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Pariser Zeitung "Le Canard enchaîné": Unabhängig, reich, erfolgreich

Foto: JOEL SAGET/ AFP

Enthüllungen Die entfesselte Ente

Eine kleine Pariser Redaktion gilt als einzige Institution, vor der sich französische Politiker wirklich fürchten. Der "Canard enchaîné" ist unabhängig, reich und erstaunlich erfolgreich. Zuletzt sorgte er für den Rücktritt der Außenministerin.

Chefredakteur Claude Angeli hält einen kleinen, karierten Zettel in die Luft, es ist die Bilanz einer abgehalfterten Republik auf zehn mal zehn Zentimetern. Links auf dem Zettel stehen die Namen von sechs Ministern und Staatssekretären, denen der "Canard enchaîné" im vergangenen Jahr das Leben schwermachte. Rechts die Affären, die die Wochenzeitung 2010 aufdeckte. Zwei Staatssekretäre hat der "Canard" in jenem Jahr gekippt, zwei Ministern letztendlich den entscheidenden Stoß versetzt, nach Enthüllungen der vergangenen Wochen musste am Sonntag Außenministerin Michèle Alliot-Marie gehen.

"Frankreich geht es schlecht", sagt Angeli, "sehr schlecht. Es ist eine schwache, schlaffe Gesellschaft, die zu schlaff auf die Exzesse der Politik reagiert." So weit der Befund, das Krankheitsbild der Republik. Arrogant seien die Regierenden geworden seit dem Amtsantritt von Nicolas Sarkozy im Mai 2007, grobschlächtig und derb. Kein Land, auf das man stolz sein könne.

Und es wird nicht besser werden, prophezeit Angeli, jetzt, wo Marine Le Pen vom rechtsextremen Front national in Umfragen schon bei 20 Prozent liegt, wo Sarkozy sich bald wieder an die harte Rechte ranmachen wird, um angesichts der 2012 anstehenden Präsidentschaftswahlen Stimmen zu sichern.

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Karikaturen aus dem "Canard": Exzesse der französischen Politik

Dem "Canard" hingegen, dem einzigen satirischen Wochenblatt Frankreichs, geht es gut in diesem maroden Land. In den ersten beiden Jahren nach Sarkozys Amtsantritt stieg die Auflage um 32 Prozent, im Moment liegt sie, dank zahlreicher Affären, bei 700.000 gedruckten Exemplaren. 2009 betrug der Reingewinn knapp fünf Millionen Euro. Seit Jahrzehnten schon deckt die Zeitung Frankreichs Affären auf, seriös und zuverlässig, und veröffentlicht gleichzeitig ausgesprochen böse Karikaturen, ironische Kommentare, fiktive Politikerkolumnen.

Die Sarkozy-Jahre bescherten dem Blatt nicht nur die schöne Carla Bruni im Elysée, die umgehend eine eigene Rubrik bekam, "Le Journal de Carla B.", "Das Tagebuch der Carla B.", in dem sie auch über ihren Mann, den Präsidenten, schreibt. "Chouchou teilt mir mit, wir müssten von nun an unsere Ferien in Frankreich verbringen", stand da vor kurzem, "wir sollen mit gutem Beispiel vorangehen. Keine Eskapaden mehr nach New York? Das ist grässlich, dafür habe ich nicht geheiratet!"

Eine unabhängige Presse sieht anders aus

Chouchous Regierung schenkte dem "Canard" auch die schönsten Affären: einen Staatssekretär, der sich auf Kosten der französischen Steuerzahler für 12.000 Euro Zigarren kaufte. Und einen anderen, der sich mit falschen Quadratmeterangaben und mit Hilfe eines Parteigenossen eine Baugenehmigung für sein Ferienhaus bei St. Tropez erschlich.

Frankreich

Ein Journalist der Redaktion fotografierte das Grundstück, kontrollierte Grundriss und Quadratmeter und sah zwei Wochen lang Dokumente des örtlichen Katasteramts ein. Danach musste der Staatssekretär gehen, das ist eine Seltenheit in , diesem Land, in dem die Presse seit langem eine ungesunde Nähe zu den Mächtigen pflegt.

In dem der größte Privatsender, TF1, einem Freund des Präsidenten gehört und das Staatsfernsehen, France 2, um seine Existenz fürchten muss, wenn es zu regierungskritisch berichtet. Und in dem die großen Tageszeitungen seit Jahren an Einfluss verlieren: Die schwächelnde "Le Monde" hat kontinuierlich an Auflage eingebüßt, die einst kämpferische linke "Libération" bringt es gerade mal auf 120.000 Exemplare täglich. "Le Figaro", die dritte nationale Tageszeitung von Bedeutung, gehört dem Industriellen Serge Dassault, einem Duzfreund Sarkozys. Eine unabhängige Presse sieht anders aus.

