AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2011

Norwegen "Goldene Röcke"

Als erstes Land der Welt hat sich die Ölnation eine Frauenquote für Konzerne verordnet. Sie hat der Wirtschaft nicht geschadet, den Frauen aber auch noch nicht sehr geholfen.

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Die Frau, die sie hinter vorgehaltener Hand "Goldrock" rufen, trägt in Wirklichkeit eine enge graue Wollhose. Auf schwarzen Lackstiefeln schreitet sie entschlossen aus der Tür des Osloer Flughafens.

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Heft 7/2011
Risiko Fehldiagnose

Sie lächelt, sie sieht zufrieden aus - dabei hätte sie allen Grund, müde zu sein.

Eli Saetersmoen, 46, kommt gerade aus Bergen, von der Aufsichtsratssitzung der Bergen-Group. "Es ging um die Geschäftszahlen für das vierte Quartal", sagt sie.

Mehrere Stunden lang hat sie Fragen gestellt, nach möglichen Schwachstellen in der Bilanz des Offshore-Konzerns gesucht. "Du musst analytisch sein", erklärt sie, "auch wenn du den Leuten damit auf die Füße trittst."

Kurz vor acht Uhr abends ist ihr Arbeitstag noch nicht vorbei. Gleich, im Flughafenzug nach Oslo, wird sie an dem Vortrag schreiben, den sie am nächsten Tag auf einer Konferenz halten soll. "Die wollen wissen, wie ein erfolgreicher Aufsichtsrat arbeiten muss."

Sie sagt das so beiläufig wie möglich - und weiß doch nur zu gut, dass noch vor wenigen Jahren kaum jemand auf die Idee gekommen wäre, eine Frau in einer solchen Angelegenheit um Rat zu fragen.

Doch es hat sich etwas verändert in Norwegen. "Das Land", sagt sie, "hat einen großen Schritt nach vorn getan." Damit meint sie eine gesetzliche Quote, die seit 2006 vorschreibt, dass 40 Prozent der Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen weiblich sein müssen. Konzernen, die dem nicht nachkommen, droht eine drakonische Strafe: Sie können aufgelöst werden.

Seitdem gilt das skandinavische Land unter Ökonomen und Frauenrechtlern auf der ganzen Welt als Versuchsfeld für neue Methoden, ein altes Problem zu lösen: den Mangel an Frauen an den Schalthebeln der Macht.

Auswüchse eines dirigistischen Staatsfeminismus?

Eli Saetersmoen dient als Aushängeschild erfolgreicher Geschlechterpolitik. Sie hat schon in zwölf Aufsichtsräten gesessen, darunter dem des staatlichen Energiekonzerns Statoil. Derzeit ist sie unter anderem Aufsichtsratsvorsitzende von Scandpower, und seit eineinhalb Jahren führt sie als Vorstandschefin den norwegischen Ableger des Mischkonzerns Falck Nutec.

Befürworter des weltweit einzigartigen Gesetzes hofieren sie als Rollenmodell einer neuen Generation selbstbewusster Führungsfrauen. Kritiker sehen ihre vielen Ämter als Beweis für die Auswüchse eines dirigistischen Staatsfeminismus: "Gullskjørtene" nennen sie Frauen, die in gleich mehreren Aufsichtsräten sitzen: "goldene Röcke".

Stolz registrieren die Nachfahren der Wikinger, dass ihre Pioniertat Nachahmer findet: in den Niederlanden, in Frankreich, in Spanien. Ausführlich haben die Medien des Landes auch über die Debatte in Deutschland berichtet. Wird Norwegen nach Öl und Lachs auch zum Exporteur von Frauenrechten?

Zwar belegt das Land schon seit je einen Spitzenplatz im Gleichberechtigungsindex der Vereinten Nationen: Bereits im Jahr 1913 führte es das volle Frauenwahlrecht ein. Seit fast zwei Jahrzehnten zahlt der Staat während des Mutterschutzes ein Jahr lang 80 Prozent des Lohns weiter. Auch ist der Anteil berufstätiger Frauen überdurchschnittlich.

Wie die Aufsichtsräte von den Frauen profitiert haben

In vielerlei Hinsicht jedoch gleicht die norwegische Statistik derjenigen anderer Länder: Der Großteil der Frauen ist im öffentlichen Sektor beschäftigt, als Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Kindergärtnerinnen. Viele Frauen kehren nach dem Mutterschutz auf Teilzeitstellen zurück, was ein wichtiger Grund dafür ist, dass sie weniger verdienen als Männer. Und auch im Land der Fjorde gibt es die sogenannte gläserne Decke: eine unsichtbare Barriere, die den Frauen den Aufstieg an die Konzernspitzen verwehrt.

