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US-Literatur: Das Ende des amerikanischen Traums

Foto: JASON LEE/ REUTERS

Literatur Liebe in Ruinen

Der New Yorker Schriftsteller Gary Shteyngart wollte einen düsteren Zukunftsroman schreiben. Doch plötzlich wurde einiges daraus Wirklichkeit: Die neue US-Literatur verabschiedet sich von einer großen Idee, die irgendwann einmal Amerika hieß.

Es ist eigentlich ein normaler Donnerstag Mitte Juli in New York, als Gary Shteyngart erneut das Gefühl bekommt, dass die Gegenwart seine Zukunft einholt. Er sitzt in einem Taxi zur Lower East Side, wo er gewohnt hat, bevor er sich, nach all seinem Erfolg, dieses minimalistische Apartment gekauft hat, in dem er jetzt lebt.

Im Taxi läuft auf einem Monitor, metallisch scheppernd und ständig unterbrochen von Lokalwerbung, eine Nachrichtensendung.

"Was? Die Chinesen haben Angst um ihr Geld? Pffff."

Gary Shteyngart schmeißt seinen dünnen Oberkörper gegen die Rückenlehne.

"Und sie warnen die USA vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit? Weil sie unsere größter Geldgeber sind? Oh, my God! Die Wirklichkeit bestätigt wieder mein Buch."

Das ist Shteyngart in den letzten Monaten häufiger passiert. Dass die Gegenwart nachspielt, was er sich für seinen Roman ausgedacht hat.

Dieser Roman heißt "Super Sad True Love Story", er ist vergangenes Jahr in den USA erschienen, stand bald auf den Bestsellerlisten und wurde von den Kritikern unter die besten Bücher des Jahres gewählt. Gerade ist er auf Deutsch herausgekommen. Es ist Shteyngarts dritter Roman, und die Zeitschrift "New Yorker"

zählt ihn zu den 20 besten Schriftstellern unter 40.

Die Geschichte zweier Immigrantenkinder in einer kaputten Zukunft

Shteyngart ist heute 39. Er ist in Leningrad geboren und war sieben, als er in New York landete, im Stadtteil Queens. Er guckte dort jeden Tag die Serie "Dallas", und er nahm sich vor, so zu sprechen wie der Ölmagnat J. R., um seinen russischen Akzent zu verlieren. Seine Eltern waren nach Amerika gekommen "auf der Suche nach Geld und Gott", wie Shteyngart es im Roman über die russischen Eltern seines Protagonisten schreibt, der ihm sehr ähnlich ist.

Das Buch erzählt die Liebesgeschichte zweier Immigrantenkinder in einer nahen, ziemlich kaputten Zukunft. In dieser Zukunft heißt China nicht mehr China, sondern "ChinaWeltweit", und der Dollar ist nur noch etwas wert, wenn er an den Yuan gekoppelt ist. Doch die Chinesen haben angesichts der außer Kontrolle geratenen amerikanischen Staatsschulden schon angedroht, den Hahn zuzudrehen. "Als ich das vor einigen Jahren schrieb", sagt Shteyngart ratlos, "klang das wie eine lustige, absurde Übertreibung."

Doch jetzt, an einem normalen Donnerstag im Juli 2011 in einem Taxi in New York, spricht vom TV-Monitor ein Mann vom chinesischen Außenministerium. Er macht ein ernstes Gesicht. Er sagt: "Wir hoffen, dass die amerikanische Regierung verantwortungsvolle Maßnahmen ergreift, um die Interessen ihrer Investoren nicht zu gefährden." Amerikas größter ausländischer Investor sind die Chinesen, und Amerika solle "aufhören, mit dem Feuer spielen", hatte China zuvor schon gewarnt.

USA post Irak, post Obama und post Demokratie

Shteyngart ist verblüfft. Er macht Grimassen. Es ist dieser Donnerstag auch der Tag, an dem das Pentagon zugegeben hat, dass aus ihren Computern 24.000 Dateien gestohlen wurden, mutmaßlich von chinesischen Hackern; und es ist der Tag, an dem die Frage aufgetaucht war, ob die Verantwortungslosigkeit einiger republikanischer Abgeordneter, die einen Kompromiss in der Schuldenkrise ablehnen und den wirtschaftlichen Zusammenbruch der USA in Kauf nehmen, das Land langsam unregierbar macht.

