Fotostrecke

Rauchverbot: Gilde der Handlanger

Foto: dapd

Verbraucherschutz Gilde der Handlanger

Zusatzstoffe in Zigaretten stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Deutsche Wissenschaftler helfen der Tabaklobby dabei, ein Verbot der Substanzen zu verhindern.

Friedrich Wiebel hat gelernt, gegen die Tabakindustrie zu verlieren. 35 Jahre ist es her, dass der Mediziner einen Zigarettenautomaten verbieten lassen wollte, der auf dem Schulweg seiner drei Kinder stand. Vergebens: Der Apparat ist noch heute an derselben Stelle.

Das Bundesverdienstkreuz, das er als Vorsitzender des Ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit verliehen bekam, hat Wiebel vor einigen Wochen an den Bundespräsidenten zurückgeschickt. Er hat es aus Protest getan - weil ein Hamburger Wissenschaftler, der von der Tabakindustrie finanziert wurde, die gleiche Auszeichnung erhalten hat.

Aber aufgeben kommt für den 73-Jährigen in seinem Kampf für Nichtraucherschutz nicht in Frage. Neulich hat er einen Brief an die EU geschickt. Wiebel prangert darin Wissenschaftler an, die die Gefahren von Zigaretten verharmlosen.

Der Einfluss der Tabakindustrie auf Behörden, Regierungen und Wissenschaftler, erklärt Wiebel, "ist ein wesentlicher Grund für die großen Mängel in der Tabakprävention". In seinem jüngsten Kampf geht es um Zusatzstoffe, die die Hersteller den Zigaretten beimischen.

Die Industrie verwendet bis zu 600 Substanzen: Kakao, Lakritze, Johannisbrotmehl, Honig, Rum oder Zimtalkohol. Die Zusatzstoffe stehen im Verdacht, das Suchtpotential zu erhöhen und die Bekömmlichkeit des Tabakrauchs besonders für Jugendliche zu verbessern. In den USA sind viele Beimischungen verboten. Die EU weigert sich bisher, es den Amerikanern gleichzutun.

Denn bisher war die Lobby der Tabakindustrie sehr erfolgreich darin, Politikern strenge Regelungen auszureden. Grundlagen für die Einflussnahme liefern besonders deutsche Wissenschaftler (SPIEGEL 24/2006). Und dann gibt es noch jene Experten, die nützlich sind, genehme Studienergebnisse in politische Entscheidungen einfließen zu lassen: Leute wie Jürgen Hahn, Oberchemierat am Chemischen Untersuchungsamt des Landes Baden-Württemberg. Hahn, sagt Wiebel, sei ein typischer Vertreter dieser Gilde der Handlanger.

Bei Rauchern könnten sich Teile des Erbguts verändern

Bereits vor zehn Jahren hatte die EU gefordert, die Substanzen in den Zigaretten stärker zu kontrollieren, sie sah das als einen wichtigen Aspekt der Gesundheitsvorsorge. Einige Stoffe stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Anfang April vermeldeten Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, dass sich bei Rauchern Teile des Erbguts verändern - was zu Herz-Kreislauf-Krankheiten führen könnte. Die Molekularbiologen vermuten, dass Giftstoffe im Tabakrauch auf die Gene einwirken.

Die Zigarettenhersteller hingegen agitieren in Europa weiterhin erfolgreich gegen eine Reduzierung dieser Substanzen. Nach dem ersten EU-Vorstoß veröffentlichte die Tabakindustrie eigene Untersuchungen. Ergebnis: Die Stoffe seien nicht bedenklich. Um die Botschaft zu verbreiten, organisierte die Branche internationale Kongresse.

Und mittendrin war oftmals der Landesbedienstete Hahn. Selbstverständlich habe Hahn Kontakt mit den Zigarettenherstellern, erklärt der Chef seiner Behörde, und zwar in "amtlicher Überwachungsfunktion". Hahn selbst äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Wiebel kennt Hahn aus der gemeinsamen Zeit einer Arbeitsgruppe für Zusatzstoffe des Verbraucherschutzministeriums. Wiebel und Vertreter des DKFZ vertraten die Auffassung, jede den Zigaretten beigemischte Substanz müsse untersucht werden, ob sie per se oder bei der Verbrennung giftig sei. Hahn, der Leiter der Arbeitsgruppe, hielt das für überzogen.

