Prozesse 18 Sekunden Zündstoff

Der Schüler, der in einem Berliner U-Bahnhof einen Fremden brutal zusammentrat, bekam von der Boulevardpresse die Höchststrafe. Jetzt ist das Gericht an der Reihe.
Angeklagter Torben P. (Mitte) mit Anwälten: "Meine Tat ist eine Schweinerei"

Angeklagter Torben P. (Mitte) mit Anwälten: "Meine Tat ist eine Schweinerei"

Foto: dapd

Es ist die Macht der Bilder, die in diesem Verfahren die Vorzeichen setzt. Es gibt ein öffentliches Bild von Tat und Täter, über Monate absichtsvoll geformt von den Boulevardmedien. Und es gibt diesen depressiv und eigentümlich ältlich wirkenden Jungen, der gebeugt auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts sitzt und um sein inneres Selbstbild ringt.

Fast zwei Meter ist er groß, das will nicht recht zu seinem weichen Gesicht und dem ordentlich gekämmten Haar passen. Er ist sorgfältig gekleidet, aber seine Hemden sind ihm in den vergangenen Monaten zu weit geworden. Eine halbe Stunde lang spricht er zum Gericht. Er sagt: "Ich bin erschrocken über mich selbst und schäme mich sehr. Ich kann meine Tat nicht erklären, weil ich selbst keine Erklärung gefunden habe."

Der Junge ist Torben P., bis zur Tat unbescholtener Gymnasiast aus Berlin-Heiligensee, 18 Jahre alt. In der Boulevardpresse heißt er "Hass-Treter".

Am Anfang standen die Bilder aus der Überwachungskamera. Ohne sie wäre der Prozess gegen Torben und seinen mitangeklagten Kumpel Nico A. wohl ein trauriger Fall unter vielen.

Wut und Fassungslosigkeit

Doch das Video verändert alles. Es zeigt Torben, wie er in der Nacht zu Karsamstag am Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße einem ihm Unbekannten eine gefüllte Plastikflasche gegen den Kopf schlägt und dem Bewusstlosen viermal auf den Kopf tritt, "weit ausholend und von oben herab", wie es in der Anklageschrift heißt. Zwar gab es Sequenzen, auf denen Torben und Nico besser zu erkennen waren, aber die Polizei hatte exakt die 18 Sekunden zur Fahndung ins Internet gestellt, die die Tat zeigten. Es waren 18 Sekunden Zündstoff.

Sie liefen auf allen TV-Kanälen und sind bis heute ein Hit auf YouTube. Sie lösten Wut und Fassungslosigkeit aus, auch der SPIEGEL illustrierte mit Torbens Tat einen Titel zum Thema Jugendgewalt (18/2011). Politiker nutzten die Bilder, um Blitzurteile, härtere Strafen und mehr Polizei auf Bahnhöfen zu fordern. Die Boulevardpresse schürte mit ihnen Ressentiments gegen einen Staat, der zu schwach sei, den sozialen Frieden und das Recht seiner Bürger auf körperliche Unversehrtheit zu verteidigen, und gegen eine Justiz, die bei Tätern aus gutem Hause ein Auge zudrücke.

Damit traf sie einen Nerv, auch weil gefühlte Gerechtigkeit und formales Recht in diesem Fall schon vor dem Urteil auseinanderliegen. Selbst beim bürgerlichen Publikum war das Unverständnis groß, als der Haftrichter entschied, Torben P. nach seinem Geständnis nach Hause zu schicken und nicht in Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft geriet unter Beschuss, weil sie Torben "nur" wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung anklagte anstatt wegen versuchten Mordes, wie es sein Opfer in einer Zeitung forderte, und Nico A., der danebenstand, wegen unterlassener Hilfeleistung.

Die belastende Berichterstattung könne wichtig für das Strafmaß sein

Torbens Verteidiger Alexander Sättele führt all dies in einem Beweisantrag an, am Ende der Sitzung lässt der Vorsitzende Richter Uwe Nötzel dicke Stapel Kopien mit der gesammelten Pressedokumentation zur Lektüre verteilen. Die belastende Berichterstattung könne wichtig für das Strafmaß sein, so viel lässt auch die Staatsanwaltschaft durchblicken.

