AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2011

Prozesse Dr. med. Praktikant

Arzt war nicht sein Beruf, er fühlte sich bloß berufen: Das Stuttgarter Landgericht urteilt über einen Hochstapler, der es mit Hauptschulabschluss bis an den Operationstisch schaffte.

Hochstapler Sascha St.: "Ich konnte es ja"
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Hochstapler Sascha St.: "Ich konnte es ja"

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Also, manchmal stellt der Vorsitzende Richter Fragen, bei denen Sascha St. nur nachsichtig lächeln kann. Woran er denn habe erkennen können, welche Art von Narkose ein Patient brauchte? Welche Narkosemittel er denn kenne? Fragen dieser Art.

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Heft 21/2011
Anatomie einer gefährlichen Beziehung

Der Vorsitzende bittet den Angeklagten, einen typischen Arbeitstag im Krankenhaus zu schildern. Das tut er gern, er fällt dabei ins Präsens: "Morgens schaue ich als Erstes auf den OP-Plan", erklärt Sascha St., 27, alias Dr. med. Sascha Schenk. Dann gehe er in seinen OP-Saal, bereite alles für die Narkose vor, kläre Patienten auf, lege Zugänge und intubiere, leite Narkosen ein und wieder aus. Er zählt Muskelrelaxantien und Narkosegase auf, parliert über Larynxmasken und Spritzenpumpen mit aller ihm zur Verfügung stehenden Bescheidenheit.

161 Kranke hat er behandelt, als Anästhesist und Notarzt. Die 5. Große Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts staunt über so viel Chuzpe. Reines Glück für Sascha St. und seine Patienten, dass niemand zu Schaden kam, sagt der Oberstaatsanwalt. Die meisten Hochstapler im weißen Kittel haben wenigstens ein vermurkstes Medizinstudium zu bieten; Sascha St. verfügt über den Hauptschulabschluss.

"Gehört denn so wenig dazu, Anästhesist zu sein, dass es nicht auffällt, wenn einer es nicht ist?", fragt der Oberstaatsanwalt. Da muss St. wieder lächeln: "Anästhesie ist eines der schwierigsten Fächer in der Medizin. Ich hatte die Voraussetzungen nicht, aber das Fachwissen."

Für die Ausbildung hätte Sascha St. das Geld gefehlt

Gut möglich, dass die Karriere des Dr. med. Schenk auch ein Symptom ist: für Krankenhäuser, die unter Personalnot leiden und ihre Bewerber über Internetbörsen oder Vermittlungsagenturen rekrutieren - schnell und billig. Wenngleich dem Angeklagten ein außergewöhnliches Engagement nicht abzusprechen ist.

Sein Faible für das Rettungswesen entdeckt Sascha St. aus Böblingen mit zwölf Jahren. Der Vater, ein Dachdecker, trinkt, die Mutter hat diverse Männer. Da findet der damals noch dickliche Junge eine Ersatzfamilie beim Roten Kreuz: Blaulicht, Abenteuer, Anerkennung. Zwar hapert es in der Schule und mit der Ausbildung, weswegen er nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Krankenhaus Nürtingen in Imbissketten jobbt oder bei Ebay Waren verkauft, die es nicht gibt. Sein besseres Selbst entfaltet sich woanders: als Sanitätshelfer beim Roten Kreuz in Stuttgart-Giebel. Über 1000 Rettungseinsätze rechnet er vor. Sein damaliger Chef sagt vor Gericht: "Retten war seine Welt."

Warum dann nicht legal, als Rettungsassistent? Für die Ausbildung hätten ihm der Realschulabschluss und das Geld gefehlt, gibt Sascha St. an. Also habe er Klinikpraktika gemacht, "um mein medizinisches Wissen zu vertiefen".

