Der SPIEGEL

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15. August 2011, 00:00 Uhr

Interview

"Deutschland muss diktieren"

Investor George Soros kritisiert das Zögern der Bundesrepublik bei der Euro-Rettung und fordert Euro-Bonds.

SPIEGEL: Mister Soros, seit Monaten versuchen Europas Regierungen, Wege aus der Schuldenkrise zu finden. Aber wie es scheint, werden die Probleme mit jedem Tag nur drängender. Ist die Politik überfordert mit der Komplexität der Krise?

Soros: Die Politiker haben bisher nicht wirklich versucht, die Krise zu lösen. Sie haben sich nur Zeit erkaufen wollen. Sie glauben, Zeit heilt alle Wunden, aber das funktioniert hier nicht. Jeder Moment, der damit vergeudet wird, sich der Realität zu verweigern und den Menschen nicht reinen Wein einzuschenken, macht die Situation nur noch schlimmer.

SPIEGEL: Offenbar zielen Sie mit Ihren Vorwürfen vor allem auf die deutsche Regierung, der immer wieder vorgeworfen wird, sie sei nicht führungsstark genug und verschleppe eine Lösung.

Soros: Die Zukunft des Euro hängt ganz allein von Deutschland ab. Das ist der Punkt, den ich hier ganz klarmachen will. Als das stärkste Land der Gemeinschaft sitzt Deutschland mit seinem chronischen Handelsüberschuss ganz allein am Steuer und muss Europa die Lösung diktieren.

SPIEGEL: Jetzt machen Sie es sich einfacher, als die Situation in einem vielstimmigen Europa ist.

Soros: Natürlich ist die Lage kompliziert. Aber mir scheint, dass immer noch nicht verstanden wurde, was die Konsequenzen wären, sollte der Euro kollabieren: Das würde zu einer Bankenkrise führen, die völlig außerhalb jeder Kontrolle wäre. Sie würde nicht nur Deutschland, nicht nur Europa, sondern die ganze Welt in eine neue, große Depression stürzen.

SPIEGEL: Welche Fehler wurden Ihrer Meinung nach bislang gemacht?

Soros: Wir befinden uns immer noch in derselben Krise, die 2008 begann, das wird gern vergessen. Die Regierungen haben dem Finanzsystem zwar einen Rettungsring zugeworfen, aber sie haben die Ungleichheiten nicht beseitigt. Es wurde zwar beschlossen, dass keine wichtige Finanzinstitution mehr bankrottgehen darf. Doch dann kam Angela Merkel und sagte: Ja, wir geben diese Zusage, aber nicht die EU wird sie garantieren, sondern jedes Land muss selbst dafür sorgen. In dieser Aussage liegt der Anfang der Euro-Krise.

SPIEGEL: Der Maastricht- Vertrag zur Euro-Stabilität sah unter anderem klar vor, dass niemals ein Land der Union für andere zahlt. Welche konkreten Lösungswege schlagen Sie vor?

Soros: Es gibt nur einen Weg. Ob man ihn nun mag oder nicht, der Euro existiert, und damit er funktioniert, müssen seine Mitgliedsländer in der Lage sein, einen Großteil ihrer Schulden zu gleichen Bedingungen zu refinanzieren. Dafür muss Deutschland sorgen. Deswegen braucht es auch dieses schmutzige Wort: Euro-Bonds.

SPIEGEL: Euro-Bonds sind politisch nicht durchsetzbar, vor allem nicht in Deutschland, das sich spätestens dann als Zahlmeister der anderen vorkommen müsste, wenn es für solche gemeinsam ausgegebenen Staatsanleihen geradezustehen hätte.

Soros: Euro-Bonds sind dann für den deutschen Wähler akzeptabel, wenn sie auf klaren Finanzregeln beruhen, die von Deutschland gesetzt werden müssen. Unglücklicherweise hat die Bundesrepublik da komische Ideen. Die Deutschen müssen Regeln entwickeln, denen die anderen dann auch folgen können. Ländern wie Spanien etwa müssen zyklische Haushaltsdefizite erlaubt werden, bis sie sich erholt haben.

SPIEGEL: Eine andere Möglichkeit wäre, dass Pleitekandidaten wie Griechenland die EU verlassen.

Soros: Mit dem griechischen Problem ist so grundlegend falsch umgegangen worden, dass jetzt ein möglichst geordneter Ausstieg vielleicht wirklich der beste Weg wäre. Das gilt auch für Portugal. Die EU und der Euro würden es überleben.

SPIEGEL: Sie üben scharfe Kritik an der Politik. Trägt nicht auch Ihre eigene Zunft, die aggressiven Spekulanten, erheblich Mitschuld an der Krise?