Das beste Informantennetz Frankreichs

Der "Canard enchaîné", 1915 als publizistisches Gegengewicht zu der verlogenen Propaganda und Zensur im Ersten Weltkrieg gegründet, gehört niemandem außer den Redakteuren, die bei ihm arbeiten. Sie halten die Aktien der Zeitung, sie sind die Garanten ihres Erfolgs, sie kämpfen für ein anderes Frankreich. Dafür werden sie besser bezahlt als andere Journalisten in Frankreich.

Der "Canard" ist reich, unendlich reich für die krisengebeutelte Branche, Rücklagen und Immobilienvermögen der Zeitung betragen 110 Millionen Euro. Der Redaktionsbetrieb kostet nicht viel, der Zweifarbendruck der wöchentlich acht Seiten auf Zeitungspapier auch nicht. Die Zeitung besitzt zwei Häuser in Lagen, von denen Pariser Makler träumen: eines am Palais Royal, ein anderes nahe der Place des Victoires.

Claude Angeli, der Chefredakteur, trägt Levi's-Jeans, ein blau-weiß kariertes Ralph-Lauren-Hemd, dazu dunkle Lederslipper. Im Juli dieses Jahres wird er 80, im Mai ist er seit 40 Jahren beim "Canard", beides sieht man ihm nicht an. Angeli hat Pressegeschichte geschrieben: 1972 veröffentlichte er die Steuererklärungen des damaligen Premiers Jacques Chaban-Delmas, aus denen hervorging, dass der Mann vier Jahre lang praktisch keine Steuern gezahlt hatte.

Ein Jahr später versuchten als Klempner verkleidete Agenten des Inlandsgeheimdienstes Mikrofone in den neuen Räumen der Redaktion zu verstecken. Der "Canard" hatte sein Watergate, die "Klempneraffäre". Neun Tage später veröffentlichte Angeli die Namen und Vornamen der Agenten. Seither weiß jeder in Paris, dass dieser Mann über das beste Informantennetz Frankreichs verfügt.

Unabhängigkeit und Understatement sind die Stärken des "Canard"

1979 enthüllte er, dass Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing nicht nur gern mit dem zentralafrikanischen Diktator Bokassa auf Elefantenjagd ging, sondern sich von ihm auch Diamanten im Wert von einer Million Francs schenken ließ.

Noch immer bleibt der fast 80-Jährige jeden Dienstag bis Redaktionsschluss, sitzt in seinem Büro, keine Chefredakteurs-Suite, sondern ein Großraumbüro mit fünf Schreibtischen. An den Wänden haben sich die Zeichner und Karikaturisten der Zeitung verewigt. Noch immer koordiniert er von hier die Recherchen, leitet die Redaktionskonferenzen, an denen selbstverständlich kein Außenstehender teilnehmen darf. "Nein, nicht wegen der Vertraulichkeit", sagt Angeli. "Wissen Sie, manchmal sitzen wir nur dumm rum, schauen uns an und haben nichts Intelligentes zu sagen. Dabei wollen wir uns nicht auch noch zugucken lassen."

Understatement ist die andere große Stärke des "Canard", neben seiner Unabhängigkeit. Seit seiner Gründung verzichtet das Blatt auf Werbung. "Nie wollten wir uns bei einer Geschichte die Frage stellen, ob durch sie vielleicht ein Werbebudget verlorengeht", sagt der stellvertretende Chefredakteur Louis-Marie Horeau.

Zuletzt haben sie aufgedeckt, wie Außenministerin Michèle Alliot-Marie sich samt Familie nach Weihnachten im Diktatorenland Tunesien erholte und im Privatjet eines Unternehmerfreundes des Diktators Ben Ali umherfliegen ließ. Der "Canard" berichtete, dass sie mit Ben Ali in den Ferien lang und ganz privat telefonierte, bevor sie ihm Tage später aus Paris polizeiliche Unterstützung und französisches Tränengas für den Umgang mit den Aufständischen anbot.

Und er überführte die Ministerin der Lüge, als er offenlegte, dass ihre Eltern von besagtem Unternehmer während dieses Urlaubs Teile einer Immobiliengesellschaft erwarben. Kurz zuvor hatte Alliot-Marie noch erklärt, sie habe den Mann ganz zufällig auf dem Flughafen getroffen. Während ihre Eltern den Kaufvertrag unterschrieben, saß die Ministerin übrigens beim Friseur, ließ einen Tag vor Silvester noch waschen und föhnen. Woher die Zeitung das weiß? Würde sie nie sagen, sagt die Journalistin Brigitte Rossigneux, aber sie habe es aus zuverlässiger Quelle.

