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Extremsport "Starkes Blau"

Der französische Apnoe-Taucher Guillaume Néry über die riskante Jagd nach neuen Tiefenrekorden und die Kunst, acht Minuten lang die Luft anzuhalten.

SPIEGEL: Herr Néry, Ihr Rekord im Tieftauchen liegt derzeit bei 115 Metern. Dort unten ist das Wasser kalt, es herrscht Totenstille, es ist stockdunkel. Was zieht Sie an so einen Ort?

Néry: Sie irren sich. Da unten ist es überhaupt nicht dunkel.

SPIEGEL: Sondern?

Néry: Es ist eher ein tiefes, starkes Blau. Es ist überall um mich herum. Wenn ich will, kann ich mich in alle Richtungen bewegen. Hoch, runter, links, rechts. Ich fühle mich frei, wie ich es an Land nie sein könnte.

SPIEGEL: Die besten Perlensucher im Südpazifik tauchen bis 45 Meter tief. Sie dagegen schaffen es ohne Sauerstoffflaschen, nur mit Bleigewicht und Flossen, auf über 100 Meter Tiefe. Es ist ein Trip in eine Todeszone. Wenn Sie da unten die Orientierung verlieren oder in Panik geraten, gibt es keine Rettung mehr. Wie bereiten Sie sich auf einen Tauchgang vor?

Néry: Ich bringe mich in einen entspannten Zustand. Es sollte das Gefühl sein, das Sie morgens nach dem Aufstehen haben, wenn Sie noch müde sind, noch nicht ganz wach. Bevor es hinuntergeht, liege ich still auf dem Wasser und versuche, ein Teil des Elements zu werden. Kurz vor dem Abtauchen inhaliere ich so viel Luft wie möglich.

SPIEGEL: Wie viel Liter Luft passen in Ihre Lungen?

Néry: So ungefähr zehn.

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Guillaume Néry: Ab in die Tiefe

Foto: Corbis

SPIEGEL: Ein normaler Mensch hat ein Lugenvolumen von sechs Litern.

Néry: Ich komprimiere die Luft in der Lunge mit einer speziellen Atemtechnik, ich mache kleine Atemzüge in kurzen Abständen. Damit mehr hineingeht. Es ist wie in einer Sauerstoffflasche. Noch wichtiger als die Menge ist aber, dass ich beim Tauchen möglichst wenig Sauerstoff verbrauche. Die Luft, die ich zur Verfügung habe, muss ich, so gut es geht, ausnutzen. Ich muss effizient sein, wie ein spritsparendes Auto.

SPIEGEL: Wie geht das?

Néry: Schon nach wenigen Metern setzt der Tauchreflex ein, ein Effekt, den wir Menschen mit Walen oder Delphinen gemeinsam haben. Mein Herzschlag geht runter, und die Durchblutung der Arme und Beine nimmt ab. Stattdessen sammelt sich das Blut in den wichtigsten Regionen, am Herz und im Kopf. Mein Körper schaltet sozusagen in den Spargang. Ab 35 Metern ist der Druck so groß, dass ich automatisch hinabsinke. Ich höre auf, mich zu bewegen, und falle einfach in die Tiefe. Ein gigantisches Gefühl.

SPIEGEL: Am tiefsten Punkt Ihres Tauchgangs sind Ihre Lungenflügel zusammengepresst, so groß wie zwei Orangen, und nur noch mit 0,5 Liter Luft gefüllt. Ist das immer noch ein gigantisches Gefühl?

Néry: Ja. Denn in dieser Tiefe lösen sich die Gase im Blut. Das versetzt mich in eine leichte Narkose, einen Rausch. Es fühlt sich an wie nach zwei Bier, wenn man ein bisschen betrunken ist, aber immer noch alles unter Kontrolle hat.

SPIEGEL: Wie oft pro Minute schlägt Ihr Herz in dieser Tiefe?

Néry: Es gibt noch keine Geräte, die dem Druck dort unten standhalten und das messen können. Aber ich schätze, es sind 20 Schläge.

SPIEGEL: In 115 Meter Tiefe ist der Wasserdruck so groß, als würden knapp 13 Kilogramm auf jedem Quadratzentimeter Ihres Körper lasten. Sie können keine Taucherbrille tragen, denn in der Brille würde in so einer großen Tiefe ein Unterdruck entstehen, der Ihnen die Augäpfel heraussaugen könnte. Wie halten Sie diese Bedingungen aus?

