AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2011

Geldanlage "Eine große Sturmwolke"

Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleihe-Investors Pimco, über die Euro-Krise, die Schuldenprobleme der Vereinigten Staaten und sein Mitleid mit den Deutschen.

AFP

SPIEGEL: Herr El-Erian, die Fondsgesellschaft Pimco verwaltet über 1,2 Billionen Dollar und ist damit der größte Anleihe-Investor der Welt, ein großer Teil des Geldes steckt in Staatsanleihen. Sind Sie ein unverbesserlicher Optimist?

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Heft 6/2011
Ägyptens Kampf um die Freiheit

El-Erian: Anleger auf der ganzen Welt vertrauen uns ihr Erspartes an und erwarten, dass wir mit Risiken richtig umgehen. Es ist wichtig zu differenzieren. Manche Länder erzielen Überschüsse und sind Nettokreditgeber. Aber natürlich gibt es andere, deren öffentliche Finanzen einen großen Schock erlitten haben und die in einer riskanten Lage sind.

SPIEGEL: Uns fallen da eine ganze Menge Länder ein, die USA zum Beispiel, viele Staaten Europas...

El-Erian: Die Vereinigten Staaten haben zurzeit ein Haushaltsdefizit von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und die Staatsverschuldung stieg innerhalb von weniger als zwei Jahren um 20 Prozentpunkte. Das gab es noch nie in Friedenszeiten. In Europa haben Länder wie Griechenland jahrelang eine unvernünftige Fiskalpolitik betrieben. Andere Staaten wie Irland stehen vor großen Herausforderungen, weil der Staat die Schulden der Banken übernommen hat.

SPIEGEL: Pimco hat als größter privater Kapitalgeber für den Anleihemarkt regelmäßig Kontakt zu den Regierungen. Was raten Sie beispielsweise einer spanischen Finanzministerin?

El-Erian: Die haben, glaube ich, meine Londoner Kollegen getroffen. Die Spanier hatten wegen eines Treffens angefragt.

SPIEGEL: Wie viele Finanzminister haben denn in jüngster Zeit angerufen?

El-Erian: Manche tun es, auch viele Notenbanker fragen uns nach unserer Meinung. Meistens geht es darum, unter welchen Bedingungen wir als langfristige Investoren einsteigen würden. Unsere Antwort ist immer die gleiche: Wir wollen hohes und dauerhaftes Wachstum sehen.

SPIEGEL: Und der spanischen Finanzministerin sagen Ihre Leute dann: "Sorry, Ihre Anleihen sind uns zu riskant."

El-Erian: Derzeit sind wir sehr vorsichtig damit, uns Risiken in Irland und Griechenland auszusetzen. Aber über Spanien denken wir nach. Es hängt viel davon ab, wie sie das Problem mit den Sparkassen lösen.

SPIEGEL: Können Länder wie Griechenland tatsächlich ihre Schulden zurückzahlen?

El-Erian: Länder wie Griechenland müssen sich rasch um ihren Schuldenüberhang kümmern. Sie befinden sich in einer Schuldenfalle: Die bestehenden Schulden halten neue Investoren davon ab, ins Land zu kommen. Es ist, als würde eine sehr große Sturmwolke über Ihrem Haus hängen. Da gehen Sie auch nicht raus, sondern warten erst einmal ab. Ich weiß noch, wie ich auf das griechische Rettungspaket vor fast einem Jahr reagiert habe. In den 15 Jahren, die ich für den Internationalen Währungsfonds gearbeitet habe, hatte ich noch nie so ein ambitioniertes Sparprogramm gesehen. Selbst wenn die griechische Regierung alle Einsparungen durchsetzen kann, wird die Verschuldung von 114 auf fast 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Das wird das Wirtschaftswachstum ersticken und die Arbeitslosigkeit erhöhen. Das kann die Bevölkerung nicht durchhalten.

SPIEGEL: Sie erwarten also einen Schuldenschnitt?

El-Erian: Zurzeit glauben wir nicht, dass Griechenland eine Politik hat, die die Wirtschaft ausreichend wachsen lässt, um diesem Schuldenüberhang zu entkommen. Wir warten auf eine überzeugendere Antwort. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.