Nun, rund fünf Jahre nach Einführung der Quote, ziehen die heimischen Forscher eine erste Bilanz. "Weder die schlimmsten Befürchtungen der Gegner noch die größten Hoffnungen der Befürworter haben sich erfüllt", resümiert Marit Hoel, Direktorin des Osloer Zentrums für unternehmerische Vielfalt. Gerade erst hat sie dieses Fazit auch der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Berlin vorgetragen.

Demnach hat der Umbau der Aufsichtsräte die Firmen weder ins Chaos noch in den Ruin getrieben. Die Bilanzen erfolgreicher Firmen hätten kurzfristig etwas gelitten, sich aber schnell erholt, berichtet Hoel: "Konzerne, die schlechter dastanden, haben hingegen von den Frauen eher profitiert."

Offensichtlich sei es gelungen, ausreichend kompetente Aufsichtsrätinnen zu finden. "Ersetzt wurden vor allem ältere Aufsichtsräte", sagt die Sozialforscherin, "und zwar von Frauen mit weit höherer Ausbildung." Umfragen unter Konzernchefs zufolge haben die Frauen den Arbeitsstil in den Kontrollgremien kaum verändert. "Nur einige berichten, dass die Diskussionskultur offener geworden sei", so Hoel.



insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
jocurt, 17.02.2011
1. Schon der Artikel Titel ist übel
Zitat von sysopAls erstes Land der Welt hat sich die Ölnation eine Frauenquote für Konzerne verordnet. Sie hat der Wirtschaft nicht geschadet, den Frauen aber auch noch nicht sehr geholfen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,745554,00.html
"Waffe" gegen die Vorherrschaft der Männer. Brauchen wir jetzt schon Waffen im Geschlechterkrieg des SPON. Übrigens, wieviel Männer kommen in keinen Vorstand und müssen sich hier gleich mit in Sippenhaft,Geschlechterhaft nehmen lassen. Und wieviel Frauen gibts in Norwegen und in unserer Regierung und .... hat es was genützt ?
atomkraftwerk, 17.02.2011
2. .
40% ist inkonsequent, es müßten da schon 50% sein, oder beträgt der Frauenanteil in Norwegen nur 40%? Von solchen Verordnungen halte ich nichts. Wenn es möglich ist soviele qualifizierte Frauen zu finden die den Job machen können und wollen kann man die auch so einstellen ohne Quotenvorgabe. Aber am Ende stehts ja schon warum überhaupt geht, weil es vernünftige Arbeitszeiten gibt, nicht wie hier 14h/Tag malochen, und Kindergärtenplätze sind bis späten Nachmittag geöffnet, hier gibts ja nicht mal genug.
flower power 17.02.2011
3. Klasse
Dann nimmt die Tusse des Vorstandsmitgliedes gleich noch einem Mann den Aufsichtsratsposten weg. Zusammen ist man halt reicher. So wird die Umverteilungvon unten nach oben noch wirksamer. 'Es ist halt noch immer so, dass Frauen Kinder bekommen, und Kinder eine Mutter brauchen. Reichen die Fehlentwicklungen in unserer Jugend noch nicht. Wo ist noch ein funktionierendes Heim vorhanden? Die Playstation und die Wii ersetzen nun mal keine Mutter.
moderne21 17.02.2011
4. Zeiten ändern sich
Vor ungefähr 15 Jahren ging bei uns im Hamburger Asta unter männlichen Jura- und BWL-Studenten der Spruch, die Sozis seien erst glücklich, wenn der letzte Familienvater seinen Ingenieursjob an eine kinderlose Emanze im Blaumann und mit Kurzhaarschnitt abtreten musste. Damals war das aber ganz klar als satirische Überspitzung und Provokation (http://www.provokationskunst.de) gemeint. Wäre es das heute auch noch oder wäre es stellenweise bereits eine Beschreibung der Realität ?
KT712 17.02.2011
5. Ich setze noch eine(n) drauf
---Zitat von Spiegel-Online--- Ein Grund dafür ist Lund zufolge in den Familien zu finden: "Noch immer sind die Pflichten im Haushalt und beim Großziehen der Kinder nicht gerecht verteilt", sagt sie. ….. Die Delegierten unten im Plenarsaal hat sie deshalb von einer weiteren dirigistischen Maßnahme überzeugen können, die dem Korpsgeist konservativer Konzernbosse zuwiderläuft: Die Elternzeit, so die nunmehr offizielle Forderung des Unternehmerverbands, soll zu einem Drittel die Mutter und zu einem Drittel der Vater übernehmen. Nur die restliche Zeit sollen beide frei unter sich aufteilen dürfen. ---Zitatende--- Was sind denn das für halbe Sachen? Ich würde festlegen, dass künftig mindestens 40% der Kinder von den Vätern geboren werden müssen! Das ist schon lange überfällig und mit ein wenig gutem Willen sicher zu machen. Auf jeden Fall ein Vorschlag, der mindestens ebenso sinnvoll ist.
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