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Deutsche Bank: Kampf um Joes Erbe

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Deutsche Bank Kampf um Joes Erbe

Zum Ende der Ära Ackermann bietet die Deutsche Bank ein Bild der Zerrissenheit. Seine Nachfolger wollen den Konzern umkrempeln, mehrere Spitzenmanager werden wohl gehen. Doch die Pläne stoßen auf Widerstand. Jetzt kommt es auf einen alten Konkurrenten an.

Paul Achleitner, 55, saß in seinem Büro im dritten Stock der Allianz-Zentrale, als Anfang November das Telefon klingelte. Von seinem Platz aus kann der Finanzvorstand des Versicherungskonzerns in den herbstlichen Englischen Garten blicken. Jetzt sprach er mit einem, der ihn aus der Münchner Idylle in einen Bankenturm nach Frankfurt locken wollte: Clemens Börsig. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank war auf der Suche nach seinem Nachfolger.

Kurz zuvor war Werner Wenning, Mitglied des Nominierungsausschusses in dem Kontrollgremium, auf Börsig zugekommen. Er hatte Neuigkeiten von Josef ("Joe") Ackermann, 63. Der Bankchef stehe für den Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats nicht mehr zur Verfügung.

Von da an ging alles sehr schnell. Wenning, einst Chef des Pharmakonzerns Bayer, brachte den Namen Achleitner ins Spiel. Schon vor fast einem Jahr hatte der Nominierungsausschuss über den Allianz-Mann gesprochen. Damals überlegten die Aufsichtsräte, ob der Österreicher einer für die Ackermann-Nachfolge an der Vorstandsspitze wäre. Doch sie verwarfen die Idee.

Einige Führungsturbulenzen später fanden die Deutsche Bank und Achleitner zusammen. Er traf sich mit Börsig und konsultierte seine Frau, die Finanzprofessorin Ann-Kristin Achleitner. Michael Diekmann, Allianz-Chef und enger Vertrauter Achleitners, signalisierte ebenso seine Zustimmung wie die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Karin Ruck vom Arbeitnehmerlager der Bank.

Nach zwei Tagen stand Achleitners Entscheidung fest: Für ein Jahresgehalt von etwa 270.000 Euro, rund fünf Prozent seines letzten Vorstandssalärs, wird er Deutschlands einzige Bank von Weltrang beaufsichtigen. Diese Herausforderung reizt ihn. Die Wahl auf der Hauptversammlung am 31. Mai gilt als Formsache.

Die Personalie Achleitner ist das vorläufige Ende eines zweieinhalbjährigen Machtkampfs an der Spitze der Deutschen Bank. Erbittert hatte Ackermann versucht, an der Spitze des Hauses einen Nachfolger seiner Wahl durchzusetzen. Als das misslang, wollte er an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln, um weiter Einfluss auf die Entwicklung des Geldhauses zu nehmen. Nun ist auch dieser Plan gescheitert.

Das Gezerre wirft einen Schatten auf die Ära Ackermann, die lange als eine der besten Phasen für die Bank galt. Der Streit um Ackermanns Nachfolge beschädigte Vorstände, die als mögliche Kandidaten gehandelt worden waren. Und er verzögerte wichtige Weichenstellungen.

Ausgerechnet in einer Zeit, da die Branche eine existentielle Krise durchlebt, gibt die Deutsche Bank ein Bild innerer Zerrissenheit ab. Die Staatsschuldenkrise könnte schon bald Finanzkonzerne in den Abgrund reißen, neue Regularien stellen die Geschäftsmodelle in Frage, Wutbürger kampieren in den Finanzzentren der Welt - doch die Deutsche Bank kreist um sich selbst.

Arbeitnehmervertreter fürchten, dass Jain zu dominant werden könnte

Mancher Konflikt wurde lange durch die Erfolge der Bank und die Dominanz Ackermanns kaschiert. Zuletzt aber setzten Fliehkräfte ein, jeder kämpfte für sich. Während Ackermann immer mehr wie ein Politiker agierte und sich auf der Weltbühne als Krisenmanager profilierte, wuchs intern der Verdruss.

"Es gibt in der Bank einen großen Hunger nach Veränderung und Demokratisierung", sagt ein Insider. Achleitner soll ihn gemeinsam mit der designierten Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen stillen. Aber kann das gelingen? Droht nicht vor allem neuer Streit und eine Lagerbildung, wenn sich die Investmentbanker um Jain scharen und die Traditionalisten um Fitschen? Im Umfeld der beiden neuen Chefs heißt es, sie verstünden sich gut und seien entschlossen, an einem Strang zu ziehen.