SPIEGEL: Die Deutschen könnten die griechischen Rechnungen übernehmen...

El-Erian: ...die Europäische Union könnte bestehende Schulden mit Zuschüssen finanzieren und damit das teure Geld der Finanzmärkte ersetzen, aber das wäre zu teuer. Ein Schuldenschnitt zu Lasten der Kreditgeber wäre möglich. Eine andere Möglichkeit: Die EU könnte Griechenland helfen, die Schulden mit einem Abschlag zurückzukaufen. Der SPIEGEL hat darüber berichtet, dass so etwas in Brüssel geplant wird.

SPIEGEL: Könnte das funktionieren?

El-Erian: Es könnte helfen, wenn die Größenordnung stimmt. Aber damit werden private durch öffentliche Schulden ersetzt. Es geht am Ende immer darum, ob sie die Schulden stark genug reduzieren - und wer die Last trägt.

SPIEGEL: Reicht ein Schuldenschnitt, ein sogenannter Haircut, von zehn Prozent?

El-Erian: Nein. Nach einer ersten Analyse sollten die Schulden unter 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fallen.

SPIEGEL: Wenn die Europäer die Schulden der Griechen von aktuell 140 auf 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts reduzieren, kaufen internationale Investoren wie Sie dann wieder griechische Anleihen?

El-Erian: Es wird helfen. Aber letztlich hängt es davon ab, ob das reicht, damit die Wirtschaft wieder dauerhaft wachsen kann.

SPIEGEL: Werden die Investoren nicht aufschreien, wenn sie ihren Einsatz nicht mehr voll zurückbekommen?

El-Erian: Sie müssen es so hinbekommen, dass das Wachstum und die Beschäftigung gefördert werden sowie die Unsicherheit verschwindet. Dann profitieren alle. In Uruguay etwa hat der Kapitalmarkt einen am Markt orientierten Schuldenschnitt akzeptiert. Wenn sie es dagegen so wie 2001 in Argentinien völlig ungeordnet machen, verlieren alle.

SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass manchen Kritikern der globale Einfluss von Pimco inzwischen zu weit geht?

El-Erian: Wir verbringen bei Pimco sehr viel Zeit damit, Trends aufzuspüren, die wir dann veröffentlichen. Zum Glück interessieren sich die Leute für das, was wir zu sagen haben. Manche reagieren darauf und testen unsere Ideen, und wir können dadurch unser Denken weiterentwickeln. Dass wir klare Analysen machen und Vordenker sind, trägt zu unserem Erfolg bei.

SPIEGEL: Sagen wir es doch direkter: Mit Ihren Äußerungen können Sie die Finanzmärkte bewegen - und zwar dahin, wo es Ihnen passt.

El-Erian: Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Investitionen und Renten unserer Anleger auf der ganzen Welt zu schützen, das sind Normalbürger mit ihren Ersparnissen. Bislang haben wir unsere Klienten sicher durch zahllose Zyklen gesteuert, inklusive der Finanzkrise. Wenn wir aber wirklich Märkte steuern könnten, dann wären wir nicht ständig zu früh dran, wie etwa beim Crash des US-Immobilienmarktes. Den haben wir schon 2006 sehr laut angekündigt, aber dann ist fast zwei Jahre nichts passiert, und unsere Warnungen wurden ignoriert. Ähnlich war es 1999 mit unseren Bedenken zu Argentinien.

SPIEGEL: Als die EU sich um die Rettung Griechenlands bemühte, verurteilte Pimco die Bemühungen als wirkungslos. Sie haben noch Öl ins Feuer geschüttet, wohl wissend, welches Ergebnis das haben würde. Die Kosten für die Versicherung griechischer Staatsanleihen stiegen deutlich.

