AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2011

SPIEGEL-GESPRÄCH "Ich fürchte weitere Anschläge"

3. Teil: "Der schwierigste Herzinfarkt war mein erster"


SPIEGEL: Und Ihre größten Erfolge?

Cheney: "Desert Storm", der Krieg gegen den Irak 1991, war ein entscheidender Erfolg: Wir haben Saddam aus Kuwait vertrieben. Und der größte Erfolg ist, dass die Bush-Regierung verhindert hat, dass es nach dem 11. September weitere Anschläge gab.

SPIEGEL: Der Journalist Bob Woodward hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie Ihre Lektionen nicht gelernt hätten. Sie waren 2007 überzeugt, Syrien würde ein Atomwaffenprogramm aufbauen. Sie wollten bombardieren, aber als Bush fragte "Wer ist einer Meinung mit dem Vize?", hob niemand die Hand.

Cheney: Was glauben Sie denn, was die Syrer hatten?

SPIEGEL: Die Geheimdienstinformationen waren damals nicht eindeutig.

Cheney: Nein, die waren klar. Sie zeigten, dass in der syrischen Wüste ein Nuklearreaktor stand. Und es gab kein Elektrizitätsnetz. Deshalb handelte es sich aus meiner Sicht um einen Reaktor, der genutzt werden sollte, um Plutonium für Nuklearwaffen zu produzieren. Ich war für einen Militärschlag der USA. Der Präsident wollte diesen Weg nicht gehen und setzte lieber auf Diplomatie. Die Israelis, die offensichtlich nicht so sehr an Diplomatie interessiert waren, lösten das Problem militärisch. Ich denke, sie erzielten ein gutes Ergebnis.

SPIEGEL: Würden Sie heute Syrien wieder bombardieren wollen?

Cheney: Wieso? Weil sie einen neuen Reaktor haben wollen?

SPIEGEL: Wegen der Verletzung der Menschenrechte durch das Regime von Baschar al-Assad?

Cheney: Sie würden also gegen Syrien vorgehen, wenn es Menschenrechte verletzt, aber nicht, wenn es Atomwaffen produzieren will?

SPIEGEL: Nein, würden wir nicht. Uns würde Ihre Meinung interessieren.

Cheney: Es wäre gut, wenn Assad ginge. Aber ich würde mich im Moment nicht dafür aussprechen, Syrien zu bombardieren. Unsere größte Bedrohung ist nach wie vor der Terrorismus. Das nächste Mal, wenn Terroristen einen Anschlag auf die USA verüben, werden sie eine Nuklearwaffe oder biologische Waffen haben, und die Zahl der Opfer wird vielleicht bei mehreren Hunderttausenden liegen. Wir können darüber nachdenken, wie nett wir zu Leuten von al-Qaida sein müssen, aber das ändert nichts daran, dass einige der schlimmsten Regierungen der Welt Verbindungen zu Terrororganisationen haben und Waffen entwickeln können, die eine tödliche Bedrohung für die USA und Europa sind.

SPIEGEL: Sie gehen in Ihren Memoiren "In My Time" mit einigen Mitgliedern der Bush-Regierung hart ins Gericht, vor allem mit Colin Powell und Condoleezza Rice.

Cheney: (lacht) Nein, das tue ich nicht.

SPIEGEL: Da gibt es dann wohl Missverständnisse. Frau Rice war erbost, weil Sie sie als Heulsuse hingestellt haben.

Cheney: Ich habe niemals gesagt, dass sie geheult habe.

SPIEGEL: Sie beschreiben, wie sie "tränenreich" in Ihr Büro kommt und Ihnen recht gibt.

Cheney: Ich wollte nach bestem Wissen meine Erinnerungen niederschreiben. Die Geschichte, die ich in Bezug auf Ministerin Rice erzähle, ist korrekt.

SPIEGEL: Es gibt bewegende Passagen in Ihrem Buch. Als Junge erlebten Sie, wie Großvater Richard an einem Herzinfarkt starb ...

Cheney: ... ich war 14 ...

SPIEGEL: ... und mit 37 Jahren erlitten Sie Ihren ersten Herzinfarkt. Vier weitere Infarkte und vier Bypässe folgten. Was hat das mit Ihnen gemacht, leben Sie in ständiger Angst?

Cheney: (zeigt auf den Akku seiner Herzpumpe, der in seiner Jackentasche steckt) Ich laufe jetzt mit so etwas herum. Der schwierigste Herzinfarkt war mein erster. Ich war ein starker Raucher. Ich habe 20 Jahre lang geraucht, drei Päckchen pro Tag. Ich führte gerade meinen ersten Wahlkampf, um ins Repräsentantenhaus gewählt zu werden, und bin mitten in der Nacht aufgewacht. Ich hatte ein Kribbeln in zwei Fingern, keine Brustschmerzen; ich habe bei Freunden übernachtet, und die haben mich dann ins Krankenhaus gefahren. Dort fiel ich in Ohnmacht.

SPIEGEL: War es nicht verrückt, danach in die Politik einzusteigen?

