Margot Käßmann: Moralische Autorität
Kirchen Die Mut-Bürgerin
Die Frage würde kommen, das wusste Margot Käßmann, es geht um das beherrschende Thema der vergangenen Tage, sie hat sich darauf vorbereitet. Käßmann sitzt im Untergeschoss des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann, etwa 200 Leute drängeln sich um die kleine Bühne. Oben, wo eine Leinwand aufgebaut ist, sind es noch mal so viele.
Käßmann hat gerade Passagen aus ihrem neuem Buch "Sehnsucht nach Leben" gelesen. Es handelt von Frieden, Freiheit und dem Glauben an Engel. Das Publikum, vorwiegend Frauen aus der Generation 50 plus, hat aufmerksam zugehört. Ihr gehe es darum, Hoffnungsbilder zu malen, sagt Käßmann.
Ein Journalist redet mit Käßmann über Sehnsüchte. Dann fragt er: "Frau Käßmann, was halten Sie von der Intervention des Westens in Libyen?" Käßmann war einmal Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie trat vor gut einem Jahr nach einer Trunkenheitsfahrt zurück. Spätestens seitdem gilt sie als moralische Autorität in allen wichtigen Fragen, gerade solchen von Krieg und Frieden.
Sie hat das Geschehen in Libyen in den vorangegangenen Wochen öfters kommentiert. Es ist ein Thema, für das sie sich zuständig fühlt. Ihre Antworten waren nicht immer ganz widerspruchsfrei, auch moralische Autoritäten sind zu einer gewissen Flexibilität fähig.
Das erste Mal, als Käßmann sich äußerte, war der Bürgerkrieg bereits im Gange. Sie mochte sich nicht recht festlegen: "Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen", sagte sie. Das war eine sehr allgemeine Einschätzung, vielleicht etwas unterkomplex, aber sie würde auf alle denkbaren Entwicklungen passen.
Dann setzte Oberst Muammar al-Gaddafi den Krieg gegen das eigene Volk ziemlich phantasielos fort, er versprach, Libyen "Haus für Haus zu säubern", ein Massaker schien unmittelbar bevorzustehen. Käßmann hielt nun eine Flugverbotszone "eng begrenzt für richtig, weil man das freiheitsliebende Volk vor einem völlig irrsinnig gewordenen Diktator schützen muss". Das schien eindeutig.
Zeitgleich autorisierte der Uno-Sicherheitsrat den militärischen Einsatz gegen Gaddafi. Käßmanns Sympathie für eine Flugverbotszone verflüchtigte sich in dem Moment, als diese durchgesetzt wurde. In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.
Nun sitzt sie bei Dussmann, der Journalist hat gefragt, sie muss wieder eine Position finden. Sie sagt: "Es scheint keine Begrenzung des Militärischen zu geben, das finde ich deprimierend."
Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt
Die Zuhörer in Berlin sind überzeugt, sie honorieren Käßmanns Ausführungen mit viel Beifall. Am Ende der Lesung gibt es eine lange Schlange von Menschen, die ihr Buch von der Autorin signieren lassen wollen. Offenbar ist niemandem bewusst, welche Positionen Käßmann in dieser Sache schon vertreten hat, oder es stört zumindest niemanden. Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt.
Margot Käßmann gehört zu den erstaunlichsten Figuren des öffentlichen Lebens in Deutschland. Sie elektrisiert die Menschen, egal ob sie gerade für eine Flugverbotszone ist oder dagegen. Zwei ihrer Bücher sind unter den Top 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste, eines davon schon seit 81 Wochen. Sie ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen, vor gut zwei Wochen hat sie zum ersten Mal eine Talkshow moderiert. Es ist oft schwierig, für ihre Veranstaltungen noch ein Ticket zu bekommen.
Die Bürger vertrauen Käßmann. Bei einer SPIEGEL-Umfrage nach moralischen Instanzen in Deutschland landete sie vor Günter Grass und Jürgen Habermas - allerdings hinter Karl-Theodor zu Guttenberg. Da war noch keine Rede von dessen Doktorarbeit.
An diesem Mittwoch beginnt in Dresden der Evangelische Kirchentag. Acht Auftritte hat Käßmann dort, so viel wie wenig andere. Man darf davon ausgehen, dass sie die Hauptattraktion sein wird.
Wie erklärt sich das Phänomen Käßmann, das in der Wirkung mit dem Phänomen Guttenberg vergleichbar ist? Was sagt ihr Erfolg über die geistige Lage in Deutschland aus? Und was bedeutet es für die Politik, die von Käßmann ständig kritisiert wird?
Ein Treffen mit Margot Käßmann in einem kleinen Café am Savignyplatz in Berlin. Käßmann bestellt ein Croissant mit Marmelade, sie hat eine knappe Stunde Zeit, dann muss sie ins Tonstudio. Ihr Buch "In der Mitte des Lebens" ist schon vor einigen Monaten als Hörbuch erschienen. Viele Hörer waren enttäuscht, weil Käßmann es nicht selbst vorliest. Das soll jetzt nachgeholt werden.