Doch während Jain, 48, seit vielen Jahren das Investmentbanking leitet und Tausende Mitarbeiter unter sich hat, fehlt Fitschen eine solche Hausmacht. Außerdem soll der 63-Jährige schon in drei Jahren wieder abtreten. Bald könnte die aufreibende Suche nach einer Nachfolgeregelung erneut beginnen. Von Anfang an könnte Jain zu dominant werden, fürchten Arbeitnehmervertreter. Gute Voraussetzungen für einen harmonischen Neustart sind das nicht. Noch schlechter aber wären sie wohl gewesen, hätte über Jain und Fitschen noch der Übervater Ackermann als Aufsichtsratschef gethront.

Seit klar ist, dass er geht, arbeiten seine Gegner mehr denn je an seiner Demontage - zumal sein Abgang auch noch durch ein Ermittlungsverfahren im Fall Kirch überschattet wird. Am 8. November durchsuchte die Staatsanwaltschaft deshalb sogar sein Vorstandsbüro in Frankfurt.

Zu diesem Zeitpunkt aber war Ackermanns Entscheidung längst gefallen. In Gesprächen mit Großinvestoren hatte er feststellen müssen, dass der Widerstand gegen seinen Wechsel in den Aufsichtsrat viel zu groß ist. Selbst die bankeigene Fondsgesellschaft DWS wollte aufgrund der Regeln für gute Unternehmensführung nicht für Ackermann stimmen.

Auch innerhalb der Bank hatte sich zunehmend Widerstand gegen den Chef formiert, der in den Augen seiner Gegner schlicht abgehoben war. Pausenlos jettete er als Präsident des internationalen Bankenverbands IIF um den Globus. Regierungschefs in Athen, Brasilia, Peking und auch in Berlin schätzten seinen Rat, wollten von ihm wissen, wie die Finanzmärkte ticken. Ackermann kümmere sich nicht mehr genügend um das Geschäft, sondern nur noch um seinen (Nach)Ruhm, hieß es in den vergangenen Wochen.

Kaum waren im Juli die Nachfolger von Ackermann benannt, begannen Jain und Fitschen, auf einen raschen Wechsel zu drängen. Sie einigten sich in wichtigen Punkten, wie sie die Geschäfte untereinander aufteilen wollen, und wollten das auch gern schnell der Öffentlichkeit und den eigenen Mitarbeitern mitteilen.

Sogar das Abschiedsgeschenk für Ackermann war schon ausgesucht. Es sollte ihm mit vielen warmen Worten auf der Tagung der 200 wichtigsten Führungskräfte der Bank überreicht werden, die eigentlich turnusgemäß Ende eines jeden Jahres stattfindet.

Eine Art Nibelungentreue für schwache Führungskräfte

Doch Jain und Fitschen müssen sich gedulden. Ein letztes Mal zeigte Ackermann seinen Machtanspruch, er wollte nicht als lahmer Chef dastehen. Die Führungskräftetagung wurde in den April verschoben. Anfang Februar will der Alte seinen letzten großen Milliardengewinn vor der Öffentlichkeit zelebrieren. Dann dürfen auch die neuen Vorstandschefs ihre Aufgabenverteilung und erste Pläne für die Bank offenlegen. Erst bis zur Managementkonferenz im April soll die künftige Strategie stehen.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Veränderungen radikaler ausfallen werden, als viele Mitarbeiter erwarten. Ein oder zwei Mitglieder des erweiterten Führungszirkels, des Group Executive Committee, dürften zusammen mit Ackermann abtreten. Der hatte in seinen letzten Jahren als Chef in einer Art Nibelungentreue auch schwache Führungskräfte nicht ausgewechselt.

Der Amerikaner Kevin Parker gilt als einer der heißen Rückzugskandidaten. Er ist der Chef der Vermögensverwaltung. Seine Scharmützel mit Jain sind legendär. Ackermann hatte große Pläne, dieses vergleichsweise stabile Geschäftsfeld als Ausgleich für das volatile Investmentbanking auszubauen. Doch teure Einkäufe in den USA haben nicht viel gebracht, nur langsam kommt die Internationalisierung der Fondsgesellschaft DWS in Gang. Parker fiel durch zahlreiche Strategiewechsel auf. Nun bereite er seinen Abschied vor, heißt es in der Bank.

