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Juwelier Makosch: Versicherung unterstellt Vortäuschung der Tat

Foto: Ronald_Wittek/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Kriminalität Das doppelte Opfer

Ein Juwelier in der Nürnberger Altstadt wird ausgeraubt, die Täter verschwinden mit 175 Schmuckstücken. Seine Versicherung verdächtigt ihn, die Tat vorgetäuscht zu haben - eine offenbar häufige Praxis, um die Schadensregulierung hinauszuzögern.

Das kleine Schmuckgeschäft in der Nürnberger Altstadt, etwas abseits der großen Einkaufsstraßen gelegen, gilt unter Kennern als Geheimtipp. Hier werden erlesene Pretiosen nach individuellen Wünschen entworfen und gefertigt.

Manche der Stammkunden, die für eine Brosche oder einen Ring schon mal einen fünfstelligen Betrag ausgeben, kommen von weit her, etwa aus Berlin oder Düsseldorf.

Das liegt vor allem am Besitzer, dem Goldschmiedemeister Udo Makosch, 69. Der gilt nicht nur als ausgewiesener Fachmann, sondern hat sich auch einen Ruf als ehrlicher Kaufmann erworben. Seit 37 Jahren führt er den eleganten Laden mit den grünen Tapeten, die Zeiten waren wirtschaftlich zuletzt nicht einfach, aber die Leute, die zu ihm kommen, darunter Industrielle und ehemalige Minister, vertrauen seinem Urteil und seiner Redlichkeit.

Versicherung

Für seine ist der alte Herr mit den feinen Manieren jedoch nichts weiter als ein Krimineller und ein Betrüger. Über sechs Jahre lang weigerten sich die Mannheimer Versicherungen (Firmenmotto: "Vertrauen ist die Basis von Partnerschaft"), einen Schaden von rund 400.000 Euro zu regulieren - und trieben den Geschäftsmann damit fast in den Ruin.

Begründung: Es sei davon auszugehen, dass sich der Schadensfall "nicht ohne Wissen und Wollen des Inhabers ereignet hat" - ein ungeheuerlicher Vorwurf. Denn der Juwelier war Opfer eines offenbar sorgfältig geplanten Verbrechens geworden.

Die Versicherung ignorierte jedoch beharrlich alle Erkenntnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft und zwang den Goldschmied zu einem juristischen Hindernislauf durch vier Gerichtsverfahren. Erst als keine Erfolgsaussichten mehr bestanden, ließ sie sich auf einen Vergleich ein.

Nicht jedes Misstrauen ist unberechtigt

Eine Methode, die nicht selten zu beobachten ist. Selbst renommierte Versicherungen neigen dazu, Angaben ihrer Kunden erst einmal grundsätzlich anzuzweifeln, es auf lange gerichtliche Auseinandersetzungen ankommen zu lassen. "Ich kann mitunter nur den Kopf schütteln", erklärt Tobias Strübing, Anwalt bei der auf Versicherungsrecht spezialisierten Berliner Kanzlei Wirth. Er selbst habe viele Fälle erlebt, in denen trotz eindeutigen Sachverhalts die Schadensregulierung immer wieder hinausgezögert worden sei.

"Dahinter steckt womöglich Strategie", glaubt der Jurist, "die Leute sollen weichgekocht werden." Die Angst vor einer langen finanziellen Durststrecke, vor hohen Gerichtskosten und endloser Verfahrensdauer mache viele Versicherungskunden mürbe und bereit, einem Kompromiss zuzustimmen, der letztlich nur der Versicherung nutze.

Allerdings: Nicht jedes Misstrauen ist unberechtigt. Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft entsteht der Branche durch Versicherungsbetrug pro Jahr ein Verlust von vier Milliarden Euro. Bei jeder 20. Schadensanzeige, schätzen Experten, ist Schmu im Spiel - was den falschen Verdacht gegen Goldschmied Makosch allerdings kaum rechtfertigt.

Die Mannheimer Versicherungen, die laut Eigenwerbung rund 70 Prozent aller deutschen Juweliere unter Vertrag haben, wollten sich zum Fall ihres Nürnberger Kunden nicht äußern. Abgeschlossene Verfahren kommentiere man grundsätzlich nicht, erklärte eine Unternehmenssprecherin gegenüber dem SPIEGEL.

Raubopfer Makosch hat nach eigenen Berechnungen auf mehr als 100.000 Euro verzichtet. "Ich war einfach fertig, ich konnte nicht mehr", sagt er heute über seinen Marathon mit der Assekuranz.

