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Umwelt Schreckhafte Monster

Das US-Militär soll einen Feind besiegen, der die Großen Seen zu erobern droht: Karpfen aus Asien. Die Riesenfische verdrängen einheimische Arten und springen Ausflüglern an den Kopf.

Die Fische, die das Weiße Haus, die US-Armee, den Obersten Gerichtshof, Bewohner des Mittleren Westens und neuerdings auch die Kanadier in Aufregung versetzen, verhalten sich in diesen Tagen unauffällig. Die Kälte macht sie träge; wer auf dem Mississippi oder seinen Nebenflüssen Boot fahren möchte, ohne sich von asiatischen Riesenkarpfen Rippen, Nase oder Kiefer brechen zu lassen, sollte dies jetzt tun.

Denn schon in wenigen Wochen werden die Tiere wieder meterhoch springen, sobald ein Geräusch sie aufscheucht: bis zu 40 Kilogramm schwere schleimige Geschosse fernöstlicher Herkunft, die, seit sie vor rund 20 Jahren bei Überschwemmungen aus Fischfarmen in Arkansas und Mississippi entwischt sind, anscheinend unaufhaltsam das größte Flusssystem Nordamerikas erobern.

Wo sie hinkommen, verdrängen die Killerkarpfen die einheimischen Fische, brechen arglosen Fischern und Bootfahrern die Knochen und schlagen ihnen Zähne aus - zwar nicht aus Angriffslust oder Niedertracht, sondern nur, weil sie eben so schreckhaft sind; aber ist das ein Trost? Mit geradezu unheimlicher Zielstrebigkeit rücken die Fremdlinge gen Norden vor - in Richtung der Großen Seen.

Eine "Schneise der Zerstörung" hätten Silber- und Marmorkarpfen im Einzugsgebiet des Mississippi hinterlassen, klagt der Umweltrat des Weißen Hauses. Drängen sie bis in die Großen Seen vor, die größte zusammenhängende Süßwasserfläche der Erde, Lebensgrundlage von Millionen Menschen und ein Paradies für Fischer, Wassersportler und Naturliebhaber, wäre das, ökologisch wie ökonomisch, ein Desaster. So läuft es nun auf einen ungleichen Kampf hinaus: US-Armee vs. Karpfen. Ein Karpfenkrieg.

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Fotostrecke: Kampf gegen die Karpfeninvasion

Foto: AP/ Illinois River Biological Station

Gegenüber von Nerissa Michaels' Arbeitsplatz in der Illinois River Biological Station in Havana, eine knapp vierstündige Autofahrt südwestlich von Chicago, glitzert der Fluss im Licht der Mittagssonne. Der Feind lauert unter der Oberfläche: Der Illinois River ist der Fluss mit der höchsten Karpfendichte der Welt. Michaels, 29, blondes Haar, lila bemalte Augenlider, dicker Anorak und Gummistiefel, ist Biologin. Sie liebt alternde Boygroups, die Natur und den Fluss, an dessen Ufer sie aufgewachsen ist. Jetzt bricht sie mit zwei Kollegen auf zur Karpfenjagd.

"Alles auf diesem Boot ist schon mal in die Brüche gegangen", erzählt Michaels, während ihr Kollege Steve Tyszko die Leinen des Aluminiumbootes löst und die Elektroschocker am Bug einschaltet, mit denen Fische kurzzeitig gelähmt und zur Bestandsaufnahme gefangen werden sollen. "Wir alle haben ständig blaue Flecken und Fischabdrücke am ganzen Körper", fährt die Biologin fort, "Mike hat es letztes Jahr brutal am Kiefer erwischt. Und mir ist einer so hart in den Brustkorb geprallt, dass ich keine Luft mehr bekam."

Mike McClelland, 37, der hinter einem Schutzgitter am Steuer steht, zieht die Brauen zusammen und brummt: "Vor ein paar Jahren fanden wir das noch lustig. Heute nicht mehr."

Es dauert keine fünf Minuten, bis unzählige silberne Fischleiber neben dem Boot auftauchen. Manchen gelingt, trotz der Kälte, schon ein kleiner Hüpfer. Mit Keschern ziehen die Forscher mehrere Dutzend Fische aus dem Wasser und werfen sie in ein Becken. Ein paar einheimische Exemplare sind dabei: eine Alse etwa, ein Schwarzer Crappie und ein Stahlblauer Sonnenbarsch, der Staatsfisch des Bundesstaats Illinois. Ansonsten: Silberkarpfen und Marmorkarpfen in allen Größen.

"Diese Viecher sind wirklich nervig", murmelt McClelland und blickt finster auf die zappelnden Tiere. "Und sie vermehren sich wie die Karnickel." Asiatische Karpfen sind nicht nur fortpflanzungsfreudig, sondern auch gefräßig. Täglich verschlingen sie rund 20 Prozent ihres Körpergewichts an Plankton. Dieser Eigenschaft verdanken sie es, dass sie vor rund 40 Jahren von Fischfarmern in die USA importiert wurden; sie sollten Aquakulturen von Algen befreien. Seit sie von dort entflohen sind, gedeihen sie, fast unbehelligt von Feinden, in ihrer neuen Heimat. Für anderes Getier bleibt da kaum Platz: Im Mississippi und Illinois River machen Karpfen inzwischen mancherorts über 90 Prozent der Fischbestände aus.

"Wir haben aggressive Maßnahmen ergriffen"

Nachdem Michaels und ihre Kollegen die Fische identifiziert haben, werfen sie sie in den Fluss zurück. "Ich mag es nicht, Fische sterben zu sehen", sagt Michaels, "auch nicht Karpfen." Ausrotten ließen sich die Exoten ohnehin nicht mehr, so die Biologin. "Aber wir müssen sie irgendwie unter Kontrolle kriegen", sagt sie. Leider hätten die meisten Nordamerikaner, im Gegensatz zu den Chinesen, keinen Appetit auf Karpfen. Manche Anwohner, Bogenfischer etwa, sähen in den springenden Monsterfischen zwar eine sportliche Herausforderung. "Aber ältere Menschen und Familien mit Kindern trauen sich kaum noch aufs Wasser."

Ein leibhaftiger General ist nach Ypsilanti, Michigan, gekommen, um den Bürgern den Kampf gegen die Karpfen zu erklären. Das ist keine leichte Aufgabe, denn die Bürger sind beunruhigt. Sie stehen Schlange, um den General und seine Begleiter zu verhören. Vielleicht ist das ein Grund, warum John W. Peabody, Kommandeur der Great Lakes and Ohio River Division des Pionierkorps der US-Armee, an diesem Nachmittag einen Tarnanzug trägt. Peabody hat kurzgeschorenes Haar, eine kleine Narbe am Mund und eine ruhige Stimme; er befehligt 4800 Mitarbeiter. In drei Jahrzehnten beim Militär hat er in Panama, Somalia und im Irak gedient und auch auf fernen Inseln im Pazifik.

Nun also Ypsilanti, ein Vorort von Ann Arbor, ein großer, fensterloser Saal in einem Kongresshotel gegenüber dem örtlichen McDonald's. Peabody sitzt neben John Goss, dem grauhaarigen "Asian Carp Director" des Weißen Hauses, und sagt Sätze wie diesen: "Wir haben aggressive Maßnahmen ergriffen."

Abschreckversuche mit Licht und Lärm

Peabody meint damit eine elektrische Unterwasserschranke in einem Kanal bei Chicago, der das Mississippi-Flusssystem mit dem Michigansee verbindet; einen Zaun in einem Überflutungsgebiet unweit des Eriesees; Abschreckversuche mit Licht und Lärm; sowie Vergiftungen, bei denen Abertausende Fische getötet wurden. Die Armee sei zuversichtlich, fährt er fort, dass sich die Invasoren so vorerst in Schach halten ließen.

