AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2011

Internet "Das Netz wird Kriegsschauplatz"

Der russische PC-Virenjäger und IT-Unternehmer Jewgenij Kasperski über die jüngsten Hacker-Angriffe auf Weltfirmen wie Google und Sony, virtuelle Killerprogramme wie Stuxnet sowie die ganz reale Entführung seines Sohnes.

Sergei Chirikov/ AFP/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Kasperski, wann war ein Virenjäger wie Sie das letzte Mal selbst Opfer eines virtuellen Angriffs?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 25/2011
Nachruf auf eine gemeinsame Währung

Kasperski: Jüngst wäre mein Computer zweimal fast infiziert worden. Bei einer Konferenz gab mir jemand meine Flashcard mit einem Virus zurück. Aber da half mir unser eigenes Virenprogramm. Beim zweiten Mal war die Web-Seite eines Hotels auf Zypern verseucht. Solche Dinge passieren jedem, egal, wie vorsichtig man ist. Ich brauche Schutz wie jeder andere. Schließlich vertraut auch ein Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf Kondome.

SPIEGEL: Virologen schwärmen manchmal von der tödlichen Perfektion ihrer Forschungsobjekte. Können Sie selbst von der Technik eines Computervirus begeistert sein?

Kasperski: Je ausgeklügelter ein Virus daherkommt, desto spannender ist es, seinen Algorithmus zu knacken. Schaffe ich es, bin ich zufrieden. Okay, manchmal schwingt bei mir ein gewisser professioneller Respekt mit. Aber mit Begeisterung hat das nichts zu tun. Jeder Virus ist ein Verbrechen. Hacker tun Böses. Ich würde auch nie einen einstellen.

SPIEGEL: Sie und Ihr Unternehmen sind Kriegsgewinner einer neuen Ära.

Kasperski: Nein, denn dieser Krieg ist nicht zu gewinnen. Er kennt nur Täter und Opfer. Alles, was wir erreichen können, ist, zu verhindern, dass da draußen alles außer Kontrolle gerät. Es gäbe nur zwei endgültige Lösungen, die beide nicht wünschenswert sind: Computer zu verbieten - oder Menschen.

SPIEGEL: Ihr Konzern Kaspersky Lab hat mittlerweile über 2000 Beschäftigte. Dennoch ist das Unternehmen klein, verglichen mit McAfee und Symantec. Können Sie die jemals einholen?

Kasperski: Das versuchen wir jedenfalls. Unser wichtigster Wettbewerbsvorteil ist Russland. Moskau bringt die besten Programmierer der Welt hervor. Es hat eine Vielzahl herausragender technischer Universitäten. Und Russen können zwar keine Autos bauen wie ihr Deutschen, schreiben aber großartige Software.

SPIEGEL: Sie selbst wurden einst als Kryptologe vom Geheimdienst KGB ausgebildet. Stört das bei Ihrer Expansion im Westen?

Kasperski: Nein, eher schon, dass wir ein Unternehmen mit russischen Wurzeln sind. Da spüren wir gelegentlich Misstrauen. Dennoch sind wir die Nummer eins in Deutschland geworden, wachsen in den USA schnell und haben selbst in der Nato bereits Kunden.

SPIEGEL: Wen?

Kasperski: Ein Verteidigungsministerium. Das Land verrate ich nicht.

SPIEGEL: Aus welchen Ländern stammen die meisten virtuellen Schädlinge?

Kasperski: Das lässt sich so nicht sagen, weil Viren leider keinen Ausweis bei sich tragen. Immerhin können wir meist die Sprache des Urhebers identifizieren - und zwar in dem Moment, in dem der Erfinder mit seinem Virus kommuniziert und ihm einen Befehl gibt.

SPIEGEL: Russische Programmierer tun nicht nur Gutes. Wir nehmen an, dass sie auch das Virengeschäft dominieren.

Kasperski: Der Menge der programmierten Viren nach liegen wir weltweit auf Platz drei - hinter China und Lateinamerika. Russen sind aber - leider - auch am raffiniertesten und führend bei kriminellen Cyber-Geschäften. Auf Bestellung erfinden sie heute Viren und komplexeste Trojaner-Programme. Sie waschen Geld über das Internet. Die meisten Schadprogramme sprechen indes Chinesisch. Sie können also aus der Volksrepublik direkt kommen, aber ebenso aus Singapur, Malaysia und übrigens sogar aus Kalifornien, denn auch dort sitzen ja Hacker, die Mandarin sprechen.

