Bildung Shakira schlägt Jacques Brel

Deutsche Schüler wollen lieber Spanisch als Französisch lernen. Doch in den Ministerien vieler Bundesländer dominiert die Gallier-Lobby.
Kolumbianische Sängerin Shakira: Cómo se llama, bonita?

Kolumbianische Sängerin Shakira: Cómo se llama, bonita?

Foto: Hassan Ammar/ AP

Wer von Rheinstetten nach Frankreich will, der nimmt die Fähre über den Rhein, sie kostet einen Euro für Fußgänger, vier Euro pro Auto. Eltern in Rheinstetten wünschen sich bisweilen, sie würden weiter entfernt von der Grenze leben. Dann müssten ihre Kinder kein Französisch lernen.

Erst vor einigen Tagen schickte Antje Hein, die Vorsitzende der örtlichen Elternbeiräte, wieder einen Brandbrief nach Stuttgart: "Wir sind ungehalten und am Ende unserer Geduld. Seit Einführung des Grundschul-Französisch sind wir an der Rheinschiene im Kampf um Gleichbehandlung und Chancengleichheit für unsere Grundschulkinder."

Vor rund zehn Jahren hatte die damalige baden-württembergische Kultusministerin und jetzige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Idee, Grundschulen entlang des Rheins mit dem Fach Französisch zu beglücken. Dort ist man die Sonderrolle inzwischen leid.

Rheinstetten steht in diesen Wochen des anlaufenden Schuljahrs auch für einen Konflikt, der in den meisten Bundesländern noch an Schärfe gewinnen könnte. Denn vielen Pennälern gilt Französisch als ungeliebtes Idiom. Die Sprache von Voltaire und Balzac steht im Ruf, kompliziert und grammatiklastig zu sein, außerdem abgehoben und altbacken. In Internetforen finden sich Kommentare wie "Französisch klingt immer schwul, egal, was man sagt, deswegen also Spanisch!"

Bundesweit stagniert die Zahl der Französisch-Lerner (siehe Grafik). Zwar steht beispielsweise Russisch noch stärker unter Druck, das Fach kämpft gegen den Makel, dass es in der DDR einst die Oberen verordneten. Doch es mehren sich auch die Zeichen einer Französisch-Baisse. Im Gegensatz zu anderen Zielländern wollen laut Deutsch-Französischem Jugendwerk immer weniger Jugendliche zum Schüleraustausch nach Frankreich. Auch das im Sommer abgeschlossene gemeinsame deutsch-französische Geschichtsbuch floppte - das Werk wurde kaum nachgefragt.

Spanisch ist die Sprache der Stunde

Das Schulfach hätte es wohl noch schwerer, genösse es in der Bundesrepublik nicht einen gewissen Artenschutz. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Französisch-Lernen als Ausweis gelebter Völkerverständigung. Eine ganze Kohorte von Institutionen kümmerte sich darum, die von den Staatslenkern Konrad Adenauer und Charles de Gaulle begründete Aussöhnung beim Nachwuchs zu verankern. Generationen von Gymnasiasten begeisterten sich für existentialistische Denker, Rotwein und Rollkragenpullover.

Heutige Schüler hingegen blicken zunehmend über den großen Nachbarn hinweg weiter gen Westen. Spanisch ist die Sprache der Stunde, sie gilt als hip und international, als Schlüssel zu Latino-Pop und Schwellenländern. Es scheint zu sein wie die Wahl zwischen Shakira und Jacques Brel.

Laut einer EU-Studie bejahten nur 47 Prozent der Neuntklässler in Hessen und Berlin den Satz "Ich finde die Einwohner dieses Landes sympathisch", wenn es um Frankreich ging. Für die spanischsprachige Welt lag die Quote bei 79 Prozent. Ähnliche Werte gab es bei den Aussagen "Diese Sprache gefällt mir ganz einfach" und "Diese Sprache klingt angenehm".

"Frankreich war einmal Symbol für eine erstrebenswerte Lebensform", sagt Yvonne Petter-Zimmer, Verlagsleiterin für Fremdsprachen bei Cornelsen. "Das ist abgelöst worden durch Spanien." Ihr Verlag hat inzwischen drei Reihen von Spanisch-Lehrbüchern auf dem Markt, genauso viele wie für Französisch. Auch an vielen Universitäten wählen mehr Erstsemester Spanisch als Französisch.

"Pfründen, die niemand aufgeben will"

Zwar liegt im Schulalltag Französisch hinter Englisch noch weit vorn, doch könnte sich in Großstädten wie Hamburg die Hackordnung bald umkehren. In der Hansestadt stieg der Anteil der Spanisch-Lerner zwischen 2008 und 2010 von 29 auf 34 Prozent, während er für Französisch von 46 auf 42 Prozent fiel. Jene Gymnasien, die Spanisch als zweite Fremdsprache anbieten, sind beliebt.

Und der Trend reicht über die Gymnasien hinaus. Vielen Eltern gilt Spanisch als bodenständig und berufsnah, wenn etwa die Kinder eine Ausbildung im Tourismus oder im Handel anstreben. In Rheinland-Pfalz fordert der Verband der Realschullehrer bereits, Spanisch alternativ zu Französisch zu unterrichten.

Nur dort, wo über das Lehrangebot entschieden wird, dominiert die Französisch-Lobby: in Ministerien und Kollegien. Gymnasien in Bayern oder Baden-Württemberg etwa bieten Spanisch allenfalls als dritte Fremdsprache an. "Da gibt es Pfründen, die niemand aufgeben will", sagt Ursula Vences vom Spanischlehrerverband. So höre sie häufig Klagen, dass ihr Fach auf dem Stundenplan in die unbequemen Randzeiten verbannt werde. Mancherorts lässt sich auch kein Spanisch-Lehrer finden, der Markt ist leergefegt.

Umso mehr hat sich die Lobbyistin über das nordrhein-westfälische Kultusministerium geärgert, das künftigen Lehrern schlechtere Jobchancen mit Spanisch prognostiziert als mit Französisch.

Die Ministerialen schauten vor allem darauf, in welchen Fächern viele Lehrer in Pension gingen, kritisiert Vences, die objektive Nachfrage werde ignoriert. "Das entspricht erkennbar der Tradition, das Fach Französisch zu schützen."

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