AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2011

Pyrotechnik Schussfolge einer Stalinorgel

Schneller, krachender, weiter: Das Silvesterfeuerwerk war noch nie so gefährlich wie heute. Erste Raketen können sogar per Funk gezündet werden.

Feuerwerk am Brandenburger Tor: Geteilte Böller-Nation
dapd

Feuerwerk am Brandenburger Tor: Geteilte Böller-Nation

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Höllenmaschine" und "Thors Hammer", "Overdose" und "Burnout" - Heidrun Fink, eine Dame von Mitte fünfzig, kennt sie alle. Seit März böllert sie das neue Silvestersortiment der Republik durch. Und zwar während ihrer Dienstzeit.

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Heft 52/2011
Was Paare unzertrennlich macht

Als Prüferin bei der Bundesanstalt für Materialforschung (Bam) besucht Fink Jahr für Jahr Feuerwerksfabriken in China, lässt neue Import-Sprengsätze per Schiff herbeischaffen und testet die explosive Ware auf ihre Sicherheit. Fink traktiert die Böller mit einer Rüttelmaschine, erhitzt sie auf 50 Grad Celsius und verballert sie dann auf dem Sprengplatz Horstwalde bei Berlin. Dort erprobte schon Raumfahrtpionier Wernher von Braun seine Raketen.

"Wir prüfen dort jedes Jahr etwa 150 neue Produkte", sagt Fink, "doch diesmal war es besonders interessant." Eine neue Feuerwerksgattung erobert derzeit den Markt: riesige Raketenbatterien von bis zu einem Meter Länge und mit 150 Schuss. Einmal entzündet, sorgen die Batterien für ein minutenlanges Dauerfeuerwerk mit "goldblinkenden Feuerlanzen", "soundstarken Knatterstern-Wolken" und imposantem "Crackling-Finale", wie es im Pyrotechniker-Kauderwelsch heißt, das fast an die dadaistische Rezensionslyrik von Weinkritikern erinnert.

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Silvester 2011: Riesenpartys in Europas Metropolen

Befördert wird das pyrotechnische Effektgewitter unter anderem durch eine neue EU-Richtlinie, die den maximalen Netto-Explosivstoffgehalt von 200 Gramm auf satte 500 Gramm mehr als verdoppelt hat. Erste Hersteller bieten sogar schon Batterien an, die sich zusammenschalten lassen zu einem mehr als sechs Kilogramm schweren Verbund (Preis: über hundert Euro).

"Wir erwarten mehr Brände und Verletzte"

"Die neuen Bestimmungen erfüllen uns mit großer Sorge", warnt Wilfried Gräfling, oberster Branddirektor der Berliner Feuerwehr. "Wir erwarten mehr Brände und Verletzte." Schon bisher mussten in einer normalen Silvesternacht rund 500 Berliner im Krankenhaus wegen Feuerwerksunfällen behandelt werden; fast 300-mal rückte die Berufsfeuerwehr wegen zusätzlicher Brände aus.

Als besonders gefährlich gelten dieses Jahr die sogenannten Fächerbatterien, die ihre "Bombetten" bis zu 15 Grad abweichend von der Senkrechten abschießen - teils mit maschinengewehrschnellen Schussfolgen und heulend wie einst eine Stalinorgel der Roten Armee.

In einer Häuserschlucht zielen solche Fächerbatterien häufig in Richtung Fenster, Dachstuhl oder Balkon statt gen Himmel. Eigentlich dürfen sie nur auf freiem Feld gezündet werden - aber wer denkt schon daran nach ein paar Glas Sekt.

Die neue EU-Richtlinie erlaubt neuerdings sogar einen Abschusswinkel von 30 Grad zur Senkrechten. Selbst den Firmen, die im deutschen Verband der pyrotechnischen Industrie organisiert sind, ist das nicht geheuer, sie beschränken sich vorsichtshalber freiwillig auf 15 Grad. Ausländische Hersteller haben weniger Skrupel.

"Insgesamt geht der Trend weg vom Knallfeuerwerk", sagt Markus Schwarzer vom Feuerwerkshersteller Weco. Deutschland sei pyrotechnisch eine geteilte Nation: Rund 640.000 Knaller ("Böller D") verkauft Weco pro Jahr. Zwei Drittel gehen nach Norddeutschland und in den Osten. Im Süden dagegen bevorzugt man geräuschärmeren Feuerzauber.

Raketen mit eingebauten Funkchips

Der neueste Schrei ist der Einsatz elektronischer Zünder und Computerfernsteuerungen, die bislang nur von professionellen Pyrotechnikern eingesetzt wurden. Nun kommen auch für Amateure erste Funkzünder auf den Markt, die den Raketenstart auf Distanz ermöglichen. Experten warnen allerdings davor, dass die Abschuss-Signale oft nicht verschlüsselt übertragen werden. Gut möglich also, dass ein Autofahrer aus Versehen nicht nur sein Auto startet, sondern auch irgendeine Rakete in der Nähe.

