Essay Sicherheit und Risiko

Wir Deutschen haben Technik und Politik an die Kette gelegt - denn wir scheuen stets das Risiko. Deswegen hat Kernkraft nach Fukushima hier auch keine Chance mehr. Doch diese Haltung birgt Gefahren: Sicherheitswahn kann unsere Gesellschaft auch lähmen.
Havarierter Atommeiler Fukushima: Es gibt Katastrophen, die das Innere einer Gemeinschaft zerstören

Havarierter Atommeiler Fukushima: Es gibt Katastrophen, die das Innere einer Gemeinschaft zerstören

Foto: REUTERS/ Air Photo Service

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen, und das Streben danach ist der vielleicht wichtigste Antrieb zur Vergemeinschaftung. Großgruppenbildung erhöht die Sicherheit, zumindest das Sicherheitsempfinden, und das wiederum begrenzt die Neigung zu Panik und Hysterie im Augenblick der Gefahr.

Zwar kommen Gesellschaften nicht umhin, ausgewählte Mitglieder erhöhten Gefahren und Risiken auszusetzen; auf Dauer überlebensfähig sind sie aber nur, wenn sie ihren Kernbestand - klassisch ist hier von Frauen und Kindern die Rede - im Augenblick der Gefahr in Sicherheit bringen können. Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildung läuft also darauf hinaus, die Sicherheit im Innern des Verbandes zu erhöhen, indem Spezialisten der Gefahrenabwehr ausgesucht werden, die sich an den Außengrenzen der Gesellschaft erhöhten Gefahren aussetzen. Dafür werden sie mit materiellen Gütern oder Symbolen der Anerkennung entlohnt. Sie gelten als Helden und werden als solche gefeiert.

Gesellschaftsbildung läuft also immer auf eine Ungleichverteilung von Sicherheit und Gefahr hinaus. Das Innen von Gesellschaften entsteht durch Sicherheitserhöhung und das Außen durch Sicherheitsverzicht. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Typen von Katastrophen: solche, die nur die Spezialisten der Gefahrenabwehr treffen, und solche, die auch das Innere einer Gesellschaft zerstören. Ersteres sind Katastrophen, die im kollektiven Gedächtnis unter den Risiken abgespeichert werden, Risiken, die Gesellschaften im Prozess ihrer Selbstbehauptung immer wieder eingehen. Letzteres dagegen sind Zäsuren der Geschichte, historische Wendepunkte, nach denen nichts mehr so ist, wie es vordem war.

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Aus dem Untergang von Gefahrenabwehrspezialisten erwächst die Forderung, dass ihre Ausbildung und Ausrüstung, vielleicht auch der Modus ihrer Rekrutierung verändert werden müssen. Fachliche Kompetenzen und Equipment haben sich als unzulänglich herausgestellt. Daraus lässt sich lernen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Katastrophen hingegen, die das Innen und Außen von Gesellschaften durcheinanderwirbeln, stellen deren Selbstverständnis als Ganzes in Frage und zwingen, wenn die Gesellschaft die Katastrophe irgendwie überstanden hat, zu grundlegenden Neuorientierungen: zur Neudefinition dessen, was Innen und Außen sind, und zur Neubewertung der Gefahrenabwehrspezialisten. So mancher, der vor der Katastrophe als Held angesehen wurde, gilt danach als Verantwortlicher für den Untergang.

Was in der Vergangenheit das Schicksal des Militärs war, könnte unter dem Eindruck einer von Technik und Wissenschaft zu verantwortenden Katastrophe auch Ingenieure und Wissenschaftler treffen. Sie haben mit falschen Versprechungen die Gesellschaft in Sicherheit gewiegt. Gemeinsam mit dem Gros der Politiker haben sie die Gefahren unterschätzt und die Risiken falsch beurteilt. Damit haben sie die Gesellschaft in die Katastrophe geführt, nachdem sie zuvor die Suche nach Alternativen blockiert haben. Gesellschaften, die gewohnt waren, an der Spitze der sozio-ökonomischen Entwicklung zu marschieren, sind im Wettrennen mit der Konkurrenz dadurch zurückgefallen. Das kann das Selbstbewusstsein einer Gesellschaft in Frage stellen und zu kollektiven Depressionen führen.

