AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2011

Regisseure "Künstler sind wie Seelenärzte"

Der Regisseur David Cronenberg über seinen Freud-Film "Eine dunkle Begierde", die revolutionäre Kraft der Psychoanalyse und den Einfluss der freudschen Erkenntnisse über die menschliche Seele auf die Filme des 20. Jahrhunderts.

Universal Studios

SPIEGEL: Mr. Cronenberg, Ihr Film beginnt damit, dass die Schauspielerin Keira Knightley von einem Anfall gepeinigt wird: Minutenlang brüllt sie herum, windet sich in Krämpfen, um zu zeigen, wie eine psychisch kranke Frau leidet. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

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Heft 45/2011
Triumph und Tragödie eines Preussenkönigs

Cronenberg: Keineswegs. Denjenigen, die das zu hysterisch finden, kann ich nur sagen: Liebe Kritiker, ich habe einen Film gedreht, der von Hysterie handelt! Der muss hysterisch anfangen. Ich habe mir zusammen mit Keira Knightley eine Menge alter Fotografien angeschaut, auf denen Hysteriekranke zu sehen sind. Diese Fotos sind schockierend, fast unerträglich, weil die Gesichter der Menschen darauf oft schrecklich entstellt sind. Im Vergleich dazu ist der Film eher zurückhaltend. Vielleicht ist es ganz natürlich, wenn sich der Zuschauer erst mal denkt, o Gott, hoffentlich wird nicht der ganze Film so wie dieser Anfang. Aber Keira Knightley spielt nun mal eine Frau, die dringend Hilfe braucht.

SPIEGEL: Ihr Film "Eine dunkle Begierde" erzählt die historisch verbürgte Geschichte der Sabina Spielrein, die erst Patientin war und dann selber Psychoanalytikerin wurde, und den Kampf zwischen dem Vernunftmenschen Sigmund Freud und dem Mystiker Carl Gustav Jung um diese schöne Frau. Und dann thematisiert der Film vor allem das Ringen der beiden um die Prinzipien der Psychoanalyse, was als Filmstoff etwas merkwürdig klingt.

Cronenberg: In meinen Augen sind die Entdeckungen Freuds und Jungs ein welterschütternder Augenblick, ein Glanzpunkt in der Geschichte der Menschheit. Ich glaube, dass sich ihre Wirkung nur mit dem Erdbeben vergleichen lässt, das Charles Darwin ausgelöst hat. Durch Freud lernten die Menschen die Welt und ihr eigenes Handeln neu begreifen. Sie lernten, dass in unserem Inneren Triebe und Kräfte herrschen, über deren Macht man sich zuvor keine Vorstellung gemacht hatte. Freud enthüllte auf völlig neue Art die Lust und den Schrecken der Sexualität. Das revolutionierte das Denken des modernen Menschen, und es verstörte viele zutiefst. Deshalb wird über die Lehren Freuds und seiner Schüler auch bis heute ähnlich unerbittlich gestritten wie über die Lehren Darwins. Für mich ist die Geburtsstunde der Psychoanalyse ein Glücksmoment auch für die Kunst.

SPIEGEL: Warum?

Cronenberg: Ich finde, es gibt eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen dem, was Freud und Jung taten, und dem Job, den Künstler machen: Künstler sind wie Seelenärzte, sie wollen herausfinden, was es mit der menschlichen Natur auf sich hat, und die verborgenen Antriebe erkunden, die im tiefsten Inneren wirken. Und viele Menschen, die keine Künstler und keine Seelenärzte sind, finden das unangenehm.

SPIEGEL: Und was wollen Sie Ihre Zuschauer über diese geheimen Antriebskräfte lehren?

Cronenberg: Sie irren sich. Ich mache keine Filme, um irgendjemanden etwas zu lehren. Ich mache Filme, um selbst etwas zu lernen, um etwas herauszufinden. Freud beschäftigt mich schon lange. Während meiner Studienzeit in Toronto gehörte es für jeden neugierigen jungen Menschen zur Allgemeinbildung, die Freud-Essays und auch seine "Traumdeutung" zu lesen. Das machte Spaß. Freud war nicht nur ein Entdecker, sondern auch ein großartiger Stilist.

SPIEGEL: Wie stark sind Sie und Ihre Filme von den Lehren und Erkenntnissen der Psychoanalyse beeinflusst?

Cronenberg: Ich habe keine Analyse gemacht, mit deren Hilfe ich dann meine Filme gedreht habe, wenn Sie das meinen. Anders als Bernardo Bertolucci, der gesagt hat, er benutze die Psychoanalyse ganz unmittelbar als Grundlage für seine Arbeit als Regisseur. Ich behaupte, mir werden Sie keinen direkten Einfluss nachweisen können. Andererseits ist die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts in großem Maße geprägt von Sigmund Freud. Schauen Sie sich die Bilder von Salvador Dalí an oder die Filme von Alfred Hitchcock: Phallussymbole überall, hier und da ein Ödipuskomplex, und in "Vertigo" geht es vor allem um den Kampf gegen ein Trauma.