Es hieß, der "Juristensohn" wohne "behütet bei Papa und Mama im schicken Heiligensee". Aber Torbens Vater ist gar kein Jurist, beide Eltern sind schwerkrank und seit vielen Jahren Frührentner, die P.s wohnen in einer Genossenschaftswohnung. Pressevertreter belagerten wochenlang das Grundstück. Die "B.Z." zeigte Torbens Gesicht, unverpixelt, darauf habe "die gesamte Öffentlichkeit Anspruch, und nicht nur diejenigen, die einen Platz im Gerichtssaal ergattern."

Es gab Drohungen gegen alle Familienmitglieder, sogar gegen den Hund. Die P.s hielten den Terror nicht mehr aus und zogen weg. Die Familie lebt mittlerweile unter Polizeischutz.

"Kriegt er jetzt die Strafe, die er richtig spürt?", schrieb der "Berliner Kurier" zum Prozessauftakt. "Kriegt er Knast, oder kuschelt die Justiz?"

"Er hat gezittert und geweint"

Aus einer braunen Papiertüte zieht der Vorsitzende Richter Nötzel die Schuhe, die Torben bei seiner Tat trug. Die Sohlen sind weich, wohl auch deshalb erlitt das Opfer, der 30-jährige Installateur Markus P., bei der Attacke zwar ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, aber keine lebensbedrohlichen Verletzungen. Die psychischen Folgen des Angriffs sind jedoch noch nicht absehbar.

Als Torben und Nico auf Markus P. trafen, kamen die beiden von einer Party. Diverse Biere und zwei bis drei Flaschen Hochprozentiges wollen sie getrunken haben. Sie hätten wahllos Leute angepöbelt, darunter auch Markus P.

"Was ging im Moment der Tat in Ihnen vor?", fragt Nötzel. "Ich habe nicht wahrgenommen, dass ich dem Herrn P. auf den Kopf getreten habe", erklärt Torben, nur das Gefühl der panischen Angst dabei.

"Der lag am Boden", hakt der Vorsitzende nach. "Wovor hatten Sie Angst?" - "In meiner Vorstellung waren die Rollen von Angreifer und Angegriffenem vertauscht." Noch nie sei er so betrunken gewesen wie an diesem Abend, sagt Torben. An den Moment der Tat könne er sich nicht mehr erinnern.

Bei Nötzel weckt das Zweifel: "Sonst wissen Sie noch erstaunlich viele Details", hält er ihm vor. "Nur die Momente der Tat sind merkwürdig verschwommmen." Nötzel macht in solchen Momenten nicht den Eindruck, als wolle er kuscheln.

Eine Freundin von Torben tritt als Zeugin auf. Sie traf ihn in der Tatnacht in der U-Bahn. "Er hat gezittert und geweint", erinnert sie sich. Auf einem Spielplatz erzählte er ihr von der Tat. Als er am nächsten Tag das Video im Polizeiticker gesehen hatte, ging er sofort zur nächsten Wache.

"Seine Reue wirkte echt"

"Welchen Eindruck machte Torben auf Sie?", will Verteidiger Sättele von der Kriminalkommissarin wissen, die ihn dort vernahm. "Seine Reue wirkte echt", sagt die Zeugin.

Nötzel verliest die Briefe, in denen Torben sein Opfer um Verzeihung bat und sich, ebenso wie Nico, bei dem Mann bedankte, der in der Nacht dazwischenging und so möglicherweise verhinderte, dass er Schlimmeres anrichtete. "Meine Tat ist eine Schweinerei", sagt Torben jetzt vor Gericht. "Sie ist auch mit dem vielen getrunkenen Alkohol nicht zu entschuldigen." Ganz zu erklären wohl auch nicht. Immerhin war jeder Tritt auf den Kopf ein Treffer. Selbst wenn unklar bleibt, was sich in diesem Moment Bahn brach - im Zweifel dürfte das Gericht eine erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit durch den Alkohol nicht ausschließen können.

