Prozesse Dr. med. Praktikant

Arzt war nicht sein Beruf, er fühlte sich bloß berufen: Das Stuttgarter Landgericht urteilt über einen Hochstapler, der es mit Hauptschulabschluss bis an den Operationstisch schaffte.

Also, manchmal stellt der Vorsitzende Richter Fragen, bei denen Sascha St. nur nachsichtig lächeln kann. Woran er denn habe erkennen können, welche Art von Narkose ein Patient brauchte? Welche Narkosemittel er denn kenne? Fragen dieser Art.

Der Vorsitzende bittet den Angeklagten, einen typischen Arbeitstag im Krankenhaus zu schildern. Das tut er gern, er fällt dabei ins Präsens: "Morgens schaue ich als Erstes auf den OP-Plan", erklärt Sascha St., 27, alias Dr. med. Sascha Schenk. Dann gehe er in seinen OP-Saal, bereite alles für die Narkose vor, kläre Patienten auf, lege Zugänge und intubiere, leite Narkosen ein und wieder aus. Er zählt Muskelrelaxantien und Narkosegase auf, parliert über Larynxmasken und Spritzenpumpen mit aller ihm zur Verfügung stehenden Bescheidenheit.

161 Kranke hat er behandelt, als Anästhesist und Notarzt. Die 5. Große Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts staunt über so viel Chuzpe. Reines Glück für Sascha St. und seine Patienten, dass niemand zu Schaden kam, sagt der Oberstaatsanwalt. Die meisten Hochstapler im weißen Kittel haben wenigstens ein vermurkstes Medizinstudium zu bieten; Sascha St. verfügt über den Hauptschulabschluss.

"Gehört denn so wenig dazu, Anästhesist zu sein, dass es nicht auffällt, wenn einer es nicht ist?", fragt der Oberstaatsanwalt. Da muss St. wieder lächeln: "Anästhesie ist eines der schwierigsten Fächer in der Medizin. Ich hatte die Voraussetzungen nicht, aber das Fachwissen."

Für die Ausbildung hätte Sascha St. das Geld gefehlt

Gut möglich, dass die Karriere des Dr. med. Schenk auch ein Symptom ist: für Krankenhäuser, die unter Personalnot leiden und ihre Bewerber über Internetbörsen oder Vermittlungsagenturen rekrutieren - schnell und billig. Wenngleich dem Angeklagten ein außergewöhnliches Engagement nicht abzusprechen ist.

Sein Faible für das Rettungswesen entdeckt Sascha St. aus Böblingen mit zwölf Jahren. Der Vater, ein Dachdecker, trinkt, die Mutter hat diverse Männer. Da findet der damals noch dickliche Junge eine Ersatzfamilie beim Roten Kreuz: Blaulicht, Abenteuer, Anerkennung. Zwar hapert es in der Schule und mit der Ausbildung, weswegen er nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Krankenhaus Nürtingen in Imbissketten jobbt oder bei Ebay Waren verkauft, die es nicht gibt. Sein besseres Selbst entfaltet sich woanders: als Sanitätshelfer beim Roten Kreuz in Stuttgart-Giebel. Über 1000 Rettungseinsätze rechnet er vor. Sein damaliger Chef sagt vor Gericht: "Retten war seine Welt."

Warum dann nicht legal, als Rettungsassistent? Für die Ausbildung hätten ihm der Realschulabschluss und das Geld gefehlt, gibt Sascha St. an. Also habe er Klinikpraktika gemacht, "um mein medizinisches Wissen zu vertiefen".

Was nun herauskommt, sorgt im Saal für Verblüffung: Offenbar kann jedermann einfach in ein x-beliebiges Krankenhaus hineinlaufen und seine Arbeitskraft als Praktikant anbieten, gratis, versteht sich. Und die Krankenhäuser greifen zu. Während seines Bildungsprogramms im Stuttgarter Katharinenhospital etwa verdient Sascha St. sein Geld an der Tankstelle gegenüber. "Wenn es im Krankenhaus etwas Interessantes gab, rief mich ein Arzt an, dann bin ich rüber und schaute mir die OP an."

