AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2011

Raumfahrt Money im Mond

Nach dem Ende der Space-Shuttle-Ära sollen nun Privatunternehmen das Staatsgeschäft Raumfahrt in großen Teilen übernehmen - und auf Profit trimmen. Zahlreiche Firmen bereiten sich darauf vor, Mensch und Material ins All zu schießen. Aber wie groß ist überhaupt der Markt?

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Frühmorgens wirkt das Kennedy Space Center wie eine verlassene Kulisse aus einer längst vergangenen Zukunft. Keine Touristen, kein Verkehr, nur die über Floridas Küste aufziehende Hitze des Tages legt sich bleiern über den alten Weltraumbahnhof.

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Heft 27/2011
Das verborgene Netz der Internet-Verbrecher

Von den Sicherheitskontrollen und Wachhäuschen sind es noch einige Kilometer über schlecht asphaltierte Straßen, bis er endlich am Horizont auftaucht: der Space Shuttle, aufgebahrt auf Startrampe LC-39A, die stumpfe, schwarze Nase dem Himmel zugewandt, den bulligen Körper geschmiegt an die riesige, orangefarbene Treibstoffzigarre. Bereit für seine allerletzte Reise.

An diesem Morgen ist ein Betankungstest angesagt, eine der vielen Startvorbereitungen, die an der "Atlantis" vorgenommen werden, seit sie Ende Mai aus ihrer Halle gerollt wurde. Sieben Stunden dauerte es allein, bis der Shuttle die 5,5 Kilometer zur Startrampe zurückgelegt hatte. Getragen von einem eigens konstruierten Kettentransporter, der bald genauso nutzlos sein wird wie vieles hier. Nach 30 Jahren und 135 Missionen bleibt eine Menge irdischer Weltraumschrott.

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Raumfahrt: Money mit Mond und Mars
"Omega", der letzte Buchstabe des klassischen griechischen Alphabets, ist das Symbol der "Atlantis"-Mission, die Ende dieser Woche starten soll. Nach mehr als 870 Millionen Flugkilometern ist dann Schluss für den Space Shuttle: zu teuer, zu alt, zu anfällig.

Mit dem Ende der Shuttle-Flüge verschwinden auch zahllose Jobs

Es ist auch das Ende eines nationalen Symbols. Künftig müssen sich die Amerikaner einen Platz an Bord der russischen "Sojus"-Kapseln kaufen, wenn sie ins All fliegen wollen. Für 63 Millionen Dollar pro Ticket.

"Die Traurigkeit ist groß", sagt Frank DiBello. Von seinem Büro schaut er auf den Raketenpark des Kennedy Space Center, auf die "Atlas"- und "Redstone"-Raketen und all die Denkmäler der Vergangenheit. Doch dann spricht er von "Aufbruchstimmung" und von seiner "Hoffnung" auf eine neue, "noch größere Ära".

Mehr als 40 Jahre hat DiBello in der Raumfahrt gearbeitet, vorvergangenes Jahr hat ihn der Gouverneur von Florida aus dem Ruhestand geholt und zum obersten Standortpolitiker für die Raumfahrt gemacht. Mit dem Ende der Shuttle-Flüge verschwinden auch zahllose Jobs, fast 8000 allein am Kennedy Space Center. DiBello soll für Ersatz sorgen, er soll Firmen anlocken, die die ungenutzten Startrampen übernehmen und die leeren Hallen. Er soll Ideen und Ingenieure bringen und neue Arbeitsplätze schaffen.

Kurz: DiBello soll helfen, das traditionell staatliche Raumfahrtgeschäft nun zu privatisieren. "Wenn wir künftig da hochfliegen, müssen wir für neue Entdeckungen sorgen, die einen großen Wert auf den Weltmärkten haben", sagt er. Künftig soll nicht mehr allein die National Aeronautics and Space Administration (Nasa), sondern die freie Wirtschaft dafür sorgen, dass es mit der Raumfahrt vorangeht.