Soros: Natürlich macht Spekulation die Lage immer schlimmer. Ich bin deswegen auch dafür, dass solche hochgefährlichen Finanzprodukte wie Credit Default Swaps verboten werden, denn sie fördern Wetten auf einen Absturz.

SPIEGEL: Gerade erst haben mehrere europäische Länder auch Leerverkäufe verboten, also Wetten auf fallende Kurse. Ein härteres Vorgehen gegen Spekulanten könnte wesentlich helfen, die Krise zu entschärfen.

Soros: Die größten Spekulanten sind heute doch die Zentralbanken! Sie sind die größten Käufer und Verkäufer von Währungen. Sie haben damit längst die Hedgefonds abgelöst.

SPIEGEL: Ist Ihrer Meinung nach die Europäische Zentralbank (EZB) noch Teil der Lösung oder schon Teil des Problems?

Soros: Sie ist Teil der Lösung, aber sie sollte eigentlich nur zuständig sein für Liquidität, nicht dafür, ob irgendwas oder irgendwer pleitegeht. Das ist eine Aufgabe für das Finanzministerium.

SPIEGEL: Es gibt aber kein europäisches Finanzministerium.

Soros: Genau deswegen musste die EZB ja auch ihre eigentlichen Grenzen überschreiten, etwa indem sie die Staatsanleihen eines Landes akzeptiert, das eindeutig bankrott ist.

SPIEGEL: Wir gehen mal davon aus, dass Sie Griechenland meinen. Und nun kauft die EZB auch noch italienische und spanische Staatsanleihen. Wohin soll das führen?

Soros: Das ist ein Problem, ja, aber es ist die allgemein anerkannte Haltung, dass Zentralbanken zunächst alles tun müssen, um das Finanzsystem am Leben zu halten. Die juristischen Fragen werden später geklärt.

SPIEGEL: Die USA ertrinken in noch höheren Schulden als die Europäer. Droht jetzt eine neue Rezession in den Vereinigten Staaten?

Soros: Vor ein paar Wochen noch wäre das eher zweifelhaft gewesen. Aber die Finanzmärkte haben einen sehr sicheren Weg, die Zukunft vorherzusagen: Sie schaffen sie selbst.

SPIEGEL: Sie waren im vergangenen Wahlkampf ein großer Unterstützer von Präsident Barack Obama. Sind Sie mit seiner Wirtschaftspolitik zufrieden?

Soros: Natürlich nicht! Allerdings ist es auch nicht einfach, einen über 25 Jahre aufgebauten explosiven Mix aus Schulden und Überstrapazierung zu entschärfen.

SPIEGEL: In der Folge wurden die USA vorvergangene Woche zum ersten Mal überhaupt von einer Rating-Agentur herabgestuft, ihre Kreditwürdigkeit hat damit nicht mehr die Bestnote AAA. Ist das zu Recht geschehen?

Soros: Ich glaube nicht. Die Entscheidung basierte eher auf dem Versuch der Rating-Agenturen, sich neu zu erfinden, indem sie vorausschauende Meinungen abgeben, statt aktuelle Veränderungen zu bewerten. Sie versuchen nun plötzlich, politische Prozesse zu bewerten. Das ist neu, zumindest in der Form.

SPIEGEL: Hören Sie auf die Meinungen der Rating-Agenturen?

Soros: Nein, ich nicht. Aber andere Investoren tun es, weil sie müssen. Weil es so in den Regeln steht.

SPIEGEL: Den Rating-Agenturen wird vorgeworfen, die Krise zu verschlimmern. Sollte ihre Rolle im Finanzsystem beschnitten werden?

Soros: Um ehrlich zu sein, habe ich keine Antwort darauf. Es ist ein ungelöstes Problem.

SPIEGEL: Inwiefern?

Soros: Es gibt keine Alternativen.

SPIEGEL: Weltweit bekannt geworden sind Sie als Währungsspekulant, als Sie erfolgreich das britische Pfund attackierten. Würden Sie heute als Investor gegen den Euro wetten?

Soros: Ich wette ganz sicher nicht gegen den Euro. Denn die Chinesen haben großes Interesse an einer Alternative zum Dollar und werden den Euro sowie alle Bemühungen der Europäer unterstützen, ihn zu retten. Deswegen gibt es ja auch diesen mysteriösen Käufer, der ständig den Euro stützt.

SPIEGEL: Werden die Chinesen am Ende die einzigen Gewinner der Krise sein?

Soros: Die Chinesen waren der große Gewinner der Globalisierung. Sie müssten großes Interesse haben, das derzeitige globale System zu erhalten. Aber sie sind genauso zögerlich wie die Deutschen: China sträubt sich, Verantwortung für die Welt zu übernehmen, Deutschland sträubt sich, Verantwortung für Europa zu übernehmen.

INTERVIEW: GREGOR PETER SCHMITZ, THOMAS SCHULZ

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