In Shteyngarts "Super Sad True Love Story" sind die USA längst unregierbar, und in ihren Small Talks reden die Menschen über die erneute Abwertung des Dollars, die niemanden mehr interessiert.

Vor fünf Jahren hat Shteyngart begonnen, diesen Roman zu schreiben. Damals wollte er eine Zukunftsvision erschaffen, die zwar an die Realität angelehnt war, aber dennoch reichlich überdreht, düster und vor allem komisch sein sollte, zeitlich nicht allzu weit weg von heute, zehn Jahre vielleicht.

Das Buch sollte von New York handeln, 20 Jahre nach dem 11. September, einer Stadt, die auseinanderklafft in superreiche Ausländer und amerikanisches Prekariat. Es sollte um die USA gehen, post Afghanistan, post Irak, längst post Obama und irgendwie auch post Demokratie. Und es sollte erzählen, wie Menschen unter diesen Umständen noch miteinander kommunizieren und ob sie sich noch lieben können.

"Immigranten sind längst weg und arbeiten an ihren Promotionen"

Shteyngart hat dafür hochgerechnet, was er an Neurosen, Kaputtheit und Fehlentwicklungen gesehen hat. Er kam zu folgendem Szenario: Amerika ist in einen aussichtslosen Krieg in Venezuela verstrickt; das Land steht vor dem finalen fiskalen Kollaps, es gibt nur noch eine, die "Überparteiliche Partei", in Wirklichkeit aber wird das Land vom Chef der chinesischen Volksbank regiert. In den Parks von New York rotten sich Aufständische zusammen. Jeder Mensch trägt einen "Äppärät", eine Art iPhone, das nicht nur die Gespräche und Gedanken seines Besitzers live und sofort, sondern auch den "Fickfaktor" sowie Kontostand und Vermögensverhältnisse auf die Äppäräte der Mitmenschen sendet. Lesen gilt als asoziale Beschäftigung, die Jungen lernen lediglich, noch einen Text durchzuscannen. Die Menschen sind gesundheitsneurotisch und übersexualisiert, wer alt ist, wird verachtet, junge Frauen tragen durchsichtige Jeans und auf Knopfdruck vom Körper abspringende Slips, die TotalSurrender heißen.

All das sind keine wirklich originellen Ideen, die Weigerung alt zu werden, die Abhängigkeit von Smartphones, der Niedergang des gedruckten Wortes - das sind aktuelle Debatten. Nur ist Shteyngart einer der Ersten, die dies nicht in einen diskursiven, sondern in einen erzählerischen Zusammenhang stellen. Und er tut es derart wirkmächtig, dass er bei Intellektuellen schon als humorbegabter jüdischer George Orwell der Postmoderne gilt.

Wie die Verrücktheit sich anfühlen könnte

Er erzählt im Taxi, dass ihn später an diesem Tag das "Wall Street Journal" noch interviewen möchte zu einer möglichen Abwertung des Dollars. Das stellt man sich merkwürdig vor, aber vielleicht kann inzwischen ein Schriftsteller Verständlicheres zu den undurchschaubarer werdenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen sagen als etwa der Princeton-Ökonom und "New York Times"-Kolumnist Paul Krugman. Der wird am folgenden Tag darüber schreiben, "how the G.O.P. lost its mind" - wie die Republikaner verrückt geworden sind. Seine Leser auf der Upper West Side, alle so linksliberal wie Krugman selbst, werden das aber bereits wissen. Von dem Erzähler Shteyngart hingegen könnten sie sich ausmalen lassen, wo diese Verrücktheit hinführen und wie sie sich anfühlen könnte: komisch nämlich, wenn man, wie die Menschen in Shteyngarts Roman, bei jedem Dollarschein erst nachsehen muss, ob er den holografischen Aufdruck trägt: "Backed by Zhongguo Renmin Yinhang/ People's Bank of China".

Das Taxi quält sich nun durch die Lower East Side, die Straßen haben eimertiefe Löcher, der Fahrer spricht kein Englisch, draußen sind es 35 Grad.

"Wirhatten Glück, dass wir überhaupt ein Taxi bekommen haben", sagt Shteyngart in seiner Schicksalsergebenheit. "Es gibt in der Stadt eine derartige Taxi-Knappheit, seit immer weniger Immigranten diesen Job noch machen wollen."

