Eine Meldung und ihre Geschichte Öffentliche Erregung

Wie eine Fahrt im Regionalzug das Leben einer Frau änderte

Bevor sie zum Sex nach Würzburg aufbrach, trank sie zu Hause noch eine Tasse Kakao, dann zog sie sich an und fuhr mit dem Bus zum Bahnhof von Bad Kissingen.

Kerstin war 29, das Haar trug sie kurz, pink gefärbt, im Gesicht drei Stecker, einen an der Schläfe, einen am Auge, einen auf der Zunge. In Würzburg kannte sie ein paar Typen. Sie kannte überall ein paar Typen, die meisten aus alten Zeiten. Um kurz vor 11.01 Uhr stieg sie in den Regionalzug.

Erst war niemand außer ihr im Großraumabteil zu sehen, dann stieg eine junge Frau zu, ein Mädchen eigentlich.

Dass sie Sex mit Männern mag, habe sie früh erkannt, sagt Kerstin über sich. Sie war elf beim ersten Mal und zwei Jahre älter, als sie herausfand, dass sie auch Frauen mag. Vor ein paar Jahren hat sie, eher unfreiwillig, eine dritte Variante für sich entdeckt.

Den Vibrator trug sie immer bei sich, in einer grünen Douglas-Tüte. Kerstin sah die junge Frau im Zug nach Würzburg auffordernd an, öffnete zuerst die Tüte, dann die Jeans. Der Vibrator war schwarz, aus Gummi, er hatte zwei Stufen, eine schnelle, eine langsame.

"Ich bin eben so"

Heute, drei Monate später, wartet Kerstin auf einen Brief, in dem stehen wird, ob sie vor Gericht muss deswegen oder nicht. Sie sitzt in einem Café am Kottbusser Tor in Berlin. Sie lächelt, sie plaudert freundlich und legt Wert darauf, dass sie kein Opfer sei. Nymphomanin sei sie, das wisse sie längst.

Nymphomanie gilt, therapeutisch betrachtet, als Sexsucht, als übermäßig gesteigerter Geschlechtstrieb, oft verursacht durch Bindungsängste. Nymphomaninnen sind immer auf der Suche nach sexueller Erfüllung, wehrlos, gefangen.

Einige von Kerstins Freunden und auch ihre Eltern rieten ihr, etwas zu tun gegen ihre Sucht, sie rieten ihr, zum Arzt zu gehen oder zum Therapeuten. Aber Kerstin ging nur einmal zum Arzt und ließ sich sterilisieren.

"Ich bin eben so", sagt sie. Sie flirtet jetzt mit dem Kellner.

Sie mag nicht nach Gründen suchen, sie blicke lieber nach vorn. Sie stammt aus einem Dorf mit 900 Einwohnern, ihre Mutter arbeitete beim Bäcker, ihr Vater war Fliesenleger. Kerstin ging morgens in die Schule, nachmittags zum Handball oder zum Turnen, aber meistens langweilte sie sich. Manchmal setzte sie sich in einen Bus und fuhr einfach umher.

Sie ging, damals, als sie elf war, am Abend zum Dorffest, trank Bacardi-O-Saft und verlor, hinter der Schule, ihre Unschuld. Sie sagt, es habe ihr gefallen.

An der Lust hat sich nichts geändert

Sie wollte mehr davon, immer wieder stieg sie in den Bus und fuhr in andere Dörfer, in die nächste Stadt, um jemanden zu treffen.

Sie war kess als Jugendliche, ein wenig vorlaut, mit großen braunen Augen. Sie hatte kaum Mühe, Männer, manchmal Frauen, zu finden, aber das änderte sich.

An einem Morgen im November, Kerstin lernte Friseurin, fuhr sie in ihrem roten Ford Fiesta zur Arbeit. Sie rauchte, hörte Musik, Trance, Rave, versank darin für einen Augenblick, rutschte in einen Graben, auf Beton.

Drei Monate lang lag sie im Koma, eineinhalb Jahre lang saß sie im Rollstuhl, drei Jahre lang besuchte sie Ärzte. Ihr Gang ist wackelig, ihre rechte Hand bis heute wie taub. Sie hat eine Rente, 670 Euro, davon lebt sie.

Der Unfall hatte ihren Körper verändert, er änderte nichts an ihrer Lust. Nur hatte sie jetzt Mühe, jemanden zu finden. Manchmal traf sie Freunde von früher, Typen.

Sie kaufte, da war sie Anfang zwanzig, einen Vibrator. Sie nahm das Gerät mit zu Bekannten, die ließ sie zusehen. Sie mochte das. Sie hatte den Eindruck, dass auch die anderen es mochten. Sie nahm das Gerät mit in den Stadtpark von Bad Kissingen. Sie nahm es mit in einen Regionalzug in Richtung Würzburg.

Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr

Das Mädchen im Abteil sah nicht hin. Sie stand auf, holte den Schaffner, der verständigte die Polizei. Das Verhör dauerte drei Stunden, dann fuhr Kerstin zurück in ihr Dorf.

Sexsucht ist nicht strafbar, aber andere damit zu belästigen ist es schon. "Erregung öffentlichen Ärgernisses", so hieß der Vorfall in der Anzeige. Eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr kann Kerstin dafür bekommen.

Es dauerte nur ein paar Tage, bis die Leute im Dorf die Meldung in der Zeitung sahen. "Frau befriedigt sich im Zug mit Vibrator", das war die Überschrift. Einer sagte: "Das war doch die Kerstin!"

Ihre Mutter arbeitet noch immer beim Bäcker im Dorf, ihr Vater ist noch immer Fliesenleger. Kerstin entschied sich, ihrer Familie den Ärger zu ersparen, und ging.

Sie sucht seit ein paar Tagen eine Wohnung in Berlin, am Abend will sie in einen Swingerclub. Da sei es ganz entspannt. Da sei sie jetzt jeden Tag.

Dann trinkt Kerstin aus, verabschiedet sich, verschwindet durch die schmale Tür in die große Stadt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.