Die Katastrophe wird zum kollektiven Trauma

Bemerkenswert ist, dass sich hier die Vorstellung von Innen und Außen radikal verändert hat und der Ort der alles entscheidenden Gefahrenabwehr nicht länger an den Außengrenzen der Gesellschaft zu suchen ist, sondern in den Laboren und Planungsbüros in deren Innerem. Diese Veränderung hat sich seit langem abgezeichnet; in ihrer Tragweite wird sie aber erst deutlich, wenn das System der Naturbeherrschung, das im Verlauf der Zeit errichtet worden ist, mit einem Schlag kollabiert und eine Gesellschaft sich als hilflos erfährt. Dann wird die Katastrophe zum kollektiven Trauma.

Gesellschaften können jedoch nicht nur an übergroßen Gefahren und einem Zuviel an Risikobereitschaft scheitern, sondern ebenso an einem Übermaß der Sicherheit. Das Emblem solchen Scheiterns heißt "1989": Die realsozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas sind - auch - deswegen kollabiert, weil sie vor lauter Sicherheitsapparatur und Sicherungsversprechen jegliche Flexibilität und Reaktionsfähigkeit eingebüßt hatten. Das Innere dieser Gesellschaften ist vom Übergewicht der Sicherheitseinrichtungen erdrückt worden.

Sicherheit ist also nicht bloß als ein Draußenhalten von Gefahren und eine Entlastung von Sorge zu begreifen, sondern kann sich auch als Dispens vom Lernen darstellen, was schließlich zu Immobilität und Erstarrung führt. Die realen wie imaginierten Panzerungen sind hier so groß, dass jede Sensibilität für Veränderung verschwunden ist. Auch das kann in Katastrophen enden, freilich seltener in plötzlichen als in schleichenden Katastrophen.

Übermäßiges Sicherheitsbedürfnis lässt Gesellschaften beschleunigt altern. Sie verlieren den Anschluss an die Entwicklung. Risikobereitschaft ist immer auch eine Art gesellschaftlicher Jungbrunnen; eine Form der Erneuerung, bei der alte durch neue Eliten abgelöst werden oder neue Köpfe in ihre Reihen aufgenommen werden müssen, um sich behaupten zu können. Nicht von ungefähr waren es alte Männer, die 1989 aus dem Amt gejagt wurden. In modernen Gesellschaften darf sich die Risikobereitschaft nicht auf die gesellschaftlichen Außengrenzen beschränken, sondern muss auch im Innern von Politik und Gesellschaft anzutreffen sein. Ein hypertrophes Sicherheitsbedürfnis verhindert das. Es fordert "keine Experimente!" und erweckt den Eindruck, es könne alles so bleiben, wie es gegenwärtig ist. Sicherheit im Übermaß lähmt.

Katastrophen lassen das Sicherheitsbedürfnis in den Vordergrund treten

Aber was ist ein Übermaß an Sicherheit und ein Defizit an Risikobereitschaft? Wie lässt sich die rechte Mitte ermitteln? Allgemein ist eine solche Mitte dadurch definiert, dass sie die Gefahren von zu viel Sicherheit ebenso vermeidet wie allzu große Risikobereitschaft. Dabei kommt es nicht nur darauf an, im Wettlauf mit den Konkurrenten mitzuhalten, ohne sich auf selbstzerstörerische Projekte einzulassen, sondern es geht auch um die Integration der Gesellschaft selbst: Wenn dem Sicherheitsbedürfnis einiger zu sehr nachgegeben wird, bricht bei anderen Langeweile aus. Sie halten nach Nervenkitzel Ausschau, vom Abenteuerurlaub bis zum Bungee-Jumping.

Das Gefahrenpotential solchen Nervenkitzels ist begrenzt. Das ändert sich jedoch bei den wilden Formen der Abenteuersuche, nächtlichen Autorennen oder S-Bahn-Surfen. Wo derlei überhandnimmt, zeigt es gesellschaftliche Integrationsprobleme an. In die Höhe schnellende Todesraten unter Jugendlichen sind ein Zeichen dafür, dass das gesellschaftliche Sicherheitsniveau nicht mehr integriert, sondern ausschließt. Dann ist es an der Zeit, eine neue Balance zwischen Sicherheit und Risiko zu finden. Solange Gefahrenlust und Risikoversessenheit auf individuellen Entscheidungen beruhen und deren Folgen nur Einzelne betreffen, ist es mit den Stellschrauben getan. Das ändert sich, sobald gesellschaftliche Eliten und technisch-wissenschaftliche Avantgarden ins Spiel kommen. Dann geht es um gesellschaftliche Folgen.