Das stimmt faktisch natürlich nicht, und Shteyngart weiß das. Es stimmt nur gefühlt. Es ist ein Gefühl, das viele Amerikaner haben: dass sie stehengeblieben sind in ihrer Entwicklung, während die Einwanderer sie in ihrem eigenen Land überflügeln. Shteyngart sagt also: "Nein, die Immigranten sind längst weg und arbeiten an ihren Promotionen."

Formal ist Shteyngarts Roman eine sehr amerikanische Erzählung. Allerdings kommen in ihr kaum geborene Amerikaner vor, und vielleicht gehört es inzwischen zu einer amerikanischen Erzählung, dass ihre Protagonisten Immigranten sind.

Ende 30 und nicht besonders gutaussehend

Lenny Abramov ist also wie Shteyngart ein Kind russisch-jüdischer Eltern, er ist wie Shteyngart Ende 30 und sieht nicht besonders gut aus. Er arbeitet in der Abteilung Posthumane Dienstleistungen für einen Konzern, der den Menschen "Lebensverlängerungen" anbietet. Aber in Wahrheit ist Lenny altmodisch, gefangen in der Kultur des 20. Jahrhunderts. Er liest "Euro-Klassiker", und er liest sie aus Büchern - von denen mittlerweile angenommen wird, dass sie mit der Zeit anfangen zu stinken.

Shteyngart sagt, die Idee, dass Bücher etwas Unappetitliches sein können, kam ihm, als ihn ein Handwerker besuchte. Er war entsetzt, als er Shteyngarts Regale sah: "So viele Bücher! Stinken die nicht?" Dann fügte er gnädiger hinzu: "Aber immerhin halten Sie die Bücher in Ordnung, und sie fliegen nicht überall herum."

Der Bücherleser Lenny Abramov also verliebt sich in Eunice Park, die nur noch das Textscannen gelernt hat und in Akronymen spricht, wie man sie mit LOL (Laughing out loud) oder BFF (Best friends forever) heute schon aus Teenie-Chats kennt. Eunice ist Mitte zwanzig, offenbar wunderschön, Kind ehrgeiziger koreanischer Einwanderer, die schlecht Englisch können und sich an die Kinder klammern. Eunice' Vater, ein Fußtherapeut, scheint zu trinken und auch manchmal gewalttätig zu werden. Wer aus freien Stücken aus seinem Heimatland ausgewandert ist, hatte irgendwann mal einen radikalen neuen Plan für sein Leben. Bei vielen Einwanderern endet dieser Plan zwangsläufig in Enttäuschung. Auch darum geht es in diesem Buch.

Die Spitze der neuen amerikanischen Literatur

Und damit steht es mit einigen anderen Büchern an der Spitze einer neuen amerikanischen Literatur. Während die großen Erzähler des 20. Jahrhunderts von John Updike über Philip Roth und Richard Ford bis hin zu Jonathan Franzen wieder und wieder den Mittelklasse-Amerikaner untersucht haben - den Autohändler in Pennsylvania, Sportreporter in New Jersey, die Familie, die Neurosen, den Sex -, befassen sich die jüngeren amerikanischen Schriftsteller heute mit den vermeintlich Fremden, die längst keine Fremden mehr sind. Als literarische Figuren sind sie interessant, weil ihre Lebenswege noch nicht vorgezeichnet sind.

Dave Eggers begleitete einen sudanesischen Jungen auf seinem Weg nach Amerika ("Weit Gegangen"), Jeffrey Eugenides schilderte das Leben griechischer Einwanderer ("Middlesex"), und seit kurzem ist da vor allem Teju Cole, der mit "Open City" für die bisher wahrscheinlich größte literarische Sensation dieses Jahres gesorgt hat. Cole ist 1992 mit 17 aus Nigeria eingewandert, und in seinem Debütroman lässt er einen halb nigerianischen, halb deutschen Erzähler, angehender Arzt der Psychiatrie, in einem großen Atemzug durch ein fremdes, klischeebefreites New York wandeln. Eine Stadt, bevölkert von liberianischen Gefängnisinsassen in Queens, haitianischen Schuhputzern in der Penn Station, polynesischen Akademikern oder schwarzen Gangmitgliedern. Es ist nicht Shteyngarts Doom-New York, sondern das ganz normale, das beschrieben wird, doch auch hier bewegen sich die Dinge auf ein Ende zu. Der durch die Stadt laufende Erzähler beobachtet verwundert, wie die riesige Videotheken-Kette Blockbuster ihre Läden schließt, und auch Tower Records, ein gigantischer CD-Laden, macht dicht.