Der Alptraum hatte gerade erst angefangen

Seinen Ursprung nahm Makoschs Kampf ums Geld am 15. Juli 2004, einem regnerischen Mittwoch. Nach Schilderung des Juweliers steht um 10.11 Uhr ein Kunde vor seiner Ladentür, den er schon kennt und dem er deshalb arglos öffnet. Der jüngere Mann, stämmig, rundes Gesicht, osteuropäischer Akzent, hat sich schon ein paar Tage zuvor teure Bernsteinohrringe angeschaut, wollte mit Bargeld wiederkommen. Als Makosch den Schmuck aus dem Schaufenster holen will, wird er zu Boden gerissen, spürt plötzlich eine Pistole im Rücken. "Ich hatte Todesangst", erinnert sich der Goldschmied, "ich glaubte, der bringt mich um."

Ein zweiter Mann kommt hinzu, Makosch wird zum Tresor geschleift: "Open, open", ruft einer der Diebe. Der Juwelier zittert, schafft es erst beim dritten Versuch, den Panzerschrank aufzuschließen. Makosch wird Klebeband um den Kopf gewickelt, Handschellen werden ihm angelegt, er wird in die winzige Toilette gebracht und mit den Beinen am Siphon des Waschbeckens gefesselt. "Seid ihr Russen?", fragt er. Der Räuber will ihn beruhigen: "Wir sind keine Mörder."

Die Eindringlinge leeren blitzschnell den Tresor und ein Schaufenster, zu ihrer Beute gehören auch zwei Revolver, die der Juwelier zur Selbstverteidigung im Stahlschrank deponiert hat, sowie die Ladenschlüssel und Makoschs Handy.

Weil die Beinfesseln nur locker sitzen, kann sie Makosch abstreifen und telefonieren. Als um 10.27 Uhr die Polizei eintrifft, reißt ein Beamter dem Juwelier das Klebeband vom Gesicht, die Handschellen müssen mit einem Bolzenschneider durchtrennt werden.

"Da dachte ich, der Alptraum sei vorbei", berichtet der Goldschmied. Doch in Wahrheit hatte er gerade erst angefangen.

Der Anwalt der Versicherung entwickelt eine ganz spezielle Theorie

Die Räuber haben gründlich ausgeräumt: 175 Schmuckstücke sind weg, ein Großteil des Warenbestandes; darunter viele von Makosch selbst entworfene alte Broschen und Ringe, Unikate, die als Muster für Neuanfertigungen unersetzlich sind. Zudem fehlen einige von Kunden zur Reparatur abgegebene Uhren und Perlenketten sowie Kommissionsware von Edelsteinfabrikanten.

Reinhard Pollinger, der Rechtsanwalt des Juweliers, beziffert den Schaden auf rund 400.000 Euro. Ladeninhaber Makosch schätzt den Verkaufswert seines Schmucks auf mindestens das Doppelte, auf mehr als 800.000 Euro.

Der Schock über den Verlust wird alsbald noch übertroffen: Die Mannheimer Versicherungen, bei denen der Juwelier seit der Geschäftsgründung 1974 Kunde ist, an die er zuletzt über 7000 Euro im Jahr an Beiträgen gezahlt hat, wittern Betrug. Schadensexperten und Schmucksachverständige, die in den Tagen danach im Laden ein und aus gehen, äußern Zweifel, stellen dem Kaufmann misstrauisch Fragen.

Wieso er denn nicht einen der drei Alarmknöpfe gedrückt habe? Antwort: aus Angst, dass es die Täter merken und durchdrehen. Warum er nach dem Überfall zuerst seine Ehefrau und nicht die Polizei angerufen habe? Antwort: weil meine Frau seit 40 Jahren meine engste Vertraute ist. Wieso er mit einem Klebeband vor dem Mund überhaupt telefonieren konnte? Antwort: weil das Band nur an der Oberlippe richtig festsaß.

Besonders argwöhnisch macht die Versicherungsexperten, dass die Überwachungskamera keine Bilder geliefert hat. Der Goldschmied glaubte seit Wochen, sie sei kaputt, tatsächlich war nur ein Stecker aus dem Videorecorder gerutscht.

"Die behandelten mich von Anfang an wie einen Gauner"

Kein Zufall, mutmaßen die Schadensprüfer. Der Inhaber habe wohl kein Interesse gehabt, die Vorgänge filmen zu lassen. Allerdings war die Überwachungsanlage von der Versicherung nicht vorgeschrieben. Der Juwelier hatte sie freiwillig installiert. "Die behandelten mich von Anfang an wie einen Gauner", sagt Makosch, "das tut mir bis heute weh."

Die Versicherung lehnt die Zahlung des Schadens ab. Als Motiv für die Vortäuschung einer Straftat vermutet sie wirtschaftliche Not. "Der Laden hat nichts abgeworfen", behauptet ihr Anwalt, Makosch sei pleite gewesen.

