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Gesundheit von Kindern: "Depressive Stimmung"

Foto: ASSOCIATED PRESS/ Michael Probst

Gesundheit "Depressive Stimmung"

Deutsche Kinder leiden laut neuer Studien häufig an psychischen Störungen und Entwicklungsproblemen. Experten halten die veröffentlichten Zahlen für trügerisch und übertrieben.

Hamburg-Volksdorf ist ein Stadtteil mit großem Waldgebiet, verkehrsberuhigten Zonen und gepflegten Vorgärten voller bunter Plastikrutschen und Trampoline. Das Viertel wirkt idyllisch, familienfreundlich und kindgerecht, doch die schlechten Nachrichten über Deutschlands Nachwuchs reißen auch hier nicht ab.

In Volksdorf sitzt die Sprachheilkundlerin Karen Grosstück im Büro ihrer logopädischen Praxis, schenkt stilles Wasser ein und erzählt über Entwicklungen, die man bisher eher aus Problemvierteln zu kennen glaubte. Auch hinter den Fassaden der schmucken Einfamilienhäuser plagten sich viele Kinder mit Wortfindungsschwierigkeiten, phonologischen Schwächen und vielen anderen Entwicklungsstörungen, erklärt die Logopädin. "Und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer", sagt Grosstück, die sich 1992 als erste Sprachtherapeutin in dem Stadtteil niederließ. Jetzt gebe es drei Konkurrenzpraxen, alle seien gut ausgelastet und hätten Wartelisten.

Volksdorf, das Idyll im Hamburger Nordosten, erstaunt und alarmiert gleichermaßen. Denn es steht für ein bundesweites Phänomen: Geht es um die sprachliche Entwicklung, das Verhalten und die psychische Verfassung von Deutschlands Kindern, folgt seit Wochen eine Hiobsbotschaft auf die nächste.

"Therapie statt Spielplatz"

"Therapie statt Spielplatz", schrieb die Techniker Krankenkasse kürzlich in einer Pressemitteilung. Die Zahl der Kinder, die zum Logopäden gingen, sei laut Heilmittelstatistik innerhalb eines Jahres um 15 Prozent gestiegen - und zwar quer durch alle Schichten. "Jeder dritte Schüler hat Depressionen", schrieb "Bild" und bezog sich auf Zahlen von der DAK und der Universität Lüneburg. "Druck macht die Kinder seelisch krank", meldete das "Hamburger Abendblatt" auf seiner Internetseite.

Mehr denn je gehörten Angstattacken, hoher Blutdruck und Ohrensausen zum Alltag in den deutschen Kinderzimmern, berichteten Krankenkassen und Ärzte. Burnout treffe nicht nur Lehrer, sondern mittlerweile auch Schüler. Der Nachwuchs wälze sich mit Schlafproblemen im Bett, plage sich mit psychosomatisch bedingten Rückenschmerzen und Neophobie, wie das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung kürzlich spekulierte. Dabei handelt es sich um die Angst vor allem Neuem, also zum Beispiel die Angst vor ungewohnten Gemüse- und Obstsorten.

Es sind bedrohliche Botschaften und steile Thesen, die in den vergangenen Monaten über Pressemitteilungen, Zeitungen und TV-Sender verbreitet wurden. Und sie werden auch gierig, fast dankbar, angenommen, von besorgten Müttern und Vätern, von Kindeswohl-Verbänden, von professionellen Apokalyptikern und dem heilenden Gewerbe im weißen Kittel. Nur: Belegen lässt sich derzeit lediglich, dass die Zahl der behandelten Kinder steigt - aber so gut wie gar nicht, dass Deutschlands Nachwuchs von Jahr zu Jahr kränker wird.

