Integration Hässliche Heimat

Der deutsch-türkische Anwalt Mehmet Daimagüler galt lange als Vorzeigezuwanderer. Nun rechnet der frühere FDP-Mann mit Staat und Gesellschaft ab.

Mehmet Daimagüler, 43, tritt auf den Balkon seiner Anwaltskanzlei in Berlin-Charlottenburg. "Wäre es nach den Lehrern und Beamten gegangen, wäre ich nicht hier oben." Er blickt auf die Straße hinab. "Ich würde Döner verkaufen oder säße vielleicht im Gefängnis."

Daimagüler, Sohn türkischer Gastarbeiter, hat es von der Hauptschule bis nach Harvard geschafft, er war Berater bei Boston Consulting und Mitglied des Bundesvorstands der FDP. Doch er sagt: "Meine Geschichte ist keine Erfolgsgeschichte."

Nun hat er sie aufgeschrieben. Es ist die Biografie eines der erfolgreichsten Zuwanderer des Landes - und eine Abrechnung mit der deutschen Integrationspolitik. "Der Staat hat Einwanderung gefördert, aber Integration jahrzehntelang verhindert", sagt Daimagüler, "unser System ist eine moralische Bankrotterklärung."

Ende Oktober jährt sich das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 50. Mal. Die Türken haben die deutsche Wirtschaft gestärkt, sie stellen Dutzende Millionäre, Künstler, Politiker. Und doch sind viele in der neuen Heimat noch immer nicht angekommen. Die Kinder und Enkel der Gastarbeiter sind oft schlechter integriert als ihre Eltern.

Nicht der übliche Klagebericht

Daimagüler tritt in diesen Tagen in Schulen auf und in Messehallen. In seinem Buch schreibt er über die Brüche in seinem Leben, über Gewalt in der Familie, Rassismus im Alltag.

Es ist nicht der übliche Klagebericht überforderter Sozialarbeiter oder die Analyse besorgter Soziologen. Hier teilt ein erfolgreicher Zuwanderer gegen Staat und Gesellschaft aus. Denn eine Erfahrung verbindet den Anwalt mit Millionen Migranten, mit Unternehmern, Regisseuren, den Gemüsehändlern in Neukölln. Er fühlt sich in Deutschland als Außenseiter.

Seine Eltern kamen in den sechziger Jahren aus Istanbul nach Westfalen. Der Vater verdiente Geld als Stahlarbeiter bei Krupp. Für die Familie stand fest: Irgendwann würden sie in die Türkei zurückkehren. Ihr Leben in Deutschland empfanden sie nicht als ihr wirkliches Leben. Es war ein Provisorium. Daimagüler erinnert sich, dass seine Eltern auf Bitten, etwa nach einem Fahrrad, stets dieselbe Antwort gaben: "Türkiye'ye temelli gidince" ("Wenn wir für immer zurück in die Türkei gehen"). Die ersten Gastarbeiter bereiteten ihre Kinder und Enkel nicht auf eine Zukunft in Deutschland vor.

Die Politik hat dieses Versäumnis nicht ausgeglichen. Sie nahm an, dass die Menschen, die man ins Land geholt hatte, es auch irgendwann wieder verlassen würden. "Wir hatten keine Vorbilder, niemanden, den wir hätten um Rat fragen können", sagt Daimagüler.

In der Schule schikanierten ihn Mitschüler, Lehrer demütigten ihn. Nach der Grundschule stand fest, dass er nicht aufs Gymnasium wechseln würde - trotz guter Noten. Daimagüler verachtete seinen Vater: für die Demut gegenüber den Behörden, das schlechte Deutsch. Der Halbbruder wurde kriminell, mit 14 stand er das erste Mal vor Gericht. Mit Anfang 20 wurde er ausgewiesen.

Daimagüler litt unter Depressionen, die er mit Alkohol betäubte. Selbsthass quälte ihn auch dann noch, als er nach Haupt-, dann Realschulabschluss und schließlich doch Abitur in Bonn Jura studierte. Daimagüler sagt, er habe seine Kommilitonen stets um ihre Gelassenheit beneidet.

"Du musst besser als die Deutschen sein"

Er selbst konnte seine Aggressionen nur schwer kontrollieren. "Mit etwas weniger Glück wäre es mir ergangen wie meinem Halbbruder." Sein Ehrgeiz habe ihn gerettet. "Wenn du es als Türke in Deutschland schaffen willst, musst du besser als die Deutschen sein", mahnte die Mutter später.

Viele Einwanderer resignieren. Fast ein Drittel der Männer ausländischer Herkunft zwischen 25 und 35 besitzt keinen Berufsabschluss. Dabei ist Deutschland zunehmend auf sie angewiesen. In wenigen Jahren wird ihr Anteil bei den unter 40-Jährigen in vielen westdeutschen Großstädten bei 50 Prozent liegen.

Daimagüler fordert eine Bildungsoffensive ähnlich wie in den siebziger Jahren, als Hunderttausende Arbeiterkinder an die Universitäten strömten. Die Erziehung müsse schon im Kindergarten mit Sprachkursen beginnen. Und sich in der Schule fortsetzen. Klassen, in denen ausschließlich Kinder ausländischer Herkunft unterrichtet würden, schadeten der Integration.

Die Selbstverständlichkeit, mit der bis heute von "wir" und "ihr" gesprochen werde, entsetze ihn, sagt Daimagüler. Migranten dürften bei der Jobsuche nicht länger benachteiligt werden. Im Gegenzug müssten sie sich stärker in die Gesellschaft einbringen.

Moderne Integrationspolitik, glaubt er, sei für Deutschland überlebensnotwendig. Nach Voraussagen des Forschungsinstituts Prognos werden der Bundesrepublik im Jahr 2015 fast drei Millionen Arbeitskräfte fehlen. Ohne die Kinder und Enkel der Gastarbeiter wird es nicht gehen.

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