zwei Hallen auf 600 Quadratmetern aus. Neun Jahre lang wurde sodann gefummelt und nach passenden Ornamenten gesucht - Restauratoren am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Rund 30 Skulpturen sind jetzt wieder in Form. Risse und Fugen durchziehen sie, manche der Götzen bestehen aus tausend und mehr Bruchstücken. Lücken wurden mit Gips gefüllt. Schließlich lupfte ein Kran die klobigen Monumente hoch: An Stahlketten baumelnd, schwebten sie von außen durch die oberen Fenster des Pergamonbaus. Die Gesamtlast der Schmuckstücke liegt bei etwa 30 Tonnen.

Auch der Louvre und das British Museum haben Interesse angemeldet. Die Kollegen dort müssten allerdings erst prüfen, "ob ihre Fußböden solch schweren Objekten standhalten", wie der Kurator Lutz Martin erklärt.

Keine Frage: Berlin steht Gewichtiges bevor. Für Andrang dürfte aber auch der Entdecker der Figuren sorgen. Max von Oppenheim (1860 bis 1946) war - wie Heinrich Schliemann - ein Quereinsteiger in der Archäologie. Als Spross der jüdischen Bankhaus-Dynastie Salomon Oppenheim (seine Mutter war eine Kölner Patriziertochter) wuchs der Junge ins prunkvolle Leben der Belle Epoque hinein. Der Wohnsitz der Eltern nahe Bonn glich einem Zauberschloss. An der vom Vater verordneten Juristerei fand Max wenig Gefallen. Ihn zog es ins Morgenland.

Gepökelte Köpfe von Stammesfeinden

1886 bereiste er das damals fast noch mittelalterliche Marokko. Verkleidet betrat er - trotz drohender Todesstrafe - eine Moschee in Fès. Später ersteigerte er auf einem Sklavenmarkt ein Berber-Mädchen und bekam in einem entlegenen Dorf gepökelte Köpfe von Stammesfeinden vorgesetzt.

Es folgten Reisen bis in den Irak. 1896 zog der Dandy nach Kairo, wo er mit dem Gärtner Soliman, sechs Dienern und einem französischen Koch in einer Villa mit Palmen lebte.

Längst sprach Oppenheim fließend Arabisch, er zeltete bei Scheichs und plauderte in Turbantracht mit drusischen Fürsten. Solche Leute brauchte der kolonial gesinnte Kaiser. Also engagierte er Oppenheim für das deutschen Generalkonsulat in Ägypten.

Nebenbei sammelte der schillernde Bankierssohn 42.000 Bücher und studierte die Sitten des Orients. Sein wegweisendes Werk über die Geschichte der Beduinen wird in Saudi-Arabien gerade neu entdeckt.

Ausgestattet mit Papas üppigem Taschengeld, veranstaltete der Gelehrte in Kairo auch "Tanzfeste" wie aus Tausendundeiner Nacht. Auf Diwanen empfing er britische Botschafter, polnische Prinzessinnen oder den US-Hotelkönig John Jacob Astor (der später beim Untergang der "Titanic" ertrank). Als Agatha Christie den Orient bereiste, schwelten dort immer noch Legenden vom sagenhaften Reichtum "El Barons".

Glamourös wirkte Oppenheim nicht zuletzt wegen seiner vielen Liebschaften. Statt zu heiraten, nutzte er die islamische Sitte, sich "Frauen auf Zeit" zu nehmen. Hinzu kamen Flirts und kurze Abenteuer.

1908 im Basar von Kairo wagte er sich an eine verheiratete, "sehr hübsche, ganz junge" Araberin mit "elastisch wiegendem Gang" heran, die hinter einem Schleier verborgen und bewacht von einem muskulösen Eunuchen zum Dampfbad schritt. So steht es in seinen Lebenserinnerungen. Die Liebelei endete in einer Katastrophe. Der Gatte erfuhr von dem Seitensprung seiner Frau und ermordete sie.



insgesamt 4 Beiträge
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elbröwer 27.01.2011
1. "aus der Türkei nur Ausflüchte"
Dort leben die Türken seit 1453 und haben im großen Stil Artefakte aus asia minor zerstört. Es ist das gleiche was in Ägypten geschah und geschieht. Keine Achtung vor dem Erbe! Was nicht muslimisch ist kann kaputt gehen. Umso erhebender die Restauration in Berlin und nicht nur dieser Fundstätte. Nofretete würde in Ägypten unrestauriert im Speicher liegen oder längst einem privaten Kunstsammler gehören.
projektraum 27.01.2011
2. Raubgut
wären die Stücke im Land geblieben, hätten diese höchstwahrscheinlich die Zeit unzerstört überdauert-
snickerman 27.01.2011
3. Wenn man keine Ahnung hat...
Zitat von projektraumwären die Stücke im Land geblieben, hätten diese höchstwahrscheinlich die Zeit unzerstört überdauert-
einfach mal nix sagen... Längst hätten Raubgräber alles durchwühlt und kurz und klein geschlagen- oder es wüsste bis heute keiner irgendwas davon und es gäb nix drüber zu reden... Schauen Sie einfach mal in den Irak oder nach Afghanistan, wo in den letzten Jahren ganze unergrabene antike Städte vernichtet worden sind. Dort wo sich noch vor wenigen Jahrzehnten die Umrisse von Tempeln, Stadien, Bädern, Palästen und Festungen abzeichneten, sieht es heute so aus, als hätten dort Streubombentests stattgefunden, alles übersät mit den Grabungstrichtern der Raubgräber, die oft nur aus purer Not buddeln- aber nichtsdestotrotz das jahrtausendealte Erbe der Menschheit für immer vernichten.
habsjaimmergesagt 28.01.2011
4. .Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von snickermaneinfach mal nix sagen... Längst hätten Raubgräber alles durchwühlt und kurz und klein geschlagen- oder es wüsste bis heute keiner irgendwas davon und es gäb nix drüber zu reden... Schauen Sie einfach mal in den Irak oder nach Afghanistan, wo in den letzten Jahren ganze unergrabene antike Städte vernichtet worden sind. Dort wo sich noch vor wenigen Jahrzehnten die Umrisse von Tempeln, Stadien, Bädern, Palästen und Festungen abzeichneten, sieht es heute so aus, als hätten dort Streubombentests stattgefunden, alles übersät mit den Grabungstrichtern der Raubgräber, die oft nur aus purer Not buddeln- aber nichtsdestotrotz das jahrtausendealte Erbe der Menschheit für immer vernichten.
Ja und? Hat das irgendeine Auswirkung auf Ihr oder mein Leben? Also!
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