"In der Mitte des Lebens" ist Käßmanns erfolgreichstes Buch. Die Kapitelüberschriften lauten "Veränderungen wagen" oder "Die Mitte finden". Sie bestehen aus Sätzen wie: "Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann." Eiapopeia-Prosa, wie der Literaturkritiker Denis Scheck treffend schrieb.
Wer Käßmann nur aus den Büchern kennt, könnte den Eindruck gewinnen, sie sei eine Art Dalai Lama auf Evangelisch: eine entrückte Person mit mildem Lächeln, immer bereit, ihrem Nächsten den weißen Schal der Freundschaft um den Hals zu legen. Die wirkliche Käßmann hat damit wenig zu tun. Sie wirkt nüchtern, fast kühl. Das Weihevolle, das manche Pastoren bis zur Parodie kultivieren, geht ihr ab.
Über die Gründe für ihren Erfolg wolle sie nicht spekulieren, sagt Käßmann. Und dann seziert sie ihn doch sehr präzise. Ihre Anhänger seien vor allem Frauen zwischen 45 und 70, sagt sie. Es sind Frauen, die Probleme haben mit den Kindern, dem Mann, den Wechseljahren. Diesen Frauen gibt sie das Gefühl, dass es nicht schlimm sei, wenn man Probleme mit sich und mit seinem Leben hat.
Käßmann hat den Unterschied von öffentlichem Amt und Privatperson früh aufgelöst. In ihren Büchern erfährt man, dass sie Brustkrebs hatte und ihre Ehe zerbrochen ist. Das macht sie in den Augen ihrer Verehrer glaubwürdig. "Beim Signieren merke ich, dass viele froh sind, dass da jemand sitzt, bei dem es im Leben auch nicht immer glattgeht", sagt sie.
Käßmann weiß, was die Leser von ihr erwarten, und sie liefert. Mehr als 50 Bücher hat sie geschrieben, sie heißen "Meine Füße auf weitem Raum" oder "Was im Leben trägt". Es sind Bücher, die immer die gleiche Botschaft haben: Fehlschläge sind normal, du darfst nicht verzweifeln. Die Bücher sind aus Fertigbauteilen zusammengesetzt wie ein Ikea-Regal. Und genauso erfolgreich.
Wenn es sich bei Käßmann nur um eine Autorin von Ratgeberliteratur handelte, wäre die Sache nicht weiter interessant. Aber sie hatte ein hohes Amt, sie war EKD-Ratsvorsitzende. Sie möchte wieder zurück in eine öffentliche Position. Und sie beeinflusst die Art, wie Politik in Deutschland wahrgenommen wird.
In der Ovalhalle im Wiener Museumsquartier haben sich die Mutigen versammelt. Sie tragen gelbe T-Shirts oder Schals mit dem Aufdruck "Mut tut gut." Die T-Shirts kosten zehn Euro, die Schals die Hälfte. Die Veranstaltung ist Teil der Evangelischen Woche, sie steht unter dem Motto: "Wo Mut Gutes tut".
Als Expertin in Sachen Mut ist Margot Käßmann eingeladen. Käßmann ist ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Schuhe, schwarzer Rock, schwarzes T-Shirt und ein silbernes Kreuz um den Hals. Was sie für die Expertenrolle prädestiniert, erklärt die Moderatorin vom Österreichischen Rundfunk (ORF): "Frau Käßmann ist hier", sagt sie, "weil sich der Mut als Leitmotiv durch ihr Leben zieht."
"Nichts ist gut in Afghanistan"
Während man sich noch fragt, was damit wohl gemeint sei, zählt die Frau vom ORF all die Missstände auf, gegen die Mutige wie Frau Käßmann kämpfen: die Ausbeutung von Arbeitskräften, Kriegsbereitschaft, die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, ökologische Katastrophen. "Was davon", so fragt sie den Gast, "erfordert mehr Mut?"
Das ist eine schwierige Frage. Ist es mutiger, sich gegen ökologische Katastrophen auszusprechen oder gegen Kriegsbereitschaft? Käßmanns Mut-Thema ist der Krieg in Afghanistan. "Nichts ist gut in Afghanistan", hat sie vor anderthalb Jahren in einer Predigt gesagt, eine ziemlich plakative Aussage, die für viel Aufregung gesorgt hat. Nicht alle fanden sie gut. Ein paar Politiker haben sich aufgeregt, weil sie fanden, Käßmann hätte sich die Situation vor Ort zumindest angucken können. Es gab auch einige Leitartikler, die Käßmanns Analyse dürftig fanden.
In der Wahrnehmung der Käßmann-Verehrer wurde daraus die Geschichte von der mutigen Bischöfin. Hatte sie sich nicht mit dem Establishment angelegt und eine Position bezogen, für die sie dann kräftig Prügel bezog?
