AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2011

Schuldenkrise "Zurück zu den Ursprüngen"

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, 43, will trotz aller Widerstände der stabilitätspolitischen Linie seines Hauses treu bleiben. Er warnt vor den Risiken in der Bilanz der Europäischen Zentralbank. Und von der Politik fordert er eine klare Richtungsentscheidung zur Rettung des Euro.


SPIEGEL: Herr Weidmann, im vergangenen Februar gab Ihr Amtsvorgänger Axel Weber auf, Anfang dieses Monats trat Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der EZB, zurück. Wie lange werden Sie durchhalten?

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Heft 38/2011
Ein Papst lässt die Deutschen vom Glauben abfallen

Weidmann: Meine Amtsperiode als Bundesbankpräsident beträgt acht Jahre. Ich habe vor, diese Zeitspanne voll auszuschöpfen.

SPIEGEL: Viel Freude werden Sie dabei nicht haben. Die deutschen Notenbanker sind im EZB-Rat erkennbar isoliert.

Weidmann: Ich habe durchaus Freude an meiner Arbeit. Wir diskutieren über die Richtung der Geldpolitik in einer sehr schwierigen, komplexen Krisenlage. Dabei sehe ich mich in der Tradition der stabilitätspolitischen Prinzipien der Bundesbank, die auch von der deutschen Öffentlichkeit gestützt wird. Diese Position werde ich weiter in den EZB-Rat einbringen.

SPIEGEL: Es nützt nur nichts. Die beiden deutschen Mitglieder des EZB-Rats sind dagegen, die Anleihen hochverschuldeter Euro-Länder wie Griechenland, Portugal, Irland oder Italien anzukaufen. Doch in dieser Frage werden Sie seit Monaten von den Vertretern aus Südeuropa überstimmt.

Weidmann: Nur weil man nicht zu jedem Zeitpunkt eine Mehrheit für seine Position hat, sollte man nicht aufhören, sie zu vertreten.

SPIEGEL: Die Zahl Ihrer Verbündeten wird aber immer kleiner. Als Anfang August der EZB-Rat über den Ankauf italienischer Papiere beraten hat, sollen nur Sie und EZB-Chefvolkswirt Stark dagegen gestimmt haben.

Weidmann: Es gehört zu den Gepflogenheiten des Eurosystems, nicht über das Abstimmungsverhalten zu berichten. Meine Position zu den Ankäufen von Staatsanleihen ist ja hinlänglich bekannt. Grundsätzlich haben wir durch viele unserer geldpolitischen Maßnahmen dazu beigetragen, dass die Krise nicht eskaliert ist. Allerdings hat das Eurosystem dadurch beträchtliche Risiken in seine Bilanz genommen. Die gebotene Grenze zwischen Finanz- und Geldpolitik wird verwischt, und einzelne Maßnahmen sind mit besonderen Gefahren verbunden. Deshalb müssen diese Risiken zurückgeführt werden.

SPIEGEL: Es ging aber um eine akute Notlage, so sieht es jedenfalls die Mehrheit im EZB-Rat. Die Zinsen für italienische Staatsanleihen waren stark gestiegen, so dass die Funktionsfähigkeit der Kreditmärkte in Gefahr gewesen sei. Können Sie diese Sorgen nachvollziehen?

Weidmann: Natürlich kann ich diese Sorgen nachvollziehen. Deswegen muss ich aber nicht zu den gleichen Schlussfolgerungen kommen. Es geht auch um die Frage, welche Anreize wir mit unseren Entscheidungen setzen. Zinsen am Kapitalmarkt haben eine disziplinierende Wirkung. Und wenn die Geldpolitik in die Märkte eingreift, reduziert sie den Druck auf die betroffenen Regierungen, die notwendigen Reformen einzuleiten.

SPIEGEL: Aber es war doch das Drängen der EZB-Spitze, das die italienische Regierung auf Sparkurs gebracht hat. Zeigt das nicht, dass die EZB-Strategie durchaus erfolgreich ist?