Im 20. Jahrhundert haben die Deutschen in ihrer Gesamtheit zweimal die Folgen des Vabanquespiels ihrer Eliten zu tragen gehabt. Das hat die kollektive Mentalität hierzulande geprägt. Eine Politik, die das Risiko militärischer Abenteuer in Kauf nimmt, kann in Deutschland kaum politische Zustimmung finden. Das hat sich in dem zurückhaltenden Agieren der Regierung in der Frage einer Flugverbotszone über Libyen erneut gezeigt. Die Balance zwischen Sicherheitsbedürfnis und Risikobereitschaft wird hier in einem politischen Konsens fixiert, der das politische Handeln der Regierungen bestimmt.


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Es ist ein Merkmal der deutschen Gesellschaft, dass das zunächst auf die Außen- und Verteidigungspolitik beschränkte Konsenserfordernis in den achtziger Jahren auf Wissenschaft und Technik übertragen wurde. Friedensbewegung und Anti-Atomkraft-Bewegung waren tendenziell eins beziehungsweise verstärkten sich wechselseitig. Wissenschaft und Technik sind in Deutschland seitdem mit der Erwartung konfrontiert, ihre Kompatibilität mit dem Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft öffentlich nachzuweisen. Das ist sehr viel mehr als die rechtlichen Regelungen, die seit der industriellen Revolution und der Nutzung der Dampfkraft für den Betrieb technischer Großanlagen erlassen wurden.

In den Dampfkraftverordnungen des 19. Jahrhunderts wurde der Umgang mit der neuen Energie geregelt, und es wurden Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben, die Unfälle verhindern und den Schaden gering halten sollten. Die Versicherbarkeit des Schadensfalles war an die Einhaltung dieser Vorschriften gebunden. In der öffentlichen Rechtfertigung für die Sicherheit der Atomenergie dagegen geht es nicht um die Versicherbarkeit von Unfällen, sondern um die Zulässigkeit wissenschaftlich-technischer Projekte selbst. Die Gesellschaft hat Wissenschaft und Technik in dieser Frage die Entscheidung über die Nutzung ihrer Ergebnisse aus der Hand genommen; sie hat die Avantgarde der Naturwissenschaft an die Kette gesellschaftlicher Sicherheitskonsense gelegt.

Die Rechtfertigung dafür war denkbar einfach: Die Folgen eines Nuklearunfalls sind nicht mehr versicherbar, beziehungsweise eine Versicherungspolice, die den wahrscheinlichen Schaden eines GAUs decken könnte, würde die Nutzung von Atomstrom unbezahlbar machen. Wenn aber die Gesellschaft als Ganzes für die materiellen Schäden von Unfällen - die hier immer Katastrophen sind - aufkommen muss, wäre es fahrlässig, wenn sie nicht auch selbst darüber entscheiden würde, ob sie diese Risiken eingehen will oder nicht. Die Auseinandersetzung darüber ist paradigmatisch in Deutschland geführt worden. In Frankreich, einem Land, das in hohem Maße auf die Nutzung von Atomenergie setzt, ist sie über Ansätze nicht hinausgekommen; in Japan, für das Ähnliches gilt, hat sie so gut wie gar nicht stattgefunden.

Risiken aus dem Weg zu gehen ist selbst eine riskante Angelegenheit

Risiken werden eingegangen um der Chancen willen, die sich mit ihnen verbinden. Risiken aus dem Weg zu gehen ist selbst eine riskante Angelegenheit. Entsprechend kontrovers ist die Debatte über die Nutzung der Kernenergie bei uns geführt worden. Ihre Befürworter argumentierten mit den Chancen, die sie biete; die Gegner stellten die Unberechenbarkeit der als "Restrisiko" klassifizierten Risiken heraus. Mit der Katastrophe von Fukushima dürfte diese Debatte in Deutschland endgültig gegen die Atomkraft entschieden sein.

Das ändert nichts daran, dass die Mitte zwischen Sicherheit und Risiko immer wieder aufs Neue gefunden werden muss. Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik verschiebt die Balance zugunsten einer größeren Risikotoleranz: Man glaubt, die verbliebenen Minimalrisiken beherrschen zu können. Katastrophen kassieren diese Überzeugungen und lassen das Sicherheitsbedürfnis wieder in den Vordergrund treten. Es gibt Katastrophen, die sich mit der Zeit vergessen. In der Regel sind das solche, die nur die Gefahrenabwehrspezialisten getroffen haben. Katastrophen, die das gesellschaftliche Innen nach außen gestülpt haben, lassen sich dagegen nicht vergessen. Mit ihnen beginnt eine neue Zeitrechnung.

Welchem Typus die Katastrophe von Fukushima angehört, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden.