DER SPIEGEL

Ernährung Grille statt Gulasch

Heuschrecken, Ameisen und Spinnen gelten als Delikatesse in Asien, Afrika und Südamerika. Ökologen wollen sie auch in europäische Küchen bringen - um die Natur zu schützen.

Herr Botschafter, könnten Sie mir bitte die gesalzenen Würmer reichen?", sagt Sir David King, ein distinguierter Herr und berühmter Wissenschaftler.

"Aber probieren Sie auch die köstlichen Ameisen, Sir David!", erwidert Seine Exzellenz Mauricio Rodríguez Múnera, der Botschafter von Kolumbien. Dann prosten sich die beiden zu mit goldschillerndem Mezcal con gusano, einem mexikanischen Agavenschnaps, veredelt durch eine exquisite Zutat: eine Schmetterlingslarve der Gattung Megathymus.

Es ist angerichtet. Zehn furchtlose Gourmets löffeln mutig aus, was ihnen die Promi-Köchin Thomasina Miers eingebrockt hat an diesem sonnigen Frühlingssonntag, an einer langen Festtafel auf dem Rasen vor dem Naturkundemuseum der ehrwürdigen Universität Oxford.

Zum "Grand Banquet of Rainforest Insects" hat die Künstlerin Angela Palmer geladen. Sie will mit dem Insektenmenü für den Schutz des Regenwalds werben. Der Verzehr von Ameisen, Libellen und Heuschrecken sei gut für die Umwelt?

Bis 2030 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich auf über acht Milliarden Menschen anschwellen, und der Fleischkonsum steigt drastisch an. Rinder- und Schweinemast mit Hilfe wertvoller Nahrungsmittel verseuchen das Trinkwasser, produzieren Treibhausgase und treiben die Abholzung von Regenwäldern voran.

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Ernährung: Grille statt Gulasch

Foto: ? Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

"Insekteneiweiß ist nicht nur nahrhaft, sondern vor allem ökologisch", schwärmt Palmer: Die Kerbtierhaltung brauche keine Weiden, kein Kraftfutter, keine Jauchegruben; ihr Fleisch jedoch schmecke mindestens ebenso lecker wie das von Schwein und Rind.

Aber stimmt das auch? Etwa 150 Schaulustige drängen sich um die Tische, mit einer Mischung aus Neugier und Ekel. "Ich fühle mich fast wie in der Sendung 'Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!'", sagt Martha Kearney, Moderatorin bei der BBC. "Die Vorstellung, dass die Insekten noch krabbeln, wenn man sie runterschluckt, ist schrecklich."

Je stärker sie weiterverarbeitet sind, desto besser schmecken sie Kearney. Als Vorspeise nimmt sie etwas von den getrockneten und gesalzenen Mehlwürmern, die wie Mini-Salzstangen aussehen und auch so schmecken: "Sehr lecker."

Filmproduzent Peter Bennett-Jones ("Mr. Bean") ist weniger begeistert. "Das wichtigste Gewürz ist, glaube ich, der Mezcal", meint er und schenkt sich nach - bemüht, dass ihm die fette Raupe am Boden der Flasche nicht ins Schnapsglas rutscht.

"Der Geschmack der Blattschneiderameisen ist großartig"

"Aber der Geschmack der Blattschneiderameisen ist großartig, das müssen Sie zugeben!", sagt der kolumbianische Botschafter neben ihm und greift noch einmal in die Schale mit den dunkelbraunen Kügelchen: den dicken Hinterleibern der Ameisenart "Atta laevigata". "Wir nennen sie ,hormigas culonas'", sagt er, zu Deutsch: Dickpo-Ameisen.

Nun gerät Seine Exzellenz ins Schwärmen: "Für uns als Kinder war es immer ein großes Fest, wenn die Ameisenköniginnen zur Regenzeit zum Hochzeitsflug ansetzten und wir sie eingefangen haben, mit bloßen Händen, mit Tüten und mit Hüten." Dann wurden die Ameisen in Salz eingelegt, gegrillt und wie Erdnüsse gegessen. "Immer wenn ich Dickpo-Ameisen esse, fühle ich mich wieder wie ein kleiner Junge." Atta laevigata ist der unangefochtene Favorit bei diesem Bankett, knackig im Biss, mit rauchiger Blume und nussigem Abgang.

Auch Sir David, der schmale Herr, der einst gemeinsam mit dem deutschen Nobelpreisträger Gerhard Ertl in Cambridge das Fach der Oberflächenchemie aufbaute, schwelgt beim Knuspern von Insekten in Erinnerungen: Als Schulkind in Südafrika habe er lebende Termiten gegessen, um die Mädchen in seiner Klasse zu beeindrucken. Heute lobt er die krabbelnden Köstlichkeiten, weil Insekten im Gegensatz zu Rindern kaum Treibhausgase in die Atmosphäre rülpsen.

"Was ist schon der Unterschied zwischen Garnelen und Heuschrecken? Nur dass die einen im Wasser leben und die anderen an Land", sagt Köchin Miers. In London betreibt sie vier mexikanische Restaurants namens Wahaca, sie hat Kochbücher geschrieben und Kochshows moderiert. Christopher Gray, Restaurantkritiker bei der "Oxford Times", beißt beherzt einer sautierten Grille den Kopf ab. "Ich weiß nicht, schmeckt mir zu erdig", nörgelt er, "fast nach Kuhstall."

Skurrile Dinner mit exotischen Speisen haben eine Tradition in Oxford. Vor rund 150 Jahren sorgte Francis Trevelyan Buckland, ein bekannter Zoologe, für Aufsehen durch seine kulinarischen Expeditionen. Ohrwürmer, so stellte er fest, schmecken "furchtbar bitter", fast so schlimm wie Maulwurf oder Schmeißfliegen.

Es war die Ära, als man die von Thomas Robert Malthus vorhergesagte Bevölkerungsfalle befürchtete: Der Ökonom hatte Hungersnöte und menschliches Elend prophezeit, weil die Landwirtschaft nicht so schnell wachsen könne wie die Menschheit. Buckland gründete 1860 die sogenannte Acclimatisation Society, um die britische Küche zu erweitern um Seidenraupe, Biber und Papagei.

Kaum jemand folgte seinem Beispiel, doch die Idee überlebte: "Ein schön gebackener dicker Falter schmeckt und riecht einfach köstlich", schrieb der britische Entomologe Vincent Holt 1885 im Buch "Why Not Eat Insects?", fünf Jahre nach Bucklands Tod: "Seien Sie Epikureer! Was spricht gegen den Genuss eines Lebewesens, das außen so wunderschön und innen so süß ist - ein Wesen, das sich von Nektar ernährt, der legendären Nahrung der Götter?" Auch Holt gelang es nicht, die Europäer zu Insektenessern zu machen - doch die Abneigung ist nur im Westen stark verbreitet.

Vogelspinnen in der Gourmetabteilung

Dabei gibt es nur eines, was noch ungewöhnlicher ist, als Insekten zu essen: sie nicht zu essen. Zwei Drittel aller 1,5 Millionen bekannten Tierarten zählen zu den Sechsbeinern. So gehören für 2,5 Milliarden Menschen, vor allem in den Tropen, Kerbtiere denn auch von jeher zu den normalen Nahrungsmitteln.

In Teilen der Zentralafrikanischen Republik decken Insekten in der Regenzeit ein Drittel des Eiweißbedarfs. Getrocknete Raupen werden für 14 Dollar pro Kilogramm verkauft. In den Nobelrestaurants von Mexico City gelten Escamoles als teure Spezialität: Ameisenpuppen, Krabbler-Kaviar sozusagen.

Die Thailänder gehen mit klebrigen Stöcken auf Libellenjagd. In Nepal werden Bienenlarven durch ein Tuch gepresst, und die Flüssigkeit wird gebraten wie ein Ei. In Afrika werden Termitenhügel sogar eifersüchtig gehütet, denn das Fleisch des "Buschmannreises" hat einen höheren Proteinanteil als Huhn. Eine Königin kann Kartoffelgröße erreichen. Auch Schmetterlinge sind dort beliebt. Wenn die große, borstige Raupe des Pfauenspinners zur Regenzeit als "Mopane" geerntet werden, brechen die Rindfleischpreise ein. Bereits Anfang der achtziger Jahre wurden in Südafrika etwa 1600 Tonnen Mopane pro Jahr verkauft. Und in Italien wird "casu marzu" geschätzt: ein Käse, in dem Insektenlarven eingeschlossen sind.

Schon in der Bibel wird der Verzehr von Heuschrecken empfohlen

Schon in der Bibel (3. Mose, Kapitel 11, Vers 22) wird der Verzehr von Heuschrecken empfohlen. Die antiken Gelehrten Plinius der Ältere und Herodot berichten davon, wie sich zerstampfte Grillen zu Fladen verarbeiten lassen. Ein römischer Feinschmecker fütterte Hirschkäfer liebevoll mit Wein und Kleie, bevor er sie röstete. Sein Name: Lucullus.

In Oxford reicht unterdessen die Köchin stolz das Hauptgericht herum: Tacos an Feta, Fenchel und Avocado, abgeschmeckt mit scharfer Heuschrecken-Salsa. Beherzt langt Fritz Vollrath zu, ein vollbärtiger Kraftprotz: "Köstlich, weil der Chitinpanzer nicht knackt, sondern in der Küchenmaschine zermahlen ist", sagt er kennerhaft.

Vollrath studierte in Freiburg und arbeitet heute als Zoologe an der Uni Oxford. Seine ersten Heuschrecken knabberte er einst auf einer Expedition in Panama direkt von verkohlten Sträuchern, naturgegrillt durch ein Buschfeuer. "Im Vergleich zu Rindfleisch sind Insekten ungefähr zehnmal umweltfreundlicher", sagt er. Wer sie ernten will, muss Wälder nicht abholzen, sondern sie erhalten. "Insekten geben uns die Chance umzudenken: weg von Schwein und Rind."

Krabbler auf den Tellern könnten bei der Lösung der größten Menschheitsprobleme helfen, glauben die Experten: Die Weltbevölkerung wächst jeden Monat um sechs Millionen, die Lebensmittelpreise haben sich in zwei Jahren fast verdoppelt, der Fleischkonsum bedroht Wälder und Trinkwasser.

Eine exzellente Alternative als Proteinquelle

"Insekten sind eine exzellente Alternative als Proteinquelle", konstatiert auch die Welternährungsorganisation FAO. Sie seien reich an Vitaminen, Mineralien und ungesättigten Fettsäuren und vielerorts kaum mit Umweltgiften belastet: "Sie werden oft in Gegenden geerntet, wo keine Pestizide eingesetzt werden", heißt es in einem FAO-Bericht.

Außerdem gilt die Kerbtierzucht als eine Art Entwicklungshilfe. In Thailand verdienen über 15.000 Bauern mit Heuschrecken bis zu 900 Dollar im Monat. Noch gebe es einige Hürden für den weltweiten Export, sagt der niederländische Entomologe Arnold van Huis: Manche Insekten weisen eben doch Spuren von Pestiziden auf, außerdem reagierten einige Menschen möglicherweise allergisch auf den Chitinpanzer. Van Huis erforscht in Zusammenarbeit mit der FAO, wie Lebensmittelhygiene bei Gliederfüßern aussehen könnte. Im Mai plant auch er ein Insektenfestival mit Verkostung.

Erobert nach Slow Food nun Small Food die Teller der Verbraucher? "Für konsequente Veganer ist das vermutlich keine Option", schränkt Karen Duve ein, Autorin des Bestsellers "Anständig essen". Ihr persönlich aber sei ein Insektengericht "deutlich sympathischer als das Essen von Kälbern, Hühnchen und Ferkeln".

Schon bieten Gourmetabteilungen von Londoner Läden wie Selfridges oder Fortnum & Mason in ihren Lebensmittelabteilungen neben Insekten auch Vogelspinnen und Skorpione an. Und der "Weinkeller" in Berlin-Mitte empfiehlt zum Grauburgunder aus Niederösterreich Seidenraupen oder Nashornkäfer als Amuse-Gueule.

Das Exotik-Bankett in Oxford geht zu Ende, als Nachtisch reicht Thomasina Miers karamellisierte Heuschrecke im Schoko-Mantel. Eine Schar Kinder drängelt sich gierig ums Dessert.

Auch die Jury ist hellauf begeistert, was mit am Mezcal liegen mag. Vollrath hängt noch ein Grillenbein zwischen den Zähnen: "Wie praktisch", sagt er, "die Zahnseide ist also Teil des Gerichts."

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