Der SPIEGEL

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17. Dezember 2011, 00:00 Uhr

Bildung

Massen-Uni 2.0

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Ein Deutscher unterrichtet an der Elite-Universität Stanford - und per Internet Zehntausende Studenten in der ganzen Welt. Ist das die Zukunft der Hochschulen oder ihr Tod?

Der Revolutionär kommt freundlich und ordentlich daher, mit einem Lächeln auf den Lippen und einer Krawatte auf dem blauen Hemd. "Hallo", sagt er in die Videokamera, "ich bin Professor Sebastian Thrun."

Wer zu seinen Studenten zählen wollte, hatte es bis vor kurzem ganz schön schwer. Er musste beste Noten nachweisen, einen Test ablegen, Lehrer um Empfehlungsschreiben bitten und dann hoffen, dass er irgendwie die Auswahl überstehen würde. Wie es eben üblich ist an einer dieser US-Eliteschmieden, der Stanford University, wo die Ansprüche ebenso hoch sind wie die Gebühren.

In diesem Jahr aber unterrichtet Professor Thrun jeden und kostenlos, denn er lehrt nicht nur im Hörsaal, sondern auch im Internet. "Willkommen zu unserem Online-Einführungskurs über Künstliche Intelligenz", so begrüßt der 44-Jährige seine Studenten, den Blick fest in die Kamera gerichtet. Er halte "diesen Kurs in Stanford und jetzt auch für die ganze Welt". Statt 200 Studenten hatte er plötzlich 160.000. "Sie stammen aus 190 Staaten", sagt Thrun, "nur aus Nordkorea ist leider keiner dabei".

Zeitenwende für die Hochschulen

Was der Professor als Experiment bezeichnet, könnte für die Hochschulen eine Zeitenwende einläuten. Über Jahrhunderte hat sich ausgerechnet an denjenigen Institutionen, die nach immer neuen Erkenntnissen streben, erstaunlich wenig getan. Vorn im Hörsaal steht der Professor, auf den Bänken sitzen die Studenten, so ist's seit dem Mittelalter. Die digitale Revolution dient den Hochschulen vor allem als Forschungsprojekt, vom vielgepriesenen E-Learning ist wenig zu sehen.

Der Alltag der Studenten hat sich vor allem in der Freizeit verändert. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, sich über Facebook auszutauschen, per Twitter zu informieren oder bei YouTube abzulenken. Auch die Hochschulen nutzen durchaus das Internet, sie stellen Vorlesungsverzeichnisse und Prüfungsergebnisse ins Netz und lassen die Seminaranmeldung online laufen. In den Veranstaltungen selbst aber werden die Möglichkeiten längst nicht ausgereizt. Die Lehre an den Unis ist größtenteils, wie sie schon immer war, vom schleichenden Aussterben der Kreidetafeln einmal abgesehen.

Professor Thrun will das ändern. Er ist in Deutschland geboren und ausgebildet worden, sein Diplom und auch seinen Doktortitel hat er an der Universität Bonn erworben. Seit 16 Jahren lebt er in den Vereinigten Staaten. Wer den Herrn Professor heute anschreibt und um ein Gespräch bittet, darf mit einer informellen Antwort rechnen, per E-Mail und auf Englisch: "happy to chat".

Thrun ist ein führender Experte für Künstliche Intelligenz, ein ausgezeichneter Forscher mit praktisch verwertbaren Erkenntnissen. Auch ein Konzern unweit der Uni im kalifornischen Palo Alto schätzt seinen Rat, Thrun schuf mit anderen die Grundlagen für Google Street View. Bekannt ist er auch für seine Arbeiten am VW Touareg "Stanley". Der flitzte 2005 durch die Mojave-Wüste, ohne dass ein Mensch ihn steuerte.

Kostenloser Kurs über Künstliche Intelligenz im Netz

Wie so etwas geht, kann nun jeder lernen, jedenfalls in den Grundzügen. Im Sommer verschickten Thrun und sein Kompagnon, der Google-Forscher Peter Norvig, eine E-Mail mit der Nachricht, dass sie einen kostenlosen Kurs über Künstliche Intelligenz im Netz anbieten. Die Nachricht verbreitete sich schneller, als Lauffeuer es jemals konnten, über Ländergrenzen und sogar Ozeane hinweg.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hochschullehrer im Internet ihre Erkenntnisse offerieren, aber das Interesse an Thruns Veranstaltung ist außergewöhnlich. Von seinen Online-Studenten kämen "ein Drittel aus den USA, ein Drittel aus Europa, ein Drittel aus dem Rest der Welt", sagt Thrun. Sie müssen Hausaufgaben im Netz lösen, Fragen werden in einem Forum diskutiert. Weil die beiden Dozenten nicht Zehntausenden Studenten antworten können, stimmen die Teilnehmer im Forum darüber ab, welche Fragen die wichtigsten sind. Was viele bewegt, wird dann geklärt.

"Das Niveau ist hoch, es ist ja der gleiche Kurs wie an der Uni", sagt Thrun. Viele Studenten hätten aufgegeben, immerhin 28.000 seien noch dabei. Wer durchhält und die Tests besteht, erhält ein Zertifikat, ausgestellt von Thrun und seinem Mitstreiter persönlich, nicht etwa von der Universität Stanford. Die muss das Treiben der beiden misstrauisch beäugen, denn ihr Geschäftsmodell wird in Frage gestellt.