Depressionen

Schon "wegen Kleinigkeiten" würden Kinder heutzutage "einer intensiven Diagnostik unterzogen" und dann "pathologisiert", relativiert etwa der Bonner Kinderneurologe Helmut Hollmann. Vieles, was früher dem Bereich des Normalen zugerechnet worden sei, werde heute - wohl in einigen Fällen auch zu Recht - als "behandlungsbedürftige Gesundheitsstörung" bewertet, berichtet Martin Schlaud, Leiter des Fachgebiets Gesundheit von Kindern und Jugendlichen am bundeseigenen Robert Koch-Institut (RKI). Diese Neubewertung von Symptomen treibt die Statistiken nach oben und verstärkt den Eindruck, dass es den Kindern immer schlechter gehe. Nebenbei dient sie der Pharmaindustrie: Allein die Verordnung von Psycho-Stimulanzien wie Ritalin, das in erster Linie Kindern verabreicht wird, stieg zwischen 2006 und 2009 um 41 Prozent.

Schlauds Team arbeitet in einer Außenstelle des RKI in Berlin-Tempelhof. Weil auch die Bundesregierung das Mysterium des kränkelnden Nachwuchses aufgeklärt haben will, befragt es nun etwa 24 000 Kinder und Jugendliche. Was die Forscher bei dieser Studie erfahren, soll mit Ergebnissen einer Basisuntersuchung aus den Jahren 2003 bis 2006 verglichen werden. Erst danach werden bundesweit gültige Aussagen möglich sein wie: "Immer mehr Kinder haben Kopfschmerzen." Bis dahin können sich zum Beispiel Kinderärzte fast nur auf ihren subjektiven Eindruck stützen.

Ulrich Fegeler, Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, betreibt seit über 20 Jahren eine Praxis in Berlin-Spandau. Er erlebe zwar jeden Tag kleine Patienten, die am Nachmittag "nur vor der Glotze" hingen und deswegen viele körperliche und psychische Probleme entwickelt hätten. Gerade in sozial schwächeren und "anregungsarmen" Familien liege da einiges im Argen, sagt der Kinderarzt.

Gleichzeitig verschreibe sein Berufsstand heute aber auch viel schneller Rezepte für Heilmittel, oft schon bei kleineren Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Grund sei unter anderem, dass manche Eltern "ungeheuren Druck" ausübten.

"Katastrophale Entwicklungen herbeigeredet"

So kam es, dass im vergangenen Jahr laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK bundesweit schon 23,4 Prozent der Sechsjährigen an einer Sprachtherapie teilnahmen und 13,5 Prozent einen Ergotherapeuten besuchten. Möglich, dass der Rekord dieses Jahr wieder gebrochen wird. Denn Eltern und Kindergärtnerinnen fahndeten von Jahr zu Jahr genauer nach nur kleinsten Abweichungen, wie Kinderneurologe Hollmann festgestellt hat.

"Mittlerweile reicht es schon", sagt der Bonner Mediziner, "wenn ein Kind mit drei Jahren keine Männchen zeichnen kann - schon wird der Ergotherapeut konsultiert." Ähnliche Sensibilität legten Eltern bei den Sprechfähigkeiten ihrer Kinder an den Tag. Neuerdings führen viele Mütter und Väter Strichlisten, ob ihre Zweijährigen schon 50 Wörter beherrschen und damit die von Sprachheilkundlern postulierte "magische Grenze" erreichen.

Hysterisch anmutende Beobachtungsarbeit der Eltern

Die zum Teil hysterisch anmutende Beobachtungsarbeit der Eltern wird von Behörden flankiert. Republikweit rücken beispielsweise Lehrer im Rahmen der Sprachstandserhebungen zu den Kitas und Vorschulen aus, um Deutschkenntnisse und Sprachkompetenzen von Vierjährigen zu testen. Das ist mit Blick auf Sprachförderung und die baldige Einschulung gut gemeint, hat aber seine Tücken.