Vor sechs Wochen sendete die "Abendschau" des RBB Sequenzen aus dem Überwachungsvideo, die zeigen, dass der Installateur, ebenfalls betrunken, nicht unbeteiligt an der Eskalation war. Man sieht, wie er Torben ein paarmal kräftig vor sich herschubst, bevor dieser mit der Plastikflasche zuschlägt. Die potentiell tödlichen Tritte bleiben jedoch.

Die Lebensumstände von Torben und Nico sprechen dafür, dass das Gericht sie nach Jugendstrafrecht verurteilen wird. Für Nico bedeutet das wohl eine Maßnahme unterhalb einer Bewährungsstrafe. Und für Torben?

Anders als im Erwachsenenstrafrecht darf es bei Jugendlichen keine Rolle spielen, ob das Urteil andere potentielle Täter abschreckt. Das Gericht muss sich vielmehr fragen, mit welchem Urteil es erreichen kann, dass Torben fortan als gesetzestreuer Bürger durchs Leben geht.

Experten wie der Kieler Jugendstrafrechtler Heribert Ostendorf meinen, es sei nicht abwegig, in einem solchen Fall auf eine Bewährungsstrafe zu kommen - selbst wenn man davon ausgehe, dass Torben Markus P. nicht nur verletzen, sondern töten wollte, dort auf dem Bahnsteig.

Eine Jugendstrafe ohne Bewährung ist immer das letzte Mittel

Eine Jugendstrafe ohne Bewährung sei immer das letzte Mittel, sagt Ostendorf. Die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe trägt ihren Bericht vor. Sie hat viele lange Gespräche mit Torben und seiner Familie geführt. Sie skizziert Torben, wie er war, bevor er zum "Hass-Treter" wurde: als Kind Ziel von Hänseleien und Überforderung, weil er weniger reif war, als es seine Körpergröße vermuten ließ.

Seine Eltern schickten das Kanu-Talent auf ein Sportinternat, aber der Zwölfjährige verkraftete die Trennung von der Familie schlecht und begann, sich mit einem Messer zu ritzen. Auf einer neuen Schule fing er sich wieder, wurde Klassensprecher, interessiert an Politik, Philosophie, Ethik, besorgt um die Gesundheit seiner Eltern.

Die Familie stehe auch nach der Tat zusammen, so hat es die Gerichtshelferin erlebt. Gemeinsam waren sie bei einem Psychotherapeuten, Torben gehe noch immer regelmäßig dorthin. Aus eigenem Antrieb habe er Hilfe bei einem Anti-Gewalt-Training und einer Anti-Drogen-Beratung gesucht. Auch bei seiner Kirchengemeinde finde er Halt.

Ein katholisches Gymnasium hat sich bereit erklärt, Torben "eine schulische und persönliche Perspektive" zu geben. Torben hat der Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe erzählt, er würde gern Jura studieren. Würde man ihn in seinem intakten Umfeld belassen und in Ruhe sein Abitur machen lassen, so sieht es die Gerichtshelferin, könne er noch ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden.

Eine Bewährungsstrafe bedeutet nicht, dass der Verurteilte einfach nach Hause gehen kann. In der Regel versehen Gerichte solche Urteile mit Weisungen und Auflagen. Er würde einen Bewährungshelfer bekommen, man könnte ihn in sozialpädagogische Kurse schicken und ihn verpflichten, das Geschehene weiter in einer Therapie aufzuarbeiten. Man könnte ihn, unabhängig vom Zivilprozess, der noch auf ihn zukommt, dazu verurteilen, ein Schmerzensgeld auf Raten zu zahlen, er müsste es über Jahre abstottern, so wie andere ihr Bafög.

Davon hätte auch Markus P. etwas. Und all das würde Torben lange daran erinnern, dass er um ein Haar einen Menschen getötet hätte.