AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2011

Städte Das Leben einer Toten

Venedig, der romantischste Ort der Welt, ist in Gefahr. Die Erderwärmung könnte die Stadt im Mittelmeer untergehen lassen, die Einheimischen fliehen vor Touristen und Migranten. Venedig zeigt in extremer Form, unter welchen Bedingungen Menschen in Zukunft leben.

Reuters

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Sie legen ab beim alten Fischmarkt. Sie räkeln sich in Gondeln, auf samtschwarzen Bänken, verkleidet als Mickymaus, Meerjungfrau und Pirat. Eine Rockband spielt, eine Pornodarstellerin entblößt ihre falschen Brüste, mitten auf dem Canal Grande. Es ist nicht mehr weit hin bis zum Karneval. Aber das hier ist kein Spaß, das hier ist eine bitterböse Demonstration, gegen den drohenden Untergang einer großen, alten Stadt.

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Heft 8/2011
(Dr.) zu Guttenberg und die Wahrheit

An Bord der Gondeln sitzen keine japanischen Reisegruppen oder verzauberten Deutschen, die, in aneinandergeketteten Booten, Gondolieri dabei knipsen, wie sie "O sole mio" singen oder "Horch, was kommt von draußen rein". Es sind junge Italiener, in Venedig geboren und erwachsen geworden in einer Stadt, die ihnen vorkommt wie Disneyland.

Ein Beamter der Kulturbehörde ist verkleidet als Ratte. "Die Flut treibt die Ratten an Land", sagt er. Flut, das sind nicht nur Venedigs Winterhochwasser, die immer öfter den Markusplatz in eine große Pfütze verwandeln. Flut, das sind die ansteigenden Menschenströme von 20 Millionen Touristen im Jahr, sie überschwemmen seine Stadt, und die Stadt nimmt sie auf, weil mit der Flut das Geld kommt.

"Venedig ertrinkt", sagt die Ratte, "und wir sterben aus."

An der Piazzale Roma geht die Flotte an Land. Der Platz ist die Durchgangsschleuse Venedigs. Wer hier ankommt, sucht sie vergebens, die hochglänzenden Bilder aus Reiseprospekten, die Orte, auf die Thomas Mann oder Donna Leon Elogen schrieben. An diesem Platz endet die Brücke zum Festland, der Kopfbahnhof entlässt Armeen mit Rollkoffern, im Minutentakt spucken Festlandbusse Pendler vor die Fähranleger. Die neue Hightech-Hochbahn "People Mover" holt Tagesgäste aus den Parkhaussilos, die Benetton-Gruppe hat das alte Eisenbahngebäude gekauft, es wird umgebaut zum Shopping-Center.

Wer Venedigs morbiden Charme sucht, der sollte diesen Platz meiden, er wird Venedig hassen.

Es wuchern Chinesenmärkte in diesem Venedig, Spielhöllen und Frittenbuden. Schiffsterminals werden ausgebaggert, eine Metro zur neuen Flughafen-City ist geplant, ein Offshore-Hafen, alles ist beschleunigt, alles dient der Massenabfertigung und dem Profit. An ihrem Tor wirkt die Stadt künstlich, ein Rummelplatz mit alten Mauern. Noch ist der Eintritt gratis.

"Welcome to Veniceland!", brüllt der Clown, die Ratten falten Stadtpläne im Disney-Design auseinander und preisen ihre Attraktionen: "Bei uns können Sie auf den Wellen der Kreuzfahrtschiffe im 'Tsunami-Channel' surfen und im 'St. Marks Fun Camp' per Achterbahn den Glockenturm hinaufjagen. Kaufen Sie 'Little Shanghai' leer, die ehemalige Glasbläserinsel Murano. Seien Sie live dabei, wenn Polizisten Taschenverkäufer aus Afrika verprügeln, jede Stunde beginnt eine Show. Und besuchen Sie die letzten echten Venezianer - auf der Friedhofsinsel San Michele."

Auf jeden Venezianer kommen zwei Fremde

Venedig sinkt, Venedig stirbt, diese Klagen ereilen Venedig wie die Gezeiten, die Stadt ist daran gewöhnt, Rezepte hat sie nicht. Es stimmt, der historischen Altstadt kommen die Bewohner abhanden, sie wandern ab aufs Festland, wo sie Arbeit finden und Alltag. Vor ein paar Monaten sank die Zahl der Einwohner auf unter 60.000, auf jeden Venezianer kommen zwei Fremde. Im Jahr 2030, so glauben viele, wird hier kein Venezianer mehr anzutreffen sein.

Der Ort, Touristenmagnet wie Mekka und Las Vegas, lebt längst fort in seinen Klonen in Macau und anderswo. Das Original jedoch, millionenfach belagert, stumpf geknipst, zu Tode geliebt - ist das überhaupt noch eine Stadt? Braucht sie Einwohner oder Museumswärter? Venedig ist ein Labor, in dem man beobachten kann, was passiert, wenn globale Menschenströme auf kleinstem Raum aufeinanderprallen.

Am Arsenale, der stillgelegten Schiffswerft am anderen Ende der Stadt, steigt an diesem Nachmittag ein Helikopter in den Himmel. Giovanni Cecconi, 52, ein nickelbebrillter Ingenieur im blauen Anorak, blickt hinunter aufs Meer. Aus der Luft betrachtet, sieht Venedig aus wie ein Fisch. Mit Kopf, Schwanz und Flossen und dem Canal Grande, der sich schlagadergleich durch die Altstadt windet und ein Geflecht aus Hunderten Kanälen speist.