SPIEGEL: Überraschenderweise scheinen nur wenige Viren aus dem aufstrebenden IT-Land Indien zu kommen.

Kasperski: In Indien ist das Niveau der Kriminalität generell niedrig. Das ist wohl eine Sache der Mentalität. Indien und China haben ungefähr die gleiche Einwohnerzahl, die gleiche Computerdichte, einen ähnlichen Lebensstandard und ähnliche religiöse Wurzeln. China aber spuckt Viren aus wie am Fließband.

SPIEGEL: Warum kommen aus Russland etliche der gefährlichsten Hacker-Ringe, aber nur wenige Software-Unternehmen von Weltrang wie Ihres?

Kasperski: Es gibt schon einige, aber ich sehe ein Grundproblem: Das Niveau der technischen Ausbildung in Russland ist traditionell hoch und wird seit Generationen von Lehrer zu Schüler übertragen. Wie man damit aber ein Business hochzieht, dafür gibt es keine Lehrer, weil es in sieben Jahrzehnten Kommunismus nie ums Geschäftemachen gehen durfte. Die meisten heutigen Firmenchefs sind um die fünfzig, also zur Sowjetzeit geboren. Die haben häufig noch eine Art Eisernen Vorhang im Kopf. Zum Urlauben fahren sie gern ins Ausland, aber beim Geschäftemachen beschränken sie sich oft auf die Länder der ehemaligen Sowjetunion, weil man dort ihre Sprache spricht - und sie auch kulturell versteht. Ich hoffe auf eine neue Generation, die keine Angst vor anderen Kulturen mehr hat - und Englisch spricht.

SPIEGEL: Das russische Suchportal Yandex hat bei seinem New Yorker Börsengang jüngst 1,3 Milliarden Dollar erzielt, das beste Ergebnis der Branche seit Google...

Kasperski: ...was für alle hier ein unheimlich wichtiges Signal ist: Ein russisches Unternehmen hat gezeigt, dass es durch die Kraft unserer Hirne, nicht durch Rohstoffe erfolgreich ist. Es gibt einen American Dream, nun gibt es auch einen russischen Traum: Geld verdienen ohne Öl und Gas.

Mehr zum Thema


insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kn4llfrosch 21.06.2011
1. Nur Stilkritik
"Russische Programmierer tun nicht nur Gutes" Normalerweise hebt man Zitate des Interviewten hervor, nicht welche des Interviewers ;)
frubi 21.06.2011
2. .
Zitat von sysopDer russische PC-Virenjäger und IT-Unternehmer Jewgenij Kasperski über die jüngsten Hacker-Angriffe auf Weltfirmen wie Google und Sony, virtuelle Killerprogramme wie Stuxnet sowie die ganz reale Entführung seines Sohnes. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,769186,00.html
Wenn ich nur von was von "Krieg" im Zusammenhang mit "Internet" höre, dann weis ich, dass es letztlich zur Einschränkung des privaten Nutzers kommen wird. Ich würde es zudem eher Konflikt nennen anstatt Krieg. Das Wort Krieg wird bei "bewaffneten Konflikten" immer wieder vermieden und in anderen Bereichen inflationär eingesetzt.
Bala Clava 21.06.2011
3. Genus ohne Reue
DER Virus? Da kräuseln sich ja die Fußnägel.
Arion's Voice, 21.06.2011
4. Oh je.
Oh je. HACKER tun per se NICHTS Böses. Hacker sind einfach nur Freaks, die sich gut mit Computersystemen auskennen.
Arion's Voice, 21.06.2011
5. Kirche im Dorf lassen.
Zitat von sysopDer russische PC-Virenjäger und IT-Unternehmer Jewgenij Kasperski über die jüngsten Hacker-Angriffe auf Weltfirmen wie Google und Sony, virtuelle Killerprogramme wie Stuxnet sowie die ganz reale Entführung seines Sohnes. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,769186,00.html
Kriminalität gibt es real und virtuell. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Deppen gibt es real und virtuell, faschistoide Regimezüge gibt es real und virtuell, Kontrollfreaks gibt es real und virtuell. Kirche im Dorf lassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 25/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.