Elite für alle - weltweit: Exzellenzstudium? Macht nur 20 Dollar

"Die Universität ist ein toller Ort, aber die Kosten sind einfach zu hoch", sagt Thrun. Die Studenten in Kalifornien zahlen mehrere zehntausend Dollar pro Jahr. Thrun sagt, dass er seinen Online-Kurs kostendeckend für 20 bis 30 Dollar pro Person anbieten könne. Im Moment zahlen die Online-Studenten sogar gar nichts, der Professor finanziert das Angebot aus seinem Privatvermögen. "Mein Traum ist ein kostenloses Studium von 20 aufeinander aufbauenden Kursen", sagt Thrun.

Er schwärmt von dem einmaligen Angebot, das er Studenten in Entwicklungsländern machen könne, von den E-Mails begeisterter Teilnehmer, die er erhalte. "Da sind Menschen dabei, die uns sagen, dass wir ihr Leben verändern", sagt er und entwirft die Vision einer "Demokratisierung der Hochschulbildung". Die praktischen Probleme - Pfuschereien zu unterbinden, Lernerfolge zu kontrollieren - hält er für lösbar, notfalls mittels Testzentren in vielen Ländern.

Doch wie sehen die Hochschulen aus, wenn die Welt zum globalen Campus wird? Die Konkurrenz würde wachsen, weil Studenten unabhängig von Zeit und Raum ihre Wahl treffen könnten. Die amerikanischen Elite-Unis müssten beweisen, dass sie in Forschung und Lehre tatsächlich exzellent sind und nicht nur davon profitieren, aus einer großen Anzahl guter Bewerber die besten auswählen zu können. Und die deutschen Hochschulen müssten in einem weltweiten Wettbewerb - Heidelberg gegen Harvard - bestehen, wenn jede Uni nur noch einen Mausklick entfernt ist.

E-Learning ist hierzulande nicht viel mehr als ein Schlagwort

Dafür aber ist Deutschland schlecht gerüstet, denn E-Learning ist hierzulande nur an wenigen Universitäten über ein Schlagwort hinausgekommen, so groß die Hoffnungen und die Fördersummen auch waren. Kurz nach der Jahrtausendwende prophezeite ein Expertenkreis der Bertelsmann Stiftung: Im Jahr 2005 werde "mindestens die Hälfte der Studenten zumindest einzelne Teile des Studiums über das Netz absolvieren". Und die rot-grüne Bundesregierung stellte im Förderprogramm "Neue Medien in der Bildung" nicht weniger als 100 Millionen Euro für Hochschulen zur Verfügung.

In einem Prospekt ließ die Regierung im Jahr 2000 die Defizite beschreiben, die sie zu beheben gedachte. Dummerweise klingt die Beschreibung der damaligen Wirklichkeit, als wäre sie von heute. "Es fehlt den meisten Hochschulen noch an einer Gesamtstrategie und einer Zielbestimmung dessen, was die jeweilige Hochschule mit dem Medieneinsatz erreichen will", heißt es. Daher kämen "vorrangig Einzelprojekte zum Einsatz".

Die großen deutschen Universitäten haben keine Angebote erarbeitet, die die Möglichkeiten ausreizen, so dass die Studenten interaktiv und individuell lernen könnten. Es fehlt an Zeit und Geld, manchmal wohl auch an Wissen und Willen und dem Glauben daran, dass die neuen Technologien tatsächlich einen Mehrwert ermöglichen.

Dabei müssten solche Studiengänge gar nicht das Versprechen einlösen, eine ganz neue Art des Lernens zu begründen, um von Nutzen zu sein. Denn die Hochschulen ächzen unter einem Rekordansturm, bei rund 2,4 Millionen Studenten in diesem Wintersemester sind in der realen Welt schon die beheizten Räume knapp. Eine virtuelle Alternative könnte Entlastung bringen.

Nur äußerst wenige Studenten studieren weitgehend online

Bisher studieren nur äußerst wenige Studenten weitgehend online. Es gibt zwar die Fern-Universität Hagen, mit rund 80.000 Studenten immerhin die größte deutsche Uni, doch hier wird noch viel Papier per Post verschickt. Andere Anbieter sind weder groß noch besonders bekannt. In Berlin wurde die "Virtual Global University" gegründet. In Bayern führt die "Virtuelle Hochschule Bayern" einige Angebote der bestehenden Hochschulen des Freistaats zusammen. Hinter der "Virtuellen Fachhochschule" steckt die Fachhochschule Lübeck mit einigen Partnern.

In Mecklenburg-Vorpommern kündigte ein Unternehmensberater vor einem Jahr "die erste echte Virtuelle Universität zumindest Europas" an. Mehrere hundert Mitarbeiter, eine Milliarde Investitionen, so war es im Plan vorgesehen, doch seitdem ist davon nichts mehr zu hören. Das Schönste ist noch der Name des Projekts: "iMeck".

In der iMac-Heimat Kalifornien setzt Sebastian Thrun erst mal bis Dezember seine Vision in Videoclips um. Von der zahlenden Kundschaft habe sich noch keiner beschwert, sagt er, die bekomme ja nach wie vor jede Woche ihre Vorlesung, "wenn auch von einem übermüdeten Professor, der jede Nacht bis zwei, drei Uhr am Online-Angebot bastelt".

Am Anfang seien sogar die Server zusammengebrochen, aber solche Probleme habe sein Team mittlerweile gelöst. Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, nun vor Zehntausenden Studenten bestehen zu müssen. "Wenn ich bislang einen Fehler gemacht habe, hat es manchmal keiner gemerkt", sagt er, "und wenn doch, konnte ich den Fehler halt gleich einordnen und korrigieren."

Jetzt sei alles anders. Einmal habe er eine Aufgabe nicht ganz eindeutig formuliert. In solchen Fällen folge nun ein Massenprotest. "Wenn nur zehn Prozent der Studenten es bemerken", sagt Thrun, "dann sind das ja schon 16.000 E-Mails."

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