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Strahlender Schrott: Kruste aus Uran

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Strahlenschutz Kruste aus Uran

Strahlende Metalle aus aller Welt landen auf deutschen Schrottplätzen. Händler fanden dort sogar den Stoff für Atombomben.

Der Schrotthöker aus Ennepetal in der nordrhein-westfälischen Provinz war stolz auf die 300 Kilogramm schwere Kiste voller Pfännchen: Sie waren aus Molybdän, einem besonders festen Metall. Das würde ihm gutes Geld einbringen.

Wie groß aber war seine Überraschung, als die Kiste in die Nähe eines Strahlendetektors geriet. Das Gerät schlug heftig aus. Eilig hinzugerufene Strahlenexperten stellten fest: An den Pfannen hafteten Krusten aus Uran, bis zu 2,9 Kilogramm. Ein Teil davon war angereichert. Solches Zeug kommt in der Natur nirgendwo vor. Es entsteht nur in der Atomindustrie.

Atombomben

Entsprechend elektrisiert reagierten US-Experten für Massenvernichtungswaffen auf die Entdeckung vom 16. März vorvergangenen Jahres - zumal es sich schon um den zweiten heiklen Fund auf einem deutschen Schrottplatz handelte: Bereits im März 2006 hatte ein Stahlhändler im brandenburgischen Hennigsdorf gefährliche Strahlen aus einer Schrottlieferung registriert, die er aus Osteuropa bekommen hatte. In der Ladung strahlten 47,5 Gramm Uran. Und diesmal war es sogar hoch angereichert, zu 80 Prozent - der Stoff also, der für taugt.

Das US-Außenministerium, so offenbart jetzt eine geheime Washingtoner Depesche, wollte Genaueres von Berlin wissen: Wie war das Material zusammengesetzt? Waren beide Strahlenstoffe auf demselben Weg nach Deutschland gelangt?

Immerhin konnten Spezialisten inzwischen die Herkunft des Urans ermitteln: Das Material an dem Rohr aus Hennigsdorf stammte aus Brennstoff für einen Forschungsreaktor in Russland. Die Krusten aus Ennepetal, so vermuten Experten, könnten in der DDR entstanden sein, bei der Produktion von Kernbrennstoff aus den Uranminen der Wismut.

Bombenstoff für Terroristen

Wenn aber Bombenstoff versehentlich den Weg in den Schrotthandel findet, können dann nicht auch Terroristen an ihn herankommen? "Diese Uranfunde zeigen, dass es mit der Sicherheitskultur immer noch nicht stimmt", sagt der Proliferationsexperte Tom Bielefeld vom Belfer Center der Harvard University.

Strahlenalarm auf deutschen Schrottplätzen und Recyclinghöfen ist gar nicht so selten. 2006 erfasste das Bundesumweltministerium mehr als 20 Strahlenfunde im Schrott. 2007 und 2008 waren es ähnlich viele. Meist geht es um kleine Strahlenquellen. "Aber ab und an findet man auch Quellen, die so sehr ticken, dass sie diejenigen, die damit hantieren, schädigen können", sagt Experte Bielefeld.

In Estland starb 1994 sogar ein Mann an akuter Strahlenkrankheit, nachdem er ein Röhrchen voller Cäsium 137 gestohlen hatte. 1998 schmolz ein Stahlwerk im spanischen Algeciras eine Cäsium-137-Quelle ein. Durch den Schornstein verteilte sich strahlender Staub über großen Teilen Europas - auch deutsche Stationen registrierten erhöhte Gammastrahlung.

Internationale Atomenergiebehörde IAEA

Die bestätigt: Immer wieder gerät gefährliches Material in Umlauf, das auf schlecht gesicherten Geländen gestohlen wurde. Dass sie radioaktiven Schrott erbeutet haben, wissen die Diebe oft nicht. Sie sehen nur die große Metallmenge, die sich schnell zu Geld machen lässt.

Kochtöpfe aus Uranabfällen

Im westafrikanischen Niger schmiedeten Einheimische Kochtöpfe aus Metallabfällen einer Uranfabrik. Im ehemaligen Atomtestgelände Semipalatinsk in Kasachstan stehlen Bewohner der umliegenden Dörfer Rohre aus unterirdischen Testtunneln, um sie für ein paar Euro an Metallhändler in China zu verhökern.

Wenn solches Zeug eingeschmolzen wird, kann es sich überall verteilen. So war in Indien radioaktives Kobalt 60 in die Schrottschmelze geraten: Über 150 Tonnen verseuchtes Metall stellten Behörden weltweit sicher, auch in Deutschland spürten sie 2008 mehrere Chargen auf. Ein Teil davon war bereits zu Aufzugknöpfen verarbeitet und eingebaut worden.

Das Problem verschärft sich, weil der Stahlmarkt boomt, hohe Preise machen es attraktiv, auch das letzte Stück Schrott wiederzuverwerten. Metalle werden rund um den Globus gehandelt - auch in Ländern mit laxen Sicherheitsregeln.

Im Mai 2007 beschäftigte ein Fall die Behörden in Bremen: Bei einer Recyclingfirma hätten die Beamten "ziemlich angedätschte" Stahlblöcke mit stark strahlendem Cäsium 137 gefunden, berichtet Kurt Engelmann, Experte der zuständigen Gewerbeaufsicht. "Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn das in die Schmelze gelangt wäre."

Inzwischen kontrollierten in den Industrieländern die allermeisten Schrotthändler und Stahlschmelzen alle Ein- und Ausgänge, sagt Hans Gotthelf, Geschäftsführer der Strahlenschutzfirma Radiation Risk Management in Schwerte. Seine Leute sind hochspezialisiert und beraten Unternehmen, wie sie am effektivsten Strahlenquellen aufspüren können.

Die meisten Schrotthändler installieren die bis zu 70.000 Euro teuren Alarmgeräte freiwillig. Denn wenn sie verseuchte Ware ausliefern, haften sie für die Schäden, und die können schnell in die Millionen gehen. "Das Problem ist, dass in manchen Ländern solche Überwachungsstrukturen nicht existieren", sagt Gotthelf. "Da muss man handeln. Nicht in fünf Jahren, sondern jetzt."