AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2011

Verkehr Blitzende Mülleimer

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2. Teil: "Den Typ am Steuer kenne ich nicht"


Wenn die Kommunen ihre Rendite halten wollen, müssen sie sich zukünftig noch mehr ins Zeug legen. Denn die Autofahrer wehren sich. Häufig werden Navigationssysteme nun mit Blitzer-Meldern aufgerüstet, und Smartphone-Apps warnen per Piepston vor nahenden Starenkästen. Fahrzeugführer schließen sich im Internet zusammen, um Fotos von Kontroll-Autos zu posten. "Wir sorgen fürs Gleichgewicht", verkündet der Macher der Internetseite radarfalle.de.

Der Ordnungsbeamte Staude muss noch keine sinkenden Blitzer-Zahlen vermelden, der Traffistar hat einfach einen perfekten Standort. Als er Ende 2008 scharfgestellt wurde, dachte Staude, das Gerät werde pro Jahr "vielleicht 15.000-mal" auslösen und einen Verwaltungsaufwand produzieren, der keine Neueinstellungen nötig machen würde. Doch schon am vierten Tag saßen seine Leute vor 15.000 Fotos. Staude baute ein Team auf, um alle Fälle in der vorgeschriebenen Dreimonatsfrist bearbeiten zu können. So mietete die Stadt 380 Quadratmeter Bürofläche an und stellte 19 neue Mitarbeiter ein.

Sechs von Staudes Leuten kümmern sich um die etwa 6500 Digitalfotos, die jede Woche hereinkommen. In ihrem Büro steht eine Pinnwand mit den schönsten Beweisbildern: Nasenbohrer sind darauf zu sehen, ein Mann mit einer Katze auf dem Schoß, ein Bulli-Fahrer im Sekundenschlaf und eine Frau, die ihren Lidschatten nachzieht. Bei Tempo 185.

Noch vor zehn Jahren war beinahe die Hälfte der Bilder unbrauchbar, unter anderem weil die Linsen unter Regen litten. Oft waren nur teigige Fratzen zu sehen, die keinem Menschen gerichtsfest zugeordnet werden konnten. Heute sind die meisten Fotos dank besserer Technik gestochen scharf. Seine Crew verfüge über eine "gewisse Kreativität" bei der Jagd auf Temposünder, sagt Staude. Die sei besonders dann wichtig, wenn ein Einspruch eingehe - was meistens passiere, wenn der Fahrzeughalter nicht dem Fahrer entspreche. "Den Typ am Steuer kenne ich nicht", heiße es dann oft.

Früher wurde schon mal Gnade vor Recht gewährt, heute durchforsten Abteilungen wie die in Bielefeld die Facebook-Freundeslisten des Halters und suchen darin nach dem Raser. Bei ihrer Arbeit sind sie so gut, dass es sich bis nach Saudi-Arabien herumsprach. Kürzlich war eine 20-köpfige Delegation zu Besuch, die ins Blitzer-Business einsteigen will.

Mit einem Druck aufs Display wird die Raser-Gemeinde informiert

Für die arabischen Raser hat der Geschäftsmann Matthias Eifrig noch nichts im Programm, die deutschen kommen aber bei ihm voll auf ihre Kosten. Sein Büro in Hamburg-Wandsbek liegt in einem Betonklotz, direkt neben dem Honorarkonsulat von Uganda. Vor dem Haus steht Eifrigs Dienstwagen, ein Audi S8, der locker Tempo 250 macht. Mit ihm ist er kürzlich direkt vor der Haustür in einen Blitzer gerast.

Der Betriebswirt startete schon 1997 eine Internetseite, auf der die Nutzer Standorte stationärer und mobiler Blitzer melden konnten. Eifrigs Durchbruch kam aber erst mit dem Siegeszug moderner Navigation. Plötzlich konnte er seine Daten gewinnbringend einsetzen und Blitzer-Applikationen für GPS-Geräte an den Mann bringen. Mittlerweile vertreibt er zusätzlich auch noch Smartphone-Apps, etwa 3000 Stück am Tag. Die warnen die User nicht nur, sie nehmen auch jederzeit neue Hinweise auf. Wer einen Polizisten mit Laserpistole sieht, muss nur aufs Display drücken - schon wird die Raser-Gemeinde informiert.