Cheney: Ich stand vor der Frage, ob ich meine Karriere aufgeben und den Wahlkampf absagen sollte. Aber mein Arzt sagte: "Nein. Harte Arbeit hat noch niemanden getötet." Ich habe mit dem Rauchen aufgehört und mit Sport begonnen, esse gesund und lebe mein Leben, wie ich es leben wollte.

SPIEGEL: Sie denken nicht ständig an Ihr Herz?

Cheney: Nein. Mein Herz wurde erst wieder ein Problem, als ich 2009 nicht mehr Vizepräsident war. Ich bekam Kammerflimmern: Das Herz schlägt nun schnell, aber unregelmäßig. Ein paar Monate später hatte ich meinen fünften Herzinfarkt, der eher glimpflich war, aber mein Herz ist so schwach, dass es nicht mehr meine Nieren, meine Leber und andere lebenswichtige Organe versorgen kann. Darum haben sie mir eine Herzpumpe eingepflanzt. Es ist ein Wunder. Ich habe die Pumpe nun seit 14 Monaten und muss immer den Akku aufladen. (Cheney zieht ihn aus der Jackentasche, der Apparat piept. Cheney lacht.) Keine Angst, er explodiert nicht.

SPIEGEL: Hatten Sie Angst, Sie könnten Ihre Memoiren nicht beenden?

Cheney: Nein.

SPIEGEL: Keine ständigen Gedanken an die Sterblichkeit des Menschen?

Cheney: Nein. Mit solchen Fragen habe ich mich nach meinem ersten Herzinfarkt auseinandergesetzt und danach nicht mehr. Die Technologie ist meiner Krankheit immer um einige Monate voraus geblieben. Meine Zeit ist begrenzt, aber ich hatte viel Glück, dafür bin ich dankbar.

SPIEGEL: Wenn Sie auf Veranstaltungen Menschen erleben, die Sie "Massenmörder" und "Kriegsverbrecher" nennen, trifft Sie das, oder ist es Ihnen egal?

Cheney: Wenn Sie Vizepräsident der Vereinigten Staaten sind, dann können Sie sich sicher sein, dass die Leute sich mehrmals pro Woche über Sie lustig machen oder Sie voller Abscheu hassen. Glauben Sie mir: Man muss einfach seinen Job weitermachen.

SPIEGEL: Mr. Vice President, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und Marc Hujer



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lotharschepers 27.09.2011
1. Hier habe ich abgebrochen
Zitat: "Cheney: Es war keine Folter, es war ein Programm, das wir mit großer Vorsicht zusammengestellt haben. Alle Vernehmungstechniken haben wir an unseren eigenen Leuten im Training erprobt. Sie wurden von Präsident George W. Bush, dem Nationalen Sicherheitsrat, dem Justizministerium genehmigt, und sie standen im Einklang mit internationalen Verpflichtungen und Abkommen. Und trotzdem wollte die Regierung Obama gegen die Leute ermitteln, die diese völlig legalen Vernehmungen durchgeführt hatten." Ich kann gar nicht soviel ko.... wie ich gerne würde.
kurtwied, 27.09.2011
2. Entgegen der Ankündigung ...
Im Artikel wird getan, als ob jetzt ein großes Skandalinterview kommt. Es zeigt aber nur, dass der Spiegel offensichtlich schlecht informiert ist und nichts anderes als alte Vorurteile und Überheblichkeiten bringt - und dafür von Cheney sachlich ausargumentiert wird. Ich hatte in National Geographic einen Bericht über Guantanamo gesehen - er deckt sich mit Cheneys Beschreibungen. Eine EU Delegation hatte Guantanamo besucht und ein belgischs Mitglied meinte, der Standard ist höher als in Belgien. Es zeigt wirklich, wieviel Lügen und durch Amerika-Hass geschürte Vorurteile dieses Thema in Europa begleiten. Ganze 3 Terroristen haben Waterboarding erfahren? Unglaublich, wie in Europa geheuchelt wird ..
flower power 27.09.2011
3. Dann wünsch ich dem alten ......
jeden tag 20 Minuten davon.... ist doch nur für seine wellness....
clear51 27.09.2011
4. Befrreiung des Irak kann nicht völkerrechtswidrig sein !
Wie man allen Ernstes behaupten kann, Saddam Hussein hätte keine Massenvernichtungswaffen gehabt, ist mir schleierhaft. Er hatte welche und er hat sie eingesetzt gegen das eigene Volk, hat Kurden und Schiiten vergast. Wie kann man nur behaupten, die Befreiung des Irak wäre Völkerrechtswidrig gewesen ? Das Völkerrecht ist doch nicht dazu da, Massenmörder, Kriegsverbrecher und Diktatoren zu beschützen. Ich stimme mit Cheney vollkommen überein.
Björn Borg 27.09.2011
5. Zweierlei Maß bei Recht und Moral
Zitat von sysopDer ehemalige amerikanische Vizepräsident Dick Cheney, 70, über den Kampf der Bush-Regierung gegen den Terror, die Unzuverlässigkeit von Verbündeten und seine Scheu, Kanzlerin Angela Merkel zu loben http://www.spiegel.de/0,1518,788454,00.html
Wie wäre es mit einer Anklage in Den Haag wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit?
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