AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2011

Treibhauseffekt Tonga in der Nordsee

AP

2. Teil: "Es ist klar, dass die Situation verbessert werden muss"


Da erscheint das Bemühen der "Klimaanpassungsakademie Kassel" durchaus verdienstvoll, kommunale "Anpassungsbeauftragte" auszubilden. Die soll künftig jede Gemeinde einstellen. Teilnehmen allerdings, bedauert Mitarbeiterin Ulrike Steffens, könne man an solchen Kursen zurzeit noch nicht. Das Vorhaben komme nicht recht voran, weil die Vorgaben des Landes Hessen fehlten. Und freiwillig würden sich wohl nur wenige Kommunen solche Klima-Bürokraten leisten.

"Interesse an Beratung gibt es in den Kommunen schon", sagt Cornelia Rösler, Leiterin des Bereichs Umwelt beim Deutschen Institut für Urbanistik, aber für Maßnahmen fehle leider Geld. "Welcher Stadtrat würde zur Lösung eines Problems, das womöglich erst in einigen Jahrzehnten auftritt, Geld ausgeben?" Klimaanpassungsprojekte müssten "No regret"-Maßnahmen sein, so Rösler, also Vorhaben, die "ohne Reue" auch dann einen Sinn haben, wenn sich die Klimaveränderungen gar nicht einstellen.

Das erklärt, weshalb der Anpassungseifer dort am größten ist, wo es schon heute Probleme gibt. Wie in Wuppertal. Die Menschen dort wissen, wie es ist, wenn es ausdauernd regnet. Die Atlantikwolken, die von Westen über die Kölner Bucht ziehen, entleeren sich besonders häufig über dem Bergischen Land. Fast 1200 Liter Niederschlag pro Quadratmeter fallen in Wuppertal im Jahr, doppelt so viel wie in Berlin. Weil zudem die zwei Stadtzentren eingezwängt im tiefen Tal der Wupper liegen, rauschen die Niederschläge immer wieder mit Wucht die Hänge hinab.

Wie das Wasser fließt sieht man virtuell am Computer

Wie das Wasser genau fließt, kann man sich inzwischen bequem und trocken im Rathaus ansehen, virtuell am Computer. Um sein neues Programm vorzuführen, hat Bauingenieur Bernard Arnold eigens einen Bildschirm aufgestellt. Zu sehen ist ein Luftbild, auf dem sich nach und nach die Straßen blau färben. "Steht die neue Technik komplett", sagt der 63-Jährige, "können wir an jeder Stelle der Stadt ein beliebig starkes Gewitter simulieren."

Demnächst sollen bestimmte kritische Gebiete digital vermessen werden. Dann können die Wasserströme dreidimensional dargestellt werden. "So sehen wir, wie es sich auswirkt, wenn wir Bordsteinkanten erhöhen, Parkflächen absenken oder mit kleinen Mauern die Flutwelle in weniger gefährdete Bereiche lenken", sagt Arnold.

Bei Schloss Lüntenbeck, einem historischen Gemäuer, das schon mehrfach überflutet wurde, laufen die ersten Versuche. Statt einen teuren Entlastungskanal anzulegen, soll ein Wanderweg abgesenkt werden. Bei Starkregen könnte das Wasser darüber abfließen. Ohnehin müssten künftig Regenfälle wie heute schon in Dänemark über Straßen statt durch Rohre abgeleitet werden, sagt der Planer.

Die Computersimulationen haben noch eine andere Funktion. Sie sollen die Bevölkerung auf die Bedrohung vorbereiten. Leider seien sich viele der Gefahren nicht bewusst, glaubt Arnold. Bei seinen Untersuchungen stieß er auf ein Krankenhaus und ein kirchliches Versammlungszentrum, die bei Starkregen von Überflutung bedroht sind. Doch die Verantwortlichen hätten Schutzvorkehrungen abgelehnt. "Vielleicht reagieren sie, wenn sie sehen, wie alles absaufen würde", hofft er.

Rechtlich habe die Stadt keine Möglichkeiten, die Anwohner zur Vorsorge zu zwingen, und eigentlich dürfte sie die Anpassung auch nicht finanzieren. Solche Maßnahmen seien "freiwillige Leistungen", die sich hochverschuldete Kommune nicht leisten dürften. Was die Wuppertaler nicht daran hindert zu handeln. Bauherr sind die Stadtwerke, die den Umbau über Gebühren finanzieren.

Was in Wuppertal zu viel vom Himmel tropft, fällt in der Lüneburger Heide zu wenig. Dort, am Rande der Stadt Uelzen, arbeitet im Gebäude einer ehemaligen Straßenmeisterei Ulrich Ostermann. Er ist Chef des "Kreisverbands der Wasser- und Bodenverbände" und eine Art Regenmacher der Region. Ostermann sorgt dafür, dass die Landwirte genug Wasser für ihre Felder erhalten.

"Ohne künstliche Bewässerung kann man mit den trockenen Sandböden wenig anfangen", sagt der Bauingenieur. Dank des Wassers aber wachsen Zuckerrüben und Kartoffeln, das "Heidegold". Im Schnitt werden im Kreis Uelzen sieben Millionen Kubikmeter Trinkwasser verbraucht, aber 27 Millionen auf die Äcker gesprüht. Die Region ist das größte Beregnungsgebiet Deutschlands.

Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in gewaltigen Bewässerungsanlagen

Schon heute ist absehbar, dass das Wasser nicht reicht, sollten die Sommer heißer und trocken werden. Vor Ostermann auf einem runden Tisch liegen deshalb Karten und Pläne. Die Zukunft der Landwirtschaft liege in gewaltigen Bewässerungsanlagen, sagt er, wie sie etwa in den USA eingesetzt werden. "Sie nutzen das Wasser wesentlich effektiver als die herkömmlichen Bewässerungskanonen."

Die Innovation hat allerdings den Nachteil, dass sie viel Platz braucht. Die Äcker der Zukunft sind 800 Meter lang und so groß wie 140 Fußballfelder. Das aber zerstört die traditionelle Kulturlandschaft und führt zu bürokratischen Problemen. Feldwege müssen entfernt, Leitungen gelegt, Grundstücke unter den Landwirten getauscht werden. Vor allem aber werden ökologisch wertvolle Baumreihen, Büsche und Hecken verschwinden.

Um dennoch schnell zu pragmatischen Lösungen zu kommen, hat Ostermann vor wenigen Tagen gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer einen "Kulturlandschaftsverband" gegründet. Dort verhandeln nun Bauern mit Naturschützern und Kommunalpolitikern, wie die Umgestaltung der Landschaft allen Interessen zugleich dienen kann. "Ob das klappt, wissen wir nicht", sagt Ostermann, "dafür gibt es in Deutschland keine Beispiele."

Der Umbau auf dem Land ist schwierig, in den Städten kommt es mitunter zu unlösbaren Konflikten. Die Stadt Hamburg etwa baut zwar gerade für 40 Millionen Euro den Flutschutz der Innenstadt weiter aus. Doch seit langem fehlt eine Strategie, wie sich die Hansestadt auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten soll. Regierungschef Olaf Scholz (SPD) hat andere Prioritäten. 6000 neue Wohnungen will er pro Jahr bauen lassen. Dafür müssen Brachflächen bebaut werden und mehr Häuser entstehen. Klimaexperten raten zum Gegenteil - zur Auflockerung der Bebauung und mehr Grünflächen.

Als Glücksfall erweist es sich da, wenn ein innerstädtischer Bereich komplett neu errichtet werden muss. Wie der Neumarkt an der Dresdner Frauenkirche. Dort verlegten die Stadtwerke nicht nur ein Fernwärme-, sondern auch gleich ein Kältenetz. Durch die Rohre wird sechs Grad kaltes Wasser gepumpt, mit dem im Sommer Wohnungen und öffentliche Gebäude gekühlt werden können. Ursprünglich sei das Konzept geplant worden, um den Komfort zu verbessern, räumt Reinhard Niespor von den Stadtwerken unumwunden ein, "nun aber lässt es sich prima als Klimaanpassung vermarkten".

Probleme mit der Temperatur hat heute schon die bayrische Stadt Regensburg. In der engen Altstadt staut sich an Sommertagen die Hitze, nachts kühlt es kaum ab. "Es ist klar, dass die Situation verbessert werden muss", sagt Joachim Scheid. Der Geograf soll ein Konzept erarbeiten. Doch die Denkmalschützer wollten keine Veränderung am geschützten Unesco-Welterbe, die Tourismus-Verantwortlichen freuten sich über "südländisches Flair" und die verlängerte Saison.

Immerhin, fand Scheid heraus, hat die Stadt einen besonderen Vorteil. Die Gebäude und die Stadtstruktur sind während einer mittelalterlichen Warmzeit errichtet worden. Damals gab es Belüftungsschächte und Bachläufe zur Temperaturregulierung. Könnten die wieder freigelegt werden, wäre Anpassung nur ein Schritt in die Vergangenheit.

insgesamt 181 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
smurfphobos 09.09.2011
1. ..
Ich habe aufgehört weiter zu lesen als das Wort Klimawandel fiel.
franko_potente 09.09.2011
2. -
Zitat von sysopKühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau. http://www.spiegel.de/0,1518,784529,00.html
Wie wärs mit: Leere Schwimmbäder in kühlen Städten, Ernteausfälle wegen zuviel Regen, Flcuth nach Süden für ein bisschen Sommer. Explodierende Heizkosten, wegen knackiger Winter... aber Hauptsache Klimawandel...
Puffel, 09.09.2011
3. Hier könnte Ihre Werbung stehen.
Zitat von sysopKühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau. http://www.spiegel.de/0,1518,784529,00.html
Können wir vielleicht erstmal warten, ob sich überhaupt ein Problem ergibt, das es zu lösen gilt? Und nicht gleich schon wieder Impfstoffe horten. Manche Prognosen sprechen ja von einer Abkühlung in Europa (Golfstrom und so). Ich vertraue auf die Flexibilität der Menschen der Zukunft, ihre Probleme zu lösen, indem sie DANN geeignet für Kühlung sorgen, Hochwasserschutz betreiben usw. Wie wärs, wir kümmern uns erstmal um UNSERE, nämlich die bereits bestehenden Probleme, statt gesellschaftlich ADHS an den Tag zu legen.
Olaf 09.09.2011
4. .
Zitat von sysopKühlanlagen in überhitzten Städten, Wasserspender auf trockenen Feldern - Deutschland bereitet sich auf den Klimawandel vor. Doch es fehlt ein klares Konzept für den Umbau. http://www.spiegel.de/0,1518,784529,00.html
Wasserspender auf den Feldern - sieht mehr so aus als bräuchten wir Entwässerungssysteme.
cohorte 09.09.2011
5. ###
Zitat von smurfphobosIch habe aufgehört weiter zu lesen als das Wort Klimawandel fiel.
Aber Hauptsache, hier noch schnell ein Sätzchen hinschmieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 36/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.