Weidmann: Aus meiner Sicht zeigt sich in diesen Ereignissen vielmehr nachdrücklich, wie wirksam die Disziplinierung über steigende Kapitalmarktzinsen funktioniert. Eine Aushebelung dieses Anreizes ist problematisch. Und es darf keinesfalls der Eindruck entstehen, dass die Notenbank fiskalische Anpassungsprogramme in einzelnen Ländern aushandelt.

SPIEGEL: Sie stellen grundsätzliche Fragen über die Grenzen der Geldpolitik, wo es der EZB-Ratsmehrheit um den Bestand des Euro geht. Sind Ihnen Prinzipien wichtiger als der Erhalt der Gemeinschaftswährung?

Weidmann: Auch mir geht es um die Zukunft des Euro. Aber nur die Politik ist demokratisch legitimiert, Sparprogramme aufzulegen oder Rettungspakete zu schnüren. Wenn die Geldpolitik hier einspringt, führt dies dazu, dass die Finanzpolitik gar nicht oder zu spät handelt.

SPIEGEL: Das Problem ist aber, dass die EZB tatsächlich die einzig handlungsfähige Institution in der Krise ist. Die EZB soll lediglich eine Brückenfunktion übernehmen, bis der erweiterte Rettungsschirm in Kraft ist, der den Finanzpolitikern dann die nötigen Instrumente an die Hand gibt.

Weidmann: Auch ich fände es gut, wenn das andere Ende der Brücke rasch erreicht würde. Was wäre aber, wenn diese sogenannte Brücke ins Nichts führt? Es ist falsch und höchst gefährlich, wenn der Eindruck entsteht, dass die EZB der einzig handlungsfähige Akteur in der Krise ist. Die Finanzpolitik ist grundsätzlich handlungsfähig.