Auch der Schweizer Pierre de Weck wird immer wieder als Kandidat für einen mehr oder weniger ehrenhaften Abschied genannt. Zwar hat er sein Büro in London und spricht die Sprache der Investmentbanker. Aber sein Geschäftsbereich mit den vermögenden Privatkunden, den er im Auftrag von Ackermann massiv ausbauen wollte, blieb immer hinter den Erwartungen zurück.

Eine starke Fraktion im Vorstand um Jain und Fitschen würde auch das Firmenkunden- und Investmentbankinggeschäft gern weiter ausbauen. Die Krise vieler Wettbewerber biete einmalige Chancen, heißt es da. Dagegen halten Vorstände wie Risikochef Hugo Bänziger den Kauf der Postbank für den besten Schritt, den die Deutsche Bank seit langem gemacht hat. Die stabilen Geschäftsfelder müssten weiter gestärkt werden.

Weiterer Streit ist programmiert, denn die Ressourcen sind knapp. Wie andere Banken muss auch die Deutsche Bank ihre Bilanzsumme reduzieren.

Jain und Fitschen müssen ihre Pläne nun mit Achleitner abstimmen. Der gilt als durchaus machtbewusst. In der Bank wird er sogar als Reservekandidat für den Vorstandsvorsitz gehandelt, sollte es mit Fitschen und Jain nicht funktionieren.

Allianz war das Kraftzentrum der Deutschland AG

Mit Veränderungen kennt Achleitner sich aus. 1999 ließ er die temporeiche Welt der Investmentbanker hinter sich, in der er sich bei Goldman Sachs mehr als zehn Jahre lang bewegt hatte, und tauchte ein in den behäbigen Kosmos der Versicherungen im beschaulichen München.

So weit das Klischee. Doch Henning Schulte-Noelle, damals Allianz-Chef, hatte Achleitner geholt, um diese Welt zu verändern. Er fand eine Spielwiese vor, wie Investmentbanker sie lieben: Beteiligungen im Wert von mehr als 50 Milliarden Mark hielt die Allianz, sie war das Kraftzentrum der Deutschland AG.

Achleitners erster Versuch, diese Deutschland AG zu entflechten, scheiterte. Eine Fusion von Dresdner Bank und Deutsche Bank, an denen die Allianz beteiligt war, platzte. Der Goldman-Schüler Achleitner hatte den Egoismus der Investmentbanker unterschätzt. Ackermann und Jain ließen den Deal scheitern.

Ein Jahr später hatte Achleitner mehr Erfolg: Die Allianz übernahm die Dresdner Bank. Doch glücklich wurde die Versicherung mit ihrer Bank nie, zu unterschiedlich waren die Kulturen. Die Dresdner Bank stürzte in der Finanzkrise von 2008 ab, buchstäblich in letzter Minute gelang es Achleitner, sie an die Commerzbank zu verkaufen.

Für seine neue Aufgabe könnten ihm diese Erfahrungen helfen. Wie groß die kulturellen Unterschiede auch bei der Deutschen Bank sind, wird ihn nach den Erfahrungen mit der Dresdner nicht mehr überraschen. Achleitner hat einmal von sich gesagt, die Jahre bei der Allianz hätten ihn mehr geprägt als die Zeit bei Goldman Sachs. Heute gilt er als risikoscheu und sagt Sätze wie "Boring is the new sexy": Langweilig ist in.

Bei Jain und den Händlern in der Bank wird sich Achleitner mit solchen Sprüchen nicht beliebt machen. Vorstandsmitglieder trauen ihm zu, dass er ein Gegengewicht zu Jain bilden kann, gerade weil er das Investmentbanking kennt. In seiner Goldman-Zeit beriet er die Deutsche Bank bei der Übernahme von Bankers Trust, mit der die Frankfurter in den USA Fuß fassten.

Achleitner beruft sich gern auf das Motto "client, firm, self", das bei Goldman gegolten habe - zuerst der Kunde, dann die Firma, dann das Ego. Weniger Ego, mehr interner Dialog, daran könnte Achleitner auch bei der Deutschen Bank arbeiten. Bei der Allianz rühmt man seine Teamfähigkeit, er gilt als einer, der mit allen redet, sich ein Bild macht und überraschende Fragen stellt. Von ihm ist der Satz überliefert, jede Medaille habe drei Seiten, man müsse eben auch die Kante mitzählen.

Drei Männer sind es, die künftig bei der Deutschen Bank die Richtung vorgeben. Achleitner könnte die Kante sein.

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