"Ich konnte es ja"

Sascha St. darf in offene Bäuche blicken und in Krankenakten, er hält schon mal einen OP-Haken, bekommt Schlüssel, Dienstausweis, Piepser und Dienstkleidung. Er bleibt monatelang: "Nie hat einer nachgefragt, wozu."

In grüner OP-Kluft führt er Bekannte durchs Klinikum und behauptet, dort Pfleger zu sein. Das glaubt auch seine Freundin, die er mit Stalking terrorisiert, als sie sich von ihm trennen will. Monate später wird er als Dr. Sascha Schenk eine neue Freundin zum Rendezvous auf den Hubschrauberlandeplatz der Klinik bitten.

Dazwischen macht er ein Rettungswagenpraktikum in Sindelfingen, Praktika in weiteren Stuttgarter Kliniken und in der Notaufnahme in Pforzheim. In Mühlacker sei er nach einer Einarbeitungszeit aufgrund von Personalengpässen als Anästhesiepfleger eingesetzt worden, habe venöse und sogar arterielle Zugänge legen dürfen und das Intubieren gelernt.

Der Vorsitzende ist entgeistert: "Man hat Sie als Praktikant in Venen rumstochern lassen?" Der Beschuldigte zuckt mit den Schultern: "Ich konnte es ja."

Das lässt St. nicht ruhen. Nachts sitzt er am Computer und googelt - zum Beispiel eine Approbationsurkunde vom Regierungspräsidium Stuttgart, ausgestellt mit Stempel und Unterschrift: "Kochendörfer-Münnich". Er montiert seinen falschen Namen in das Dokument.

Bei Google macht "Dr. Schenk" seinen Facharzt in Notfallmedizin

Auch die Stationen seines Lebenslaufs ("Curriculum Vitae") findet er bei Google. Seinen Vater befördert er zum Polizeioberrat, später beide Eltern zu Ärzten, "weil das seriöser wirkte". Das Profil habe er "nur aus Jux" im Business-Netzwerk Xing eingestellt: "Assistenzarzt sucht neue Herausforderung und Austausch."

Bald darauf hat "Dr. Schenk" einen Vorstellungstermin: Paracelsus-Klinik, München-Bogenhausen, Privatpatienten aus dem In- und Ausland. Er fängt als Nachtvertretung an, doch bald steht er als Anästhesist auf dem OP-Plan, übernimmt Wochenenddienste, macht Überstunden, kümmert sich einfühlsam um die Patienten - alles für knapp 20 Euro brutto pro Stunde. Nach ein paar Monaten bietet man ihm eine Festanstellung.

Aber woher soll er die Lohnsteuerkarte nehmen und den Sozialversicherungsnachweis? Als Fälscher erkennt St. hier seine Grenzen; als Mediziner entwickelt er sich weiter. Bei Google macht Dr. Schenk seinen Facharzt in Notfallmedizin.

Das Hospital zum Heiligen Geist in Horb sucht dringend einen Notarzt für Einsätze in der dünnbesiedelten Schwarzwaldregion. Zwar stutzt der Verwaltungschef über die Jugend des Bewerbers, andererseits: Personal ist auf dem Land schwer zu bekommen. Wenn der Kandidat dann auch noch erfreulich wenig Geld verlangt, kann man leicht kleine Schwachstellen übersehen. Zum Beispiel, dass die Zulassung als Notarzt von der "Landesärtzekammer Bayern" ausgestellt ist, der Titel seiner Dissertation an der RWTH Aachen, Note: "cum laude", "Subarchnoidalblutung und Gedächtnis" lautet, anstatt "Subarachnoidalblutung ¿". Petitessen.

Und schon sitzt Dr. Schenk im Rettungswagen. Hausärzte treten respektvoll beiseite, wenn er mit dem Blaulicht anrückt. "Hatten Sie keine Angst, Fehler zu machen?", will der Oberstaatsanwalt wissen. "Sie haben ja verhindert, dass die Leute ärztliche Hilfe bekamen, wenn Sie als Notarzt im Einsatz waren."