Der Juwelier weist das zurück. Zwar habe er Umsatzrückgänge verzeichnet, ältere Stammkunden seien verstorben, große Schmuckhändler hätten mit Billigangeboten im Internet den Wettbewerb verschärft. Doch der Goldschmied hielt sich mit dem Verkauf seiner Lebensversicherung und einem Kredit von 50.000 Euro, der ihm von seiner Bank gewährt wurde, über Wasser.

Für "absoluten Unsinn" hält der zuständige Kommissar der Nürnberger Kripo den Argwohn der Versicherung: "Der Mann hat mit dem Raub überhaupt nichts zu tun." Auch Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke weist die Version vom selbstinszenierten Überfall zurück. Zu keinem Zeitpunkt sei gegen den Juwelier ermittelt worden.

Version der Versicherung widerspricht Polizeiermittlungen

Dennoch entwickelt der Anwalt der Versicherung während des Rechtsstreits eine ganz spezielle Theorie: Danach habe der Ladenbesitzer erst um Hilfe telefoniert, sich dann das Klebeband über die Augen und den Mund gewickelt und sich anschließend auch noch selbst gefesselt: "Sodann nahm Herr Makosch eine Handschelle, die er zunächst vor dem Körper und um die eine Hand einklickte, beide Hände auf den Rücken nahm, um dann auch noch die Schelle um das andere Handgelenk einzuklicken." Mit anderen Worten: Der Überfall hat nie stattgefunden.

Kriminalität

Die Version steht im Widerspruch zu den Ermittlungsergebnissen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Bei der Kripo meldete sich nach dem Raub ein V-Mann, der Mitglieder einer auf Diebstahl und Hehlerei spezialisierten Bande aus dem ehemaligen Jugoslawien als Täter nannte. Die Männer, die der Organisierten zugerechnet werden, verkehrten alle in einem Bistro nahe dem Nürnberger Rotlichtviertel; in einem Papierkorb vor dem Lokal wurden die Firmenschlüssel des Juweliers gefunden. Und am Tag nach dem Überfall, ermittelte die Polizei, soll ein großer Diebesguttransport in Richtung Balkan aufgebrochen sein.

Als eines der bei Makosch geraubten Perlencolliers, Einkaufspreis 3565 Euro, auf Ebay für 600 Euro an einen arglosen Käufer verramscht wird, kommt die Kripo mit Hilfe eines Hehlers zwei Serben auf die Spur; ihre Spitznamen sind "Pandur" und "Burager". Die Identität von "Burager" ist bislang nicht entschlüsselt worden, bei "Pandur" handelt es sich um den ehemaligen Polizisten Zlatko Jankovic aus dem serbischen Kraljevo, der nach Erkenntnissen der Kripo eigens zum Überfall nach Deutschland einreiste. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft fahndet nach dem 38-Jährigen schon seit 2006; der Haftbefehl besteht bis heute.

Die Technik des Zermürbens ist offenbar eine gängige Methode

Dass der Juwelier trotz dieses Sachverhalts sein Recht mühsam einklagen musste, geißelt sein Anwalt Pollinger als Versuch, seinen Mandanten "durch ständiges Verzögern der Regulierung finanziell in die Knie zu zwingen", ihn zu Abstrichen seiner Forderung zu nötigen.

Tatsächlich steht der Ladeninhaber nach dem Überfall vor dem Ende. Rund 80 Prozent seines wertvollen Schmucks fehlen, er hat kaum noch Stücke zum Vorzeigen, neue Ware kann er sich nicht leisten. Bei seiner Hausbank, die durch den Raub Sicherheiten verlor, türmen sich Schulden auf. Wenn ihm gute Freunde nicht Geld leihen oder sogar schenken würden, müsste Makosch dichtmachen.

Dass er vor Gericht ein ums andere Mal siegt, nutzt ihm kurzfristig wenig. Immer wieder legt die Versicherung Rechtsmittel ein. Erst nach sechs Jahren, im vierten Prozess, stimmen die Assekuranz und der Juwelier einem Vergleich zu. Makosch erhält 300.000 statt der geforderten 400.000 Euro, die Versicherung muss zwei Drittel, der Goldschmied ein Drittel der Gerichtskosten tragen.

Der Juwelier lässt sich auf den Kompromiss ein, weil er zur Weiterführung seines Ladens dringend Geld braucht. Bis zu einem endgültigen Urteil, einer finalen Festsetzung des Schadens, könnten noch weitere zwei Jahre vergehen, hat ihn der Gerichtsvorsitzende gewarnt.

