AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2011

Geschichte Schwindlers Liste

Falsche Totenschädel, nachgemachte Antikenschätze: Eine Ausstellung zeigt die abenteuerlichsten Betrügereien aus der Welt der Archäologie.

M. Juillard / Laténium

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Zur Hege der Rebstöcke zogen mit Hacken und Spaten im Jahr 1563 die Bediensteten des Reichsritters Anton Waldbott von Bassenheim in dessen üppige Weinberge. Plötzlich stieß einer der Arbeiter auf ein Römergrab. Darin lagen Münzen und eine schwarze Urne mit Gebeinen. Dem Adligen reichte der schaurige Anblick nicht. Er ließ den Knochentopf mit einer pompösen Silberfassung verzieren. Nach dem Verschönern prahlte er, das "Gefes" sei echt.

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Heft 35/2011
Eine Verneigung.

Was es ja nun nicht mehr war.

Der Totenbehälter ist Teil einer Ausstellung im schweizerischen Neuchâtel, die erstaunliche Schwindeleien aus der Geschichte zeigt. Pharaonenbüsten, hergestellt in den verwinkelten Gassen Kairos, sind im Museum "Laténium" ebenso zu sehen wie etruskische Imitat-Vasen und vergoldete Druidensicheln, gefertigt in listiger Absicht.

"L'âge du Faux" - das Zeitalter der Fälschungen - führt in eine Schattenwelt aus kriminellen Künstlern, Hehlern und vom Ehrgeiz besessenen Forschern, die sich nur allzu leicht hinters Licht führen ließen.

Das gilt auch für jene Leute vom Pariser Museum Quai Branly, die einen aztekischen Totenkopf aus Bergkristall ankauften, angeblich über 500 Jahre alt. Leider wurde er mit einer Fräse hergestellt, wie jüngst eine Untersuchung ergab. Vermutlich stammt das Stück aus der Edelsteinschmiede Idar-Oberstein, hergestellt um 1890.

Doch mundus vult decipi - die Welt will betrogen sein. Schon vor 35.000 Jahren kopierte der Homo sapiens Meeresmuscheln. Eine Schmuckkette aus der Jungsteinzeit besteht aus 118 echten Hirschzähnen und 65 gefälschten. Der Schnitzer fertigte sie aus Knochen.

Blender, wohin man sieht: Im alten Griechenland machten gefakte Juwelen der Helena die Runde. Ein neolithisches Beil, von einem Römer im Altertum entdeckt, wurde als "Jupiters Blitzbündel" gedeutet.

In der Neuzeit geriet auch die Naturkunde ins Visier der Falschmünzer. Sie bastelten Einhornschädel, 1822 konnten die Bürger Londons eine "Meerjungfrau" bestaunen. Die Ausstellung in Neuchâtel zeigt einen "Drachen" - hergestellt aus einem verschrumpelten Rochen.

Wettlauf um die Schätze der Vergangenheit

Dass derlei Schund den Weg in öffentliche Sammlungen schaffte, hängt mit dem imperialistischen Fieber zusammen, das Ende des 19. Jahrhunderts die Großmächte schüttelte. Sie lieferten sich einen Wettlauf um die Schätze der Vergangenheit. Betrüger hatten leichtes Spiel - vor allem, wenn sie mit ihren Falsifikaten nationale Träume bedienten.

Beispiel: 1866 präsentierte man Napoleon III. eine gefälschte Vase aus der Keltenzeit, auf der ein gallischer Hahn thronte - als wäre schon damals das Wappentier Frankreichs verehrt worden.

Das British Museum wiederum verkündete stolz das Auffinden eines mindestens 200.000 Jahre alten Schädels: Dieser "Earliest Englishman" sei das lang gesuchte Missing Link zwischen Affe und Mensch.

In Wahrheit hatte nur ein Schelm den Unterkiefer eines Orang-Utans mit modernen Schädelresten verbastelt, ihn mit den Zähnen eines Schimpansen ausgestattet und in einer Kiesgrube bei London versteckt.

Für Katerstimmung sorgte auch der jüdische Goldschmied Israel Rouchomowsky, der als Meister trügerischer Kopien gilt. Um 1890 begann er von seiner Hinterhofwerkstatt in Odessa aus, die Fachwelt mit auf alt getrimmten Münzen und Kolliers zu versorgen.