In Wirklichkeit war die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Wie viel Mut erfordert es, gegen einen Krieg zu sein, den die meisten nicht wollen? Selbst der Verteidigungsminister lobte, Käßmann habe eine wichtige Debatte angestoßen. Trotzdem klagte sie: "Es hat mich sehr verletzt, dass ich so angegriffen wurde." Die angeblich so heftigen Angriffe dienen als Ausweis des eigenen Mutes.
Ihren Kritikern, zumal denen aus der Politik, traut Käßmann alles zu. Deutschland hat sich im Uno-Sicherheitsrat in der Libyen-Frage enthalten? Das könnte man als Ausdruck des Zweifels an der Militäraktion deuten. Käßmann hat eine andere Interpretation: "War hier nicht eher ausschlaggebend, dass die Öllieferungen stabil bleiben?", fragt sie. Wie die Enthaltung mit stabilen Öllieferungen zusammenhängt, ist nicht ganz klar. Klar ist lediglich, dass die Bundesregierung irgendwelche dunklen Motive zu haben scheint.
Es ist keine Kleinigkeit, wenn Käßmann der Politik unlautere Absichten unterstellt. Sie ist für viele ein Vorbild, sie gilt als ehrlich und glaubwürdig. Was sie sagt, hat Gewicht. Sie ist die prominenteste Vertreterin der evangelischen Kirche, auch ohne hervorgehobenes Amt. Sie hat eine Verantwortung, als öffentliche Person und als Christin.
Mit dieser Verantwortung geht sie fahrlässig um. In Käßmanns Welt lassen sich komplexe politische Themen auf einen Satz bringen: Nichts ist gut in Afghanistan. Das stimmt nicht, in Afghanistan hat sich vieles verbessert, die Situation der Frauen zum Beispiel. Aber Käßmanns Satz ist einprägsam, deshalb erreicht er die Menschen.
Das politische Weltbild, das Käßmann vermittelt, beruht auf einer klaren moralischen Zweiteilung. Es gibt nur Gut und Böse. Man muss sich zwischen beiden Seiten entscheiden.
Aber so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Wird der Westen eher schuldig, wenn er libysche Soldaten umbringt oder wenn er ein mögliches Massaker dieser Soldaten an der Zivilbevölkerung zulässt? Das ist ein moralisches Dilemma, auf das es keine einfache Antwort gibt. Käßmann tut so, als hätte sie eine.
Sie erhebt sich damit über die Politiker, die Kompromisse finden müssen und keine einfachen Antworten geben können. Sie nimmt für sich in Anspruch, mutig zu sein. Die Politiker erscheinen daneben kleinmütig.
Durch ihre vereinfachende, moralisierende Art verstärkt sie die Ressentiments, die es ohnehin gegen die Politik gibt. Das sichert ihr Aufmerksamkeit, aber für das politische Klima im Land ist es nicht gut.
Der Bahnhof der Lutherstadt Wittenberg, eine zufällige Begegnung. Es ist kalt, der Zug nach Berlin hat 20 Minuten Verspätung. Käßmann friert, sie klappt den Kragen ihres dünnen Mantels hoch. Gerade war sie bei den Wittenberger Gesprächen über das Thema Gerechtigkeit.
Käßmann ist nicht zufrieden. Das Gespräch war eher zäh, sie selbst hadert mit ihrer Rolle. Seit sie nicht mehr EKD-Ratsvorsitzende ist, muss sie bei jeder Einladung überlegen, in welcher Eigenschaft sie eigentlich auftreten soll.
An diesem Abend klingt es, als habe sie ihren Rücktritt nicht überwunden. Sie hat einen Fehler gemacht, aber keinen besonders schweren. Die Berichterstattung sei völlig überzogen gewesen. Sonst wäre sie, anders kann man sie nicht verstehen, im Amt geblieben. Die eigentliche Verantwortung läge demnach bei den Medien. So stilisiert man sich ganz beiläufig von der Täterin zum Opfer.
Damals, als sie ihren Rücktritt erklärte, sprach sie von "Respekt und Achtung vor mir selbst" und von ihrer Geradlinigkeit, die ihr viel bedeute. Auf dem Bahnsteig von Wittenberg erzählt sie von den Juristen der Kirche, die sie konsultiert hat. Sie wollte wissen, ob die Zeitungen über ihre Trunkenheitsfahrt berichten dürfen. Mit den ersten Berichten in Boulevardzeitungen über die Fahrt war die Frage nur noch akademisch.
Käßmann will wieder ein Amt, auch wenn es nicht mehr das sein kann, das ihr die Medien genommen haben. Die Politik wird es nicht sein, sagt sie, und eine Talkshow auch nicht. Bis zum Sommer will sie sich entscheiden. Der Rummel um ihre Person wird nicht nachlassen. Sie wird sich darüber beklagen. Und dafür sorgen, dass er nicht aufhört.