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Politiker-Karrieren: Aus dem Nichts in die erste Reihe

Foto: Pete Souza / White House

Karrieren Schlicht schön

Lange galten Äußerlichkeiten in der Politik als Nebensache. Doch ohne ansprechende Optik hat man es dort heute schwer. Zuweilen ermöglicht Attraktivität sogar steile politische Laufbahnen - SPD-Vizechefin Manuela Schwesig ist das beste Beispiel dafür.

Der Chef hat gute Laune, es gibt etwas zu feiern, das kommt nicht mehr ganz so häufig vor in seiner Partei. Die Sozialdemokratie hat soeben die Hansestadt Hamburg zurückerobert, Sigmar Gabriel steht in der Parteizentrale und dröhnt sich allmählich in Fahrt. Man weiß nie genau, wo das endet.

Er gratuliert, er dankt, zählt sozialdemokratische Ministerpräsidenten auf, und als er bei Mecklenburg-Vorpommern angekommen ist, röhrt er: "Der Erwin Sellering, der kann leider heute Abend nicht hier sein. Aber der Erwin hat sein bestes Stück geschickt!"

Gemeint ist Manuela Schwesig, die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende Bundesvorsitzende.

Auf dem Podium neben Gabriel lächelt Schwesig jetzt, als hätte sie das nicht gehört. Vor dem Podium schauen sich die Leute an, ein paar Männer grinsen, einer murmelt: Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

Hat er doch, und um den Parteichef herum stehen in diesem Moment unter anderem der gerade mal nicht so übergewichtige Fraktionsvorsitzende, ein paar weitere Anzugmenschen, die stets etwas graue Schatzmeisterin und ein ehemaliger Generalsekretär, der noch gar nicht so alt ist, aber eher alt aussieht. Und es steht dort Manuela Schwesig, 36, blond, akkurat geschminkt, hübsch, charmant.

Wie Deutschland sich den Adel vorstellt

Sigmar Gabriel hat das wahrscheinlich mal wieder nicht gewollt, aber er hat an diesem Abend eine Wahrheit ausgesprochen, eine ziemlich wichtige sogar. Sie reicht über Manuela Schwesig hinaus.

Etwas hat sich verändert im Verhältnis von Politik und Schönheit. Sie sind einander lange eher fremd gewesen, die optische Schönheit hatte in der Politik keinen festen Platz, keine Funktion. Es hat Ausnahmen gegeben, aber es scheint jetzt so weit zu sein, dass daraus eine Regel wird. Die Schönheit hat sich ihren Platz in der Politik erobert, sie ist wichtig geworden. Optik zählt jetzt, immer mehr.

Man hat zuletzt ein paar erstaunliche politische Karriereverläufe beobachten können, die Protagonisten haben kaum etwas gemeinsam. Nur dass sie mindestens angenehm aussehen. Karl-Theodor zu Guttenberg, schlank, markantes Kinn, brachte es vor seiner Selbstvernichtung innerhalb kürzester Zeit zum Verteidigungsminister und einer Art Ersatzkanzler. Guttenberg stammt nicht nur aus altem Adel, er sieht auch noch so aus, wie Deutschland sich wohl den Adel vorstellt.

Nie war die Optik wichtiger in der Politik

Die Hamburger PR-Beraterin Katja Suding, Rehaugen, Zahnpastalächeln, rettete Guido Westerwelle kurzzeitig seinen Posten als FDP-Chef, indem sie aus dem Nichts in die Hamburger Bürgerschaft einzog. Ihren Vorgänger als Spitzenkandidaten hatten die Liberalen gar nicht erst auf Großflächenplakaten gezeigt.

Die Schweriner Finanzwirtin Schwesig schaffte es innerhalb weniger Jahre von der Stadtvertretung ins Schattenkabinett des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier und in die Spitze der Bundespartei. Als Steinmeier seine Mannschaft vorstellte, lief Schwesig vorneweg, gleich neben ihm. Das haben ihr manche übelgenommen, aber es war ein hübsches Bild. Steinmeier brauchte damals dringend hübsche Bilder, wenigstens das. Außerdem brauchte er ein sozialdemokratisches Gesicht, das er gegen die madonnenhaft lächelnde Ministerin Ursula von der Leyen stellen konnte.

In Rheinland-Pfalz gibt es die Christdemokratin Julia Klöckner, die nach mehr als 16 Jahren beinahe Kurt Beck aus dem Amt gekippt hätte. Beim Mainzer Rosenmontagszug war auf einem Wagen über die beiden zu lesen: "Sind wir ehrlich, bitte sehr: Sie sieht auch besser aus als er!"