Einigen Zuhörern reicht das nicht. "Das hier ist ein Krieg", brüllt ein grauhaariger Herr mit Brille ins Mikrofon, "wir können nicht warten, bis die Karpfen hier sind!" Ein anderer, glattfrisiert und im Anzug, sekundiert: "Man gewinnt keinen Krieg, indem man fünf Jahre lang wissenschaftliche Studien durchführt!" Mit ernster Miene beugt sich Peabody vor: "Das Pionierkorps der Armee dankt Ihnen für Ihre Sorge."

Was das Publikum in Ypsilanti derart in Panik versetzt, ist für Biologen eine längst bekannte Nebenwirkung der Globalisierung. Schon heute tummeln sich allein in den Großen Seen über 180 invasive Arten - und manche davon sind ähnlich zerstörerisch wie die asiatischen Karpfen. Meerneunaugen zum Beispiel, die sich vor Jahrzehnten in den Großen Seen ausbreiteten, saugen sich an Fischen fest und ernähren sich von deren Blut und anderen Körperflüssigkeiten. Ihre Population in den Großen Seen etwa mit gezielten Vergiftungen unter Kontrolle zu halten kostet jährlich 20 Millionen Dollar.

Quagga- und Zebramuscheln, die im Ballastwasser von Schiffen aus Eurasien kamen, heften sich an Oberflächen, verstopfen Leitungen und verursachen Schäden in Höhe von rund einer Milliarde Dollar pro Jahr. Von den Großen Seen haben sie sich inzwischen quer über den ganzen Kontinent ausgebreitet - und einheimische Muscheln verdrängt.

80 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Monsterkarpfen

Für den Kampf gegen die Monsterkarpfen hat die US-Regierung nun rund 80 Millionen Dollar bereitgestellt. Neben der Armee und dem Umweltrat des Weißen Hauses machen Dutzende nationale, regionale und lokale Institutionen, Experten und Interessenvertreter mit bei der Mammutaktion. Bis 2015 sollen sie ein Konzept erarbeiten, wie die Karpfengefahr zu bannen ist. Doch vielen geht das nicht schnell genug: Staatsanwälte und Politiker aus mehreren Bundesstaaten haben sich eingeschaltet und Illinois verklagt; sie wollen erreichen, dass zwei Schleusen im Kanal- und Flusssystem bei Chicago dauerhaft geschlossen werden. Illinois, die Stadt Chicago und Vertreter der Frachtschifffahrt wehren sich dagegen - bislang mit Erfolg.

"Nie zuvor wurde irgendwo auf der Welt ein derartiger Aufwand betrieben, um eine invasive Art zu stoppen", konstatiert John Goss, früher Tourismusdirektor von Indiana, heute Karpfendirektor des Weißen Hauses, und klingt dabei selbst ein wenig erstaunt. "Das ist eine historische Chance."

In letzter Zeit, erzählt er, erreichten ihn zunehmend besorgte Anfragen aus Kanada. Die Regierung dort stellt eine Frage, die in Ypsilanti niemand mit Sicherheit beantworten kann: Wie weit sind die Karpfen auf ihrem Eroberungszug gekommen? Haben sie womöglich, Militäraktion hin oder her, die Großen Seen schon erreicht?

Der Mann, der eine Antwort darauf zu haben glaubt, heißt David Lodge und sitzt an der University of Notre Dame in South Bend, Indiana. Er formuliert seine Sätze mit Bedacht: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die elektrische Schranke zu 100 Prozent effektiv ist", sagt Lodge. Im Auftrag der Armee hat sein Team am Eingang des Michigansees nach DNA-Spuren asiatischer Karpfen gesucht - und ist fündig geworden. "Das ist ein sicherer Hinweis darauf, dass dort auch Karpfen sind", sagt Lodge. "Es gibt keine andere plausible Erklärung."

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