Néry: Ich trainiere seit 14 Jahren, habe mehrere tausend Tauchgänge in meinem Leben gemacht. Mein Körper hat sich an die Tiefe angepasst. Ich habe gelernt, den Druck zu akzeptieren. Ich spüre da unten keine Schmerzen.

SPIEGEL: Wie lange bleiben Sie am tiefsten Punkt?

Néry: Nur wenige Sekunden. Dann beginnt das Auftauchen. Der Weg an die Oberfläche ist viel schwieriger. Ich muss Schwimmbewegungen machen, um hochzukommen. Das ist anstrengend und verbraucht Energie. Den kritischsten Punkt erreiche ich knapp zehn Meter vor der Wasseroberfläche. Da brennt mein Körper, er ist sauer wie nach einem langen Spurt und produziert viel Laktat. Um das abzubauen, zieht er den letzten Rest Sauerstoff aus meinem Blut. Wenn ich gut gehaushaltet habe, verfüge ich über genügend Reserven.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

Néry: Auf den letzten 30 Metern begleiten mich Sicherheitstaucher. Falls ich das Bewusstsein verlieren sollte, ziehen sie mich nach oben.

SPIEGEL: Wie fühlt sich der erste Atemzug an der Oberfläche an?

Néry: Ziemlich gut. So stelle ich mir das erste Luftholen nach der Geburt vor. Meine Lungen dehnen sich aus, ich fühle mich am Leben. Ich mag diesen Moment sehr.

"Wir sind noch weit vom Limit entfernt"

SPIEGEL: Ihre Tauchgänge in die Tiefe dauern bis zu vier Minuten. Bei großen Apnoe-Wettkämpfen messen sich die Taucher auch in der Disziplin Zeittauchen. Die Sportler liegen ruhig auf dem Wasser, mit dem Gesicht nach unten, und versuchen, möglichst lange die Luft anzuhalten. Die besten schaffen es über acht Minuten lang. Wie überlistet man den Atemreflex?

Néry: Es kommt auf die Konzentration an. Ich habe nach vier Minuten zum ersten Mal das Verlangen zu atmen. Da zieht es in meiner Kehle. Aber ich habe trainiert, das Gefühl noch vier weitere Minuten zu unterdrücken und dabei ruhig zu bleiben.

SPIEGEL: Es geht in Ihrem Sport also um Körperkontrolle?

Néry: Ja, absolute Kontrolle. Manchmal träume ich nachts vom Tauchen. Da bin ich im Meer und muss nie nach oben, um Luft zu holen. Das ist wundervoll, hat aber mit der Realität leider nichts zu tun.

SPIEGEL: Denn der Mensch ist kein Fisch, er hat in 100 Meter Tiefe ohne technische Hilfsmittel nichts zu suchen. Warum spielen Sie mit Ihrem Leben?

Néry: Ich würde nie ein Risiko eingehen. Vor einem Tauchgang höre ich stundenlang in mich hinein, nur wenn mein Körper mir signalisiert, dass alles in Ordnung ist, gehe ich ins Wasser. Ich achte penibel genau auf die Sicherheit und habe immer ein Team um mich herum, das im Notfall eingreifen kann.

SPIEGEL: Sie hatten noch nie Probleme?

Néry: Doch, 2006 in Nizza. Ich wollte einen Weltrekord aufstellen und auf 109 Meter tauchen. Es waren viele Medien da, Sponsoren, meine Familie. Ich musste es an diesem Tag schaffen. Das hat mich gestresst. Ein paar Meter vor der Oberfläche wurde ich ohnmächtig. Ein Sicherheitstaucher hat mich hochgezogen.

SPIEGEL: Vor zweieinhalb Wochen ist der belgische Ex-Weltrekordhalter Patrick Musimu im Training gestorben. Im Juni, während Ihres Trainingslagers in Griechenland, kam der arabische Meister Adil Abu Halika nach einem Tauchgang auf 70 Meter Tiefe nicht mehr nach oben. Sein Körper wird seitdem vermisst. Wie kam es zu dem Unglück?