Der Traum von einer anderen Republik

Rossigneux heißt in der Redaktion auch die Frau mit den zwei Handys: Sie hat ein Diensthandy und ein zweites, das sie samt Karte jeden Monat für 39 Euro kauft, um es ganz schnell wieder wegzuwerfen. Dessen Nummer teilt sie nur einigen wenigen Informanten mit, so umgeht sie die Abhördienste des Elysée.

Dabei ist der "Canard" keine moderne Enthüllungsmaschine, keine "New York Times", keine "Washington Post". Er ist der Traum einiger inzwischen alter Männer von einer anderen Republik, einer unabhängigen Presse. Im Laufe der Jahre sind ein paar junge Männer hinzugekommen und drei Frauen. "Wir sind nicht sehr weiblich", sagt Angeli knapp. Insgesamt 16 politische Redakteure recherchieren und schreiben, mehr nicht.

Ihre Büros wirken wie aus der Zeit gefallen, wie irgendwann Anfang der siebziger Jahre eingefroren. Auf den Schreibtischen stapeln sich Dossiers in pastellfarbenen Papierhüllen, daneben stehen schwarze Telefone mit riesigen Tasten aus der Zeit vor der Erfindung des Displays.

"Sieht aus wie bei Derrick, oder?", sagt Christophe Nobili, einer der jüngeren Redakteure. Seine persönliche Bilanz des vergangenen Jahres: ein gestürzter Staatssekretär, so zählen sie hier. Nobili gehört zu den wenigen Journalisten, die auf dem Computer schreiben. Über die Hälfte der Redakteure reicht handgeschriebene Manuskripte an die Sekretärinnen weiter.

Das funktionierende Gegenmodell zum vernetzten Rest der Welt

Der "Canard" ist das funktionierende Gegenmodell zum vernetzten Rest der Welt. Die Zeitung, die im Elysée und in den Ministerien so gefürchtet wird, verweigert konsequent einen Internetauftritt: "Unser Beruf ist es, unsere Leser zu informieren, auf Zeitungspapier und mit Druckerschwärze", steht trotzig auf der nur einseitigen Website. Für mehr Online-Präsenz habe man einfach keine Zeit. Es gibt auch keine mehrköpfigen Rechercheteams, die monatelang auf Themen angesetzt werden. Im besten Fall kommt die Recherche, die Information ganz allein zum "Canard enchaîné", der in Ketten gelegten Ente, so die wörtliche Übersetzung. Im Laufe der Jahre hat die Ente die Fesseln abgeworfen, sie lebt von einer sehr französischen Schizophrenie: von Informanten aus den Ministerien, den Geheimdiensten, der Armee und auch aus dem Elysée-Palast. Von zuverlässigen Zuträgern, die sich tagsüber in die hierarchischen Verhältnisse fügen, schweigen und schlucken, was ihnen nicht gefällt, und sich abends mit den Redakteuren in den Bars der großen Hotels treffen ("Sehr praktisch, sehr viele Ausländer, sehr verschwiegen"), um die Geheimnisse der Republik auszuplaudern.

Nur so gelangen O-Töne aus den Kabinettssitzungen in die Zeitung, manchmal auch vertrauliche Regierungsunterlagen. Kritiker sagen, die Redaktion lebe vom Denunziantentum und lasse sich manipulieren. Chefredakteur Angeli sagt: "Viele meiner Quellen kenne ich seit Jahren. Wir überprüfen jede Information, wird sie zweimal unabhängig voneinander bestätigt, veröffentlichen wir sie. Es sei denn, es geht darum, wer mit wem schläft. Darüber amüsieren wir uns auf den Konferenzen, aber wir schreiben es nicht." Noch nie hat die Zeitung eine einzige Quelle enttarnt, den letzten Prozess verlor sie vor fünf Jahren.

"Wissen Sie, was mein Leben hier so entspannt macht?", fragt Angeli. "Uns geht es so gut, dass wir auch mal nicht erscheinen und trotzdem alle Gehälter weiterzahlen könnten."

Das erklärt vielleicht auch, warum sich die Zeitung ab und an Titel wie den der vergangenen Woche leistet: "Vierte Kabinettsumbildung in einem Jahr", stand da, "Sarko wieder manisch-depressiv". Eine sehr entspannte Zeile.

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