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Seite 1
doc 123 20.09.2011
1. Schon sehr merkwürdig....
Zitat von sysopBundesbank-Präsident Jens Weidmann, 43, will trotz aller Widerstände der stabilitätspolitischen Linie seines Hauses treu bleiben. Er warnt vor den Risiken in der Bilanz der Europäischen Zentralbank. Und von der Politik fordert er eine klare Richtungsentscheidung zur Rettung des Euro. http://www.spiegel.de/0,1518,787275,00.html
Da kommt Weidmann mit Merkels Gnaden in das Amt und spielt jetzt den konservativen Saubermann, der sich gegen Eurobonds und staatliche Rettungschirmgarantieren ohne entsprechende Sicherheiten sowie die unsäglichen Anleihenankäufe von Pleiteländern durch die EZB stellt und damit sich damit auch als "letzter" Retter der Geldwertstabilität aufspielt - eine Haltung letztlich exakt konträr zu der seiner ehemaligen Fördererin. Was man davon wohl zu halten hat, schon sehr merkwürdig!
inqui 20.09.2011
2. es scheint was in der Luft liegen
Zitat von sysopBundesbank-Präsident Jens Weidmann, 43, will trotz aller Widerstände der stabilitätspolitischen Linie seines Hauses treu bleiben. Er warnt vor den Risiken in der Bilanz der Europäischen Zentralbank. Und von der Politik fordert er eine klare Richtungsentscheidung zur Rettung des Euro. http://www.spiegel.de/0,1518,787275,00.html
Griechenanleihen im Kurz-/Mittelbereich verzeichnen seit einer Stunde erhebliche Kurszuwächse. Mal schauen was fürne Nachricht in der Pipeline ist.
wika 20.09.2011
3. Nettes Interview …
… nur was sollen wir denn als Erkenntnis daraus mitnehmen. Allenfalls dass der Herr ein Emanzipierter ist und sich rein gar nicht von der Politik gängeln lässt? Der ganze Rest seiner Aussagen ist doch austauschbar und klare Erkenntnisse wie die Krise zu meistern ist waren darin auch nicht enthalten. Vielleicht hätte man ihn mal nach der Funktion der Bundesbank bei Geldwachstum befragen sollen. Dann wäre vermutlich ans Licht gekommen, dass diese Institution eingedenk der wuchernden Geldmengen in den Geschäftsbanken rein gar keine Möglichkeit mehr hat hier zu intervenieren. Die Zentralbanken werden zwar noch als Feigenblatt der Geschäftsbanken benötigt, damit es immer ein klein wenig offiziell aussieht, aber nennenswerter Einfluss besteht da nicht mehr. Nur wenn es ans Retten der Geldmengen geht, dann dürfen die Zentralbanken nochmal eine Extraschicht Geld drucken. Insoweit brauchen wir auch nicht zurück zu den Ursprüngen dieses Systems, wir brauchen schlicht ein Neues. Aber da kann man in den Wald hineinrufen wie man möchte, die politische Gemeinde ist sich einig, dass man das bestehende System bis zum Anschlag ausreizen wird, sprich bis zur Vollendung der Umverteilung. Keiner hat den Arsch in der Hose jetzt die Notbremse zu ziehen und die Banken endgültig zu kastrieren, weil sie alle um ihre Pöstchen und Verbindungen fürchten. Es ist übrigens nicht das erste Mal das die Politiker ihr eigenes Volk sträflich über die Klinge springen lassen, obgleich die Entwicklung dahingehend absehbar war. Das passiert vorsätzlich und sträflich. Und aus letzterem leite ich ab, dass wir in Kürze nicht mehr den Euro haben werden, sondern wieder die Mark. Nein, nicht die DM 2.0 … wir langen ein wenig tiefer, es wird die neue *"Deutsche Knochen Mark"* werden … Link (büssl überzogen) (http://qpress.de/2011/09/12/euro-ade-deutschland-fuhrt-knochen-mark-ein/). Denn so sieht die Währung aus wenn es wieder daran geht die Zeche aus der Substanz zu bezahlen.
Dam 20.09.2011
4. Die Vereinigten Staaten von Europa
bringen uns Deutschen nur Nachteile! Warum? ganz einfach Es werden mehr Kompetenzen nach Brüssel verlagert. Und da gibt nicht mehr Deutschland die Richtung vor, sondern die Mehrheit - also Grichenland, Italien, Spanien, Portugal, Irland, Frankreich usw... Mehr Kompentenzen nach Brüssel wird zur Fogle haben, dass uns diese Staaten noch mehr reinreden.
deppvomdienst 20.09.2011
5. Quatsch mit Soße!
Zitat von sysopBundesbank-Präsident Jens Weidmann, 43, will trotz aller Widerstände der stabilitätspolitischen Linie seines Hauses treu bleiben. Er warnt vor den Risiken in der Bilanz der Europäischen Zentralbank. Und von der Politik fordert er eine klare Richtungsentscheidung zur Rettung des Euro. http://www.spiegel.de/0,1518,787275,00.html
Hohe Zinsen disziplinieren Regierungen? Dass ich nicht lache - weinen wäre sowieso richtiger! Mit hohen Zinsen verführt man den Staat zu einer prozyklischen Konjunkturpolitik: Zu Beginn eines Aufschwungs sind ja angeblich die Zinsen niedrig - dann soll die öffentliche Hand Verschuldung in Kauf nehmen? Am Beginn des Abschwungs, wenn die Zinsen hoch sind, soll sie sparen? Man muss wohl Bundesbanker im Elfenbeinturm sein, um so einen Blödsinn behaupten zu können! Die Krise in Griechenland oder Italien hat - zum Teil !!! - ja auch ihre Ursache darin, dass die neuen Kredite, die die alten ablösen, teurer sind. Jetzt rächt sich, in billigen Zeiten zuviele Schulden gemacht zu haben. Auch Herr Weidmann sollte wissen, dass stabilitätsorientierte Politik antizyklisch angelegt zu sein hat, weil Stabilität auch immer etwas mit Kontinuität, also auch mit Gleichmäßigkeit zu tun haben sollte. Hierzu kann die Zinspolitik gegenüber Staaten eben nichts beitragen, sondern schadet eher. Dass Politiker, in Zeiten billigen Geldes, dazu neigen, dass zyklusgebotene Sparen doch nicht durchzusetzen, steht dabei auf einem anderen Blatt.
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