Aber diese Sichtweise mag Sascha St. nicht teilen: "Ohne überheblich klingen zu wollen: Ich war sicher in dem, was ich gemacht habe. Als Notarzt kommt es darauf an, den Patienten kreislaufstabil zu halten. Offene Frakturen renke ich gleich notdürftig ein." Zwar gab es zwei Tote bei Dr. Schenks Einsätzen, aber beide waren schon vorher schwer angeschlagen, St. trifft keine nachweisbare Schuld.

Am Ende stolpert Sascha St. über Groß- und Kleinschreibung

Ein echter Anästhesist tritt als Zeuge auf, Dr. H. von der Paracelsus-Klinik München. Für die Klinik ist die Angelegenheit hochnotpeinlich, Dr. H. ist erkennbar um Schadensbegrenzung bemüht: "Dr. Schenk" sei nicht aufgefallen, weil Erwartungen an die praktische Berufserfahrung von Berufsanfängern im Allgemeinen gering seien. St. habe sich geschickt präsentiert: sicher, aber nicht zu selbstbewusst. "Und dann noch die Eltern beide Ärzte, das klang gut", sagt Dr. H. Er habe sich in der Klinik einen guten Ruf erarbeitet, "aber natürlich stets unter Anleitung und Aufsicht der Anästhesisten oder erfahrener Pflegekräfte. Wenn er behauptet, er habe bei uns eigenverantwortlich gearbeitet, dann geht die Hochstapelei vor Gericht weiter."

"Immerhin hätten Sie Herrn St. fest angestellt", bohrt der Oberstaatsanwalt nach. "Das macht man doch nicht, wenn einer nur Hilfsdienste verrichtet hat?" Dr. H. windet sich. "Ich bin selbst überrascht, dass wir so leicht diesem ganzen Schwindel aufgesessen sind", bekennt er schließlich.

Am Ende stolpert Sascha St. über die Groß- und Kleinschreibung. Der Rettungsdienst im Kreis Rems-Murr erhält einen Beschwerdebrief. Ein Dr. med. Sascha Schenk, selbst ehrenamtlicher Helfer vor Ort, beklagt, die schlechte Koordination der Einsatzkräfte gefährde Menschenleben: "Ich Zitiere hier gerne auch noch mal das Strafgesetzbuch den Paragraphen § 323c Unterlassene Hilfeleistung." Und: "Warum muss erst schlimmes folgen, das gutes draus versucht wird zu machen!? Auch sie könnten mal in der Lage sein, schnellstmögliche Medizinische Hilfe zu benötigen, auch sie wären froh, wenn diese ohne Zeitverzögerung eintritt und sie statt einem Pflegefall im Bett, ein lebenslustiger Mensch der am leben teilnehmen kann, sind."

"Mit der Medizin habe ich abgeschlossen"

Die Orthografie des angeblichen Doktors erscheint dem Leiter des Rettungsdienstes verdächtig. Bald darauf steht die Polizei vor der Tür.

Der Tübinger Psychiater Peter Winckler attestiert St. in einem Gerichtsgutachten "'kreativen' Umgang mit biografischen Informationen" und hohe Kränkbarkeit bei durchschnittlicher Intelligenz, ansonsten wenig Psychopathologie. "Er glaubte nie, Doktor Schenk zu sein."

"Mit der Medizin habe ich abgeschlossen", hat Sascha St. dem Gutachter gesagt. "Mit meinem Vorleben finde ich da nie wieder einen Einstieg." Er hat 100.000 Euro Schulden - Verzugszinsen, Mahngebühren für Möbel, Klamotten, Miete. Er werde später wohl nur noch "kleine Brötchen backen" können.

Am vergangenen Freitag verurteilte die 5. Große Strafkammer Sascha St. wegen Urkundenfälschung, Titelmissbrauch, unerlaubter Ausübung der Heilkunde und gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren, neun Monaten. Man habe es ihm leicht gemacht, sagte der Oberstaatsanwalt.

Im Gefängnis hat sich Sascha St. mit der Anstaltsärztin angelegt, weil sie ihm ein Cortisonspray nicht verschreiben wollte, das er zu brauchen glaubt. Er hat sie angezeigt, wegen unterlassener Hilfeleistung.

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