"Dass ich derart schäbig verdächtigt wurde, werde ich nie verzeihen"

Wenn Makosch alles einbezieht, entgangene Zinsen seit 2004, entgangene Wertsteigerungen durch den rasanten Kursanstieg von Gold und Silber, entgangene Verkaufserlöse mit Gewinnspanne, dann beläuft sich sein Gesamtverlust auf mehr als eine viertel Million Euro.

Doch noch schlimmer als der finanzielle Schaden schmerzt den betagten Geschäftsmann bis heute der nie zurückgenommene Vorwurf der Versicherung, er habe ein Kapitalverbrechen vorgetäuscht. "Dass ich derart schäbig verdächtigt wurde, werde ich nie verzeihen."

Der Aachener Juwelier Günter Ulrich kann die Verbitterung seines Kollegen gut verstehen. Er hat mit den Mannheimer Versicherungen ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch Ulrich wurde Opfer eines Raubüberfalls.

Am 7. Juni 2008 stürmten zwei bewaffnete Männer seinen Laden in der Aachener Innenstadt, sprühten ihm Reizgas ins Gesicht und flüchteten mit Uhren der Marke Patek Philippe und exklusivem Schmuck. Ulrich musste mit Verletzungen ins Krankenhaus, wegen des Schocks ist er noch heute in Behandlung.

Zwar hat ihm die Versicherung nicht direkt vorgeworfen, er habe den Überfall fingiert. "Aber ich spürte gleich das Misstrauen", sagt Ulrich. In Frage gestellt wurde der von ihm berechnete Schaden, rund 580.000 Euro. "Ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher", sagt der Juwelier.

Sechs Versicherungsleute seien kurz nach dem Überfall in seinen Laden eingefallen, hätten offenbar die als geraubt angezeigte Ware gesucht und seine Angestellten peinlich verhört. Selbst mehrere Kunden, deren Uhren von Ulrich repariert werden sollten, seien zu Hause aufgesucht und gefragt worden, ob sie die wertvollen Liebhaberstücke denn wirklich je besessen hätten.

Auch Kunden anderer Versicherungen beklagen schlechte Zahlungsmoral

"Der Ton war einschüchternd, anklagend und anmaßend", erinnert sich Ulrichs Aachener Rechtsanwalt Rainer Dietz an das erste sogenannte Regulierungsgespräch mit den Versicherungsvertretern, darunter zwei Anwälte, ein Steuerberater und ein Wirtschaftsprüfer. "Von fairer Verhandlung keine Spur."

Weil er nicht die Kraft für einen langen Prozess hatte, ließ sich Ulrich nach zwei Jahren juristischem Gezerre auf einen außergerichtlichen Vergleich ein: Er erhielt 335.000 Euro, mithin weniger als 60 Prozent des entstandenen Verlusts. "Ich wollte dem schlechten Geld kein gutes hinterherwerfen", begründet er seinen Verzicht auf eine Klage. "Aber ich fühle mich betrogen."

Ulrichs Zorn wird es nicht mildern können: Auch die Kunden anderer Versicherungen klagen über die schlechte Zahlungsmoral ihrer Vertragspartner. Die Technik des Zermürbens ist offenbar eine gängige Methode. Udo Binsack zum Beispiel hat noch immer Zorn auf die Axa. Die Assekuranz verdächtigte ihn, hinter einem Überfall auf seinen Laden in der berühmten Frankfurter Freßgass zu stecken. Die Polizei rückte sogar zu einer Hausdurchsuchung in seiner Privatwohnung an.

Seine Ehefrau, eine angesehene Nuklearmedizinerin, die im Geschäft nur aushalf, war von zwei bewaffneten Männern zur Herausgabe von 38 Armbändern, Ringen und Colliers genötigt worden. Binsack, zum Zeitpunkt des Überfalls zu einem Termin beim Steuerberater, soll die Räuber geschickt haben.

Als die Frankfurter Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Raubes einstellte, zeigte die Versicherung den Juwelier auch noch wegen versuchten Betruges an. Der angegebene Schaden von 200.000 Euro sei weit übertrieben, ein Teil der als geraubt deklarierten Stücke sei längst verkauft gewesen - für Binsacks Anwalt Ingo Haßdenteufel der Versuch, "das Verfahren in die Länge zu ziehen, um die Schadensregulierung hinauszuzögern".

Nachdem auch das Betrugsverfahren eingestellt worden war, bot die Versicherung 50 Prozent an - was Binsack empört ablehnte. "Ich war und bin finanziell völlig unabhängig, ich konnte mir eine Klage leisten", sagt der Juwelier. Vor dem Frankfurter Landgericht erstritt er nach über drei Jahren ein Urteil: Die Axa, die nicht zu dem Fall Stellung nimmt, musste schließlich 172.000 Euro zahlen.