Der ehemals Fremde, so scheint es bei Cole, hat inzwischen einen klareren Blick auf die Stadt und ihre Menschen als die einheimischen Bewohner. Es ist hier die gleiche träge Melancholie, die über der Stadt liegt, wie bei Shteyngart, bei beiden ist es die Melancholie des Vergehenden.

Das Taxi hat sein Ziel erreicht. Die rot-braunen Sozialbauten der Lower East Side liegen in einer matten Sonne, "einem melancholischen 20.-Jahrhundert-Licht", wie es im Roman heißt. Hier in den "JPs", den sogenannten Jewish Projects, hat er bis vor einem Jahr gewohnt, und hier wohnt auch sein Held Lenny.

Die Idee "Amerika" scheint vorerst an ihr Ende gelangt zu sein

Shteyngart zeigt in einiger Entfernung auf ein Ungetüm, das aussieht wie eine Bauruine und das Viertel überragt, circa 20 Stockwerke hoch. Es steht neben "The Ludlow", einem Turm mit neuen Luxuswohnungen, doch es scheint nicht mehr weitergebaut zu werden. Rotes, zerfetztes Absperrband flattert in der Luft. "Sehen wir dort die Finanzkrise?", fragt Shteyngart.

Falls es noch stimmt, dass Literatur, Musik oder Film in der Lage sind, über den Zustand einer Idee Auskunft zu geben, dann scheint die Idee "Amerika" vorerst an ihr Ende gelangt zu sein. Es ist ja nicht nur Shteyngart, der Hunderttausende Leser mit seiner Dystopie findet. Oder Teju Cole, der das Gegenwarts-New York in bleierne Müdigkeit hüllt. Auch die interessantesten amerikanischen Fernsehserien der letzten Jahre beschäftigten sich alle auf unterschiedliche Weise mit dem Niedergang des amerikanischen Gesellschaftsmodells. Die Serie "The Wire" seziert in fünf Staffeln am Beispiel der Stadt Baltimore die Gründe für das Scheitern eines bis aufs Gerippe vermoderten Gemeinwesens. "Breaking Bad" entwirft, als Drogenserie getarnt, jenes apokalyptische Provinzszenario, das entsteht, wenn Menschen jahrelang von Angst getrieben werden.

Auch Shteyngart arbeitet längst an einer Fernsehserie, sie spielt in Queens, wo er aufgewachsen ist, und handelt vom Leben der Immigranten. Shteyngart sagt, die Enttäuschung derjenigen, die in den letzten Jahren in die USA gekommen sind, sei groß.

"Überall, wo wir Shteyngarts hinkommen, geht es bald bergab"

Selbst seine Eltern, "große Israel- und USA-Fans", hätten neulich verwundert festgestellt, dass damals in der späten Sowjetunion die Zustände eigentlich nicht viel absurder waren. "Offenbar geht es dann überall, wo wir Shteyngarts hinkommen, bald bergab."

Vor dem Rohbau neben dem Ludlow-Turm versucht Gary Shteyngart, mit seinen Armen ein Taxi herbeizurudern. Er wirkt jetzt besonders klein und schmal. Früher sah er noch mehr aus wie ein Nerd, aber seit er so erfolgreich ist, kleidet er sich modisch und hat sich seinen Russenbart gestutzt. Er hat sich eine neue Wohnung gekauft und sie mit Bauhaus-Möbeln ausgestattet und mit einem Sessel von Ray und Charles Eames. Unten in seiner Eingangshalle steht ein Portier. Dieses New York der Erfolgreichen wird es bei allem Untergangslamento immer geben.

Dann hält doch noch ein Taxi. Der Monitor im Innenraum scheppert, es läuft Werbung, dann Nachrichten: Die Buchladenkette Borders ist insolvent und hat keinen Käufer gefunden. 399 Buchläden weniger. Shteyngart ist ehrlich entsetzt, obwohl es in seinem Roman schon längst keine Buchläden mehr gibt. Man kann die Gegenwart wohl nur noch erfassen, indem man ihr ein Stück voraus ist.

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