AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2011

Religion Das Model Gottes

Die pakistanische Konvertitin Sabatina kämpft gegen die Verfolgung von Christen. Sie selbst lebt in Deutschland im Opferschutz, weil sie wegen ihres Abfalls vom Islam mit dem Tod bedroht ist. Kein Weihnachtsmärchen.

Von Matthias Matussek


Sie müssen einfach dorthin gehen", sagt Sabatina am Telefon, "es ist wichtig", und es klingt so, als dulde sie keinen Widerspruch. Als sollte ein Stellvertreter für sie hingehen, denn sie kann nicht. Es wäre lebensgefährlich. Sie lebt im Opferschutz, und Demonstrationen sind schwer zu sichern.

Die Bäume in der Mönckebergstraße sind mit Lichtergirlanden umwickelt, Auslagen zeigen Schuhe in Kunstschnee, zwischen Juweliergeschäften lässt sich ein langbeiniger blonder Engel mit langbeinigen Pudeln fotografieren. Auch die Pudel tragen Flügel.

Klare Sache: Hamburg bereitet sich auf die Geburt des Erlösers vor. Oder so. War es das, was Sabatina vorführen wollte? Wie weit uns das alles schon entglitten ist?

Ein paar hundert Meter weiter steht eine Gruppe von Demonstranten wie eine struppige Störung. Von einem Podest herab spricht eine Frau von Iran, von einem Pastor, die Menschen schützen ihre Kerzen vor dem Nieselregen.

Wie ungemütlich, die Leute da haben ein Anliegen. Auch das dreht sich ums Christentum, aber irgendwie düsterer.

Die Frau beschwört Passanten, die mit ihren Einkaufstüten vorüberhasten, an den iranischen Pastor Jussuf Nadarchani zu denken, der im vergangenen Jahr wegen seiner Konversion vom Islam zum Christentum zum Tode durch Erhängen verurteilt wurde. Nadarchani, Vater zweier kleiner Kinder, weigert sich, die Konversion zu widerrufen, und sitzt.

Sabatina ist anwesend durch ihre Flugblätter. Auf denen heißt es: "Was würden Sie tun, wenn der Austritt aus der Kirche mit dem Tod bestraft würde?" Die Frage klingt natürlich absurd in einer Gesellschaft, die ihre Kirchenaustritte vollzieht wie die Kündigung eines Zeitungsabos, das man längst vergessen hat.

Das christliche Bekenntnis wird zur Frage von Leben und Tod

Und die hier: "Wie viel Toleranz hätten Sie, wenn man Ihre Kinder töten würde, weil sie christliche Vornamen haben?" Die Fragen sind natürlich ein Skandal, und der liegt darin, dass das christliche Bekenntnis hier im Rummel plötzlich zur Frage auf Leben und Tod wird.

Die Idee, dass Christen zu Weihnachten die Menschwerdung ihres Gottes feiern, ist längst verlorengegangen. Stattdessen wird Familie hochgefeiert in einem quasireligiösen Akt. Aber was feiert man, wenn die zerfallen ist? Das neue iPad?

In dieser überpuderten Leere steht auch Jürgen Klimke von der CDU mit anderen Mitgliedern des Bundestages ein wenig ratlos herum. Er gibt gern zu, dass es das Thema "Christenverfolgung" hier in der Mönckebergstraße schwer hat. Todesstrafe für religiöse Abweichung?

Nun müsste es ja eigentlich ein enormes Interesse für Abweichler geben, das Kaufhaus gegenüber wirbt mit dem Spruch "The right to be an outsider". Doch das ist Mode. Das Transparent "Keine Hinrichtung für den falschen Glauben" ist der grimmige Ernst.

Die Demonstranten bilden eine Lichterkette, sie hoffen, sagt einer, dass sie bis in Nadarchanis Zelle leuchtet. Es ist keine Lichterkette gegen Ausländerhass, sondern gegen den Hass auf Christen. "Ist es nicht eigenartig, dass zu Lichterketten gegen Ausländerhass Zigtausende mobilisiert werden können, aber gegen Christenhass nur ein paar Dutzend?"

Sie ist zu schön, um wahr zu sein

Sabatina, die Konvertitin. Sie ist nur ein Vorname, wie Ronaldo oder Shakira. Sie sitzt bei Lanz oder spricht vor Bundestagsabgeordneten. Bürgerliche Salons in Berlin laden sie ein. Der Haken? Sie ist zu schön, um wahr zu sein.

Vor rund acht Jahren hatte sie ein Buch veröffentlicht, in dem sie ihre eigene Geschichte erzählt. "Sterben sollst du für dein Glück" handelt von einem Schicksal aus der religionspathologischen Knautschzone der Globalisierung.

Da ist der Großvater, der Mullah war in diesem Dorf bei Lahore, in dem Sabatina aufwuchs, da ist der tiefreligiöse Vater, der einen Job als Kranführer in Österreich fand und die Familie nachholte, und da ist sie, gerade mal zehn Jahre alt, als sie in eine neue Welt fällt.

Es ist die Erzählung über die Rebellion eines Teenagers, die dazu führte, dass sie sich "doppellagig" anzog, wenn sie zur Schule ging, Jeans und Top und drüber die sittsame Tracht einer Muslimin, die von Bollywood träumt.

Ihre Mutter dagegen träumte davon, sie mit dem Cousin zu verheiraten, dem sie versprochen war in Lahore, seit ihrer Geburt. Sie wehrt sich. Und lässt sich überreden zu einem Urlaub, nur um den Jungen mal richtig kennenzulernen, und als sie sich nun energischer weigert, nimmt man ihr den Pass ab.

Sie wird in eine Madrassa eingeliefert, um sie auf die Spur zu bringen, ein religiöses Internat mit defekten Duschen, in denen blutige Monatsbinden herumliegen, und mit einem Mullah, der die Suren durch einen Vorhang spricht, denn Frauen sind die Versuchung, sind die Sünde. Schließlich ist ihr Widerstand gebrochen. Sie willigt zum Schein in die Verlobung ein, ein prächtiges Fest wird angesetzt. Sie denkt nur an eines: zurück nach Linz, zurück in die Freiheit.

Mehr zum Thema


© DER SPIEGEL 51/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.