Zukunft als postmoderne Stadt

Von oben wirkt das historische Zentrum winzig, drum herum ist sie längst da, die Zukunft als postmoderne Stadt. Das lässt sich erahnen vor der Badeinsel Lido, wo nichts zu sehen ist als Horizont und Meer. Hier soll, so erklärt es Ingenieur Cecconi, der Fisch aufs Trockene gelegt werden. Die Lagune, in der er schwimmt, groß wie der Bodensee, nur flacher, soll an ihren drei Zugängen zum Meer geschützt werden. Damit sie nicht überfließt, wenn die richtigen Fluten kommen.

Der Helikopter landet auf einer aufgeschütteten künstlichen Insel. Cecconi springt heraus und jagt über die Insel wie durch die Kulisse eines durchgeknallten Zukunftsfilms. "Think big", sagt er oft, wer Venedig retten will, muss Großes wollen. Cecconi arbeitet für das "Consorzio Nuova Venezia", die mächtigste Firma der Stadt, er führt in Baugruben tief wie Bombenkrater, Flutlicht blendet, Presslufthämmer donnern, zu sehen ist nicht viel, Venedigs Rettung spielt unter Wasser.

Venedigs Erlöser heißt Mose. Wie der Prophet, der das Rote Meer teilte, um das jüdische Volk aus Ägypten zu führen. Mose für "Modulo Sperimentale Elettromeccanico", ein Projekt von wahrhaft biblischen Ausmaßen. Erdacht nach der Jahrhundertflut 1966, im Bau seit sieben Jahren, ein viereinhalb Milliarden Euro teures Stauwehrsystem, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Tag und Nacht werkeln 3600 Arbeiter an 78 Stahltanks, die hier um die Insel und weiter südlich ins Wasser gelassen werden.



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Seite 1
artikel.5 26.02.2011
1. Wer fragt schon noch, was echt ist und was falsch?!
Was soll's, alles nur altes Gelumpe. Den Steinhaufen transportieren wir nach Las Vegas und bauen ihn dort neu auf, den Markus-Dom natuerlich als Casino und Ruby tanzt auf dem Tisch. Wer fragt schon noch, was echt ist und was falsch?!
Pyrrhus, 26.02.2011
2. Klimawandel?
Zitat von sysopVenedig, der romantischste Ort der Welt, ist in Gefahr. Die Erderwärmung könnte die Stadt im Mittelmeer untergehen lassen, die Einheimischen fliehen vor Touristen und Migranten. Venedig zeigt in extremer Form, unter welchen Bedingungen Menschen in Zukunft leben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,746568,00.html
Der Artikel beschreibt gut den Niedergang der Stadt. Aber mit dem Klimawandel - wie der reißerische Titel suggeriert - hat das wenig zu tun.
Markus Mobius 26.02.2011
3. Geburtenrueckgang
Zitat von sysopVenedig, der romantischste Ort der Welt, ist in Gefahr. Die Erderwärmung könnte die Stadt im Mittelmeer untergehen lassen, die Einheimischen fliehen vor Touristen und Migranten. Venedig zeigt in extremer Form, unter welchen Bedingungen Menschen in Zukunft leben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,746568,00.html
Vielleicht ist das Problem Venedigs weniger der Klimawandel als der extreme Geburtenrueckgang in Italien.
Koltschak 26.02.2011
4. Die Einheimischen fliehen vor Touristen und Migranten
"die Einheimischen fliehen vor Touristen und Migranten". Soso, das Klima ist also das Problem Nummero eins. Für SpOn vielleicht, aber nicht für die Bewohner Venedigs! Venedig ist seit Jahren Toruistenmagnet. Und nichts Anderes. Schuld sind mal wieder die Anderen. Es ist halt Pech, wenn man in so einer schönen "Belissima" wohnt. Venedig sehen und sterben heißt es nicht umsonst. Venedig wird überleben, die Menschheit auch. Das Problem sind nicht die - angeblich -so steigenden Fluten. Das Problem ist die Überbevölkerung. Aber diesem Problem widmet sich die Presse nicht, hört sich nicht so dramatisch an: Wir sind zu viele! Dann schon lieber: Wir saufen ab! Wenn die Länder südlich des Mittelmeeres nicht endlich Geburtenkontrolle betreiben bricht Afrika und der Nahe Osten bald total zusammen. Wieso kriegt Asien diese Problem in den Griff, wieso nicht Afrika und der Nahe Osten? P.S.: Je dramatischer die Berichte werden, desto weniger Glauben wird ihnen geschenkt.
blob123y 26.02.2011
5. Der Doge
dreht sich im Grab um, jetzt muss Venedig auch schon fuer den "Klimawandel" herhalten. Ein Jeder weiss (der/die es wissen WILL) das Venedig seit wenigstens 2 Jahrhunderten absinkt weil die Pfaehle worauf Venedig gebaut wurde absinken plus die Veraenderung der Umgebung durch die Industrie am gegenueber liegenden Ufer in der Neuzeit, verschont uns mit eueren Gruengreuelgeschwaetz. Ja, ja vor zweihundert Jahren hatten wir ja die vielen Flugzeuge, Autos und der Kaiser von China trat die industrielle Revolution los, seid ihr Leute noch zu retten ?
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