El-Erian: Unsere Rolle ist schlicht die Analyse. Unsere Kunden fragen uns: Warum investiert ihr nicht in griechische Staatsanleihen mit acht, neun, zehn Prozent Zinsen? Wir schulden es unseren Kunden, deutlich zu sagen, was uns beeinflusst, wenn wir ihre Ersparnisse investieren.

insgesamt 72 Beiträge
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founder 08.02.2011
1. Nur Wachstum minus GAF zählt
Die Kennzahlen für das Wirtschaftswachstum sind Unsinn. Das ist so als würde jemand nur den Umsatz ohne die Ausgaben angeben. Die Ausgaben in einer weltweiten Rechnung sind die möglichen notwendigen Sanierungskosten. GAF = Größte anzunehmende Folgekosten (http://politik.pege.org/2010-wirtschaftswachstum/bip-gaf.htm) ist so ein Begriff ähnlich GAU = Größter anzunehmender Unfall beim AKW Es bedeutet die maximalen Folgekosten die für eine lebensnotwendige Sanierung von Klima und Umwelt auftreten können. BIP - GAF ist derzeit in Deutschland -300 Milliarden EUR pro Jahr. Aus diesen roten Zahlen müssen wir rauskommen. Der Weg dazu wird im PEGE Tax Transition Concept (http://politik.pege.org/2010-china/key-note.htm) beschrieben
Matthias Hofmann 08.02.2011
2. El Erian irrt bezüglich der "Friedenszeiten"
Zitat von sysopMohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleihe-Investors Pimco, über die Euro-Krise, die Schuldenprobleme der Vereinigten Staaten und sein Mitleid mit den Deutschen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,744029,00.html
Die USA sind seit dem 2. Weltkrieg dauern in einen Krieg irgendwo auf diesem Planeten verkwickelt. Im Moment sehen wir als unmittelbare Konflikte Afganistan, Irak. Dabei gibt es aber auch viele mittelbare Konflikte wo viel Geld für Einfluß und Machterhalt ausgegeben wird.
FMK 08.02.2011
3. Ah ja
---Zitat--- Sollte Berlin in der Schuldenfrage eine harte Linie vertreten, wird das als antieuropäisch ausgelegt. ---Zitatende--- Ah ja. Aber die Hand aufhalten ist nicht antieuropäisch. Das ist nur antideutsch. Und das ist ja in Ordnung.
kundennummer 08.02.2011
4. Nachtrag
SPIEGEL: Die Deutschen könnten die griechischen Rechnungen übernehmen....... Wir könnens aber auch wie unsere megasolidarischen "Partner" machen und die BuBa einfach drucken lassen, siehe http://www.sueddeutsche.de/geld/euro-krise-irland-und-portual-frisches-geld-fuer-marode-banken-1.1056681 Verkürzt dargestellt: Man kann hier feststellen: es gibt in Zukunft etwa 20 (!) Töpfe, über die Staatsanleihen monetisiert werden können und die natürlich nie transparent in EINER "Inflationspotenzial"-Bilanz zusammengeführt werden: die EZB, der EFSF und alle nationalen Notenbanken des EUR-Systems. Und ALLE sind theoretisch unlimitiert monetisierungs- und kreditvergabefähig. Bis es eben der ultimative BÜRGE(R) NICHT mehr ist! PS: Dass nationale Notenbanken auch jederzeit einen Schritt weiter gehen könnten und [jedenfalls EINMAL] Geld direkt ohne Schuldgegenbuchung drucken könnten und so ihren Staat schuldenfrei. Allerdings geschähe dies im Eurosystem zu Lasten aller anderen Staaten. Nichts anderes machen aber derzeit Irland, Portugal und vermutlich heimlich schon viele andere Staaten. Was soll es also? Lasst es uns auch machen...
kamsala 08.02.2011
5. Pimco? StateStreet!
Zitat von sysopMohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleihe-Investors Pimco, über die Euro-Krise, die Schuldenprobleme der Vereinigten Staaten und sein Mitleid mit den Deutschen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,744029,00.html
Mag sein, dass Pimco ganz oben steht, wenn es um Anleihen (welche?) geht. Aber gegen StateStreet ist Pimco doch ein Zwerg... Pimco: $1242.1 billion in assets under management 1,484 total employees StateStreet: ~$1900 billion in assets under management ~$20200(!) billion in assets under custody and administration 29000 total employees StateStreet verwaltet dutzendfach mehr Vermögen wie die BRD Schulden hat... Die Dimension der Macht, die darin liegt, mag man sich gar nicht vorstellen...
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