Néry: Wir versuchen selbst noch, den Unfall zu rekonstruieren. Adil hat sich mit einem Schlitten in die Tiefe ziehen lassen. Dann hat er wohl seinen Sicherheitshaken von dem Seil gelöst, an dem er nach unten getaucht ist. Warum, wissen wir nicht. Wir können seinen Tod nur akzeptieren, nicht erklären.

SPIEGEL: Nach dem Unfall suchte ein Spezialroboter tagelang den Meeresgrund nach dem vermissten Taucher ab. Ihre Gruppe trainierte einfach weiter. Ist das Ihre Art, den Tod zu akzeptieren?

Néry: Nein. Wir waren alle geschockt. Aber es ist wichtig, nach so einem Ereignis schnell wieder ins Wasser zu gehen.

SPIEGEL: Warum?

Néry: Hätte ich eine Pause eingelegt, hätte ich tagelang nur gegrübelt. Der Sport wäre zu etwas geworden, das mir einen Freund genommen hat. Dann hätte ich meine Karriere gleich beenden können. Ich war schon einmal fast an diesem Punkt. Vor vier Jahren starb der französische Weltrekordler Loïc Leferme bei einem Tauchgang. Er war mein bester Freund. Nach seinem Tod habe ich eineinhalb Jahre gebraucht, bis ich die Leidenschaft fürs Tauchen wiederentdeckte.

SPIEGEL: Das Unglück Ihres Freundes ist in der Disziplin No Limit passiert. Ein Motorschlitten zieht den Taucher dabei in die Tiefe, mit einem luftgefüllten Ballon kommt er wieder hoch. Die Taucher erreichen Tiefen von über 200 Metern. Ist das noch Sport oder Größenwahn?

Néry: Ich habe auch schon mit dem Schlitten trainiert, allerdings bin ich immer nur so tief getaucht, dass ich selbständig wieder an die Oberfläche kommen konnte. Aus Tiefen von über 150 Metern kommt man nicht mehr allein hoch. Das Leben hängt dann von der Technik ab. Wenn sie versagt, ist es vorbei. Das ist nichts für mich. Ich allein will die Kontrolle über meine Tauchgänge behalten.

SPIEGEL: In den vergangenen Jahren gab es, trotz der vielen Unfälle, ein regelrechtes Rennen um neue Weltrekorde. Warum riskieren Sie und Ihre Kollegen immer mehr?

Néry: Wir sind Profis, trainieren jeden Tag. Der Versuch, der Beste zu sein, ist Teil des Abenteuers. Es ist ein Spiel, ein Spiel für Erwachsene.

SPIEGEL: Sie vermarkten sich als eine Art Unterwasser-Künstler. Sie tauchten ins Dean's Blue Hole, ein 202 Meter tiefes Meeresloch auf den Bahamas. Das Video davon wurde zum YouTube-Hit. Es gibt Fotos von Ihnen beim Tauchen mit Delphinen. Kürzlich haben Sie ein Fotoshooting gemacht, bei dem Sie unter Wasser teure Haute-Couture-Klamotten trugen. Was sollen solche Inszenierungen?

Néry: Ich will mit meiner Arbeit zeigen, dass man sich im Wasser so wohl fühlen kann wie an Land. Viele Menschen haben diese Furcht vor dem offenen Meer und der Tiefe, die völlig unbegründet ist. Meine Bilder und Filme sollen auch dabei helfen, dass wir generell unser Verhältnis zum Meer und zum Wasser überdenken. Leider betrachten viele Leute die Ozeane nur noch als eine Geldquelle. Wir saugen Öl vom Meeresgrund und fischen unsere Gewässer leer. Wir haben den Respekt vor dem Wasser verloren, dem vielleicht wichtigsten Rohstoff der Zukunft.

SPIEGEL: Im September starten Sie bei der Weltmeisterschaft in der Bucht vor der griechischen Stadt Kalamata. Wie tief kann der Mensch ohne Sauerstoffflaschen tauchen?

Néry: 1960 haben die Ärzte gesagt, dass wir nie über 50 Meter Tiefe kommen würden. Sie haben die unglaubliche Fähigkeit des menschlichen Körpers unterschätzt, sich immer weiter anzupassen. Freitauchen ist ein junger Sport, systematisches Training gibt es erst seit 15 Jahren. Wir sind noch weit vom Limit entfernt.

SPIEGEL: Herr Néry, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das SPIEGEL-Gespräch führte der Redakteur Lukas Eberle

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