Um Marktführer zu bleiben, beschäftigt Eifrig mittlerweile elf Mitarbeiter. Die werten die User-Meldungen aus und speisen sie in die Apps und Internetangebote ein. Nebenbei werden Blitzer-News im Radio gehört und Daten aus dem Ausland gesammelt, für Urlauber und Geschäftsreisende. Kürzlich ist einer von Eifrigs Kollegen 300 000 Kilometer weit durch ganz Europa und Nordafrika gefahren, um neue Informationen zu Kontrollanlagen zu recherchieren.

Der 37-Jährige macht nichts Verbotenes. Die Straßenverkehrsordnung untersagt dem "Führer eines Kraftfahrzeuges" zwar, "ein technisches Gerät betriebsbereit mitzuführen, das dafür bestimmt ist, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen". Das heißt: Smartphone-Apps dürfen zwar besessen, während der Fahrt aber nicht aktiviert werden, zumindest nicht vom Fahrer. Das gilt allerdings nicht für den Beifahrer. "Es ist das gleiche Problem wie beim Kauf eines schnellen Autos", sagt Eifrig, "der Besitzer muss entscheiden, was er mit dem Ding macht."

Bisher haben die deutschen Ordnungsämter und Polizeien dank klandestiner Kontrolltechnik noch die Nase vorn im Kampf gegen die Raser und ihre Apps. Sie leiden eher unter schnödem Vandalismus. Linsen werden regelmäßig mit Farbe zugesprayt, Starenkästen in Brand gesetzt. Doch die Blitzer-Technik ist deutlich stabiler geworden.

Kürzlich wurde ein Anschlag auf ein Kontrollgerät im Kreis Düren verübt. Ein vermeintlicher Temposünder klaute einen Traktor und riss das Gerät kurzerhand aus dem Betonsockel. Vergebens. Die Daten auf der Festplatte des Blitzers blieben unversehrt.



insgesamt 372 Beiträge
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olm 29.09.2011
1. Wozu die Aufregung?
Einfach an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten und keine roten Ampeln überfahren. Dann kostets keine Cent mehr
NeZ 29.09.2011
2. "weiterleiten"
Habe lange nicht mehr einen so interessanten Artikel gelesen, werde den Link hierzu umgehend an Kollegen weiterleiten.
jitori 29.09.2011
3. Wo ist das Problem?
Bei der immer noch geringen Blitzerdichte, den technischen Möglichkeiten zur Umgehung und den lächerlich niedrigen Bußgeldern ... alles halb so wild. Der Mann vom Ordnungsamt hat schon recht: niemand muß rasen. (Meine letzten "Blitze" waren stets nur Kosmetik, denn bei gerade mal 60 in einem Tempo-50-Bereich scheint noch niemand einen Strafzettel ausstellen zu wollen. Wer in der Stadt schneller fährt, hat die Strafe auch verdient.)
Mangu 29.09.2011
4. titellos
"Das Gerät ist zu einer unverzichtbaren Einnahmequelle für die Stadt geworden." Wenn man sowas liest, dann kann es der Stadt nicht wirklich darum gehen, dass die Leute langsamer fahren. Strafzahlungen sollten nicht als Einnahmequelle betrachtet werden, sondern als Abschreckung dienen oder wenn das Gesetz schon übertreten wurde ein erneutes übertreten unwahrscheinlicher machen. Sollte dies nicht gewährleistet werden können und der Blitzer bringt immernoch genausoviele Einnahmen (also keine ausreichende Reduzierung der Raser, die ja nur vorgenommen werden sollte, weil eine bestimmte Gefahrensituation vorherrscht), sollte besser über alternative Möglichkeiten nachgedacht werden, die Autofahrer zu zügeln, z.B. bessere Hinweisschilder, Bodenschwellen, Tafeln, die die momentane Geschwindigkeit anzeigen etc...
JaguarCat 29.09.2011
5. Und die Bearbeitung der ganzen Fotos kostet nichts?
Vom 08/15-Bußgeld von 15 Euro für 5 bis 9 km/h zu schnell werden die Städte nicht reich, wenn man den Verwaltungsaufwand gegenrechnet: Blitzer aufstellen und eichen, später dann Fotos prüfen, Nummern identifizieren, Bußgeldbescheide rausschicken, Geldeingang prüfen usw. usf. Erst bei mehr als 20 km/h zu schnell heißt es richtig "Zahlemann und Söhne", ist dann aber auch richtig gerechtfertigt, zumal, wenn man innerorts so schnell fährt.
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