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Michael Giertz, 06.07.2011
1. Wie groß ist der Markt?
Zitat von sysopNach dem Ende der Space-Shuttle-Ära sollen nun Privatunternehmen das Staatsgeschäft Raumfahrt in großen Teilen übernehmen - und auf Profit trimmen. Zahlreiche Firmen bereiten sich darauf vor, Mensch und Material ins All zu schießen. Aber wie groß ist überhaupt der Markt? http://www.spiegel.de/0,1518,771970,00.html
Das kommt drauf an, was man anbietet. Reine Weltraumtouristik mag ja relativ einfach zu realisieren sein, der Markt ist aber eher überschaubar: Multimillionäre und Milliardäre dürften die finanzielle Mächtigkeit besitzen, sich so eine Reise leisten zu können. Für die normalen Menschen ist so eine Reise unbezahlbar. Ich denke eher, dass nach wie vor Forschung & Entwicklung der größte Markt sein dürfte, gefolgt von der Touristik. Ein dritter Markt existiert, und das ist der Rohstoffabbau auf anderen Planeten im Sonnensystem. Das wäre sinnvoll, gerade bei seltenen Materialien, und würde die Umwelt auf der Erde schonen. Allein, es fehlt die Technologie für diese Option. Ein vierter Markt ist das Militär - und eine Wiederaufnahme des "Krieg-der-Sterne"-Programms ist durchaus denkbar. Allerdings sind Raumschiffe im Orbit kaum denkbar mit aktueller Technik, schon gar nicht dauerhaft bemannte und strategisch wie taktisch einsetzbare Raumschiffe. Der Weltraum mag ja Märkte bereithalten, aber für den schnellen Profit ist da nichts dabei. Alles sind äußerst langfristig auszulegende Investitionen mit hohem Risikofaktor - nicht die Art Geschäftsfeld, mit denen Spekulanten und Investoren ihr Geld verdienen wollen.
Websingularität 07.07.2011
2. Was will ein Privatunternehmen bewirken?
Zitat von sysopNach dem Ende der Space-Shuttle-Ära sollen nun Privatunternehmen das Staatsgeschäft Raumfahrt in großen Teilen übernehmen - und auf Profit trimmen. Zahlreiche Firmen bereiten sich darauf vor, Mensch und Material ins All zu schießen. Aber wie groß ist überhaupt der Markt? http://www.spiegel.de/0,1518,771970,00.html
Die Frage nach dem Markt stellt sich erstmal garnicht, sondern nach der Machbarkeit. Der Weltraum ist eine so gigantische Herausforderung, da können selbst dahergelaufene Milliardäre nichts ausrichten. Privatunternehmen können höchstens Kleinkram verrichten, z.B. Satelliten in den Orbit bringen, etc. Wenn sich das alles im großen Maßstab rentieren soll, muss man in größeren Maßstäben rechnen. Man müsste mehrere hundert Milliarden Euro investieren!!!! Im Gegenzug erhält man unbegrenzte Ressourcen. Viele Probleme auf der Erde würden dadurch gelöst. Dagegen ist das Vermögen dieser Luftfahrtmilliardäre eher ein Taschengeld. Ich würde eine Weltraum-Steuer erheben, auf alles was von der Raumfahrttechnologie profitiert. Also, von GPS bis zur Teflonpfanne. Hier müssten sich Nationen zusammenschließen. Die Risiken sind beträchtlich, die Gewinnaussichten enorm!
Sysiphos110 21.07.2011
3. Der Traum ist - ganz profan - zu Ende..
Zitat von sysopNach dem Ende der Space-Shuttle-Ära sollen nun Privatunternehmen das Staatsgeschäft Raumfahrt in großen Teilen übernehmen - und auf Profit trimmen. Zahlreiche Firmen bereiten sich darauf vor, Mensch und Material ins All zu schießen. Aber wie groß ist überhaupt der Markt? http://www.spiegel.de/0,1518,771970,00.html
Nach der ersten Mondlandung 1969 sprühte die Phantasie aller Gazetten: "Im Jahre 2000 wird der Mond besiedelt sein, es wird eine regen Frachtverkehr zwischen Erde und Mond geben, auf der Erde bisher seltene und teure Rohstoffe werden auf einen Schlag erschwinglicher." Die ersten Mars-Missionen unbemannter Raumsonden - von Baikonur oder Cape Canaveral gestartet - ließen ebensolche Phantasieflüge offen. Was ist daraus geworden? Nichts. Ein teures Vergnügen - Relikt aus dem Kalten Krieg, der irrsinnige Wettlauf zweier verfeindeter Nationen, der UdSSR und der USA: Kapitalismus oder Kommunismus. Die MIR war der "Meilenstein" - 15 Jahre wurde von der Sowjetunion, den späteren GUS eine "Raumstation" betrieben, bevor dieses Projekt 2001 durch einen kontrollierten Re-Entry beendet wurde. Der ISS wird das gleiche Schicksal beschieden sein - denn: Alle Astronauten, die jemals den Orbit erreichten, erfüllte ein Gefühl bei der Betrachtung der Erde: Ehrfurcht und - Bescheidenheit. Alle, von Gagarin über John Glenn, Alan Shephard, Sigmund Jähn über Ulf Merbold, Thomas Reiter, Gerhard Thiele, Reinhard Furrer - wie sie alle hießen - berichteten von einem solchen Gefühl. Die jetzt aufgewachten "Privatinvestoren" werden schnell an die Grenzen jeglicher Finanzierung stoßen - denn: Sicherheit der Menschen im Weltraum hat oberste Priorität und ist enorm teuer. Da kann nicht mit dem Cent gefuchst werden... . Nebenbei: Das wirkliche All, der "Weltraum" beginnt weit hinter der Heliopause - dem Einflußbereich der Sonne. Sie liegt bei ca. 10² Astronomischen Einheiten - eine AE beträgt 149,6 Millionen Kilometer. So wichtig die Experimente im erdnahen Raum auch für die Grundlagenforschung sind - Raumfahrt wird auf absehbare Zeit ein Traum des Menschen bleiben, entfernungsmäßig sind diese "Vorstöße" - gemessen an interstellaren Maßstäben - ein Witz. Wenn er sich vorher auf der Erde nicht selbst ausgerottet hat. Erst die Probleme auf der Erde lösen - dann weitersehen..
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