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Peter Werner 09.11.2011
1. --
Cronenberg ist einer der letzten "großen" Filmemacher im positiven Sinne. Die nüchterne Präzision seiner Werke kann streckenweise durchaus mit der Genialität eines Kubrick verglichen werden. Leider steht eines seiner eindruckvollsten Frühwerke, Videodrome, nach wie vor auf dem Index der BPJM und unterliegt somit weitgehenden Vertriebs- und Aufführungsverboten. Von Kunstfreiheit kann in unserem Land (leider) keine Rede sein.
super_nanny 09.11.2011
2. #
---Zitat von Cronenberg--- In meinen Augen sind die Entdeckungen Freuds und Jungs ein welterschütternder Augenblick, ein Glanzpunkt in der Geschichte der Menschheit. Ich glaube, dass sich ihre Wirkung nur mit dem Erdbeben vergleichen lässt, das Charles Darwin ausgelöst hat. ---Zitatende--- Freud würde ich eher mit den Kreationisten vergleichen. Wenn schon solche Vergleiche nötig sind, dann würde ich eher Emil Kraepelin mit Darwin auf eine Stufe stellen.
Salochin 09.11.2011
3. Die Psychoanalyse
Zitat von sysopDer Regisseur David Cronenberg über seinen Freud-Film "Eine dunkle Begierde", die revolutionäre Kraft der Psychoanalyse und den Einfluss der freudschen Erkenntnisse über die menschliche Seele auf die Filme des 20. Jahrhunderts. http://www.spiegel.de/0,1518,796050,00.html
wird nur von denen gefeiert, die zu dieser realitäsabgewandten und eben auch faschistischen Sekte gehören und von denen, die nicht wissen worüber sie reden. Oder: meistens beides. Die Grundlagen der Hypothesen des Cocainisten Freud, angefangen von der Strukturtheorie und seiner aus Unkenntnis völlig überbewerteten Traumtheorie sind entweder längst widerlegt oder aber nicht beweisbar. Sie haben damit die gleiche Relevanz wie die Wunder Christi und andere nur auf Annahmen, und durch keinen Gegenbeweis zu korrigierenden Überzeugungen und nichts mit einer wissenschaftlich aus überprüfbaren Fakten hergeleiteten Theorie wie der Charles Darwins zu tun. Die Hypothesen Freuds sind in der Realität, in der Abertausende Psychoanlytiker auf Kosten der Allgemeinheit ihre "Patienten" manchmal jahrzehntelang auf Couches und in Therapiegruppen quälen, ohne selbst eine echte eigene Idee vom Leben oder wenigstens eine nachprüfbare Heilmethode zu haben, reiner Hokuspokus. Ein Film über Hysterie, der an der Theorie, dass es die Wirkung des Unterleibs auf die "Seele" sei, der die Frauen schreien ließ und nicht ihre psychischen Qualen, die wohl sehr oft ihren Grund in schwereren Störungen als der von Freud erdachten "Neurose" hatten, ist selbst nicht mehr als hysterisch und .. dumm. Cronenberg outet sich mit Interview und Film als Analysant und Einfaltspinsel, der sich offenbar den Luxus leisten kann, in kitschigen Luftschlössern zu leben.
super_nanny 09.11.2011
4. Freud vs Wissenschaft
---Zitat von Cronenberg--- Ich glaube, seine Theorien werden vor allem deshalb angefeindet und für nichtig erklärt, weil es bis heute keine wissenschaftlich exakte Methode gibt, die Wirkung der Psychoanalyse zu messen. In der Wissenschaft gilt, dass ein Experiment an jedem Ort und zu jeder Zeit zu wiederholen sein muss. Das geht mit Menschen nicht. ---Zitatende--- Nein. Das Hauptproblem bei Freud ist, dass seine Theorien nicht darauf angelegt sind, dass man sie falsifizieren oder bestätigen kann, deswegen ist es keine Wissenschaft. Es ist so wie wenn jemand sagt 'Es gibt Gott'. Das mag stimmen oder auch nicht, aber man kann daraus nie ein Experiment ableiten um das zu beweisen oder zu falsifizieren. Deshalb ist es aus wissenschaftlicher Sicht uninteressant ob es Gott oder z.B. einen Todestrieb gibt. Aber: Man kann z.B. die psychoanalytische Therapie empirisch untersuchen! Meines Wissens ist das Ergebnis, dass sie nicht besser abschneidet als andere Therapieformen wie z.B. Verhaltenstherapie. Das läßt vermuten, dass der Erfolg der analytischen Therapie nicht auf dem Theorie-Gebäude der Psychoanalyse, sondern auf anderen Effekten (Placebo, Regression-zur-Mitte, Störvariablen usw.) basiert.
cascada 09.11.2011
5. .
David Cronenberg ist ein sehr angenehmer Zeitgenosse, der gerade bei der Arbeit nicht die Nerven verliert wenn Probleme auftreten. Seine ruhige aber höchst konzentrierte Art die Dinge anzugehen zeigt sich in der hohen Motivation seines Teams. Davon konnte ich mich letztes Jahr bei den Dreharbeiten zum Film selbst überzeugen, es war wahrhaft faszinierend. Auf das Endergebnis bin ich sehr gespannt.
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