Als sein bestes Werk gilt ein über 800 Gramm schwerer Goldhelm, den er mit Szenen aus der "Ilias" verzierte und mit einer Inschrift versah. Ihr zufolge war die Tiara ein Geschenk der griechischen Schwarzmeerkolonie Olbia an den skythischen König Saitapharnes. Der Louvre zeigte sich von dem Käppi so begeistert, dass er es zum Rekordpreis von 200.000 Francs ankaufte.

Im Jahr 1903 flog der Bluff auf und löste weltweit Schadenfreude aus. Berliner Gelehrte hämten damals besonders laut - was sie nicht davor schützte, bald danach eine falsche Wachsbüste von Leonardo da Vinci angedreht zu bekommen.

Hunderte Lügengebilde, verborgen in den Giftschränken der Museen

Derlei Lügengebilde liegen zu Hunderten verborgen in den Giftschränken der Museen Europas und der Vereinigten Staaten. Schwindlers Liste ist lang. Meist gelingt es den Kuratoren, ihre peinlichen Fehlkäufe zu verschweigen.

Auch das glanzvollste Stück der Schau, ein angeblich 2500 Jahre altes Bronzepferd, wurde noch nie öffentlich gezeigt. Laut Katalog hat es ein Archäologe, als Gutachter im Rahmen einer juristischen Auseinandersetzung, enttarnt.

In Wahrheit verlief die Sache anders. Schon im Jahr 1980 kam es zu einem dramatischen Vorspiel auf dem Kunstmarkt. "Ich erhielt damals einen Anruf und fuhr nach Lausanne", erinnert sich der Basler Antikenhändler Christoph Leon. Am verabredeten Treffpunkt empfingen ihn vier Italiener und zeigten ihm die gewaltige Tierbronze.

Sein Eindruck: "Ein einmaliges Stück. Die Patina wirkte echt."

Stilistische Merkmale an den Beinen und der Mähne des Pferdes machten den Kunstkenner jedoch stutzig. Gegen eine Kaution von 24.000 Franken durfte er einen abgebrochenen Huf mitnehmen. Den ließ er im Labor einer Basler Metallfabrik untersuchen. Leon: "Es war deutsche DIN-Bronze."

Ein Kaufinteressent vom Getty Museum in Malibu, der bereits mit großem Portemonnaie in die Schweiz angereist war, konnte im letzten Augenblick gewarnt werden. Dennoch gelang es der im Mafia-Milieu beheimateten Bande kurz danach, einen Scheck für das Bronzepferd in Höhe von 40 Millionen Dollar bei der City Bank in New York einzulösen.

Die vier Italiener wurden zwar erwischt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Das Geld aber blieb verschwunden. Der Schöpfer des Pferdes tauchte ab.

"So ist es meist", erklärt Leon, "die Zahl der Fälschungen auf dem Kunstmarkt nimmt ständig zu, ihre fingerfertigen Urheber aber bleiben fast immer im Dunkeln."



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
Xiuhcoatl 30.08.2011
1. Himmelsscheibe von Nebra
Zitat von sysopFalsche Totenschädel, nachgemachte Antikenschätze: Eine Ausstellung zeigt die abenteuerlichsten Betrügereien aus der Welt der Archäologie. http://www.spiegel.de/0,1518,782873,00.html
Bitte ebenfalls die Grinsescheibe von Nebra aufnehmen. Es ist evident, dass ein Smiley dargestellt ist. q.e.d.
rgom 30.08.2011
2. bleibt bloss noch die Frage offen
inwiefern "Napoleon besonders dreist war", wie es in der Zusammenfassung des Artkels heisst: "Schon die Höhlenmenschen blufften, und Napoleon war besonders dreist"
Berliner42 30.08.2011
3.
Zitat von rgominwiefern "Napoleon besonders dreist war", wie es in der Zusammenfassung des Artkels heisst: "Schon die Höhlenmenschen blufften, und Napoleon war besonders dreist"
Der hat sich selber gefälscht: Als Franzose.
frolleinschen 30.08.2011
4. Schwindlers Liste
Toller Titel. Sehr gelacht...
blob123y 30.08.2011
5. Die Leute sind manchmal wirklich erfindungsreich.
Mir ist mal etwas aehnliches in Thailand passiert. Da haben die Ganoven doch es irgendwie geschafft von einen alten Papiergutachten / Zertfikat die Oberflaeche abzutragen und eine neuere Version dahineinzufuegen. Wenn man genau hinschaute sah man dies sofort, nachdem ich dies dem sagte grinste er bloed. Jedoch es ist wirklich nicht noetig sich das slte Zeug andrehen zu lassen es gibtrecht schoene Sachen auch von heute, Beispiel: http://thailandmagic.com/Buddhist-Art.html
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