Hightech-Firmen bieten sogar schon Raketen mit eingebauten Funkchips an, deren Sternenregen sich vom Boden aus sekundengenau in die Luft jagen lässt. Der Pyrotechniker Christian Czech aus Salzburg, der unter anderem ein Profi-Feuerwerk bei der Vierschanzentournee abfackelt, verachtet derlei hochgezüchtete Digitalisierung: "Da fehlt die Emotionalität, da fehlt das Feeling!"

Czech ist 41 Jahre alt und seit 23 Jahren im Geschäft. Gut denkbar, dass bis zu seiner Pensionierung Amateure längst ihre Feuerwerks-Choreografie am Smartphone planen und per Funk ihre ökologisch korrekten Nitrocellulose-Batterien abfeuern - ohne Feuerzeug, ohne viel Rauch, ohne viel Lärm.

Noch allerdings dominieren die schmutzigen Krawallgewitter der Sorte "Burnout" und "Cliffhanger". Bam-Testerin Fink indes wird zu Silvester keine Raketen abfeuern. Dann hat sie Feierabend.

Dafür kann sie Ende Januar bereits die neue Kollektion für den Jahreswechsel 2012/13 begutachten, auf der Messe "Christmas World" in Frankfurt. Fink erwartet etliche neue Riesenbatterien mit über hundert Schuss.

Viele Feuerwehrleute hoffen derweil für den Jahreswechsel auf das Einzige, was erfahrungsgemäß die Zahl der Wohnungsbrände reduziert: Dauerregen.



insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
DerNachfrager 29.12.2011
1.
Zitat von sysopSchneller, krachender, weiter: Das Silvesterfeuerwerk war noch nie so gefährlich wie heute. Erste Raketen können sogar per Funk gezündet werden. http://www.spiegel.de/0,1518,805379,00.html
Von Jahr zu Jahr werden die Vorschriften strenger, Böller die den Namen verdienen gibt es nur noch als Schmuggelware. Diese Überschrift ist genau so verlogen wie "Immer mehr Verkehrstote".
stauchert 29.12.2011
2.
Zitat von sysopSchneller, krachender, weiter: Das Silvesterfeuerwerk war noch nie so gefährlich wie heute. Erste Raketen können sogar per Funk gezündet werden. http://www.spiegel.de/0,1518,805379,00.html
Haben die sie nicht mehr alle? Reichen einzelne Finger nicht mehr als Opfergabe, muß stattdessen gleich der gesamte Unterarm dran glauben?
grana 29.12.2011
3. Brasilien
Zitat von DerNachfragerVon Jahr zu Jahr werden die Vorschriften strenger, Böller die den Namen verdienen gibt es nur noch als Schmuggelware. Diese Überschrift ist genau so verlogen wie "Immer mehr Verkehrstote".
In Brasilien hatte ich das letzte mal richtige Böller bekommen, damit konnte man eine Straße zum erzittern bringen. Von denen braucht man dann auch nicht so viele, weil man nach jedem Knall von der Wucht der Sprengung fasziniert ist. Wer zu blöd ist, wer zu betrunken ist, der sollte nicht mit Feuerwerkskörpern spielen.
donnerfalke 29.12.2011
4. Büroschreiberling
Zitat von sysopSchneller, krachender, weiter: Das Silvesterfeuerwerk war noch nie so gefährlich wie heute. Erste Raketen können sogar per Funk gezündet werden. http://www.spiegel.de/0,1518,805379,00.html
Was für ein Blödsinn. Die Batterien feuern nicht in alle Richtungen sondern stets nach oben, dafür sind sie auch da. Was soll daran gefährlich sein eine Rakete per Funk zu zünden? Der Schreiberling sollte mal mit dem echten Sprengstoff zu experimentieren um zu sehen was das für eine Wucht ist anstatt sich über Papierfurzer aufzuregen die Jahr für Jahr durch die Vorschriften eher harmloser werden. PS: Umbringen kann man sich auch mit einem Hammer.
ekenkis 29.12.2011
5. Mein Hund verfiel in Panik...
Zitat von sysopSchneller, krachender, weiter: Das Silvesterfeuerwerk war noch nie so gefährlich wie heute. Erste Raketen können sogar per Funk gezündet werden. http://www.spiegel.de/0,1518,805379,00.html
bei jedem Silvesterfeuerwerk. Einmal wurde ein Einfamilienhaus in der Nachbarschaft in das Silvesterfeuerwerk einbegriffen. Raketen zündeten sein Verandadach aus Plastik an, die Feuerwehr hatte schon zuviel zu tun und brauchte zu lange Zeit zum Erscheinen. Dann brannte das Haus bis auf die Grundmauern ab. Ausserdem ist ein Feuerwerk für die Senioren unter uns kaum ein Spaß, denn es erinnert zu sehr an "Christbäume" und die FLAK. Aber die sterben ja alle weg...:-)
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