"Keine Belastung der Tabakindustrie durch zu intensive Prüfvorschriften"

Schließlich mache es für den Raucher "keinen Unterschied, ob er an Krebs aufgrund des Tabaks erkrankt oder aufgrund der Zusatzstoffe". Außerdem sollten die kleineren und mittleren Betriebe der Tabakindustrie nicht durch zu intensive Prüfvorschriften belastet werden, so Hahn laut einer Protokollnotiz.

Die Arbeitsgruppe ging ohne einheitliches Votum auseinander, Hahns Gegenspieler verfassten eine eigene Stellungnahme. Aber Hahn bekam aus dem Ministerium einen Forschungsauftrag, der die Frage der Gefährlichkeit der Zusatzstoffe klären sollte. Ende vergangenen Jahres veröffentlichte der Chemiker zusammen mit einer Angestellten des Ministeriums in einem Forschungsmagazin der Tabakindustrie seine Erkenntnisse.

Das Ergebnis: Die Stoffe seien halb so schlimm. Das deckt sich weitgehend mit anderen Studien im selben Heft, die direkt von der Tabakbranche bezahlt worden sind. Durch Hahns Studie bekommt die Argumentation der Zigarettenproduzenten gegen das Verbot von Zusatzstoffen quasi einen amtlichen Stempel. Der Leiter seiner Behörde betont, Hahns Kontakte zur Tabakindustrie hätten "keinen Einfluss" auf seine Arbeit gehabt.

Das sieht Nichtraucherschützer Wiebel etwas anders. Weil Hahn auch in einer wichtigen internationalen Arbeitsgruppe sitzt, die demnächst über Richtlinien für die Zusatzstoffe entscheidet, schrieb Wiebel an die EU-Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucher. Er berichtete darin über die Verfilzung deutscher Wissenschaftler mit der Tabakindustrie. Das ist fünf Monate her - auf eine Antwort wartet Wiebel bis heute.

Enge Verbindung zur Tabakindustrie

Den Toxikologen Wiebel empört, dass der Filz auch Vertreter seiner eigenen Fachrichtung einschließt. So stieß Thomas Kyriss, Thoraxchirurg der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen, bei Recherchen in den internen Dokumenten der Tabakindustrie immer wieder auf einen Namen: Heidi Foth, Leiterin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Uni Halle-Wittenberg. Laut diesen Dokumenten war Foth eng verbandelt mit der Tabakindustrie. Der Leiter eines Labors des Philip-Morris-Konzerns war offensichtlich so vertraut mit ihr, dass er sie mit "Liebe Heidi" anschrieb und ihr "viel Vergnügen" auf einem Meeting in Hawaii wünschte.

Foth sagt auf Anfrage, sie "habe keine direkten Kontakte zur Tabakindustrie gepflegt". Sie habe nur einmal Forschungsgelder bei einem Philip-Morris-Projekt beantragt. Ihr sei es darum gegangen, die Gesundheitsfolgen durch Tabakrauchen näher zu ergründen. Den Kollegen schätze sie als Wissenschaftler. Einen Einfluss auf ihre Arbeiten und ihre Ämter habe dies nicht gehabt.

Auffällig ist, wie genau Foths Veröffentlichungen in die Argumentationen der Tabakbranche passen. Ihre Publikationen streiten den negativen Einfluss des Rauchens nicht ab, aber sie relativieren die Gefahren. Kronzeugen der Industrie beziehen sich deshalb auf ihre Arbeiten.

Foth ist eine der profiliertesten deutschen Toxikologen. Sie berät die Bundesregierung als stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Bis 2010 war sie zudem Vorsitzende der Gesellschaft für Toxikologie (GT). Beide Gremien halten sich aus den Nichtraucherschutzdebatten weitgehend heraus.

Friedrich Wiebel kann die verdächtige Nähe seiner Fachkollegen zur Tabakindustrie nicht rückgängig machen. Aber er will zumindest dafür sorgen, dass Wissenschaftler nicht mehr so greifbar sind. Zur Jahrestagung der GT Ende März stellte er den Antrag, dass Forscher künftig auf Gelder der Tabakindustrie verzichten sollen. Der GT-Vorstand aber meint, man könne die Tabakindustrie so nicht brandmarken. Er vertagte die Entscheidung.