Über FDP-Generalsekretär Christian Lindner schrieb schon kurz nach seinem Amtsantritt eine Zeitung, er könne sein Geld auch als Doppelgänger von Jude Law verdienen - einem ebenso attraktiven wie begehrten Schauspieler. Und Lindners Parteifreundin Silvana Koch-Mehrin bekannte bereits vor Jahren: "Gutes Aussehen ist ein Hilfsmittel für Aufmerksamkeit, das genutzt werden kann."

Ruhe, Sicherheit und ein bisschen gepflegte Langeweile

In Frankreich amtiert der Präsident mit einem ehemaligen Model an seiner Seite, in den USA wurde zu Beginn von Barack Obamas Präsidentschaft die Oberarmmuskulatur seiner Frau diskutiert, und in Italien ist das Ausmaß an plastischer Chirurgie im Gesicht des Ministerpräsidenten kaum weniger grotesk als die Art seiner Freizeitgestaltung.

Nie war die Optik wichtiger in der Politik. Es musste so kommen in einer Zeit, die von Bildern dominiert wird, in einer Gesellschaft, in der das Schöne allgegenwärtig ist und einem in jedem Kaufhaus, an jeder zweiten Bushaltestelle optimiert und retuschiert ins Gesicht springt.

Der Sozialdemokrat Olaf Scholz hat die Wahl in Hamburg gewonnen, ein kleiner Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf. Der Grüne Winfried Kretschmann hat die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen, man kann sich bei seiner Anmutung nicht recht zwischen kauzig und schratig entscheiden. Doch für beide Ausnahmen gab es spezielle Gründe.

Scholz und Kretschmann passten exakt in das Wunschprofil der Wähler. Hamburg wollte Ruhe, Sicherheit, ein bisschen gepflegte Langeweile. Baden-Württemberg wollte ein bisschen Wechsel, aber bitte bürgerlich. Dann kam Fukushima. Es wird solche Fälle weiterhin geben, doch das wird seltener werden. Und das wird etwas mit der Politik machen. Es macht schon jetzt etwas mit ihr.

Über die Politik sagte man lange Zeit gern, sie sei "Hollywood für hässliche Menschen"

Halb neun ist es, ein klarer Frühlingsmorgen in Rostock, Manuela Schwesig sitzt mit Kopfhörern über den Ohren vor einem Mikrofon. Da draußen beginnt Mecklenburg-Vorpommern seinen Tag, hier drinnen machen sie die Musik dazu und reden zwischendurch, was Privatradiomoderatoren eben so reden. Ostseewelle, Morningshow, Studiogast: Sozialministerin Schwesig. Der Moderator sagt, statt des Pullovers habe er sich heute ein Hemd angezogen. "Extra schick gemacht", sagt die Mitmoderatorin.

Manuela Schwesig erzählt dann, unterbrochen durch Musik, dass der Ministerpräsident die Grippe habe, dass sie meist um kurz nach sechs aufstehe und dann noch ein bisschen mit ihrem Sohn kuschle, dass Frauen multitaskingfähig seien. Der Kaffee, sagt sie, sei "superlecker, die Stimmung ist gut, und ihr seid nett".

Es folgt ein bisschen Weltpolitik, die Moderatoren werfen ihr Stichworte hin.

Afghanistan: "Eigentlich brauchten die Soldaten dort richtige Mittel an die Hand, dass sie sich da kriegerisch durchsetzen könnten, aber ich bin gegen Krieg, und deswegen unterstütze ich diesen Afghanistan-Einsatz nicht."

Gaddafi: "Das Einfachste wär, ihn einfach mit Kohle abzuspeisen, obwohl das wahrscheinlich auch jeder von uns ungerecht empfindet."

Nato-Einsatz in Libyen, ja oder nein: "Nein, wir müssen erst mal alle wirtschaftlichen Embargos ausnutzen, und das ist nicht passiert. Wir können denen doch den Ölhahn abdrehen."

Manuela Schwesig plappert sich ziemlich wirr einmal quer durch die Weltenbrände. Anders als das Fernsehen liefert das Radio keine Bilder mit, die ein bisschen von ihren Sätzen ablenken könnten. Nach einer Stunde im Studio der Ostseewelle drängt sich der Eindruck auf, dass Hörfunk nicht unbedingt das Medium der Manuela Schwesig ist.

Als Regierung und Opposition wochenlang um die Neuregelung von Hartz IV rangen, attestierte ihr selbst die Gegenseite, sie habe ihre Sache als Verhandlungsführerin gut gemacht. Schwesig ist aber auch nicht das, was man sich unter einer politischen Überfliegerin vorstellt.