Dummerweise werden dabei auch Kinder, die die Konversation mit den fremden Leuten vom Amt aus Schüchternheit oder Angst verweigern, als auffällig identifiziert und geraten daraufhin in Fördermühlen, in die sie eigentlich gar nicht hineingehören. Eltern in Nordrhein-Westfalen, die sich gegen die Pflichtförderung ihrer Kinder wehren wollten, wurde wegen "Gefährdung des Kindeswohls" auch schon mal mit dem Jugendamt gedroht.

Neben Sprachproblemen werden Deutschlands Kindern gern auch psychische Leiden angedichtet. So wollte die DAK im April herausgefunden haben, dass bereits fast jedes dritte Kind unter "depressiven Stimmungen" leide. Das klang dramatisch, zumal Tageszeitungen "depressive Stimmungen" in "Depressionen" umdeuteten, was ungefähr so ist, als mache man aus einer leichten Sommergrippe eine schwere Lungenentzündung. Wer sich genauer mit der DAK-Studie beschäftigt, hat aber keinen Grund mehr zur Sorge, sondern eher zur Entwarnung.

Die 5840 Schüler zwischen 11 und 18 Jahren, die von der DAK und der Lüneburger Leuphana-Universität befragt wurden, gerieten allzu schnell in die Kategorie depressionsanfällig. Auf die Frage, ob sie oft "einfach nichts tun" wollten oder sich unverstanden fühlen, mussten sie dazu lediglich ein Kreuzchen neben der Antwortmöglichkeit "stimmt eher" machen. Da scheint es fast verwunderlich, dass dies nur jeder dritte Schüler tat. Denn derlei Gefühle seien völlig normal für pubertierende Jugendliche, sagt Mediziner Hollmann.

Ähnlich leicht war es für Jugendliche kürzlich bei Studien in Bayern und Nordrhein-Westfalen, als kopfschmerzgeplagt oder Cyber-Mobbing-Opfer identifiziert zu werden. Es reichte, einmal im Monat Kopfschmerzen oder mindestens eine SMS mit beleidigendem Inhalt bekommen zu haben. Das traf beim Cyber-Mobbing auf 32 Prozent aller befragten Mädchen und Jungen zu, bei den Kopfschmerzen gar auf 80 Prozent.

Eltern werden immer sensibler

"So werden fälschlicherweise katastrophale Entwicklungen herbeigeredet", klagt Joachim Walter, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Hamburger Krankenhaus Wilhelmstift. Der Mediziner mahnt zur Besonnenheit: Dass heute deutlich mehr Minderjährige wegen psychischer Probleme stationär behandelt würden als noch vor einigen Jahren und dadurch viel effektiver therapiert werden könnten, sei in Wahrheit doch "eher ein glücklicher Umstand als ein Anlass zur Sorge". Er belege, dass Eltern immer sensibler würden - unter anderem in Folge des Falls Robert Enke. Der Fußball-Nationaltorwart nahm sich 2009 wegen seiner Depressionen das Leben.

In der öffentlichen Diskussion wird die wachsende Zahl der Krankenhauspatienten gern auf Lebensumstände wie Armut oder Trennung der Eltern zurückgeführt. Zudem litten Kinder offenbar unter steigendem Leistungsdruck und dem Turbo-Abi, mutmaßte die Techniker Krankenkasse kürzlich. Eine These, die allerdings durch eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität ins Wanken gerät.

Die Forscher hatten insgesamt 1260 Gymnasiasten nach Kopfschmerzen, Stresssymptomen und anderen Beschwerden befragt. Ergebnis: Der Gesundheitszustand von Schülern, die das Abitur nach acht Jahren machen müssen, unterscheidet sich praktisch gar nicht von dem jener Kinder und Jugendlichen, die ein Jahr länger Zeit dafür haben.

Am Ende der Umfrageauswertung standen die Wissenschaftler vor einem Rätsel: "Statistisch signifikante Unterschiede" stellten sie nur bei Schluckbeschwerden fest.