Was nun herauskommt, sorgt im Saal für Verblüffung: Offenbar kann jedermann einfach in ein x-beliebiges Krankenhaus hineinlaufen und seine Arbeitskraft als Praktikant anbieten, gratis, versteht sich. Und die Krankenhäuser greifen zu. Während seines Bildungsprogramms im Stuttgarter Katharinenhospital etwa verdient Sascha St. sein Geld an der Tankstelle gegenüber. "Wenn es im Krankenhaus etwas Interessantes gab, rief mich ein Arzt an, dann bin ich rüber und schaute mir die OP an."

"Ich konnte es ja"

Sascha St. darf in offene Bäuche blicken und in Krankenakten, er hält schon mal einen OP-Haken, bekommt Schlüssel, Dienstausweis, Piepser und Dienstkleidung. Er bleibt monatelang: "Nie hat einer nachgefragt, wozu."

In grüner OP-Kluft führt er Bekannte durchs Klinikum und behauptet, dort Pfleger zu sein. Das glaubt auch seine Freundin, die er mit Stalking terrorisiert, als sie sich von ihm trennen will. Monate später wird er als Dr. Sascha Schenk eine neue Freundin zum Rendezvous auf den Hubschrauberlandeplatz der Klinik bitten.

Dazwischen macht er ein Rettungswagenpraktikum in Sindelfingen, Praktika in weiteren Stuttgarter Kliniken und in der Notaufnahme in Pforzheim. In Mühlacker sei er nach einer Einarbeitungszeit aufgrund von Personalengpässen als Anästhesiepfleger eingesetzt worden, habe venöse und sogar arterielle Zugänge legen dürfen und das Intubieren gelernt.

Der Vorsitzende ist entgeistert: "Man hat Sie als Praktikant in Venen rumstochern lassen?" Der Beschuldigte zuckt mit den Schultern: "Ich konnte es ja."

Das lässt St. nicht ruhen. Nachts sitzt er am Computer und googelt - zum Beispiel eine Approbationsurkunde vom Regierungspräsidium Stuttgart, ausgestellt mit Stempel und Unterschrift: "Kochendörfer-Münnich". Er montiert seinen falschen Namen in das Dokument.



insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
syracusa 27.05.2011
1. Wer heilt, hat recht!
Zitat von sysopArzt war nicht sein Beruf, er fühlte sich bloß berufen: Das Stuttgarter Landgericht urteilt über einen Hochstapler, der es mit Hauptschulabschluss bis an den Operationstisch schaffte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,764070,00.html
Wer heilt, hat recht! Und er kann's ja :-)
zappuser 27.05.2011
2. Er war, weil ihn die Medizin begeistert,
wahrscheinlich besser als so mancher sog. Arzt mit echten Zeugnissen. Er hatte aber nicht dem Mumm, aus seiner schlechten Situation heraus Abitur und Medizinstudium zu versuchen. Nun muß er bestraft werden. Ungeachtet dessen muß sich die Gesellschaft fragen lassen, warum es für derart Begeisterte keinen Weg der Unterstützung hin zum Arztberuf gibt.
Alzheimer, 27.05.2011
3. ...
Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy alias Jan Postel läßt grüßen. Je mehr über diese Fälle berichtet wird, ja schon fast eine kochbuchartige Anleitung gegeben wird, desto mehr Nachahmer werden inspiriert.
Denkstoerung 27.05.2011
4. Also ganz ehrlich..
.. in der Politik wäre so einer nicht aufgefallen. Ein Hochstapler unter vielen.
Muadib 27.05.2011
5. Ambivalent
bin da völlig hin und her gerissen. Ich habe den Eindruck dass er das, was er getan hat, beherrscht hat. Insofern bin ich eher nachsichtig. Die Hürden einen bestimmten Beruf, insbesondere wenn es um Heilkunde geht, auszuüben sind ja sinnvoll. Manchmal kommen diese Standesverteiger aber eher rüber als wollten sie ihre "Kartelle" schützen. Bei einem Mediziner der Menschenleben retten soll bin ich da aber schon anderer Meinung, wobei die Schulmedizin sicher auch ihre Felder vermint. Nichtsdestotrotz eine interessante Geschichte mit einem durchaus sympathischen Antihelden.
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