Je attraktiver der Empfänger, desto höher die Spende

Als Steinmeier sie in sein Schattenkabinett holte, zählten die gleichen Eigenschaften wie bei ihrer Wahl zur stellvertretenden Parteichefin. Sie kommt aus dem Osten, sie ist Ministerin und gleichzeitig Mutter eines Sohnes. Und sie sieht auf Werbeplakaten sehr hübsch aus.

Über die ersten Eigenschaften wurde damals sogar freimütig geredet, über die Sache mit dem Hübschsein wird man keinen Sozialdemokraten offen sprechen hören. In der politischen Welt schweigt man darüber ein bisschen verschämt. In der Welt der Wirtschaft ist das anders.

Dort gilt es seit längerem als Binsenweisheit, dass attraktive Menschen mehr verdienen, vor einigen Jahren gab es dazu wieder einmal ein sozialwissenschaftliches Experiment. Die Probanden bekamen eine bestimmte Geldsumme und wurden gefragt, ob sie anderen Menschen davon etwas abgeben würden. Dazu bekamen die potentiellen Spender Fotos derjenigen gezeigt, die sie zu beschenken hätten - samt zweiminütiger Überzeugungsbotschaft.

Ergebnis: Je attraktiver der Empfänger, desto höher die Spende.

Über die Politik hingegen sagte man lange Zeit gern, sie sei "Hollywood für hässliche Menschen". Doch Politik ist ein lernendes System, deshalb macht sie sich diese Mechanismen mehr und mehr zunutze. Und auch in der Politik ist der Einfluss der Optik längst belegt.

Der erste Eindruck entscheidet

Nachdem US-amerikanische Wissenschaftler ihren Probanden für jeweils eine Sekunde die Bilder politischer Kandidaten gezeigt hatten, sollten die Betrachter die Politiker hinsichtlich Eigenschaften wie Kompetenz, Intelligenz, Führungsstärke bewerten. Die Rangfolge, die sich dadurch ergab, stimmte zu rund 70 Prozent mit dem tatsächlichen Wahlergebnis überein. Der erste Eindruck entscheidet also. Und das ist stets der optische.

In einer anderen Studie führten Forscher zehn Sekunden lange Videoclips unbekannter Kandidaten vor und fragten, welcher sich durchsetzen werde. In beinahe 60 Prozent der Fälle lagen die Teilnehmer richtig. Schalteten die Forscher den Ton dazu, nahm die Erfolgsquote ab.

Skandinavische Wissenschaftler ließen zunächst Ausländer das Aussehen ihnen unbekannter finnischer Politiker bewerten und glichen die Bewertungen dann mit Wahlergebnissen ab. Schöne Kandidaten bekamen bei der Parlamentswahl im Durchschnitt 20 Prozent mehr Stimmen.

So gesehen wäre es von der SPD nicht besonders schlau gewesen, auf Manuela Schwesig zu verzichten.

"Wenn wir immer nur Hinz und Kunz sehen würden, dann läge die Latte nicht so unerreichbar hoch"

Bernd Guggenberger, 62, ist Politikprofessor und Künstler, er hat vor Jahren ein Buch geschrieben mit dem Untertitel "Schönheit als soziale Macht". Er wusste ziemlich gut, wovon er schrieb, große Teile des Buchs hat er in Kalifornien verfasst. Kaum irgendwo gibt es mehr schöne, optimierte Menschen, ist der ständige optische Wettbewerb härter, gnadenloser.

Guggenberger sitzt in einem Berliner Café, er schaut sich einmal kurz um, dann sagt er: "Sehen Sie, hier sitzt kein fernsehschöner Mensch herum. Und wenn es das Fernsehen nicht gäbe, wir also immer nur Hinz und Kunz sehen würden, dann läge die Latte nicht so unerreichbar hoch. Dann fänden wir auch die Homburger ganz in Ordnung."

Gemeint ist Birgit Homburger, Fraktionschefin der FDP im Bundestag. "Im Moment sieht es aber so aus, als gäbe es bei Jungpolitikern eine Art Schönheitspflicht für die Karriere. Das wird es schwer machen für Typen wie Frau Homburger."

Guggenberger erklärt das so: "Verglichen mit der Realität sind im Fernsehen schöne Menschen um den Faktor zwölf überrepräsentiert. Das ist der eine Grund, warum Schönheit auch in der Politik immer wichtiger wird. Die heutigen jungen Erwachsenen sind schließlich die erste Generation, die von Beginn an mit diesem imperialen Kulturmedium aufgewachsen ist."

Bilder ließen sich damals noch steuern

Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass der attraktive John F. Kennedy das erste politische Fernsehduell der Geschichte gegen einen schwitzenden, unrasierten Richard Nixon gewann. Die Entwicklung ist also nicht ganz neu, in der Bundesrepublik zog der attraktive Willy Brandt mit einer schönen Frau an seiner Seite erst ins Schöneberger Rathaus und schließlich ins Kanzleramt ein.

Doch auf den schneidigen Helmut Schmidt konnte Helmut Kohl folgen.

Die Bilder hatten damals nicht ihre heutige Macht, sie ließen sich noch steuern, deshalb hatten sie häufig etwas Ikonenhaftes. Kennedy auf seiner Yacht, die Brandts in Abendgarderobe.

Heute ist die Politik ausgeleuchtet bis in den letzten Winkel. Es gibt jetzt YouTube und damit Versprecher, Stolperer, Peinlichkeiten auf Abruf, das öffentliche Gedächtnis ist unbarmherzig. Schönheit ist mittlerweile auch eine Art Versicherung dagegen, öffentlich richtig schlecht auszusehen.

Guggenberger sagt: "Der zweite Grund ist, dass die Welt immer komplexer und unübersichtlicher wird. Ich muss enorm viel Zeit investieren, um mir ein Bild von einem Kandidaten zu machen, seine Positionen zu hinterfragen. Schönheit reduziert auf einen Schlag Komplexität."

Ein gewisser optischer Mindeststandard gehört zur Grundausstattung

Schönheit ist deshalb noch längst nicht alles in der Politik, aber ein gewisser optischer Mindeststandard gehört nun genauso zur Grundausstattung wie Rhetorik und Intelligenz. Angela Merkel wird gern als Gegenbeispiel angeführt, doch bevor sie Kanzlerin wurde, war lange Zeit keine Rede davon, was sie eigentlich mit diesem Land machen wollte. Stattdessen gab es Witze über ihre Frisur.

Legt man Bilder Angela Merkels aus den neunziger Jahren neben solche aus der Anfangszeit ihrer Kanzlerschaft, erzählen die Bilder eine erstaunliche Geschichte. Es ist die Geschichte einer fast perfekten Optimierung ihres öffentlichen Auftritts.

Wer nicht eine gewisse optische Gefälligkeit mitbringt, wird sich auch in Zukunft politische Reputation erarbeiten können, über besondere Sachkenntnis etwa. Doch schon jetzt hat er es schwer, in die erste Reihe vorzustoßen - dorthin, wo man der gnadenlosen öffentlichen Begutachtung ausgesetzt ist.

Das ist eine Binsenweisheit im Berliner Politikbetrieb. Geht es dort in vertraulichen Gesprächen um Kandidatenfragen, fallen ständig Sätze wie: Den kann man doch nicht in die erste Reihe stellen! Können Sie sich die auf einem Wahlplakat vorstellen?

Man thematisiert dort auch, dass der SPD-Vorsitzende Gabriel erst mal ordentlich abnehmen müsste, bevor er Kanzlerkandidat werden könnte, aber auf öffentlicher Bühne spricht es niemand aus.

Schönheit - Vorteil oder Nachteil?

Guggenberger sagt: "In unserer tabuentleerten Zeit ist das nach wie vor ein Tabu. Jeder denkt sich diese Dinge, niemand sagt sie."

Die Autobahn zwischen Rostock und Stralsund, Manuela Schwesig sitzt auf der Rückbank, es ist der Versuch, mit ihr über Aussehen zu sprechen. Es ist schwierig.

Welche Rolle spielt das Aussehen heute in der Politik?

"Jede Partei braucht Personen, die Stimmen ziehen, die Wählerbindungen gehen schließlich immer mehr zurück."

Sie wissen aber, dass Sie selbst eine angenehme Erscheinung sind?

Keine Antwort, stattdessen sagt sie sinngemäß, dass heute niemand mehr hässlich aussehen müsse.

Hat Ihnen Ihr Aussehen genützt?

"Manchmal ist es gut, wenn man fotogen ist, aber es kann auch ein Nachteil sein, weil man dann leicht darauf reduziert wird."

Was nun, Vorteil oder Nachteil?

"Bei Frauen ist es eine Gratwanderung. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn man telegen ist. Aber auf der anderen Seite wird dann sofort die Frage gestellt, ob die denn auch was im Kopf hat."

Es gibt nichts Undemokratischeres als Schönheit

Man kann es Manuela Schwesig nicht übelnehmen, dass es ein sehr verdruckstes Gespräch wird. Eine Frau hat es bei diesem Thema tatsächlich nicht so leicht, vor allem in einer Partei, in der Frauen bis vor kurzem noch gern Doppelnamen und Strickpullover getragen haben.

Und es gibt nichts Undemokratischeres als Schönheit. Sie ist gegeben oder nicht, man kann sie nicht erarbeiten, lernen, üben, und man kann sie, entgegen allen Versprechungen, auch nicht herbeioperieren. Sie ist der krasseste mögliche Gegensatz zu jenem Versprechen, das die SPD seit je ihren Wählern gegeben hat und auf dem letztlich die Republik gründet: Jeder hat, zumindest theoretisch, die Chance, alles zu erreichen.

Schönheit als politischer Faktor ist zudem eine ständige Beleidigung für den Verstand. Zweieinhalb Jahrhunderte Aufklärung, und am Ende werden Wählerstimmen doch nach Gesichtssymmetrie vergeben? Das hat etwas Deprimierendes.

Hamburg, ein Büro im siebten Stock, Astrid Saß, 48, hat noch eine gute Stunde bis zur Morgenkonferenz. Sie ist stellvertretende Chefredakteurin der "Gala", sie muss jede Woche überlegen, wer schön, glamourös, berühmt genug ist für den Titel. "Es geht ja darum, dass unsere Leserinnen träumen, und dann sind sie in dieser Welt, in Hollywood oder sonst wo."

"Die Guttenbergs wirken schon wieder bieder"

Saß ist aufgestanden, an der Wand hängen drei Poster mit den "Gala"-Titeln der vergangenen drei Jahre im Mini-Format: "Sie sehen, Politik ist jetzt nicht so unser Kerngeschäft."

Sie steht vor dem Poster 2008, sie tippt auf eines der Mini-Cover: "Hier haben wir Carla Bruni", der Finger fährt ein paar Cover weiter, "hier haben wir Bruni und Sarkozy", weiter geht es zum nächsten Poster, "hier haben wir die Obamas und hier noch mal." Im Heft davor ging es um "Diät-Tricks der Stars", in der Ausgabe danach um Heidi Klum.

Bruni-Sarkozy und die Obamas, das war es mit der Politik auf der "Gala"-Titelseite. "Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland ja nicht", sagt Astrid Saß. Immerhin hat es Stephanie zu Guttenberg in diesem Jahr zweimal auf das Cover geschafft, einmal mit Karl-Theodor und einmal ohne, doch beide Male nur oben am linken Rand. Einmal neben Heidi Klum, einmal neben Gisele Bündchen.

"Die Guttenbergs, das war für Deutschland schon etwas Neues, die hatten tatsächlich Glamour", sagt Astrid Saß. "Aber verglichen mit der Welt, über die wir sonst berichten, wirkten sie auch schon wieder bieder."

Schönheit beginnt jetzt erst, sich ihren Raum in der Politik zu nehmen

Auf einem der Carla-Bruni-Cover steht "Jetzt ein Baby!", auf einem anderen "Eiskalter Engel". Die Telenovela als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Was das angeht, steht man hierzulande noch am Anfang.

Es wird ja weitergehen, die Schönheit hat gerade erst begonnen, sich ihren Raum in der Politik zu nehmen. Die Welt wird täglich noch ein bisschen komplizierter, die Bilder werden mächtiger. Und die Sehnsucht nach Schlichtheit wird zunehmen. Es gibt nichts Schlichteres als Schönheit. Kaum einer kann sie erklären, aber jeder erkennt sie, sofort.

Der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider war ein schöner Mann. Und die blonde Rechtsextreme Marine Le Pen kommt in Frankreich auf Umfragewerte, von denen ihr ebenso rechtsextremer, aber ergreisender Vater nur träumen konnte. Manchmal ist das Schlichte nicht nur unoriginell, sondern auch gefährlich. Und das kann schnell gehen.

Manuela Schwesig sieht müde aus, sie steigt aus dem Wagen, der Termin beim Berufsförderungswerk wird gleich beginnen. Sie fragt, wo sie sich "kurz frisch machen" könne, dann verschwindet sie, draußen warten die Männer, die sie über das Gelände führen wollen. Es dauert ein paar Minuten, dann kommt sie zurück.

Sie trägt einen roten Mantel, sie lächelt, die Müdigkeit ist weg. Sie sieht jetzt wieder sehr gut aus. Es kann weitergehen. Immer weiter.